Die Asienfrage

Was ist Asien für uns?

Geok-Tepe, die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! Die Tekinzen sind

geschlagen, und wenn sie sich uns auch noch nicht ganz unterworfen

haben, so ist doch unser Sieg gewiß![50]

Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal stolz ... Doch wie

lange ist es denn her, daß sich diese wie jene noch vollkommen

gleichgültig zu unseren transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War

das nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, noch nach dem

ersten Mißerfolge General Lomakins, und sogar noch zu Anfang der

Vorbereitungen zum zweiten Angriff?

„Was suchen wir dort, was schert uns dieses Asien?“ hieß es damals.

„Wieviel Geld ist dafür verschwendet worden, während bei uns Hungersnot

und Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden müssen!“

Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung – o nein! Doch

trotzdem laßt es sich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich

sogar sehr viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig

verhielten. Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen Expedition

manches zu dieser Feindseligkeit bei. Aber trotz alledem kann man nicht

sagen, daß unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar bewußt

sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns bedeutet oder in Zukunft

bedeuten wird. Die meisten europäischen Russen sehen auf unser

russisches Asien – auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf

irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt nicht denkt. „Wir

sind Europäer,“ heißt es, „was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach,

dieses ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa Ordnung

schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß auch noch Asien auf den Hals!

Ach was, – schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird selbst

jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben sie natürlich nur von

ihrem allzu großen Verstande) ...

Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in seinen weltfernsten

Winkeln, Widerhall finden. „Also hat sich wieder ein wildes und stolzes

mohammedanisches Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden jetzt die

asiatischen Völker denken. Möge das Echo unseres Sieges über ganz Asien

hallen, bis nach Indien hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen

den Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! Auf

diesem Wege können wir nicht mehr stehenbleiben. Diese Völker können

ihre Chans und Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, dessen

Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke fortbestehen, – doch

der Name des weißen Zaren muß über den Chans und Emiren stehen, muß über

dem der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem des Kalifen. Der

weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. Diese und keine andere Überzeugung

muß dort Wurzel schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr zu

Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, denn es bereitet die

Zukunft vor und gewöhnt jene Völker an das Unvermeidliche.

„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, Asien uns

einzuverleiben? Was sollen wir denn in Asien tun?“

„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht nur in Europa liegt,

sondern auch in Asien, weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch

Asiate ist. Weil in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen liegen

als in Europa. Und das ist noch nicht alles: in unserem zukünftigen

Schicksal wird gerade Asien unser Ausweg sein!“

Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem viele meine rückständige

Anschauung lesen werden; – für mich aber ist das Gesagte bereits ein

Axiom. Ja, wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, die

man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade unsre Auffassung von

Asien. Wir müssen die knechtische Furcht, Europa könnte uns asiatische

Barbaren nennen und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht

Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. Diese Angst vor der

„Schande“, Europa könnte uns vielleicht doch für Asiaten halten,

verfolgt uns ja fast schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem

neunzehnten Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch ganz besonders

verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik ausgeartet. Diese falsche

Scham und falsche Selbstbeurteilung, wenn wir uns ausschließlich für

Europäer halten und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie

aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten teuer,

sehr teuer zu stehen gekommen: wir haben ihretwegen unsere geistige

Selbständigkeit eingebüßt und sie mit unserer mißlungenen europäischen

Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und Geld, und Geld, das,

Gott weiß wieviel, dafür verschwendet worden ist, nur um Europa zu

beweisen, daß wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs Asiaten

... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist denn doch zu stark gewesen,

wenn er am Anfang auch notwendig und erlösend war, und so tragen

eigentlich nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. Was haben

wir nicht alles getan, damit Europa uns als die _Seinigen_ anerkenne,

als Europäer, als _Nur_-Europäer und _Nicht-Tataren_! Allstündlich und

unermüdlich sind wir hingelaufen und haben uns immer wieder aufdringlich

angeboten. Bald haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere

Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald wiederum haben wir

uns vor ihm gebeugt und geschworen, unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm,

Europa, zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 Napoleon

vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher nicht mit ihm, wie es

damals einige kluge und einsichtsvolle Russen rieten und wünschten,

sondern rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu beglücken,

da wir es nun einmal von dem großen Thronräuber befreit hatten. Das gab

natürlich ein schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot und

Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter und Befreier. Doch unser

politisches Glück lag damals durchaus nicht in diesem Bilde, sondern

wäre anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war nämlich gerade zu der

Zeit, zum ersten Male während seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen

Lage, daß er sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde.

Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, hätte er uns den

Orient überlassen, und unsere heutige Orientfrage – das Unglück und das

drohende Gewitter unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt schon

längst abgetan. Der Usurpator hat es später selbst gesagt und hat

bestimmt nicht nachträglich gelogen; denn er hätte wahrlich nichts

Klügeres tun können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, –

unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den Osten ihm den Westen

überließen. Die europäischen Völker waren damals noch viel zu schwach,

um uns im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt.

Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, wenn nicht er, dann nach

seinem Tode seine Dynastie; der Orient aber wäre uns verblieben, und wir

hätten jetzt das Meer und könnten England auch zur See entgegentreten.

Wir aber gaben alles hin für dieses schöne lebende Bild! Und was war die

Folge? Alle diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor

sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig und mit den

gehässigsten Verdächtigungen auf uns. Auf den Kongressen verbündeten sie

sich alle gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen sie

nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, die für

Rußland selbst nur nachteilig waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre,

– was haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts und noch

bis auf den heutigen Tag getan? Haben wir nicht zur Verstärkung der

deutschen Mächte noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so

anwachsen lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind als wir

selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß wir ihr

Wachstum und ihre Stärke gefördert haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf

hingegangen, um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir nicht ihren Rücken

geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? Und siehe – waren es nicht gerade

sie, die uns in den Rücken fielen, als _uns_ Gefahr drohte, und wollten

sie uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr sich uns

näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder in Europa, jede Rasse, jede

Nation einen Stein für uns in der Tasche bereit hält und nur auf den

ersten Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was haben wir also

von den Europäern dadurch erworben, daß wir ihnen so oft gedient? – Nur

ihren Haß!

Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum können die Menschen dort nicht

ein für allemal Zutrauen zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre

Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? Und daß sogar unsere

ganze europäische Bestimmung nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu

dienen. Oder wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so

haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach gehandelt. Haben

wir denn etwas für uns getan, etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für

Europa, immer nur für Europa! ... Nein, sie können kein Zutrauen zu uns

fassen! Warum nicht? – Weil es ihnen unmöglich ist, uns als

_Ihresgleichen_ anzuerkennen.

Niemals und für keinen Preis werden sie es glauben, daß wir fähig sind,

zusammen mit ihnen und auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der

Kultur mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre Kultur zu

begreifen, seien Fremdlinge in Europa, Namensusurpatoren. Sie nennen uns

Diebe, die ihre Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken.

Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als wir Arier. All dieses

hat nun natürlich einen gewichtigen Grund: wir tragen eine ganz

besondere Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das ist die

Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften Versicherungen unserer

„russischen Europäer“ in Europa, daß es bei uns überhaupt keine

besondere Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, daß

Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene Idee zu haben, sondern

höchstens nachahmen könne, und es dabei auch bleiben werde, also beim

Nachahmen, und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, sondern

durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. Europa jedoch glaubt unseren

„russischen Europäern“ _wenigstens dieses eine nicht_. Was dies

anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den Slawophilen

überein, obgleich es die letzteren höchstens vom Hörensagen kennt, oder

selbst das nicht einmal. Diese Übereinstimmung besteht in folgendem:

Europa glaubt, ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, eine

eigene, besondere und nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei,

eine Idee zu haben. Vom Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch

nichts, – denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich sofort

beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird es unsere Idee bestimmt

kennen lernen, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische

Zeit anbricht. Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem es uns

überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es sie bereits. Und schließlich:

wir erregen in den Europäern doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel,

obgleich man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt dort

gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung sie sei, doch schon

mehrere bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen hat, sowie mehrere gute

Arbeiten, die sogar ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen

sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa jetzt glauben, daß bei

uns in Rußland nicht nur Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr

begabte – geboren werden können, sondern auch Genies, Führer der

Menschheit, von der Art der europäischen! Daran werden die Europäer

niemals glauben, denn sie können doch nicht _uns_ Kulturfähigkeit

zugestehen, und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch

nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja schließlich auch

recht; denn ganz gewiß werden wir weder einen Bacon, noch einen Newton,

noch einen Kant hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf den

Weg stellen und geistig selbständig werden. Was das übrige betrifft, so

ist es dasselbe – in der Kunst, wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns

zu loben, uns wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch als

die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! Dazu verachtet es uns

innerlich und äußerlich viel zu sehr! Es hält uns für niedriger als

Menschen, niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar Ekel

ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, wenn wir uns mit

brüderlichen Küssen ihm an den Hals werfen.

Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, das Peter für uns

durchbrochen hat, abzuwenden – das ist nun einmal unser Verhängnis.

Indessen ist aber Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere

Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas richtigeres Verständnis

für Asien, für diese Idee „Asien“ durchsetzen würde, welch eine große

nationale Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches Rußland

–, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken Wurzeln, eine, die man

nicht nur pflegen, nein, die man ganz ausgraben und von neuem pflanzen

muß! Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung – das ist es,

was uns not tut!

Sämtliche Werke 13 · 第 82 / 86 题