Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat

Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im

vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich

zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach

den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist

es von Iwan Obolenski.

Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“

anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren,

wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die

Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser

charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat,

nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können:

Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er

mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den

Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr

vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft

befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders

sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So

bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und

Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir

durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu

fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich

an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist

betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von

den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des

Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft

fordern, _warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien,

selbiges zu tun unterlassen_ ... Ich weiß nicht, wie lang er währen

wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit

meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört

Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über

ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner

von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem

Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. _Und Angst erfaßt mich

vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn

beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen

Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den

letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie._“ Darauf

haben die Edlen geantwortet: „_Herr, tue also, wie dein Herz es dir

befiehlt._“

Sämtliche Werke 13 · 第 69 / 86 题