Foma Daniloff

Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht

brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen

Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der

Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten

Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er

nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen.

Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen

Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen.

Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und

als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht

dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger

haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden

genannt.

Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen

mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft

hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche

Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch

_besonders_ darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung,

Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und

Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit –

das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von

ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von

Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau,

Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen

Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel,

von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden

sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die

kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte

dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach

Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120

Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache

wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der

gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden

Fragen, Krachs usw.

Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu

dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht

beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß

darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon

als von etwas _Besonderem_ gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man

es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel,

nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer

„Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht

vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein

großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche

Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige

mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft,

Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine

blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas

allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten

wir da als etwas _Besonderes_ besprechen sollen? Nicht von unserer Welt

ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell,

die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es

gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische

Idee zum Beispiel ...“

Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es

mir erlaubt und verzeihlich, etwas _Besonderes_ auch über Daniloff zu

sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar

so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser

Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich

damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich

rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird

es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs

kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen

Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese

Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein.

Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher

Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen

oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über

die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir

dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons

vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands,

unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses

selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden

Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung

eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr

seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur

intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die

gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser

Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft

bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder

und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten

Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau

so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer

auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer

unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten

würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der

positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen

Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“

gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht

leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine

überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige

Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht

Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem

Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr

wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und

geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare,

erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben

und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas

auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar:

Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in

Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der

Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner

Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die

Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die

Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres

Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und

vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung,

Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe,

die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie

durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich

trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat.

Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der

allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern,

so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses

Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht

ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht

einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und

plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter

Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine

Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener

Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff

begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen

wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein

Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was

ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen

Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt

ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen

leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual

ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und

Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der

Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen

Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums,

gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost

und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften

und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus

werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht

haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich

sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte

Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch

sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln;

ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht

zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem

eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege

lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja

Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“

Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche,

elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt

hätten!

Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die

Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche.

Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes

geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt

dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so

liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um

des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und

unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der

Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine

Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus,

der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des

grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach,

ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne

Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran

ich glaube, das bekenne ich auch.“

Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir

solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus,

versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn.

Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber _was_ sollen wir

es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken,

nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch

die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst

nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch

Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu

_erleuchten_. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir

ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen

_erleuchten_? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im

höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort

des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem

nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel.

Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte

als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“,

– nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist

Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum

Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine

Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß

das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere

Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir

es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes

genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift

seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in

uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten,

und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns

überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden

Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des

Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht,

wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste

Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht

übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz

vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster

Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an

sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden,

wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten

diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch

noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk

denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk

liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir

denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich

das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine

Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir

wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und

Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen,

erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade

beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann

würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt

noch nicht einmal träumen lassen.

Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke.

Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist

und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir

aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel

die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst

hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer

Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir

uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm

auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu

finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß

sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine –

Selbsttäuschung ist.

Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit?

Sämtliche Werke 13 · 第 44 / 86 题