Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe

sagen wollen

Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein

ganz persönliches Wort über die Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer

diskutiert heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines baldigen

Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner Entscheidung in der

Slawenfrage? Geben wir also unserer Phantasie einmal volle Freiheit und

stellen wir uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen bereits

befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt nicht mehr existiere und

die Balkanvölker nun ein neues, freies Leben führen können. Es ist

natürlich schwer vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen

annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten kleineren Völker

kommen wird, oder ob sich die einzelnen Völker zu selbständigen kleinen

Reichen emporschwingen werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den

verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen würde. Und schließlich:

werden alle diese Länder und Ländchen vollständig unabhängig sein, oder

werden sie unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen Bundes

der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören wird, stehen? Ich glaube, alle

diese kleinen Völker werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund

der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen einbegriffen sein

wird. Denn was sollten sie sonst zum Schutz vor Rußlands Herrschsucht

tun?

Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen voraussagen, doch zwei

Dinge kann man auch jetzt schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß

bald, oder vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen Stämme

sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, und vielleicht sogar

unabhängiges Leben führen werden; und zweitens ... Doch gerade über

diesen zweiten Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche

Meinung sagen.

Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch nie solche Neider,

Verleumder und sogar so bittere Feinde gehabt hat, wie es alle diese

Slawen sein werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und Europa sie

als Befreite wird anerkennen müssen. Möge man deswegen nicht glauben,

daß ich die Slawen hasse! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und

werde mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, daß alles,

was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen wird, und daß diese

Feindschaft nicht etwa einer besonderen slawischen Charakterlosigkeit

oder Undankbarkeit entspringen wird – in dieser Beziehung sind die

Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es wird geschehen, weil solche

Dinge in der Welt nun einmal keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich

werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur sagen, daß wir

jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen verlangen können, uns vielmehr

darauf gefaßt machen müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden.

Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich damit beginnen,

daß sie Europa, wahrscheinlich England und Deutschland, um die

Sicherstellung ihrer Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe

geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland nicht die

geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen seien, beim

Friedensschluß Europas Schutz zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es

sie von den Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur

Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen allslawischen Reiches

durch die Unterwerfung der Slawen unter den gierigen, schlauen,

barbarischen Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch werden sie

nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit Rußlands, noch seine

große heilige Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch die

die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, wenn sie aufhören

sollte, in ihr zu leben – erstarren, verkrüppeln und sterben würde an

ihren Seuchen und ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den

gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen Krieg, der ein

Kampf gegen die türkischen Ungeheuer zur Befreiung unglücklicher Völker

ist, – haben die Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie

uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn aber der Krieg beendet

sein wird, werden sie ihn dann auch noch für eine große Tat ansehen, für

die sie uns Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden sie das

tun!

Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich gar

wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß sie sich, wenn nicht Rußland

dagewesen wäre, schon längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit

Hilfe Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, wenn wieder

dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen wäre, nichts gegen ihre

Freiheit einzuwenden gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken

befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele Anhänger unter

ihnen und wird sich in der Folge noch zu einem wissenschaftlichen und

politischen Axiom entwickeln. Sogar von den Türken werden diese

Balkanslawen mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. Vielleicht

werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch länger für ihre Freiheit

bangen und vor der Herrschsucht Rußlands zittern; sie werden sich bei

den europäischen Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden und

überall gegen uns intrigieren. O, ich spreche nicht von einzelnen

Personen: gewiß wird es auch unter ihnen Menschen geben, die wissen

werden, was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese Menschen

verstehen auch sicher die ganze Größe und Heiligkeit der Tat Rußlands

und seiner großen Idee, die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber

dieser Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie auslachen

oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders gern werden die befreiten

Slawen aller Welt verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar

höchst kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland ein

barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, dabei längst nicht vom

reinsten slawischen Blute, ein Unterdrücker und Feind der europäischen

Zivilisation sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle

Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche Minister, Redner und

Reden. Das wird sie außerordentlich beruhigen und entzücken. Es wird

ihnen ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner Blättern

Telegramme zu lesen, die durch die ganze Welt gehen und allen melden,

daß z. B. nach langem Parlamentssturm endlich das bulgarische

Ministerium gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet

habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik endlich eingewilligt, das

Portefeuille des Ministerpräsidenten anzunehmen ... Ja, in Rußland muß

man sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese von uns

befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf Europa stürzen, bis zum

Verlust der eigenen Persönlichkeit europäische Formen, politische wie

soziale, annehmen und auf die Weise erst eine lange Periode des

Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von ihrer slawischen

Bedeutung und ihrer eigenen Berufung unter den Völkern werden begreifen

lernen. Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, ewig sich

gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. Sollte ihnen aber

Gefahr drohen, so würden sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe

bitten. Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie mit Europa

auch liebäugeln mögen, sie werden doch immer instinktiv fühlen

(selbstverständlich erst im Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß

Europa der einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer sein

wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der Welt nur noch existieren,

weil der große feststehende Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an

sich zieht und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird auch

Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe bewußt

einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland hätten, das große östliche

Zentrum der großen aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und

Selbständigkeit im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze Nationalität

sich auflösen und im europäischen Ozean wie einzelne Wassertropfen im

Meere verschwinden würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge

verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen und vielleicht

sogar noch das Schwert für sie zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die

Frage auf, welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, warum

Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, seine Kräfte, sein

Geld für sie hingegeben? Doch nicht etwa, um so viel kleinlichen Haß und

so häßliche Undankbarkeit zu ernten? Freilich hat Rußland immer gewußt,

daß es das Zentrum der slawischen Einheit ist, daß, wenn die Slawen in

Zukunft ein freies, nationales Leben führen werden, Rußland das gewollt

und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil bringt uns nun dieses

Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger und Sorgen?

Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht werden nicht alle sie

verstehen können. Wir wissen ja, daß Rußland niemals auch nur auf den

Gedanken kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen erweitern,

sie politisch an sich ketten oder gar ihre Länder zu russischen

Gouvernements machen zu wollen. Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland

dieser Absicht, und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen

Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor solchen Absichten

bewahren! Denn je mehr es seine politische Uneigennützigkeit den Slawen

gegenüber aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung der

Slawen unter einander erreichen, vielleicht schon im Verlauf von einem

Jahrhundert. Wenn es den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt

und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder Zeit bereit ist,

sein Schwert für die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Nationalität zu

ziehen, so wird Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, als

wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß auf die Slawen

aufrechtzuerhalten strebte. Ja, gerade ... wenn Rußland seine

vollständige Uneigennützigkeit ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie

besiegen und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden sie vielleicht nur im

Notfalle zu uns kommen, dann aber werden sie sich mit dem vollen

Vertrauen eines Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das

heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele Russen, Gelehrte

wie auch Dichter, setzen schon große Hoffnungen auf diese Vereinigung.

Sie erwarten, daß die befreiten und auferstandenen slawischen

Völkerschaften viele neue und noch nie dagewesene Elemente ins russische

Leben bringen, das Slawentum Rußlands erweitern und auf die Seele

Rußlands einen großen Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische

Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen überhaupt

sollen sie geistig bereichern und ihm neue Horizonte eröffnen. Ich muß

gestehen, daß mir diese Begeisterung immer etwas literarisch erschienen

ist. Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, aber wohl

nicht früher als in hundert Jahren; für dieses ganze Jahrhundert dagegen

wird Rußland von den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von ihren

Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was könnten sie uns jetzt geben?

Rußland wird dieses ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre

Beschränktheit und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen gegen

ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat am Slawentum, ihren

Verrat um europäischer Formen willen in politischen wie sozialen Dingen.

Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage bevor. Die

Slawen werden heute überhaupt nicht verstehen, was diese Orientfrage

eigentlich bedeutet! Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung zu

einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen werden. Ihnen

diese durch die Tat und das Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die

Aufgabe Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und warum soll

Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? Wozu? um ein höheres Leben

zu führen, um die Welt mit einer großen uneigennützigen Idee zu

durchleuchten, um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher

Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht durch politische Gewalt,

nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch Überzeugung, Liebe,

Uneigennützigkeit und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu

scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands zu beweisen. Das ist

unser Ziel und das ist meinetwegen auch unser Vorteil. Denn wenn eine

Nation für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum Wohle der

Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ lebt, so wird diese

Nation untergehen. Höhere Ziele für Rußland kann es aber nicht geben,

als uneigennützig den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit zu

erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, nicht nur nach ihrer

politischen Einigung zu streben. Nur durch diese Tat würde das Slawentum

der Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere Ziele als

solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es kann für Rußland nichts

„vorteilhafter“ sein, als solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr

klarzumachen, um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen,

unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. Darum aber ist

eines gewiß: füllt dieser Krieg für Rußland günstig aus, so tritt

Rußland in eine neue und höhere Phase seines Seins ...

Was man jetzt über den Frieden spricht.

Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt

möglich? Verschiedene Meinungen

Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die baldige Beendigung des

Krieges zu sprechen, und heute spricht bereits alle Welt von möglichen

und unmöglichen Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, daß große

politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen und Opfer hochschätzen und

Friedensbedingungen vorschlagen, die diesen gebrachten Opfern angemessen

sind. Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der Urteile die

selbständige Entscheidung Rußlands beim Friedensschluß verlangt, das

Recht, einen persönlichen, separaten Frieden zu schließen, ohne Europa

herbeizurufen, und wenn möglich, ohne sich um die europäischen Meinungen

überhaupt zu kümmern. Das Los der Slawen wird gleichfalls in Betracht

gezogen. Man streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt in der

Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. Das Recht, uns Kars und

Erserum einzuverleiben, gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es

auch wieder Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten es

wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und wiederum gibt es andere,

die nicht nur über Kars, sondern selbst über Konstantinopel verfügen und

sogar behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören _müsse_! Diese

Debatten über den Frieden werden sich natürlich nach jeder größeren

Aktion unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf hinweisen,

daß in den Urteilen unserer großen Blätter ein Irrtum sich bemerkbar

macht. Alle halten sie das Europa von heute noch für das Europa von

früher – das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen

Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer noch das alte

„europäische Gleichgewicht“ voraus. Indessen verändert sich Europa jetzt

von Stunde zu Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht

schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so sehr kann sich bis zum

nächsten Frühling Europas früheres Aussehen verändert haben. Die

ungeheuren und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich erst noch

herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr bald eine Entscheidung

heischen werden, zieht man noch immer nicht in dem Umfange in Betracht,

den sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der Bestand jenes

Europas, das sich beim Friedensschluß einmischen könnte, ist schwer

schon jetzt festzustellen. Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach,

auf Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen unmöglich im

voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, daß Europa selber von der

Stelle rückt und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon

später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel die Rede ist,

noch eine sehr sonderbare Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis[49]

über das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken.

Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben können.

Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – wie zum Beispiel, daß

Konstantinopel nach der Vertreibung der Türken nicht eine freie Stadt

werden kann, wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, ein

Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern und Verschwörern der ganzen

Welt, eine Beute der Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden –

fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den „gemeinsamen Besitz

aller östlichen Völker“ übergehe. Allen Völkern sollen die gleichen

Rechte über diese Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen,

Bulgaren sollen _alle zusammen_ Konstantinopel besitzen. Eine solche

Ansicht ist meiner Meinung nach denn doch etwas sonderbar. Wie kann

Rußland den Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn Rußland

ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, nicht nur jedem einzelnen

kleinen Balkanvolk, sondern auch allen diesen Völkern zusammen genommen?

Der Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern hundertmal

versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung gleich sei, es würde ihm

doch niemals geglaubt werden. Wie kann man nur eine solche

Geschmacklosigkeit behaupten und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so

etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, muß von uns Russen

erobert werden und muß bis in alle Ewigkeiten in unserem Besitz

verbleiben. Uns allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann,

wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen auch noch alle

anderen Völker der Welt mit der Gewährung der größten Freiheiten in ihr

aufnehmen – aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! Man bedenke

doch nur, daß eine solche Föderation kaum in einem Jahrhundert

durchgesetzt werden kann! Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen,

Konstantinopel zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu gehörige

Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen vergessen. Nur Rußland kann

dort ein Heer und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort

heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den Slawen bringen, doch

nicht so uneigennützig!“ – Darauf können wir antworten: Rußland wird nie

aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch seine große zentrale

Kraft ewig am Leben erhalten; solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts

entgelten, und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen sollte,

so würde das doch nur geschehen, weil zu seinen Aufgaben, außer der

Lösung der slawischen Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der

Orientfrage, gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch die Eroberung

Konstantinopels erfüllt werden. Eine föderative Verwaltung

Konstantinopels durch verschiedene Völker könnte die Orientfrage einfach

vernichten, während wir doch, im Gegenteil, eine baldige Lösung

derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit dem Schicksal und der

Bestimmung Rußlands so eng verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle

diese Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft in der Stadt

nur streiten würden ... Mit einem Wort, Konstantinopel wäre nur ein

Stein des Anstoßes für die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung

der Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung aufhalten. Die

einzige Rettung ist, daß Rußland allein und auf eigene Rechnung

Konstantinopel nimmt; denn nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz

allein dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn nicht wahr?

Rußland ist das geistige Zentrum, das Haupt des Ostens, Konstantinopel

aber ist die Stadt, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig

– und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem Orient zuzuwenden und

auf einige Zeit Petersburg, wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in

Anbetracht der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der

Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle Mißstände erörtern,

die durch einen gemeinsamen Besitz der Stadt unter den Slawen entstehen

würden! Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen und der

rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels zu – dem Schicksal, dem sie

bestimmt nicht werden entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird.

Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue slawische Basis in

Konstantinopel sehen und werden die Slawen sogar noch mehr hassen und

noch mehr fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste Streit

zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen Patriarchen kann für die

Zukunft als Beispiel dienen. Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in

Konstantinopel werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen

Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen und weiß Gott

wozu noch erniedrigen, werden vielleicht sogar Ketzer werden – und alles

das aus nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. „Warum

stehen die Slawen über uns?“ werden die Griechen fragen, „warum wird

ihnen ein unumschränktes Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... wenn

auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber Rußland allein Konstantinopel,

hat Rußland allein die Autorität in der Stadt, so fällt selbst die

Möglichkeit solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann Rußland

nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden und sich nicht gekränkt

fühlen. Rußland würde in Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen

für alle Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den Slawen

nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner war in diesen

Jahrhunderten für die Balkanvölker keine vereinigende, sondern eine

unterdrückende Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal

wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung der mohammedanischen

Herrschaft kann aus diesen Völkern, die aus der Knechtschaft zur

Herrschaft kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine

regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung unter ihnen

höchstens in ferner Zukunft möglich sein wird. Dagegen würde Rußland

zweifellos die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, wenn es sich

in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist doch nur Rußland allein fähig,

die Fahne der neuen Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen

Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was ist die Orientfrage im

Grunde anderes als die Schicksalsfrage der Rechtgläubigkeit überhaupt?

Das Schicksal der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar mit der

Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist denn das für ein Schicksal?“

wird man fragen.

Der römische Katholizismus, der Christus für weltlichen Besitz

verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, sich von ihm abzuwenden, und

was zur Hauptursache der Verbreitung des europäischen Materialismus und

Atheismus wurde, – dieser Katholizismus erzeugte in Europa naturgemäß

auch den Sozialismus. Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das

Schicksal der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb von

Gott und Christus zu bestimmen. Er hat sich in Europa auf ganz

natürliche Weise bilden müssen zum Ersatz für das dort gefallene

christliche Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi hat

sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit erhalten. Aus dem

Osten wird das neue Wort an die Welt ausgehen, wird dem Sozialismus

entgegenziehen und von neuem die europäische Menschheit erlösen. Das ist

die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung der Orientfrage für

Rußland! Ich weiß, sehr viele nennen eine solche Überzeugung

„Besessenheit“; doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich sagen

will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland Konstantinopel nötig, denn

Konstantinopel ist, wie ich schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt.

Rußland – ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – erkennt und

fühlt, daß es allein der Träger der Christenidee ist, und daß das Wort

der Rechtgläubigkeit sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß

diese Tat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß uns noch

Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung bevorstehen, um die

Brüderschaft der Völker zu verwirklichen, jener Völker, denen wir mit

heißer Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen.

Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des Christentums und

der Rechtgläubigkeit, hat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen, mit

der bloßen Tatsache, daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J.

Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich glaubt er

nicht daran, weil er Rußland nicht für würdig hält, Konstantinopel zu

beherrschen. Sollten die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder

was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, eine Herrschaft

in dieser Stadt zu errichten; aber Herr Danilewski gibt doch zu, daß

Rußland Konstantinopel vorläufig allein beherrschen könnte, d. h.

natürlich nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut zu

übergeben. Es fragt sich bloß, warum und wozu übergeben? Wie es scheint,

glaubt Herr Danilewski, daß der Besitz Konstantinopels für Rußland

verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige Instinkte

wachrufen könnte. Aber es wäre doch Zeit, endlich an Rußland zu glauben,

besonders nach der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe

doch tatsächlich gewachsen ...

Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, diese Stadt

auch nur zeitweilig diesem Rußland anzuvertrauen! Und – man stelle sich

nur vor, womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz der Türkei

noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und den Balkan nehmen,

Konstantinopel jedoch ihr noch auf einige Zeit überlassen – und das sei

für Rußland jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein

Fingerzeig Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? Herr Danilewski

setzt natürlich voraus, daß die Türkei in ihrer neuen Existenz ganz

unter dem Einfluß Rußlands, d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber

wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß Europa in eine solche

Konstellation erst recht nicht einwilligen würde. Europa wäre eine

vollständige Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache lieber,

als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten Zukunft befürchten zu

müssen. Somit stimmt ja Herr Danilewski zum Schluß mit der politischen

Meinung Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der Türkei

durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet werden dürfe.

„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ sagt Herr

Danilewski – „dieser Schatten aber _muß_ (?) vorläufig noch die Ufer des

Bosporus und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt durch

einen lebendigen und dazu gesunden Organismus zu ersetzen, ist noch

nicht möglich (!?) ...“

Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter Organismus, daß es die

Hauptstadt der Rechtgläubigkeit an Stelle der in Fäulnis übergegangenen

Türkei nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! Oder will

Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß Rußland Konstantinopel nicht

besetzen dürfe, weil Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an

einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels durch die

Russen werden die meisten europäischen Mächte den größten Widerstand

entgegensetzen.“ Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin sieht, so

wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, den Türken

vorläufig noch Konstantinopel zu überlassen – verständlicher.

Nichtsdestoweniger kann man in betreff des „Widerstandes der meisten

europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, daß Europa, wie

ich schon gesagt habe, eher die Besetzung Konstantinopels durch uns

wünschen würde als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller

Vormundschaft Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, ohne Flotte“ – mit

einem Wort, als ein „Schatten“ der früheren Türkei, wie sich Herr

Danilewski ausdrückt. Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen

können? Die Europäer würden sich doch sagen: „Wenn die Russen nicht

heute in Konstantinopel einziehen, so werden sie es morgen tun.“ Und

deshalb würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen Schatten

vorziehen. Und zweitens: wir müssen doch einsehen, daß es niemals eine

für uns so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der gegenwärtigen

politischen Lage Europas.

Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man sagt: „Die Mehrzahl der

europäischen Mächte wird es nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen

besteht denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? Ich

wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: „Europa verändert sich

von Stunde zu Stunde: was noch vor einem halben Jahr war, wird

vielleicht in drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns am

Vorabend der allergrößten und erschütterndsten Ereignisse und

Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, also jetzt im November, besteht

„diese Mehrzahl der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß

ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur aus England und kaum

noch aus Österreich, obgleich England alles tut, um Österreich zu einem

Bündnis gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit Frankreich zu

schließen. Doch wir werden nicht allein sein: soviel ist jetzt schon

klar. In Europa gibt es ja noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns

halten.

Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer Art bevor, daß der

Verstand des Menschen sich sträubt, an sie zu glauben, und ihre

Verwirklichung für unmöglich hält, weil sie ihm viel zu phantastisch

erscheinen. Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für phantastisch,

unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete sich zu Ende des Jahres

in Europa buchstäblich, und die Meinung, zum Beispiel, daß die

katholische Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, über die _alle_

noch im Sommer zu lachen bereit waren, oder im äußersten Falle zog man

es vor, sich einer Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen

geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben bestätigt. Ich

erwähne dies nur, damit die Leser auch meiner jetzigen „Prophezeiung“

mehr Glauben schenken und sie nicht für ein phantastisches und

übertriebenes Hirngespinst erklären.

Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen Blick bis in die

Tiefe der Erscheinungen dringt, ist – Fürst Bismarck. Den

schrecklichsten Feind Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten

Zukunft hat er schon vor langer Zeit, früher als alle anderen erkannt:

im römischen Katholizismus und in dem vom Katholizismus erzeugten

Ungeheuer – dem Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus.

Bismarck hält es für unumgänglich nötig, dem Katholizismus im Augenblick

der Wahl des neuen Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß

er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, und daß er ihn

höchstens in eine neue Phase des Kampfes drängen wird. Denn der Kampf

des Katholizismus wird so lange fortdauern, wie Frankreich lebt. Solange

Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus ein starkes Schwert in der

Hand und die Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland

zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, so ist dieses Land in

den Augen des Fürsten Bismarck freilich schon seinem Schicksal

verfallen. Für Bismarck gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich –

_oder_ Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt der Katholizismus

zusammen mit dem Sozialismus in eine neue Phase seines Daseins. Während

nun die europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf Mac-Mahons

mit den Republikanern verfolgen und von ganzem Herzen den Republikanern

den Sieg wünschen, da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine

volkliche Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – weiß Fürst

Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits überlebt hat und die

französische Nation innerlich auf ewig zerstückt ist, daß es in ihr

niemals mehr eine alle vereinende, starke und gesunde nationale

Regierung geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche Frankreichs

in Deutschland große Hoffnungen erwecken; doch Fürst Bismarck weiß, ich

wiederhole es: solange Frankreich lebt, wird auch der römische

Katholizismus noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, daß der

Katholizismus noch einmal, und wenn auch nur auf kurze Zeit, wenn auch

nur außenpolitisch, diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen

kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: _früher oder später_ wird

Frankreich – selbst wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch

für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die Republikaner werden es

noch selbst einsehen, daß ihre Stellung in Frankreich unhaltbar werden

würde, wenn sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. Oder

vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig sein und so bis zu

ihrem Ende die Protégés des Fürsten Bismarck bleiben, – Protégés, die er

im geheimen schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch den

Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich von neuem zu einem festen

Ganzen zu vereinigen. Ja, die französischen Republikaner sind nicht nur

Bismarcks Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, die ganz

Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, sondern auch zu

innerer, geistiger Sklaverei ausliefern, und zwar tun sie dies, indem

sie Frankreich gerade seiner _selbständigsten_ politischen und

historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande jene Fahne aus der

Hand reißen, die es so viele Jahrhunderte hindurch als Vertreter des

romanischen Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten hat.

Dafür aber werden sich diejenigen, welche die unbegabten, unnützen

Republikaner gerade deswegen stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen –

Bismarck weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische Fahne gegen

Deutschland zu erheben, die Fahne, an die Frankreich nicht mehr glaubt,

die _fast_ schon von der _ganzen_ Nation verneint wird, doch den

Franzosen _politisch_ noch zum letzten Vereinungs- und Stützpunkt dienen

kann gegen den verhängnisvollen (und gleichfalls letzten) Angriff des

protestantischen Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten

Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen Menschheit

protestiert und protestieren wird.

Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs Schicksal wahrscheinlich

schon bestimmt. Das Schicksal Polens erwartet auch Frankreich, und

politisch wird es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. Wenn

Bismarck das erreicht haben wird, dann wird er auch den kämpfenden

römischen Katholizismus – der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen

wird – zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des Kampfes um das

Dasein einzutreten, – in die Phase des unterirdischen, reptilhaften

Verschwörerkrieges. Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen

Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser für ihn, denn

hier erwartet er bereits die Vereinigung beider Feinde Deutschlands und

der Menschheit, die Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus,

und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, beide auf einmal

...

Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde

wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist,

denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen

Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit

Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist

in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck,

auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er

Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als

Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den

echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl

verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit

ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und

Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird

etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der

Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert,

wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk

wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt

jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn

an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die

Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten

den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch

einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen,

so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat,

wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat.

Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre

Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein

freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch

Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die

Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“

guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen

Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt

benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als

das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen

denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen

– zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und

Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu

haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen,

wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem

einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die

Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung:

„Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch

praktische Folgerungen von der Art des „_Chacun pour soi et Dieu pour

tous_“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums

Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren

Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf

die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die

Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit

wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr

gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der

zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits

zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald

andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes

predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut

überschwemmen, dann aber _wird alles schon von selbst irgendwie von

neuem entstehen_!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre

vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann

würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und

die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor

zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und

wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu

gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in

der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete,

aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar

völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen

noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine

Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht

sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode,

stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte

werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden

ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus

Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei

sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch

einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte

Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der

„unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu

werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild

ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen

schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in

Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in

einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits

vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten

Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom,

gegen Roms Grundsätze und deren _Folgen_ protestierenden Geist. Doch

nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen

wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der

Menschheit bringen wird.

In _jedem Fall_ aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit

_nötiger_, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem

zeitweiligen politischen, sondern zu einem _ewigen_ Bündnis. Die Idee

des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis

in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns

teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze

westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und

romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns

aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm,

ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist

kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der

sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und

sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man

bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte,

sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch

uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist

beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands

zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland

aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im

Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist

für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage

so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet

man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei

uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch

nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und

schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch

ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder

nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen,

sondern als _ewigen_ Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft,

so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich

und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so

gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen,

besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu

hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ...

Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn

wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen

großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns

wahrscheinlich am günstigsten ...

Vierter Teil.

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