Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später
müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße,
eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich
und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu
verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen
Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische
Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte
und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem
Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort
in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der
Zukunft, jedenfalls aber _bestimmt_ verwirklichen werden, dann nämlich,
wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren
Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen
kann.
Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir
erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll
Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu
nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur
so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege
kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben?
Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich,
gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen
Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb,
hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder
ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch
uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal
noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus.
Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als
„Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der
längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland,
endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke
gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der
Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben,
etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge
Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann.
Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die
vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem
Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar
nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den
Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das
zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die
bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und
im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den
einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen
Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom
zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin
als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch
nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu
vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die
bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem
Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz.
Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die
ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren
flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom
Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige
allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen
werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und
setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43]
Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich,
diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem
Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische
Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf
sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines
Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges
Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte,
erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an:
der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der
Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr
angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen
Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der
Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der
Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen.
Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer
Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker
des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern
auch _ihren_ zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber
drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen
vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde
im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem
Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon
angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und
Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland
enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der
gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht,
gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und
dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere
Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden
zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur
toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen
Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die
Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen
ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische
Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu
verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft,
die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu
untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in
vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie
plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch
befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem
einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals
die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die
Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat
bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten
Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere
ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach
nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte
sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von
unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach
ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in
unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen,
von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß
unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche
Bestimmung _bewußt_ zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß
diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und
jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß
ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den
christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu
befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt
haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus
einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt
man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen?
Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten
bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer
politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von
denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im
Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in
Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen?
Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten
Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem
Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des
Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine
Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk
dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen
gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders
auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese
Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das
Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine
bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist
bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen
Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie
selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte
Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den
Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden
und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht
Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und
Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht.
Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen
Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem
Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden
Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es
so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es _ihn_ liebt –
wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten
Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen
Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten
der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe
sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt,
daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem
scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und
ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit
und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später
sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal
wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich
auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen
oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen
Geschichte _ohne_ dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland _volklich_ ist,
das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem
bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig
vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht
beantwortet worden ist, von den Zaren des _Volkes_, die stets in einer
höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige
historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen
übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn
wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ...
Doch ich bin von meinem Thema abgekommen.