Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine

nicht-diplomatische Auffassung

In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig

ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich

meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig

einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon

eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt,

der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des

Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken

pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern

die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der

Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt

denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der

Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage

eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen

Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle

Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von

dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese

oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß

irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß

einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das

alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen

Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch

einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten

Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine

Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir,

unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze

Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es

einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den

Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt

sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche

Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt

sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie

noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da

nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann

für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so

unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!?

Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes,

der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden

Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als

Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine

ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung

habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals,

als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den

Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen

sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst

Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich

irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die

Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge

Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in

Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste

Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die

höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der

Menschenschicksale – an die Herren _Diplomaten_: haben sie damals auch

nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig

Jahren geschehen ist?

Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten

sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem

Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere

ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle

vorbereitet.“

Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht

habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf,

– wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner

Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte,

und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was

waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts

in den Augen der Diplomaten anderes als – „_Zufälle_“? Waren es und sind

es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein

Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika

in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde

selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die

Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu

verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in

Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben!

Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit

irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade

mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte

Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem,

Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen

Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten

Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man

_Zufälle_ doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff

dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ...

Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf!

Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je

nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und

obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit

Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns

gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich

feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade

prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen

lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode

nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die

Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein

Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen

möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen

Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn,

Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die

Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich

denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe

und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle

spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter

Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die

Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn

sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der

Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er

plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als

eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und

zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit

England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine

fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man

mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch

erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige,

heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die

Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in

der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst

zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede

Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England _in jedem

Falle_ ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein

X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte

glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen?

Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen _anfangen_, doch nicht beenden“?

Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn

der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende.

Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“

vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die

Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch

wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend

möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu

sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits

dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der

es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem

einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch

niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es,

könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern

würde es dann eine _entente cordiale_ schließen! Zu seinem Unglück aber

hat es in Europa wohl noch nie eine für neue _ententes cordiales_

ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat

sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und

mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich

furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische

Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und

von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird

dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt

bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten

vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich

verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen

Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer,

einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick,

und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung

ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner

Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht

England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h.

eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit _nichts_

wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis

jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in

seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser

Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen

anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran

glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur

Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr

großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie _nicht richtig_

sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets

irgendwie veraltet. Man versteht nicht, _in die Zukunft_ zu sehen, das

ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst

Vergangenem!

Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll

man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben

sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit

gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen

Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller

Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage,

gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben

beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber

in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine

europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller

übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte

man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und

Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im

Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab.

Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle

von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja

eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind:

bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt,

eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder

Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in

Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die

anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich

vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem

Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so

Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher

Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich

im alten Europa erheben, aber _nur_ das alte Europa und nicht Rußland

angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch

eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit

größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa

ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige

Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in

eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den

verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt

ist, unabhängiger denn je zu werden.

Sämtliche Werke 13 · 第 53 / 86 题