3. Die Viehzucht.

Dieser Zweig der Landwirtschaft ist besonders wichtig und wird die

Bestellung mehrerer Produktionsleiter in jeder Gemeinde bedingen. Für

die Wartung der Tiere wird im Vergleiche zum bäuerlichen Betriebe

einesteils zwar eine Ersparnis an Arbeit durch die Anlage von

Zentralstallungen erzielt werden, andererseits aber durch allgemeine

Einführung des Achtstundentags und durch Bestellung einer Stallwache

für die Nachtzeit ein erhöhter Aufwand an Arbeitskräften stattfinden,

da in unserem bäuerlichen Betriebe die mit der Wartung des Rindviehes

betrauten Personen das ganze Jahr hindurch einen acht Stunden weit

übersteigenden Dienst haben. Andererseits scheint eine völlige

Zentralisation der Stallungen in den Gemeinden auch eine größere

Gefahr für Seuchen zu bedingen, daher man schon bei der Anlage von

Stallungen zu erwägen hat, was vorteilhafter ist, die Anlage mehrerer

Stallungen, oder deren Vereinigung in einem Bau. Vielleicht genügt

es, die Stallungen durch mehrere Scheidewände in isolierte Abteilungen

zu zerlegen oder eine gut abgemauerte Abteilung zu errichten, welche

vorkommendenfalls als Kontumazstall zu dienen hat, eine Vorsicht, die

der Bauer nicht beobachten kann. Im Falle von Viehseuchen wird auch

das Wartepersonal der kranken Tiere vollkommen zu isolieren sein,

was auch nur im Kollektivstaat ausführbar ist. Sind nun die in der

Viehzucht verwendeten Arbeitskräfte gründlich in der Erkennung der

Krankheitssymptome der ansteckenden Viehkrankheiten unterrichtet,

und ist eine nächtliche Stallwache eingeführt, so scheint der

Kollektivismus ganz besondere Vorteile für die Unterdrückung der

Viehseuchen zu bieten. Dabei kommt ja auch in Betracht, daß alle jene

Gefahren für die Verschleppung von Viehseuchen hinwegfallen, welche

durch den Marktauftrieb herbeigeführt werden. Endlich kann man sich

im Kollektivstaat bei Ausbruch von Viehseuchen viel leichter zur

Keulung auch bloß verdächtiger Tiere entschließen, als in unseren

Verhältnissen, wo den Schaden der Einzelne zu tragen hat, oder die

Entschädigung im öffentlichen Interesse zwar zugesagt, voller Ersatz

aber immerhin zweifelhaft ist und dessen Erlangung Zeitverlust

verursacht.

Für die Reinhaltung und rationelle Wartung der Tiere, besonders der

Rinder, kann im Großbetriebe viel mehr geschehen, als im bäuerlichen

Betriebe. Auch die Aufzucht der Tiere wird im Großbetriebe viel

erfolgreicher sein.

Die Pferdezucht wird vielleicht eingeschränkt werden. Der maschinelle

Transport und der Maschinenbetrieb in der Landwirtschaft wird,

wenn er sich als ökonomisch erweist, vermehrt werden, und auch die

Ausnützung der Pferde im Transport gewinnt durch die Zentralisation

sehr erheblich. Gerade jener Transport, welcher heute vorzugsweise mit

Pferden betrieben wird, der Transport von Landwirtschaftsprodukten

aus den Dörfern nach den Städten, wird im Kollektivstaat, wenn

die Bevölkerung nur im geringen Maß in Städten angesiedelt wird,

bedeutend eingeschränkt werden, und es ist wahrscheinlich, daß in

einem Bezirke von 20,000 Einwohnern der ganze regelmäßige Transport

zwischen den Gemeinden und dem Bezirksort und zurück durch zehn Paar

Pferde und eine Reserve von etwa ebensoviel Pferden sehr leicht wird

bestritten werden können, und Ausnahmen werden vorübergehend nur

dort vorkommen, wo größere Bauten durchzuführen sind. Was durch das

Sammeln von Transporten an Ökonomie gewonnen werden kann, zeigen die

Frachtbegünstigungen, welche die Eisenbahnen für Massentransporte

bewilligen. Das System der Sammeltransporte ist aber für den Bauer

nicht durchführbar, und darum braucht eine Dorfschaft für den

Frachtentransport heute viel mehr Zugtiere, als nach Verhältnis der

zu bewältigenden Lasten notwendig wäre. Auch Frächter braucht der

Transport im Kollektivbetriebe viel weniger, wobei man für heute

auch annehmen kann, daß mancher Bauer wenig danach frägt, ob er seine

Fahrten nach der Stadt einschränken könnte, wenn er sich das Vergnügen

einer Stadtfahrt machen will.

Eine beträchtliche Ersparung bringt im Kollektivstaat das Wegfallen

der Märkte, insbesondere der Viehmärkte, mit sich. Da kein Kauf und

Verkauf von Nutztieren im Inlandsverkehr stattfindet, erspart man alle

damit verbundene Arbeit. Nur ein Teil der Umsatzarbeit im Viehhandel

kommt als Handelsberufsarbeit in der Statistik in Rechnung, insofern

nämlich Kaufleute und Agenten sich bloß mit dem Kaufe und Verkaufe von

Tieren befassen. Wo aber der Bauer an Bauern verkauft oder von ihnen

kauft, ist nicht von Handel als Beruf die Rede. Die Viehmärkte kommen

auch nicht bloß als Zeitverlust in Betracht, welchen der Auftrieb der

Tiere, das Schachern und der Heimweg verursachen, sondern es entsteht

durch die Viehmärkte auch ein Verlust an Milch und Fleischgewicht,

der im Umfange eines großen Reiches sehr viel beträgt. Es ist nicht

uninteressant, sich mit den Kniffen vertraut zu machen, deren sich die

Bauern bedienen, um sich wechselseitig zu hintergehen. So werden die

Kühe am Tage vor dem Markte, auf welchen sie aufgetrieben werden, nicht

ausgemolken, damit sie mit strotzendem Euter zum Verkauf kommen sollen.

Selbstverständlich muß auch im Kollektivstaat ein Austausch von

Tieren zwischen den Ortschaften stattfinden, sie wechseln aber nur den

Standort, nicht den Eigentümer, daher es nur einer Verwaltungsverfügung

bedarf. Dabei entsteht allerdings auch ein Teil der mit den Märkten

verbundenen Arbeit und Verlust am Werte der Tiere. Da es sich aber

nur um die wirklich notwendige Veränderung und um die kürzesten Wege

handelt, wird doch ein sehr großer Teil des Aufwandes, den unsere

Märkte verursachen, erspart. Viele Bauern bringen die Tiere, die sie

viele Stunden weit auf den Markt getrieben haben, wieder zurück, um

sie dann an einen Nachbar in der Heimatsgemeinde oder sonst in der

Nähe zu verkaufen. Für den Austausch der Tiere im Kollektivstaat ist

auch nur der Abtrieb nach dem Bestimmungsort erforderlich, während

auf dem Markte das Feilschen und Besichtigen von Tieren den ganzen

Tag kostet. Kann man im Kollektivstaat die in andere Stallungen zu

versetzenden Tiere an die täglich im Bezirk kursierenden Frachtwagen

binden, so erspart man auch die Begleitung, und ist ein Austausch

zwischen sehr entfernten Orten erforderlich, so hat die Verwaltung je

nach der Zweckmäßigkeit die Wahl, die Tiere den ganzen Weg zurücklegen

zu lassen, oder bloß eine Verschiebung von Gemeinde zu Gemeinde

einzuleiten.

Ein Beispiel mag den Aufwand, den die Viehmärkte verursachen, deutlich

machen.

In Ungarn und Kroatien wurden im Jahre 1900 in 72 Ortschaften 313

Viehmärkte abgehalten und

aufgetrieben verkauft %

Hornvieh 1.147,361 452,761 40

Pferde 402,193 131,557 32

Schafe 428,589 208,606 48

Schweine 263,923 115,029 44

------------------------------------

in Summa: 2.242,066 907,953 40

Es wurden also 1.335,000 Stück Vieh auf den Markt aufgetrieben und

unverkauft zurückgebracht. Da im Kollektivstaat nur die wirklich in

andere Ställe zu versetzenden Tiere abgetrieben werden, =so wären alle

diese Tiere in ihren Ställen geblieben, und die= 907,000 =verkauften

Stücke wären nur von Stall zu Stall, nicht aber auf dem Umwege über den

Markt getrieben worden=. Für ganz Österreich-Ungarn kann man die Zahl

der zwecklos auf den Markt gebrachten und unverkauft gebliebenen Tiere

im Jahr mit 3,5 Millionen veranschlagen, wovon die Hälfte Hornvieh ist.

Alle diese Betrachtungen sollen nur dartun, welche ökonomischen

Vorteile der Kollektivismus bietet, man wird aber gut tun, auch in

Betracht zu ziehen, daß ein Staat wie Österreich nicht bloß zwei

Millionen Arbeitstage oder 7000 Arbeitsjahre im Marktfahren verliert,

sondern daß auch die Märkte eine Schule der Unlauterkeit und der

Trunksucht sind.

Nachstehende Betrachtung zeigt auch einen andern Vorteil des

Kollektivismus gerade in Beziehung auf die Milchversorgung der Städte,

also in Beziehung auf den Produktionszweig der Viehzucht. Man könnte

den ganzen Milchbedarf einer Kreisstadt mit einem Bevölkerungsstande

von 4000-5000 Seelen, die Reisenden inbegriffen, durch eine einzige

nächstgelegene Dorfgemeinde decken, wenn man folgendermaßen verführe.

Der durchschnittliche Milchertrag einer Dorfgemeinde ist bei einem

Viehstande von 360 Stück Rindvieh, und darunter 180 Kühen, etwa 1400

Liter. Stellt man nun in einer der Kreisstadt zunächst gelegenen

Gemeinde nur Kühe, also etwa 350 Kühe, und zwar in der Periode der

größten Milchergiebigkeit, also nach dem Absetzen des Kalbes ein, wo

man auf 15 Liter Milch rechnen kann, so ergibt das eine Tagesproduktion

von mindestens 5000 Liter Milch, welche reichlich genügt, um das Dorf

und die Kreisstadt mit Milch zu versorgen. Vier bis fünf Gemeinden

dieser Art könnten eine Provinzstadt mit Milch versorgen, und nur

eine Großstadt würde den Milchbedarf aus größeren Entfernungen

decken müssen. Zum Teil wird allerdings auch heute so verfahren.

In den Vorstädten der großen Städte werden überall Kühe gehalten,

welchen das Futter zugeführt werden muß, und die Natur der Sache

bringt es mit sich, daß die Eigentümer die trocken stehenden oder

schon wenig Milch gebenden Kühe verkaufen und dafür solche, welche

im höchsten Milchertrage stehen, einhandeln. Aber in dem Maße, wie

im Kollektivstaate, kann das nicht durchgeführt werden, weil immer

Kauf und Verkauf notwendig ist und die Spekulation dadurch erschwert

wird, auch wird in Wien z. B. wohl schwerlich der fünfte Teil des

Milchbedarfs in dieser Weise gedeckt.

Der Güterumsatz, welcher in Milch und Milchprodukten und in Fleisch

in einem Staate von 45 Millionen Einwohnern unter den Verhältnissen

der heutigen Gesellschaftsordnung das Jahr hindurch zu bewältigen

ist, ist von sehr beträchtlichem Umfange, und er hängt von dem

Prozentualverhältnisse der städtischen zur ländlichen Bevölkerung

ab. In den Dörfern erfolgt die Versorgung der Bewohner mit Milch auch

heute beinahe ausschließlich naturalwirtschaftlich und ohne Vermittlung

des Handels, was aber die Versorgung der Städte anbelangt, so bedarf

der Umsatz an Milch, Milchprodukten und Fleisch der Vermittlung des

Handels, der einen beträchtlichen Teil des Erlöses in Anspruch nimmt,

beziehungsweise eine erhebliche Belastung der Konsumenten mit sich

bringt. Man kann den täglichen Handelsumsatz an Milch, Milchprodukten

und Fleisch in einem Staate von 45 Millionen Einwohnern mit 30

Prozent städtischer Bevölkerung auf mindestens 4 Millionen Kronen, in

Deutschland aber auf mindestens 5 Millionen Mark im Tage berechnen,

wenn man nämlich den Verbrauch mit nur 30 Heller für den Kopf und Tag

veranschlagt. Der Jahresumsatz beträgt demnach in Österreich über

1400 Millionen Kronen und in Deutschland über 1700 Millionen Mark

im Jahre. Außer den eigentlichen Handelskosten, die man gerade bei

Milch auf reichlich 20 Prozent des Gesamterlöses veranschlagen kann,

ist bei starker Besiedlung der Städte, welche Zufuhren aus ziemlich

fernen Bezirken notwendig macht, auch der Aufwand an Transportkosten

in Rechnung zu ziehen. Es ist ersichtlich, welche enorme Ersparnisse

in diesen Artikeln gemacht würden, wenn die Bevölkerung so, wie hier

vorgeschlagen wird, über das Land verteilt würde.

Der Kollektivismus und die soziale Monarchie · 第 140 / 152 题