Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls
Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des
Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie
ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht
uninteressant.
Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu
den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt
anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht
gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus:
„Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! _Il était pourtant le
moins incapable de nous tous!_“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall
hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem
unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall
hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal
so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals
störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das
schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki,
Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen
sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen
interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie
von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der
Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung
als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt
hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte
einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht
begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an
Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei
Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den
Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben.
Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die
schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit
Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser
versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren
Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was
für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem
damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon
erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen
seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung
seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner
Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum
Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise
war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem
Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr
Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer
geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat
Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte
er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der
Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er
fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein
Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes
anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was
zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft
verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl
erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, _nicht_ zu
dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner
Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit,
daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines
Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn
an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht.
Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich.
Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er
vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der
Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich
gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee,
die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch
noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur
dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte
festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall,
als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht
irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen,
wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ...
die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so
gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem
Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie
für die Republik aufzusparen.
Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und
augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben –
verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen
nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche
Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in
Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist
ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals
keine Regierung gab – _la France existait_!“ rief darauf der Herzog
d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus.
Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden.
Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich,
einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu
verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine
Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch
jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer
rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten
aus Parteiinteresse.
Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind
aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen?
Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines
Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen
Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein
Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und
verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist
der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die
Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden?
In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der
Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim
Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe
aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in
dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende
Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern
„Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze
dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und
Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen
zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der
General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch
als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche,
talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser
Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug
geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden
Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos
gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren,
von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie
waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne
des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch
nur Republikaner! _La république avant tout, la république avant la
France_ – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte
der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der
Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und
scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den
Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei
anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu
konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser
lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den
noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich
selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach
irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er
aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr
Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte
Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige
beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet
hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können.
Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß
sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht
einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser
kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat,
und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen –
besteht doch auch auf der Devise: „_la république avant la France!_“
Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet
er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er
mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber
auch dessen Devise ist: „_la république avant tout_“, und auch er ist
vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft
ist den Republikanern offenbar die liebste.
Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen
einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen
Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner,
gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr
Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem
Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der
Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen
Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der
neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das
ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in
Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten
eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen,
daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin
endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche
gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit
einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den
ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch
richtig zu einer Mehrheit.
Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt,
so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der
Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen,
denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso
wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen
Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr
Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „_Chacun
pour soi et Dieu pour tous_“. Aber auch bei dieser Devise gehört der
Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen
das Wort Vaterland bedeuten?
Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen
Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit
Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken
nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die
Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den
Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der
zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon
wieder eine Partei in der Partei.
Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine
dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich
dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es
kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht
mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern;
denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. –
Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie
tun?