Gedanken unserer Zeit

Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre Vertreter und der

ökumenische Patriarch haben in diesen vier Jahrhunderten der

Unterjochung ihrer Kirche mit Rußland und untereinander in Frieden

gelebt – wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große Unruhen, noch

Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. Doch siehe, in unserem

Jahrhundert, und besonders in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen

Kriege in Osteuropa,[45] fing es an von der Türkei gleichsam wie

Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: die Vorahnung des

Todes, der Zersetzung des „kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang

der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast körperhaften

Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien kann die Balkanslawen trotzdem

ja nur Rußland allein, dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in

den allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den Osten, ganz

allein für sie einsteht, während alle anderen Völker und Reiche der

gebildeten europäischen Welt selbstverständlich froh wären, wenn es alle

diese bedrückten Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht geben würde.

Ruft nun auch die ganze Intelligenz der Balkanslawen Rußland zu Hilfe,

so fürchtet sie uns leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken:

„Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so wird es uns doch

verschlingen und unsere Nationalitäten nimmer sich entwickeln lassen“ –

das ist ihr Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! Und

überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr die nationale

Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische „Kirchenstreit“, den wir

unlängst erlebt haben, war ja schließlich nichts anderes als ein

nationaler Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen als ein

Omen für die Zukunft angesehen werden. Als der ökumenische Patriarch den

Ungehorsam der Bulgaren tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen

erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, hob er

besonders hervor, daß man in Sachen des Glaubens weder das Ritual, noch

den der Kirche schuldigen Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip

der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber hat er doch selbst,

als er, der Grieche, diesen Bann gegen die Bulgaren schleuderte,

zweifellos diesem selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten

der Griechen _gegen_ die Slawen. Mit einem Wort, es läßt sich sogar mit

ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß, sobald der „kranke Mann“

stirbt, am Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei der

ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und zwar werden es

vornehmlich gerade Kirchenunruhen sein, die zweifellos auch Rußland

schaden können. Ja, selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland

sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar zwangsweise von der

Teilnahme bei der Entscheidung der Orientfrage ausgeschlossen werden

sollte. Das ist es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger

wirken, wenn es sich von einem tätigen und führenden Anteil an der

Schicksalsentscheidung des Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun

plötzlich geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei uns von

vielen erstrangigen Politikern –, daß das Türkische Reich eben

untergehen und Konstantinopel nur eine „internationale“ Stadt werden

müsse, also irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf daß es

um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. Etwas Unsinnigeres

hätte man sich wahrlich nicht ausdenken können.

Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil man einen so

prachtvollen Punkt der Erde doch nicht als internationale Stadt, also

als keinem einzigen gehörig, sich selbst überlassen würde. Bestimmt

würden sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in der

Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe „Internationalität“ zu

beschützen und zu bewahren, in Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich

anzueignen. Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, wo sie

sich bereits niedergelassen haben, ist nichts weniger als leicht – sie

sind nun einmal ein schnell Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und

überdies werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels sie

selbst rufen, werden sich mit beiden Händen an sie klammern, sich an

ihre Rockschöße hängen und sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser

Anhängigkeit? – Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden uns vor Rußland

bewahren, vor unserem Befreier!“ Ja, wenn sie nicht wüßten, was die

Engländer für sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen ja

auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr Glück, d. h. das Glück

der ganzen christlichen Rajah, die Engländer (wie auch in ganz Europa

niemanden außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze Rajah weiß

es vorzüglich, daß die Engländer, wenn es nur möglich wäre, die

bulgarische Metzelei des vorigen Sommers irgendwie unauffällig und im

geheimen zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich wäre),

die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung dieser

Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa aus Blutdurst – oh bewahre! In

Europa sind doch die Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil

solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig ausrotten

würden und dann niemand mehr am Balkan gegen die Türken Aufstände machen

könnte – das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch die lieben

Türken übrigbleiben, und die türkischen Papiere würden dann mit einem

Schlage auf allen europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland

aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und seinen Eroberungsplänen“

einpacken, da es am Balkan niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die

Rajah weiß, wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine

anderen Gefühle erwarten darf.

Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn der „kranke Mann“ auf

irgendeine Weise, sei es durch sich selbst, oder sei es durch Rußlands

Schwert, endlich umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz

Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern entbrennen und

sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland zu retten“. Anzunehmen ist,

daß Europa selbst die Idee von der „Internationalität“ in deren neue

Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, daß über dem

Leichnam des „Kranken“ zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und

Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber ist es ja, was Europa

will. Somit wäre der Vorwand gefunden, sich in ihre Angelegenheiten

einzumischen, und vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen

dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben wollen, um das

Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und dann wird es keine Verleumdung mehr

geben, die gegen uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der

Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken helfen können,“

werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. Die Völker des Ostens

wissen auch jetzt schon ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer

Befreiung beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung geben

wird; denn es haßt diese Christen wegen ihrer geistigen Verbindung mit

Rußland. England will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen

Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, entgegenbringen ...“

schreiben die „Moskauer Nachrichten“. Das also ist es, was diese Völker

vorläufig wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige

Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, daß sie uns

vergöttern!

In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz aller beschützenden

Engländer doch die Griechen die Herren sein – so wie sie dort von jeher

die Herren gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die

Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen blicken als die

Deutschen. Da aber die Griechen die Slawen auch noch werden fürchten

müssen, so wird sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander

Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg erklären, werden sie

natürlich nicht können; denn die Beschützer würden es so weit jedenfalls

nicht kommen lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten Sinne.

Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit eines offenen und

ehrlichen Kampfes alle möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen

ausbrechen, Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter von

Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja in solchen Fällen gewöhnlich

an, weil dieser doch der bequemste Vorwand ist. Das war es, worauf ich

hinweisen wollte!

Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm doch schon aufgestellt

wurde: die Bulgaren, hieß es, sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber

sind wieder die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz

vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres für den ganzen

Balkan und für Rußland geben als die Wiederholung eines solchen

Kirchenstreites, – die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur

auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der strengen Aufsicht

über die Balkanslawen beiseite geschoben werden sollte. Wenn das nun

auch alles noch in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen

sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese Konflikte aus dem Auge zu

lassen, und wär’s auch nur als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir

wünschen, daß die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten auch

wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar sein, daß dann am

Balkan die ganze Kircheneinigung höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten

wird und die Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter in

den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar folgendes sagen: ob es

nun diese Streitigkeiten geben wird oder nicht, – jedenfalls ist es

wahrscheinlich, daß ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten

der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. Warum das nicht

beizeiten erwägen? In diesen vier Jahrhunderten der Verfolgung und

Unterdrückung sind die Vertreter der östlichen Kirche immer den

Ratschlägen Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den Türken

befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa seinen Schutz an, so

werden sie sich zu Rußland sofort anders verhalten. Die Vertreter der

griechisch-katholischen Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald

Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen wollte, ihm

vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, daß sie weiterhin seiner

Ratschläge nicht mehr bedürfen. Gerade deswegen würden sie sich damit

beeilen, weil sie alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur

mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. Und wie wird dann

Rußlands Lage sein? Diese selben Bulgaren werden dann natürlich

losschreien, daß in Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron

gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie damit nicht einmal

eine Unwahrheit sagen. Das internationale Konstantinopel kann

tatsächlich einmal, wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum

Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die Griechen verteidigen“

gleichbedeutend sein mit „die Slawen verlieren“, und wiederum „für die

Slawen eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die

unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. Augenscheinlich

kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit Rußlands in der

Orientfrage, d. h. durch die energische Durchführung jener Politik, die

uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden werden.

In dieser Angelegenheit dürfen wir Europa keine einzige Konzession

machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben oder Tod.

Konstantinopel muß unser werden, ob früher oder später bleibt sich

gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung schwerer Kirchenunruhen, die so

leicht zwischen den jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da

ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit dem ökumenischen

Patriarchen ein Beispiel geboten worden ist. Erobern wir aber

Konstantinopel, so kann von alledem nichts eintreten. Die Völker des

Westens, die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, wissen

und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht einmal alle diese noch

phantastischen und doch so leicht möglichen zukünftigen Konflikte.

Würden sie dieselben aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie

zu verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere Wichtigkeit

zuschreiben – das werden sie erst später tun, dann, wenn es zu spät sein

wird. Das russische Volk, das die Orientfrage ausschließlich als

Befreiung der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von der

großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der ganzen Kirche erhofft, würde

durch neue Unruhen und neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu

sehr erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem ganzen Leben

einen tiefen Widerhall finden. Das ist der einzige Grund, warum wir für

keinen Preis und in keiner Weise unsere in die Jahrhunderte

zurückreichende Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben

noch auch nur verringern können. Nicht nur der prachtvolle Hafen, nicht

nur die Pforte zu den Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit

dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal die Vereinigung

und Auferstehung der Balkanslawen tun dies ... Unsere Aufgabe ist

tiefer, unendlich tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich

notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie auch für die

Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen Menschheit. So haben

es immer das Volk und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort,

diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe unser ganzes

Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und, vor allem,

unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit

einzutreten. In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß und unsere

endgültige Vereinigung mit Europa, und zwar auf neuer, mächtiger,

fruchtbarerer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom Schicksal

bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage

liegt, jetzt schon begreifen?!

Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht notwendigen

diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden, früher

oder später _muß Konstantinopel doch uns gehören_, und sei es auch erst

im nächsten Jahrhundert! Das müssen wir Russen immer im Auge behalten,

ein jeder von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was ich allen

Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders in unserer jetzigen

europäischen Zeit.

Sämtliche Werke 13 · 第 65 / 86 题