Unser Verhältnis zum Orient[41]

Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später

müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße,

eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich

und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu

verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen

Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische

Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte

und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem

Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort

in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der

Zukunft, jedenfalls aber _bestimmt_ verwirklichen werden, dann nämlich,

wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren

Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen

kann.

Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir

erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll

Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu

nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur

so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege

kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben?

Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich,

gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen

Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb,

hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder

ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch

uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal

noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus.

Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als

„Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der

längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland,

endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke

gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der

Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben,

etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge

Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann.

Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die

vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem

Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar

nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den

Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das

zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die

bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und

im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den

einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen

Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom

zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin

als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch

nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu

vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die

bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem

Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz.

Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die

ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren

flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom

Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige

allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen

werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und

setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43]

Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich,

diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem

Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische

Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf

sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines

Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges

Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte,

erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an:

der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der

Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr

angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen

Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der

Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der

Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen.

Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer

Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker

des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern

auch _ihren_ zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber

drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen

vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde

im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem

Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon

angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und

Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland

enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der

gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht,

gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und

dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere

Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden

zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur

toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen

Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die

Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen

ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische

Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu

verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft,

die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu

untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in

vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie

plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch

befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem

einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals

die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die

Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat

bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten

Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere

ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach

nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte

sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von

unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach

ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in

unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen,

von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß

unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche

Bestimmung _bewußt_ zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß

diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und

jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß

ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den

christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu

befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt

haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus

einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt

man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen?

Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten

bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer

politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von

denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im

Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in

Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen?

Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten

Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem

Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des

Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine

Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk

dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen

gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders

auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese

Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das

Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine

bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist

bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen

Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie

selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte

Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den

Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden

und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht

Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und

Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht.

Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen

Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem

Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden

Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es

so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es _ihn_ liebt –

wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten

Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen

Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten

der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe

sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt,

daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem

scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und

ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit

und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später

sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal

wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich

auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen

oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen

Geschichte _ohne_ dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland _volklich_ ist,

das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem

bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig

vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht

beantwortet worden ist, von den Zaren des _Volkes_, die stets in einer

höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige

historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen

übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn

wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ...

Doch ich bin von meinem Thema abgekommen.

Sämtliche Werke 13 · 第 64 / 86 题