Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne
weiteres damit:
„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben
bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt
liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie
alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum
endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“
Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den
ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der
Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die
Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos
mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der
katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich
seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich,
und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in
unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich
sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt
sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren
Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch
Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und
ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des
Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht
_mehr oder weniger_ mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer
Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein
Irrtum von mir sei, und wird mich auf das _Bewußtsein_ dieser selben
Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker,
die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der
europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an
der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt
haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht
ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche
Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen
Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines
hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch
von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit
und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl,
ganz so wie die Masse ihres Volkes, _fortgesetzt geglaubt_, daß in
diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame
Zivilisation ausmachen, _gerade sie_ (sagen wir, zum Beispiel, die
Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, _sie_ die
vordersten, _sie_ diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen,
die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von
diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas
entlehnen, doch immerhin nur _etwas_, daß dafür aber jene anderen Völker
von ihnen _alles_ übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von
ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen
überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste
anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu
verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich
zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue,
doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner
früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht
weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und
nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen
Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das
heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos;
doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum,
daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß
diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln
befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch
den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter,
den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß
jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu
sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im
Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und
sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur
als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie
ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen
Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden
seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich
zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man
wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert
seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile
vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite
auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die
Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine
Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend.
Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu
werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling
viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines
Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß
„Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings
wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch
schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen
Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren
Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht
unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch
mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene
Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen,
Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen:
nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird
doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit
nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige
Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle
großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort
sagen willst und _kannst_, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner
lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen
Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen
Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das
Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm
bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen
vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und
organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen
vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur
die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres
Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle
Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles
erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit,
Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und
alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind
die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und
überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don
Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr
glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt!
In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch –
an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der
Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die
bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus
der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst
die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig
wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie
strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben,
als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen
Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem
einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen
doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er
überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner
bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch
nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das
heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns
Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle
anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein
in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt
im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben
Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen
„Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber
nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die
Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr
glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr!
Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre
ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren,
treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und
selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das
die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das
Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im
Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und
Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum
„Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien
Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig
Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der
Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen
Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen
großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der
Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden.
Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien
nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig,
was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz
ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen,
gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und
übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht,
und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch
nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so
lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben
also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja,
gerade eine _nationale_ Idee. Folglich wäre, wenn die nationale
russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche
Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere
Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere
ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten,
wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach
unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung
geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der
wunde Punkt.