Vorbemerkungen

Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die

„Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz

hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden

in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen

Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht

über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben,

und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich

für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir

Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele

über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“,

„nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa

in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir

„gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu

verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr

die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche

erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für

unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr,

schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen

„höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen,

einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu

vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der

Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen

Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar

nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen,

daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich

eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden

als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als

Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von

diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in

Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und

kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der

sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und

wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem

Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere

oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise

ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die

Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu

müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich

statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß

dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit

ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee

bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei

stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die

Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese

Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann

doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen.

Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines

äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert

hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen

mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind.

... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr

Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“

durchbricht.

Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden

auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich

verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich

habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich

zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen

der anderen liege.

Sollten _Sie_ denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen

Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme _alle_ Bürger eines

Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an

_allen_ Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt,

Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für

die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz

gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten

beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen

Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die

Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –:

durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so

unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung?

Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger,

Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer

für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können,

besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur

ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter

als jener?

Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich

berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts

nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie,

heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil,

wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind.

... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen.

Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter

diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen

Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen

neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz

führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die

anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen

vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen

die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung

genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens

auszeichnen, wie z. B. ...

Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das

Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte

es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer

Herkunft sind. Dann fährt er fort:

... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den

Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der

Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“

erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht

einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die

englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom

Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?)

Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser _Volk_, weder sein Leben,

noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte

Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein

aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der

riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die

mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren

Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst

die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses

Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber

wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ...

Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch etwas zu meiner

Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen kann ich nicht ruhig

hinnehmen – möchte ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der

Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein „Tagebuch“

erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz gegen den „Juden“

gestanden, der einen so erbitterten Angriff rechtfertigen könnte.

Zweitens fällt es einem unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber,

wenn er auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen

Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische Volk denn doch

etwas zu sehr von oben herab behandelt. Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm

nur zu deutlich, mit welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen

sehen. Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und

begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch ohne Vorurteile sei

–; was für Gefühle aber soll man nun noch von den zahllosen ungebildeten

Juden erwarten? Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: diese Gefühle

sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer

Unverschmelzbarkeit vielleicht nicht nur wir Russen die Schuld tragen,

sondern, daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung

ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher Seite es solcher

Gründe _mehr_ gibt?

Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung sagen und

überhaupt klarlegen, wie ich mich zu diesem Problem stelle; natürlich –

es zu lösen, steht nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken

werde auch ich vielleicht können.

_Pro_ und _contra_

Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig Jahrhunderte alte

Geschichte eines Volkes, wie das der Juden, zu kommen – ich weiß es

nicht. Eines aber weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt

kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, so

ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, über seine

Erniedrigung, über sein Leiden, über sein Märtyrertum jammert, wie die

Juden. Man könnte ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen.

Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, so heißt das doch,

die Politik, die inneren Angelegenheiten, die Moral der Staaten

regieren. Mag auch der edle Goldstein für die slawische Idee gestorben

sein, – aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon längst

zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden sein,

wenn die jüdische Idee in der Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit,

zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von

einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht

vergessen haben!); daß er aber im letzten Jahre die englische

„konservative“ Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet

hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln.

Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch

kein schwerwiegender Einwand ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber

kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und

gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben.

Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das

niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu

tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe Herr, aus dessen

erstem Schreiben ich vorhin schon einiges angeführt habe:

... Vor allen Dingen ist es _unbedingt notwendig_, uns Israeliten

alle Bürgerrechte zu gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt

noch das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl des

Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer Konsequenzen

für die große Masse der Israeliten ergeben), Bürgerrechte, wie sie

alle anderen fremden Völkerschaften in Rußland genießen, und dann

erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem

russischen Volke gegenüber zu verlangen ...

Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, da Sie auf der

zweiten Seite dieses Briefes selbst schreiben, daß Sie „das schwer

arbeitende russische Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als

das israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas zuviel gesagt

ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit

lediglich nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu

wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen

Volkes“ in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie

ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den Israeliten

etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man

Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals schrien die Juden

ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal selbst

hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst

dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die

Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber

verlangen“ könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen

Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie auf sein Opfer

stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise seine Schwächen und Fehler zu

eigenem Vorteil? – wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen

Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, die früheren

Herren, – nur mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die

Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre

Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen

aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! Was aber liegt

dem Juden an der Erschöpfung der russischen Kraft? Hat er das Seine, so

zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, wenn sie dies lesen,

sofort losschreien, daß es nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei, daß

ich löge, daß ich all diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre

„vierzig Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte

dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, nicht nur als

die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von mir vergötterte

russische Volk“ – Zitat aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun

schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde,

vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem

erst in der Märznummer des „Europäischen Boten“ die Nachricht gelesen,

daß in Nord-Amerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf

die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt bereits ganz anders

beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es

wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, –

wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des

auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir

sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet

hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit,

wie aber sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge

Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja so viele in der Welt gibt,

ganz zweifellos überfallen.“ Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich

versichere Sie, ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie

kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den Juden hört, daß die

Zeitungen von den Negern nichts zu berichten haben? Diese Sklaven sind

doch ein wahrer Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben

lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. Und vor zehn

Tagen las ich in der „Neuen Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch

ungemein charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort fast

die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein zugrunde

gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die

Armen durch Hinweisung auf die Höllenqualen und durch Bildung von

Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ Der gebildete

Berichterstatter errötet zwar für sein Volk, das noch Priestern und an

Höllenqualen glaubt, und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den

Priestern sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken zu

gründen – um das Volk vom jüdischen Wucherer zu befreien –, und

Landmärkte, damit der „arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten

Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und nicht zu dem, den

der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, was ich gelesen habe; doch weiß ich

schon im voraus, was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist

noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten selbst arm und

unterdrückt sind; alles das ist bloß ‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein

beschränkter Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten

würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im Gegenteil reich

wären, sofort von der humanen Seite zeigen, und zwar in solchem Maße,

daß die ganze Welt darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese

Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, von denen ihnen

das Letzte herausgepreßt wird, und doch verabscheuen sie – bitte, die

Zeitungskorrespondenz zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so

erpicht ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch zu sein,

wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; zeigt sich aber ein wenig

„Kampf ums Dasein“, so „komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung

nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. Und drittens,

ich stelle ja diese beiden Nachrichten aus dem „Europäischen Boten“ und

der „Neuen Zeit“ keineswegs als kapitale und alles entscheidende

Tatsachen hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses Weltvolkes zu

schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch

wichtigerer Tatsachen finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu

bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jemand,

sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem Grunde, eine Auskunft über

die Juden und ihre Taten, so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er

nicht in alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke nur, ohne

sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten

Zeitung, die neben ihm liegt, aus, und dann suche er auf der zweiten

oder dritten Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden

handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt das

Allercharakteristischste und unbedingt immer dasselbe – d. h. immer die

gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend

etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet

einem doch ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ein

vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses

Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle

vom Haß verblendet seien und infolgedessen lögen. Natürlich ist es sehr

leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich

dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so

einem Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser Haß auch

einen Grund, eine Ursache haben, und irgend etwas muß doch dieser

allgemeine Haß bedeuten – „irgend etwas bedeutet doch das Wort

‚_Alle_‘!“, wie einstmals Belinski ausrief.

„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich denn die unbemittelten

Russen so vollkommen frei ihren Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der

russische Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit der

Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen in der

Wahl seines Aufenthaltsortes, so daß selbst die Regierung dem schon

längst ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat? Und was die Juden betrifft,

so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre Rechte in dieser

Beziehung im Laufe der letzten zwanzig Jahre bedeutend vergrößert worden

sind. Wenigstens sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo man

sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen ja immer über Haß und

Verfolgungen. Wenn ich auch die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines

jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen:

daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, stumpfer, religiöser

Haß, in dem Sinne wie: „Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden

ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen,

so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole es, ohne jeglichen

voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre

lang selbst überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und

denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren

dort auch einige Juden: niemand hat sie verachtet, niemand sie

ausgestoßen oder verfolgt. Wenn sie beteten – und die Juden beten mit

großem Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so hat

niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht,

was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung so „ungebildeten“

Volke, wie das russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten,

wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie so einen Glauben

haben,“ und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen vorüber. Und

diese selben Juden taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten

nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast von oben herab;

und das an welch einem Ort? – im sibirischen Gefängnis! – Überhaupt

zeigten sie überall Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem

„eingeborenen“ Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen

und überall in ganz Rußland. Man erkundige sich doch, ob der Jude in der

Kaserne als „Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt wird?

Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt im Leben sieht und

begreift der einfache Russe nur zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen

will, daß er ihn verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das

geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt sich durch

solches Benehmen gekränkt zu fühlen, sagt der einfache Russe ruhig und

vernünftig: „Das tut er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht

etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen Grund eingesehen,

entschuldigt er ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen

gefragt: was würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen Russen

und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, was würden dann die Letzteren

aus den Russen machen, wie würden sie dann diese behandeln? Würden sie

ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? Würden sie ihnen

erlauben, so zu beten, wie sie wollen? Würden sie sie nicht einfach zu

Sklaven machen? Oder, noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das

Fell mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig

ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es früher in ihrer alten

Geschichte mit anderen Völkerschaften getan? Nein, ich versichere Sie,

im russischen Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es ist

aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, besonders in

gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht sogar sehr stark. Ohne

sie scheint es nun einmal nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung

durchaus nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, sondern auf

gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das russische Volk schuld ist,

sondern der Jude selbst.

_Status in statu._

Sämtliche Werke 13 · 第 57 / 86 题