„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte Stimmen fragen. „Asien
kostet uns sowieso schon viel verlorenes Geld und ununterbrochen
Militär. Und wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort Abnehmer
für unsere Waren? Und da verlangen Sie nun, aus unbekannten Gründen, wir
sollen uns auf ewig von Europa abwenden!“
„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht ganz; wir würden uns doch
nicht losreißen können, selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa
nicht ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. Europa ist
und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ – wie es der eifrigste
Slawophile benannt hat. Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir
haben viel von ihr genommen und werden noch vieles von ihr nehmen, und
wir wollen doch nicht undankbar sein. Ich habe einmal über die; große
zukünftige Bedeutung des russischen Volkes für Europa – meine
Überzeugung – einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier in Moskau
gesagt, und man hat mich dafür später mit Schmutz und Schimpf beworfen,
und sogar diejenigen haben es getan, die mich damals für meine Worte
umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, Gemeines begangen hätte,
als ich mein Wort sagte.
Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. Übrigens, lassen
wir das ruhen. Wir haben nichtsdestoweniger das Recht, für unseren
Auszug aus Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns aus Europa
gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“
„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn Asien selbständig machen? Wir
können dort höchstens asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig
werden!“
„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und durch unsere neue
Auffassung dieses Landes kann mit uns vielleicht dasselbe geschehen, was
zum Beispiel mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. Denn genau
genommen ist Asien für uns dieses selbe von uns bisher noch nicht
entdeckte damalige Amerika. Mit der Strömung nach Asien wird sich unser
Geist wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder stärken. Sind
wir erst selbständiger geworden, so werden wir auch sofort wissen, was
wir zu tun haben; in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert
Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu Schwätzern und
Faulenzern geworden.“
„Na, wie wollen Sie uns dann bis nach Asien bringen, wenn wir Faulenzer
sind? Und wer wird denn von uns hingehen, selbst wenn man es so sicher
wie zweimal zwei beweisen könnte, daß dort unser Glück liegt?“
„In Europa waren wir aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen, waren wir
Sklaven; nach Asien aber kommen wir als Herren. In Europa waren wir
Tataren, in Asien aber sind auch wir Europäer. Unsere Mission, unsere
zivilisatorische Mission in Asien, wird unseren Geist verlocken und uns
dorthin ziehen, wenn nur erst einmal die Bewegung angefangen hat. Baut
nur zwei Eisenbahnen, beginnt nur mit dem Bau, – eine nach Sibirien und
die andere nach Mittelasien, und ihr werdet euch von den Folgen
überzeugen können.“
„Haha, Sie wollen wirklich wenig!“ ist die Antwort, und man lacht mich
aus. „Woher die Mittel dazu nehmen, und was bringt uns das ein: Unkosten
und Verlust und weiter nichts.“
„Wenn wir in den letzten fünfundzwanzig Jahren im ganzen nur drei
Millionen jährlich für diese Bahnen zurückgelegt hätten – und drei
Millionen jährlich gleiten uns so manches Mal für nichts und wieder
nichts aus den Fingern –, so wäre jetzt schon für fünfundsiebzig
Millionen Eisenbahn in Asien gebaut, also ungefähr tausend Werst –
mindestens! Sie sprechen von Verlust. Oh, wenn in Rußland an unserer
Stelle Engländer oder Amerikaner lebten: die würden Ihnen diesen
‚Verlust‘ schon beweisen! Die hätten schon längst unser Amerika
entdeckt! Wissen Sie auch, daß es dort Länder gibt, die uns weniger
bekannt sind als das Innere Afrikas? Und wissen wir denn, was für
Reichtümer im Schoße dieser unermeßlichen Länder verborgen liegen? Oh,
die Engländer und Amerikaner, die würden schon alles hervorkratzen,
Metalle und Mineralien und unzählige Steinkohlenlager, – alles würden
sie finden, alles aufsuchen! Und die würden auch schon wissen, wie das
Material zu gebrauchen ist, und wozu es sich verwenden läßt. Sie würden
die Wissenschaft hinrufen und die Erde zwingen, fünfzigmal zu gebären, –
diese selbe Erde, von der wir hier glauben, daß sie eine wie unsere
Handfläche nackte Steppe sei. Zu dem erworbenen Brote würden die
Menschen hinziehen und Gewerbe und Industrie mitbringen. Und um Abnehmer
und den Weg zu ihnen braucht man sich nicht zu beunruhigen! – die würden
sie auch dort in den Eingeweiden Asiens, wo sie jetzt noch zu Millionen
schlafen, finden – und sie würden neue Wege zu ihnen bauen!“
„Wie, Sie singen das Lob der Wissenschaft und bereden uns doch zur
Abwendung von der Wissenschaft und Bildung, indem Sie uns auffordern,
Asiaten zu werden!?“
„Aber dort wird ja noch mehr Wissenschaft nötig sein! – Was sind wir
jetzt in der Wissenschaft anderes als Laien und Dilettanten? Dort aber
werden wir Schöpfer sein. Die Not wird uns zwingen zu schaffen und wird
uns zu allem geschickt machen, sobald sich erst nur ein wenig
selbständiger, unternehmender Geist erhebt! – So werden wir auch in der
Wissenschaft Meister sein und nicht nur ewig verehrende Jünger, wie wir
es bis jetzt sind. Doch das Wichtigste: unsere zivilisatorische Mission
in Asien wird – das unterliegt keinem Zweifel – vom ersten Schritte an
von uns verstanden werden, und sie wird uns begeistern. Sie wird unseren
Mut erheben, sie wird uns Würde und Selbstbewußtsein geben – die aber
hat jetzt keiner von uns, oder höchstens wenige nur ein wenig. Der Zug
nach Asien würde außerdem, wenn er bei uns erst einmal anfangen wollte,
für unzählige unruhige Geister ein Ausweg sein, für alle Sehnsüchtigen,
alle Gelangweilten, alle grundlos Faulen, alle grundlos Müden. Baut nur
einen Abzug für das Wasser, und der Schimmel und Gestank werden von
selbst verschwinden. Ist aber die Sache erst einmal im Gange, dann wird
sich schon niemand mehr langweilen, alle werden sich verändern. Sogar
mancher Unfähige mit verwundetem, quälendem Stolz würde dort seine
Erlösung finden. Wie oft haben wir es erlebt – besonders in den
europäischen Kolonien –, daß Menschen, die an einem Ort die Unfähigkeit
selber waren, am anderen sich womöglich als Genies erwiesen ... Rußland
wird deshalb nicht zur Wüste werden, das braucht ihr wahrlich nicht zu
fürchten. Zuerst werden nur wenige hingehen, doch bald werden
Nachrichten von ihnen zurückkommen und wieder neue Menschen hinziehen.
Und doch wird es in dem russischen Meere unbemerkbar sein. Zieht die
Fliege auf dem Honigseim und richtet ihr ein wenig die Flügel zurecht!
Es wird ja nur ein ganz geringer Prozentsatz der Bevölkerung hinziehen;
man wird es hier nicht einmal merken, daß wir Asien bevölkern. Dort
aber, – Gott, wie man es dort merken wird! Wo sich in Asien ein Russe
niederläßt, dort wird auch das Land gleich russisch. Es würde ein neues
Rußland entstehen, ein Rußland, das mit der Zeit das alte erneuen und
ihm seinen Weg weisen und erklären könnte. Zu all dem gehört aber ein
neues Prinzip und der Entschluß zur Umkehr. Und am allerwenigsten
braucht es dazu großen Lärmes und großer Erschütterungen. Möge man nur
ein wenig begreifen – aber auch wirklich begreifen –, daß in Zukunft
Asien unser Ausweg sein wird, daß dort unsere Reichtümer liegen, daß wir
dort den Ozean haben. Wenn in Europa der erniedrigende Kommunismus
eingeführt sein wird, wenn sie sich dort alle zuhauf um einen Herd
versammeln und mit der Zeit die einzelnen Haushaltungen auflösen und
alle in Kommunen leben, wenn dort die Kinder in Erziehungsanstalten
aufwachsen – drei Viertel von ihnen als Ausgesetzte –, dann wird bei uns
noch überall Weite und Licht sein, Wiesen und Wälder und weiter
Horizont; und unsere Kinder werden von den eigenen Vätern erzogen
werden, nicht in steinernen Massen, sondern zwischen Gärten und
Saatfeldern, und werden über sich noch den klaren Himmel schauen. Ja,
viele unserer Hoffnungen liegen dort, und unbegrenzte Möglichkeiten, von
denen wir uns hier überhaupt noch keinen Begriff machen können! Nicht
nur Gold allein liegt dort verborgen. Doch zuerst tut ein neues Prinzip
not! Haben wir erst das, dann werden wir auch das zur Sache nötige Geld
haben. Wozu sollen wir, und besonders jetzt, in Europa, sagen wir, so
viel Gesandtschaften mit so teuerem Aufwand, mit ihrem feinen Esprit und
ihren noch feineren Diners, mit so zahlreichem, überflüssigem Personal
unterhalten? Und was gehen uns denn – besonders jetzt – alle Gambettas
an und der Papst samt dem ihn erwartenden Schicksal, und ob er auch noch
so sehr von Bismarck bedrängt wird!? Wäre es nicht besser, zeitweilig
sich diesem Europa ärmer zu zeigen, sich an den Weg zu setzen und die
Kopeken in die Mütze zu sammeln? – ‚_La Russie se recueille_‘ würde es
dann heißen – und währenddessen sich zu Hause zu sammeln, sich innerlich
vorzubereiten? ...“
„Wozu sich denn erniedrigen?“ wird man fragen.
„Das täten wir ja gar nicht, ich habe das mit der Mütze doch nur
allegorisch gemeint. Nein, wir würden uns nicht erniedrigen, sondern uns
mit einem Schlage erhöhen, ja, so würde es sein! Europa ist schlau und
klug und würde uns sofort durchschauen und, glaubt mir, würde uns sofort
auch achten! Unsere Selbständigkeit würde zuerst natürlich stutzig
machen, doch würde sie teilweise auch gefallen. Wenn Europa jedoch
sieht, daß wir uns entschlossen haben, uns nach der Decke zu strecken,
und daß auch wir sparsam zu sein verstehen und unseren Rubel selbst
hüten und schätzen und ihn nicht mehr aus Papier machen, so wird auch
Europa unseren Rubel auf seinen Märkten sofort höher bewerten. Und wenn
die Europäer gar sehen, daß wir selbst Defizite und Bankerotte nicht
fürchten, vielmehr unentwegt auf unser festes Ziel zuschreiten, so
werden sie von selbst zu uns kommen, um uns ihr Geld anzubieten, – und
sie werden es dann wie ernsten Menschen anbieten, wie Leuten, die ihre
Sache gelernt haben und schon wissen, wie man etwas anfassen muß ...“
„Erlauben Sie ...“ unterbricht mich eine Stimme, „Sie sprachen da von
Gambetta. Wir können doch unmöglich dort alles im Stich lassen! Nehmen
wir allein die Orientfrage: die bleibt doch bestehen, und wie sollen wir
sie denn nun plötzlich aufgeben?“
„In betreff der Orientfrage würde ich jetzt, in unserer Zeit, folgendes
sagen: so, wie die Dinge heute nun einmal liegen, findet sich in den
politischen Sphären vielleicht kein einziger, der es als
selbstverständlich zugeben würde, daß Konstantinopel unser werden muß –
außer vielleicht in ferner, dunkler Zukunft einmal. Worauf sollen wir
also noch warten? Das ganze Wesen der Orientfrage ist augenblicklich im
Bündnis Deutschlands mit Österreich enthalten, und außerdem noch in der
türkischen Beute, die Österreich mit Bismarcks Genehmigung einstecken
will. Wir können und werden natürlich dagegen protestieren, in
irgendeinem, sagen wir, äußersten Fall; doch so lange, wie diese beiden
Nationen zusammen sind, – was können wir da ohne große Gefahr für uns
tun? Und eines nicht zu vergessen: die Verbündeten warten vielleicht nur
darauf, daß wir endlich in Zorn geraten. Die slawischen Völker können
wir wie immer beschützen und lieben, und wenn es nottut, können wir
ihnen auch, so viel wie in unseren Kräften steht, helfen. Zudem werden
sie in nächster Zeit wohl nicht allzu große Gefahr laufen, unterzugehen.
Und wer weiß, ob diesem Zustande nicht sowieso bald ein Ende bereitet
wird? Wenn wir zeigen, daß wir nicht mehr Lust haben, uns wie früher in
Europa einzumischen, so werden sie sich dort, ohne uns, alle
wahrscheinlich noch früher in den Haaren liegen. Denn nie und nimmer
wird Österreich glauben, daß Deutschland es einzig wegen seiner schönen
Augen dermaßen liebgewonnen habe. Es weiß sogar ganz genau, daß
Deutschland zu guter Letzt doch die österreichischen Deutschen sich
einstecken will. Österreich jedoch wird um nichts in der Welt auf seine
Deutschen verzichten wollen, bewahre! – selbst dann nicht, wenn man ihm
als Ersatz für sie Konstantinopel geben würde, – dermaßen hoch schätzt
es sie! Somit wäre Grund zum Streit bereits genügend vorhanden. Und dann
haben unsere Nachbarn immer noch diese unentschiedene französische Frage
zu bewältigen, die jetzt für Deutschland vielleicht schon zur ‚ewigen‘
geworden ist. Und dann kann es noch geschehen, daß sich plötzlich selbst
die ganze Einigung Deutschlands als nicht nur unvollendet erweist,
sondern tatsächlich ins Wanken gerät. Und dann könnte es sich womöglich
noch erweisen, daß der europäische Sozialismus immer drohender wird.
Kurz, wir brauchen nur abzuwarten und uns nicht einzumischen, auch
nicht, wenn sie uns rufen, und dann – wenn dort der Streit ausbricht und
ihr ‚politisches Gleichgewicht‘ erzittert – dann mit einem Schlage auch
unsere ganze Orientfrage erledigen, den richtigen Augenblick wählen und
einfach erklären: ‚Wir wollen die österreichischen Aneignungen in der
Türkei nicht anerkennen‘, und die Aneignungen werden verschwinden,
vielleicht sogar mit Österreich zusammen ...
Nun, und dann werden wir schon wieder einholen, was wir zeitweilig
scheinbar versäumt haben ...“
„Aber England? Sie vergessen England? Unser Zug nach Asien würde es
fraglos sofort beunruhigen.“
„‚Wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus‘ könnte auch ein Sprichwort
sein. Und was würde denn England so besonders beunruhigen? Was unsere
Absichten für die Zukunft betrifft, so erwartet es von uns doch sowieso
das Allerschlimmste. Wenn es dagegen den wahren Charakter unserer
Absichten in Asien begriffe, würde es wahrscheinlich viele seiner
Befürchtungen aufgeben ... Übrigens, ich gebe zu, daß es sie nicht
aufgeben würde. Doch wie gesagt: ‚wer England fürchtet, – der bleibe zu
Haus!‘ Und darum nochmals: Es lebe der Sieg von Geok-Tepe! Hoch
Skobeleff und seine Soldaten! Und ewiger Ruhm den Helden, die dort
gefallen sind!“