Wir sind die Stärksten

„Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46]

„Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist

schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber

wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen.

Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht

nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an

den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum

Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß

etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem,

jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz

Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem

Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von –

Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können.

Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer:

„Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu

vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist

Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn

Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“

Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen

Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum

Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde

verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als

die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie

sich und _beglückwünschten_ einander zu diesem Kriege. Das haben wir

selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht

dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach

ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel,

Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was

Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden

von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre

Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche

Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder.

Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat,

zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so

werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im

vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die

Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind

ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur,

woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch

für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man

nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht

mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren

Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen,

dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch

dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte

aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und

ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist.

Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere

von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern

auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen,

erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und

geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“

prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen

ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber

einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und

Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und

Ehre lernen können: „_Dann_ erst geht und helft euren slawischen

Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich

interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch

den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise

sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre

ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine,

allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen.

Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum

erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und

verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre,

niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie

suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen

ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa

ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die

die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes

Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind

diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives

Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit

nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen.

Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die

Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich

quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon

bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele.

Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu

glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren,

werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die

schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s

denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein

militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter

von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime

Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime.

Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck

der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die

„Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm

und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von

Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann

wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu

erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit,

Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz

genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und

seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche

Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste

Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und

ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen,

weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen

überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von

unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das

Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben

alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange,

lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege!

Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige

Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich

fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von _heute_, meine Herren.

Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns

schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch,

selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes

altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins

Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist

nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser

Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht

Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige

volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen

haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit

und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von

jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben

sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas

erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es

hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen,

einen _Volksgeist_ hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein _Volk_

vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von

der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei;

daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen

passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer

Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne –

letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles

losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die

Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder

Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir

selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur

auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die

ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu

Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung

unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings

kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte

Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem

sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes,

daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch _unser_ „Kluger“ ist, nichts

anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu

das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer

Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe

der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des

Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit

ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem

europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur

unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft

und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch

schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts

war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese

erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen

unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte

lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen

vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen

verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm

ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur

beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne –

dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte

uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und

die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen:

sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen

die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja,

_nur das_ ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen

und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht

Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur

„aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem:

sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der

„Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn

diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa _nur_

Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von

Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir

durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen

Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar

bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein:

daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht

Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von

der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten

Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine

Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir

_wollen_, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen

können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer

Armeen; daß, wenn wir _wollen_, man uns nicht wird zwingen können, etwas

gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt,

die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht

nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht

bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen

unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und

unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt

erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in

unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade

ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache!

– der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der

europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation

militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und

hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft

stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des

unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen

Geistes liegen. Doch mögen es _vorläufig_ auch noch so viele gute Leute

bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen

es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese

unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen

langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen,

doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen

Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn

zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit

seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden,

daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht

mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann

wird uns Europa zum erstenmal _entdecken_, so wie es einst Amerika

entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber,

und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich

begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ...

Sämtliche Werke 13 · 第 67 / 86 题