XIV.

Die Umwandlung der Staaten unserer Gesellschaftsordnung in

Kollektivstaaten.

Der erste Schritt zur Einleitung der Umwandlung ist die Fortführung

der hier versuchten Untersuchung und die Vervollkommnung der

von mir gemachten Vorschläge. Diese Vorschläge betreffen nicht

nur das Wesen des Kollektivismus, sondern auch die Organisation

des Kollektivstaates und den Gebrauch, den der Staat von der ihm

zustehenden wirtschaftlichen Macht machen soll. Es könnte sich

daraus eine volkswirtschaftliche Schule entwickeln, welche für

dieses größte aller Ideale Propaganda machen wird und wenn es in der

Entwicklung der menschlichen Dinge liegt, daß wir zum Kollektivismus

gelangen, so wird sich ein Umschlag in den Anschauungen vollziehen,

der der Umwandlung vorhergehen muß. Wie der Liberalismus durch die

Universitäten verbreitet wurde, so wird der Kollektivismus bald das

Ideal der Universitäten werden. Es gibt allerdings Schichten unter

den Gebildeten, welche sich, wie schon im vorhergehenden Abschnitte

erwähnt wurde, durch das kollektivistische Ideal bedroht fühlen, so

Juristen und Theologen. Allein wenn sie zur Überzeugung gelangen, daß

die Umwandlung sich nur langsam vollziehen kann, so werden sie sich

beruhigen und wir werden unsere Söhne eben nicht mehr Jurisprudenz

oder Theologie, sondern Medizin oder Naturwissenschaften oder Technik

studieren lassen. Statt der Juristen werden in Zukunft der Arzt und der

Naturforscher im Staate herrschen und wenn das Ideal Feinde hat, so hat

es naturgemäß auch Anhänger, welche den Kampf dafür aufnehmen und =die

heute so schimpfliche Lage der Ärzte wird sie zu Aposteln der neuen

Lehre machen=. Die Gegner sind einer Bewegung, die sich so Gewaltiges

zum Ziele setzt, erwünscht, denn nur was sich im Kampfe durchringen

muß, wird etwas Rechtes. Habe ich nicht mehr erreicht, als daß der

Kollektivismus nicht mehr totgeschwiegen werden kann, so habe ich genug

erreicht.

Und ist es noch niemand aufgefallen, daß die menschliche Gesellschaft

alle Richtung verloren hat, daß sie seit dreißig Jahren vergeblich nach

einem Ziele sucht: Wir wissen nicht, wo aus. Der Liberalismus hat sich

überlebt, das _laissez faire, laissez aller_ hat ausgespielt, es muß

einer schöpferischen Staatskunst Platz machen. Wir haben nur die Wahl,

eine neue Gesellschaftsordnung zu suchen oder zu veralteten Zuständen

zurückzukehren. Der Adel drängt sich wieder vor und die religiösen

Fanatiker drängen nach der Wiederherstellung jener Kirchenmacht, die

sich bis vor 200 Jahren so außerordentlich verderblich erwiesen hat.

Ihre Verdrängung durch den Aufklärungsstaat war eine Erlösung, ein Sieg

für alle Menschen. Dulden wir keine religiöse und keine ständische

Reaktion, sie führen wieder zu allen Übeln, die die mit vielen

Verbrechen befleckte, aber doch so glorreiche französische Revolution

überwunden hat. Eine kollektivistische Schule, eine kollektivistische

Partei, die sich aus den Gebildeten rekrutiert und sich die

Universitäten, Hochschulen und Mittelschulen erobert, wird vorausgehen.

Die Wirksamkeit der sozialdemokratischen Partei wird ihr in die Hände

arbeiten, wenngleich ich meine, die kollektivistische Partei müsse,

zunächst wenigstens, nicht in ihr aufgehen, sondern parallel mit ihr

arbeiten. =Daß das Proletariat allein berufen sei, den Klassenstaat zu

stürzen und den Kollektivismus ins Leben zu rufen, ist für mich kein

Evangelium, aber mich zu bekämpfen, hat die Sozialdemokratie keinen

Grund.=

Die praktischen Maßregeln zur Verbreitung des Kollektivismus

sind leicht zu erkennen. Es handelt sich um die Fortsetzung der

Verstaatlichung, Verstaatlichung der Eisenbahnen, Verstaatlichung

des Geldwesens, Verstaatlichung des Kreditwesens, Verstaatlichung

der Volksschule, Inanspruchnahme einer Mitwirkung an der Erziehung

für den Staat, Verstaatlichung des Großgrundbesitzes und aller jener

Industrien, auf welchen heute die großen Konsumsteuern lasten, das sind

die ersten Etappen der Umwandlung.

Weiter handelt es sich darum, den Staat in ein Erwerbsinstitut

umzuwandeln. Er muß zu einem entsprechenden Vermögenseinkommen gelangen

und dazu ist der erste Schritt die Schaffung eines Nationalvermögens,

welches im Zusammenhange mit der Staatskreditreform und den

verstaatlichten Kommunikationen zu einem wirtschaftlichen Übergewichte

des Staates führen muß.

Auch die Rechtsanschauungen müssen sich ändern und darum muß man

die Rechtsanschauung der in XIII erwähnten 5 Kirchenväter in die

Gesellschaft einführen. Die Anschauung, daß reiche Leute einen Besitz

innehaben, wofür sie dem Volke verantwortlich sind, gibt dem Staate

das Recht, ihnen Lasten für diese Interessen aufzubürden. Man wird

das Beispiel Englands nachahmen und in alle Ortschaften und Gebiete,

wo die Sterblichkeit 25, 20, 15 per Tausend übersteigt, Kommissionen

entsenden, die die Ursache, weshalb diese Sterblichkeit vorwaltet,

ermitteln und Mittel zur Abhilfe vorschlagen. Man wird des ferneren

von Großgrundbesitzern und Großindustriellen fordern, daß sie für einen

ihrem Besitz entsprechenden Teil der Bevölkerung Wohnungen in richtig

angelegten Niederlassungen herstellen, welche dem kollektivistischen

Bedürfnisse entsprechen.

Späterhin wird das Erbrecht auf direkte Nachkommen einzuschränken

und das Testaterbrecht, ausgenommen das Recht zugunsten des Staates

zu testieren, aufzuheben sein und endlich werden die Geldstrafen und

die Strafe der Vermögenskonfiskation zur Bekämpfung der besitzenden

Klassen dienen. Die Geldstrafen für die Verbaldelikte, aber Geldstrafen

bis zu einem vielfachen des Jahreseinkommens, würden bald zu einer

Unterwerfung der Besitzenden führen, welche heute die Herren im Staate

sind.

Auch Verfassungsänderungen, wonach das Abgeordnetenhaus die produktiven

Klassen allein zu vertreten und die herrschenden Klassen ihre

Vertretung im Herrenhause hätten, werden sich empfehlen. Endlich müßte

man recht bald das stehende Heer durch ein Milizsystem zu ersetzen

suchen, um die ungeheuren Geldmittel, welche dem stehenden Heere

gewidmet werden, für Erziehung und Unterricht und für Altersversorgung

frei zu machen.

Wenn das kollektivistische Ideal verständige Apologeten findet, werden

es gerade die Monarchen sein, welche sich zuerst dazu bekennen. Das

Gefühl der Verantwortung für all das Elend unserer Gesellschaftsordnung

wird ihnen bald zu drückend werden, wenn es klar wird, daß es nur

Privatinteressen sind, welche den wichtigsten Interessen des Volkes und

der Kultur im Wege stehen.

Endlich kann es nicht fehlen, daß auch religiöse Anschauungen uns

bald zuhilfe kommen werden. Doch wäre es nicht erwünscht, daß die

religiös-kollektivistische Bewegung zu früh in Gang käme.

Die größten Schwierigkeiten werden sich darbieten, sobald man

die Umbauten in Angriff nimmt, welche mit der Umgestaltung der

Gesellschaftsordnung Hand in Hand gehen müssen und wenn der Staat

selbst kollektivistische Gemeinden ins Leben ruft, obgleich noch

eine völlige Verdrängung der alten Gesellschaftsordnung nicht

stattgefunden hat. Eine Form zu finden, wie kollektivistisch

organisierte Volksschichten mit nicht kollektivistisch organisierten

neben einander leben können, ist sicherlich schwierig. Und doch

haben wir für die Lösung dieses Problems Anhaltspunkte in den

Mönchsorden, welche kollektivistisch organisiert sind und inmitten

von Völkern leben, welche nichts vom Kollektivismus wissen. Denken

wir uns die =wirtschaftliche= Organisation der Mönchsorden auf eine

Bevölkerung, die keine religiösen Zwecke verfolgt, die Askese verwirft

und die Zeugung pflegt, welche also Männer und Weiber, Erwachsene

und Kinder umfaßt und welche die Produktion betreibt, also die

Beschaulichkeit durch Arbeit ersetzt, so haben wir die Grundlagen

einer kollektivistisch organisierten Bevölkerung, die mitten unter

einer Bevölkerung lebt, die noch der heutigen Gesellschaftsordnung

angehört. Doch sollen diese kollektivistischen Organisationen

schon von allem Anfange an sich als Ortsgemeinden organisieren

und nicht als bloße Gesellschaften innerhalb von Ortsgemeinden mit

Privateigentum. Man würde demnächst mit Urgemeinden kollektivistischer

Wirtschaftsreform beginnen. Der Staat hätte ein Kapital von vielen

Millionen zu widmen, eine oder mehrere, etwa zwanzig neben einander

gelegene Urgemeinden aufzubauen und sie zu besiedeln. Diese Besiedelung

könnte zum größten Teil mit proletarischen Arbeitern, aber von

hervorragend körperlicher Tüchtigkeit und Gesundheit, geschehen,

aber sie könnte auch nicht produktive Volksschichten umfassen,

Waisenkinder, Altersversorgungsberechtigte, welche für Rechnung der

versorgungspflichtigen Gemeinden aufgenommen würden oder mit welchen

ein Versorgungsvertrag geschlossen würde. So könnte auch die Aufnahme

pensionierter Staatsbediensteter erfolgen, sagen wir von arbeitsunfähig

gewordenen Arbeitern des Tabakmonopols, in die Altersversorgung

aufgenommenen Staatseisenbahnbediensteten, Militärinvaliden, welche für

Rechnung der versorgungspflichtigen Institute verpflegt würden, oder

auch mit Geldpensionen versorgte Leute, welche sich mit ihrer Pension

in die kollektivistische Versorgung einkaufen.

Mit den in die Besiedelung aufgenommenen proletarischen Arbeitskräften

müßte zunächst ein Vertrag abgeschlossen werden, wonach sie

naturalwirtschaftliche Versorgung als Lohn zu empfangen hätten

mit dem Anspruch auf einen kollektivistischen Vermögensanteil nach

Ablauf einer Reihe von Jahren, während welcher jeder Teil den Vertrag

lösen könnte. Nach Ablauf jener Probezeit würde der Arbeiter wie

ein kollektivistischer Bürger das Recht auf jede Art von Versorgung

für sich und seine aus einer von der Verwaltung gebilligten Ehe

entspringenden Nachkommen haben, freilich in der ersten Zeit nicht in

jenem Ausmaße, wie der Anteil eines Kollektivbürgers nach vollendeter

Umwandlung sich gestalten würde. So wie der Kollektivstaat späterhin

inmitten von Staaten der alten Gesellschaftsordnung wird leben müssen,

werden auch die so entstandenen kollektivistischen Volksschichten

inmitten einer Bevölkerung leben müssen, welche noch der alten

Gesellschaftsordnung angehört.

Diese Kollektivgemeinden werden bald die Kirchengüter und den

Großgrundbesitz, deren Erwerb der Staat sich zuerst wird angelegen

sein lassen, umgestalten und zugleich als Erziehungs- und

Versorgungsanstalten und als große Hotels Erwerbsinstitute darstellen.

Es werden kollektivistische Versuchsanstalten sein, welche aber

nur einen Teil der Vorteile bieten können, die der siegreiche

Kollektivismus nach Niederringung der alten Gesellschaftsordnung bieten

wird. Man darf von solchen Versuchsgemeinden nicht fordern, was wir

vom Kollektivismus eines großen Reiches erhoffen, aber einen großen

Fortschritt wird man sicher erkennen.

* * * * *

Es ist hier die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die Verdrängung

des Privatkredits durch den Staatskredit und der Geldwirtschaft durch

die Naturalwirtschaft sich nur langsam vollziehen kann, und daß demnach

die Verstaatlichung des Großbesitzes sich anfangs in derselben Form

vollziehen muß, wie die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Da sich aber

die Rechtsanschauungen nach und nach auch verändern müssen, besonders

sobald die Forderung nach erhöhtem Aufwande für die arbeitende Klasse

auf Grund der von den Kirchenvätern verkündeten Rechtsgrundsätze

zu einer religiösen Forderung des Christentums gemacht wird, müssen

die Verstaatlichungsprinzipien immer ungünstiger für die Besitzenden

werden. So ist es offenbar, daß der Großgrundbesitz in österreichisch

Polen mit der Verpflichtung belastet werden wird, das Wohnungswesen

der bäuerlichen Bevölkerung auf Kosten der Besitzenden umzugestalten.

So werden auch der Großindustrie Verpflichtungen im Interesse der

Arbeiterschaft auferlegt werden, welche die Verstaatlichung sehr

erleichtern müssen.

Der Sozialreform wird auch der, wie es scheint, uns bevorstehende

Weltkrieg sehr zustatten kommen, denn er wird einen allgemeinem

Bankrott, nicht nur der Staaten, sondern auch der Großbesitzer im

Gefolge haben, daher ich in meinem Roman »Österreich im Jahre 2020« auf

Seite 59 prophezeit habe, daß der Weltkrieg zur Staatsomnipotenz führen

muß. Besser freilich wäre es, die Umgestaltung würde früher in Angriff

genommen und dadurch die Phantasie der Völker von jenen Interessen

abgelenkt, die zum allgemeinen Kriege drängen.

Der Kollektivismus und die soziale Monarchie · 第 152 / 152 题