Der größte Beweis unseres Lakaientums

Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz

vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach

erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich

vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter

fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall.

Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt,

daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten

Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des

Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in

Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren

haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem

Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche

Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und

Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen,

um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden

Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden

Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen.

Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen

Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande

der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es

nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und

das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu

befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser

Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ...

Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr,

aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen

Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der

Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder,

im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so

werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen

Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von

alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster

Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu

speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über

das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es

wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in

Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht

sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht,

zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im

Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler

aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein

bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen

wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom

Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm

erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei

den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender

Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es.

Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache

des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht

hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und

unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im

Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören.

Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für

unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo

Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in

Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie

zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare

einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von

uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen

haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch _empfinden_

und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn

und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben.

Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn

niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr?

Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen Zartgefühls! Und

welch eine Komik! Es ist schlechthin die komischste aller

Entschädigungen „bei uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des

europäischen Zartgefühls, in der wir uns Europa zu präsentieren lieben!

Welch ein Lakaientum in den Gedanken dieser leicht erregbaren Herren!

Die Situation überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß sie

einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese Verblüffung ist schon

etwas ernster zu nehmen als jene Überrumpelung unseres Offiziers durch

den Engländer mit dem erbsgrünen Mantel.

Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit enthüllte sich den

Entrüsteten. Es stellte sich heraus, daß der Bulgare arbeitsam und sein

Land sehr fruchtbar ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die russischen

Truppen sieht, so muß man doch bedenken, daß er schon vier Jahrhunderte

lang Sklave ist und infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn

entgegentritt, nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder sein

wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren Herrn fürchten und sich

unwillkürlich sagen: „Wenn der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich

diesem hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und der Arme hatte

durchaus recht. Nachdem wir unseren ersten tapferen Angriff jenseits des

Balkan gemacht hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren aber

kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen behandelt wurden, wird

die Weltgeschichte erzählen! Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten,

Gärten und Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und Asche

verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht zu Hunderten, sondern zu

Tausenden und Zehntausenden wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert

vernichtet, ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie starben unter

den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen und Töchter wurden geschändet,

zum Verkauf fortgeschleppt oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche

die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und obendrein auch noch

jene, die die Russen nicht begrüßt hatten, mußten alle auf dem

Scheiterhaufen oder am Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit

den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen mußte einer von den

Verurteilten alle seine Gefährten aufhängen, zum Schluß aber wurde er

selbst aufgeknüpft – unter dem Gelächter dieser wollüstigen Bestien, die

sich eine türkische Nation nennen.

Auf diese Weise kamen die über das gute Leben der Bulgaren so

entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, daß dieses Leben im Grunde

genommen nur eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser und

Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen Knaben und Mädchen in

diesen Häusern, dem Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm

gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm ihnen Geld und

Vieh, Frauen und Mädchen.

Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern und zerstören sie die

unglücklichen bulgarischen Provinzen bis auf den nackten Erdboden. Wenn

wir lange vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, so werden

die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien vielleicht auf immer

verlieren, das Land ganz und gar in Asche verwandeln, solange sie noch

Zeit dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer Klugen

darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: wenn wir uns nicht in

türkische Angelegenheiten eingemischt hätten, würden die Bulgaren noch

heute gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein seien an ihrem

Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent der „Daily News“, Mr. Forbes,

sagt uns darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom

Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er gesteht den Türken

aufrichtig zu, daß sie das volle Recht gehabt hätten, alle Bulgaren, die

nördlich vom Balkan lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische

Armee sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert fast –

natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen ist, und kommt zu

dem Schluß, daß die Bulgaren den Türken zu ewiger Dankbarkeit

verpflichtet seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe

geschlachtet haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung denkt, an

die „Bulgaren im Wollkorbe“, und sie dem Ausspruch Forbes’

gegenüberstellt, könnte man sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren

wenden: „Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man dich nicht

einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist dabei nur eines: Wie ist es

möglich, daß ein solches Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden

kann, und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie Mr. Forbes, der

doch einer so aufgeklärten und großen Nation angehört? Sind das die

letzten Blüten und Früchte der englischen Zivilisation?

Selbstverständlich hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich,

anstatt um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt hätte. Es

handelte sich hier aber nur um Slawen, um Bulgaren! In Europa scheint

man eine geradezu blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für

die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt sie dort zu den

Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, daß man sie alle, mit Weibern

und Kindern bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen Dingen

nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of Beaconsfield ist, der jenen

Ausspruch getan – der könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf

die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. Forbes, ein Privatmann,

der doch keineswegs verpflichtet ist, die Interessen Englands um jeden

Preis, _und was es auch koste_, zu wahren, ein ehrlicher, talentvoller,

„wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns in seinen ersten Briefen erschien.

Nein, diesem Urteil liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles,

was Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man mit siedendem Wasser

übergießen, wie ein Wanzennest in einem alten Holzbett. Ist es bei den

Europäern vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen

Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein werden, eine große Rolle in

der neu heraufkommenden Menschheit spielen und den Platz der alten, vom

Wege abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte Westler können

das natürlich weder zulassen, noch sich vorstellen, daß dieses

Wanzennest sich wirklich zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber

da ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger einer neuen Idee

ist und die Fahne der Zukunft, zum Ärger und Erstaunen aller, hochhebt.

Da Rußland aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine Kraft,

die man nicht leugnen kann, und da Rußland gleichfalls aus einer

slawischen Nation besteht, – wie müssen diese Europäer da Rußland in

ihrem Herzen hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht

noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, wie über jegliches

Unglück, das uns trifft! Sollte das nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl

geschehen?

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