In Frankreich erleben wir heute[3] den Kampf zwischen Republik und
Monarchie.
Die republikanische Partei hat zwar die meisten Anhänger, doch trotzdem
glaube ich, daß das Ende der französischen Republik herannaht. Denn was
ist schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? Das ist doch
etwas durchaus Negatives. Thiers hat ja selbst von seiner Republik
gesagt, daß sie eigentlich nur notwendig sei, weil keine einzige der
anderen Regierungsformen, die die gegnerischen Parteien einführen
wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein negativer Vorzug
kann aber das müde Frankreich, das um jeden Preis Ordnung und eine sie
erhaltende Kraft haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – um so
weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, einzig mögliche
Regierungsform im gegenwärtigen Frankreich die anderen Parteien
keineswegs beseitigt, sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt;
denn jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas Positives
bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, wie es Thiers tut, heißt
selbst an sie nicht glauben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund,
warum alle Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas
Vorübergehendes, fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches Übel
betrachten. Solch eine schiefe Stellung ist auf die Dauer unerträglich,
und so wird sich die Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten
können.
Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie?
Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord[4] den Thron schon
bestiegen hat, daß die Partei der Republikaner schon aufgelöst worden
ist, daß das Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine
nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf nimmt. – Versichern
doch viele Legitimisten, daß der Graf von Chambord den Franzosen
„mindestens 18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir glauben
ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es „mindestens“ 18 Jahre sein
würden –. Die Frage aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen.
Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, selbst wenn der Graf
sich längere Zeit auf dem Throne behauptet? Wodurch werden Europa und
die Welt beruhigt?
Louis Veuillot[5] sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten besteht in der
unbedingten Aufrechterhaltung seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese
nicht um ein Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich zu
retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn der neue König tun, um
Frankreich zu „retten“? Und was bedeutet eigentlich das Wort
„Möglichkeit“ in diesem Falle?
Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht erstens und hauptsächlich
darin, daß seine Macht eine – rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja,
was dann folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es so
ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben kann. Das heißt, wenn
die Triebfedern, die jetzt die ganze legitimistische Partei veranlassen,
die Monarchie zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts
weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord und alle, die
ebenso denken wie er – es gibt ja auch solche unter seinen Anhängern –,
vollkommen phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber nicht,
daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner Macht überzeugt ist,
sondern, daß alle Franzosen gleichfalls an die Rechtmäßigkeit seiner
Macht glauben; das aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte
dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich nichts mehr zu
wünschen übrigbleiben: es würde dann wieder stark und zum erstenmal in
unserem Jahrhundert wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei
und glücklich sein.
Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle
seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von
dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht
noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan
erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich
zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr
bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich
während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer
damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen,
unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit
seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun!
Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die
Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann
wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt,
so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen
oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann
er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit,
Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen
und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus
einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber
solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares
Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil
gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen
von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an
die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten
Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den
Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr
überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt
nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen
soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei
denken; das bedeutet, daß er von _allen_ gewählt sein will. Darin aber
besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er,
wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen
überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die
rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“
sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung
erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine
Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese
Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind
durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt,
daß ihn _alle_ wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner
Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch,
gelinde gesagt, etwas wunderlich vor.
Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist,
daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich
seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch
irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich
nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel
fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch
nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den
Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man
wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen,
ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit
dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der
Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht
zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in
sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern
durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen
antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für
die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze
Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und
endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben
gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und
Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das
Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle
Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese
drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von
Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn
überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit
geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain
wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und
Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden
aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man
in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an
allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas
Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und
Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der
Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer
Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich
erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch
dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe,
unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der
zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer
drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König
irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu
den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ...
Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu
ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der
unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren
Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit
dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr
Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und
Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit
dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und
Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich
nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung
der Weltmacht des Papstes.“
Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen!
Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat,
daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner
Regierung nicht zugleich das _Gouvernement der Patres_ bringen will. Nun
– diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den
wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch
schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und
mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist,
vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß
die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die
Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich
natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber
haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß
es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre
ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf
von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in
Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen
das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich,
Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der
Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt
unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren
Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer
großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus
zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze
klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der
_letzte_ Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum
_letzten_ Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen.
Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum
ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da
es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige
fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab _verstehen_,
sich ans _Volk_ zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche
bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das
Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen.
Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee
von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern.
Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum!
Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und
alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu
überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß
Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt
schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses
wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für
Christus nehmen.
Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht
vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit
sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk
sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in
einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu
rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich
dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber,
wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären –
so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg
einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu
unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von
Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu
gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des
„Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht
des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird
deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es
dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur
Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen
von Chambord, seine Lösung in dem großen und _unfreiwilligen_ Kriege
zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar
für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und
nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für
den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen
lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein,
solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt
vorübergehen lassen können.
Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht,
daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen
zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur
Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich
gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß
Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis
zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob
sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in
Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann,
und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen
wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig
vertreiben kann?
Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische
Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die
Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und
„unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können
das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem
_status in statu_, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der
böse Geist ist stärker und _reiner_ als sie! Nicht mit diesem Heer kann
der Graf von Chambord sein _neues Wort_ sagen. Wenn aber nicht mit
diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der
Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem
reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele
begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus
mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich
retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in
die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie
zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn
sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er
sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den
Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der
zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf
Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor
die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit
Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken
Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden
können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes
auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn
sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der
Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen
wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die
Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon
so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens –
bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen
Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken?
Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem
Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten
oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt
nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit
welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen?
Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von
Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist
kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das
_einzige_, das eine neue, positive Idee bringt, als der _einzige_, ganz
Europa vorherbestimmte Ausweg, als das _einzige_ Heil. Darüber kann kein
Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den
bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder
vielleicht werden ihn schauen ...
Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für
Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist:
niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die
geringsten Mittel, es zu _retten_.
Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder
Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es
scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig
ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für
ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich
in anderem Zusammenhange einmal versuchen.