Dieser Zweig der Landwirtschaft ist besonders wichtig und wird die
Bestellung mehrerer Produktionsleiter in jeder Gemeinde bedingen. Für
die Wartung der Tiere wird im Vergleiche zum bäuerlichen Betriebe
einesteils zwar eine Ersparnis an Arbeit durch die Anlage von
Zentralstallungen erzielt werden, andererseits aber durch allgemeine
Einführung des Achtstundentags und durch Bestellung einer Stallwache
für die Nachtzeit ein erhöhter Aufwand an Arbeitskräften stattfinden,
da in unserem bäuerlichen Betriebe die mit der Wartung des Rindviehes
betrauten Personen das ganze Jahr hindurch einen acht Stunden weit
übersteigenden Dienst haben. Andererseits scheint eine völlige
Zentralisation der Stallungen in den Gemeinden auch eine größere
Gefahr für Seuchen zu bedingen, daher man schon bei der Anlage von
Stallungen zu erwägen hat, was vorteilhafter ist, die Anlage mehrerer
Stallungen, oder deren Vereinigung in einem Bau. Vielleicht genügt
es, die Stallungen durch mehrere Scheidewände in isolierte Abteilungen
zu zerlegen oder eine gut abgemauerte Abteilung zu errichten, welche
vorkommendenfalls als Kontumazstall zu dienen hat, eine Vorsicht, die
der Bauer nicht beobachten kann. Im Falle von Viehseuchen wird auch
das Wartepersonal der kranken Tiere vollkommen zu isolieren sein,
was auch nur im Kollektivstaat ausführbar ist. Sind nun die in der
Viehzucht verwendeten Arbeitskräfte gründlich in der Erkennung der
Krankheitssymptome der ansteckenden Viehkrankheiten unterrichtet,
und ist eine nächtliche Stallwache eingeführt, so scheint der
Kollektivismus ganz besondere Vorteile für die Unterdrückung der
Viehseuchen zu bieten. Dabei kommt ja auch in Betracht, daß alle jene
Gefahren für die Verschleppung von Viehseuchen hinwegfallen, welche
durch den Marktauftrieb herbeigeführt werden. Endlich kann man sich
im Kollektivstaat bei Ausbruch von Viehseuchen viel leichter zur
Keulung auch bloß verdächtiger Tiere entschließen, als in unseren
Verhältnissen, wo den Schaden der Einzelne zu tragen hat, oder die
Entschädigung im öffentlichen Interesse zwar zugesagt, voller Ersatz
aber immerhin zweifelhaft ist und dessen Erlangung Zeitverlust
verursacht.
Für die Reinhaltung und rationelle Wartung der Tiere, besonders der
Rinder, kann im Großbetriebe viel mehr geschehen, als im bäuerlichen
Betriebe. Auch die Aufzucht der Tiere wird im Großbetriebe viel
erfolgreicher sein.
Die Pferdezucht wird vielleicht eingeschränkt werden. Der maschinelle
Transport und der Maschinenbetrieb in der Landwirtschaft wird,
wenn er sich als ökonomisch erweist, vermehrt werden, und auch die
Ausnützung der Pferde im Transport gewinnt durch die Zentralisation
sehr erheblich. Gerade jener Transport, welcher heute vorzugsweise mit
Pferden betrieben wird, der Transport von Landwirtschaftsprodukten
aus den Dörfern nach den Städten, wird im Kollektivstaat, wenn
die Bevölkerung nur im geringen Maß in Städten angesiedelt wird,
bedeutend eingeschränkt werden, und es ist wahrscheinlich, daß in
einem Bezirke von 20,000 Einwohnern der ganze regelmäßige Transport
zwischen den Gemeinden und dem Bezirksort und zurück durch zehn Paar
Pferde und eine Reserve von etwa ebensoviel Pferden sehr leicht wird
bestritten werden können, und Ausnahmen werden vorübergehend nur
dort vorkommen, wo größere Bauten durchzuführen sind. Was durch das
Sammeln von Transporten an Ökonomie gewonnen werden kann, zeigen die
Frachtbegünstigungen, welche die Eisenbahnen für Massentransporte
bewilligen. Das System der Sammeltransporte ist aber für den Bauer
nicht durchführbar, und darum braucht eine Dorfschaft für den
Frachtentransport heute viel mehr Zugtiere, als nach Verhältnis der
zu bewältigenden Lasten notwendig wäre. Auch Frächter braucht der
Transport im Kollektivbetriebe viel weniger, wobei man für heute
auch annehmen kann, daß mancher Bauer wenig danach frägt, ob er seine
Fahrten nach der Stadt einschränken könnte, wenn er sich das Vergnügen
einer Stadtfahrt machen will.
Eine beträchtliche Ersparung bringt im Kollektivstaat das Wegfallen
der Märkte, insbesondere der Viehmärkte, mit sich. Da kein Kauf und
Verkauf von Nutztieren im Inlandsverkehr stattfindet, erspart man alle
damit verbundene Arbeit. Nur ein Teil der Umsatzarbeit im Viehhandel
kommt als Handelsberufsarbeit in der Statistik in Rechnung, insofern
nämlich Kaufleute und Agenten sich bloß mit dem Kaufe und Verkaufe von
Tieren befassen. Wo aber der Bauer an Bauern verkauft oder von ihnen
kauft, ist nicht von Handel als Beruf die Rede. Die Viehmärkte kommen
auch nicht bloß als Zeitverlust in Betracht, welchen der Auftrieb der
Tiere, das Schachern und der Heimweg verursachen, sondern es entsteht
durch die Viehmärkte auch ein Verlust an Milch und Fleischgewicht,
der im Umfange eines großen Reiches sehr viel beträgt. Es ist nicht
uninteressant, sich mit den Kniffen vertraut zu machen, deren sich die
Bauern bedienen, um sich wechselseitig zu hintergehen. So werden die
Kühe am Tage vor dem Markte, auf welchen sie aufgetrieben werden, nicht
ausgemolken, damit sie mit strotzendem Euter zum Verkauf kommen sollen.
Selbstverständlich muß auch im Kollektivstaat ein Austausch von
Tieren zwischen den Ortschaften stattfinden, sie wechseln aber nur den
Standort, nicht den Eigentümer, daher es nur einer Verwaltungsverfügung
bedarf. Dabei entsteht allerdings auch ein Teil der mit den Märkten
verbundenen Arbeit und Verlust am Werte der Tiere. Da es sich aber
nur um die wirklich notwendige Veränderung und um die kürzesten Wege
handelt, wird doch ein sehr großer Teil des Aufwandes, den unsere
Märkte verursachen, erspart. Viele Bauern bringen die Tiere, die sie
viele Stunden weit auf den Markt getrieben haben, wieder zurück, um
sie dann an einen Nachbar in der Heimatsgemeinde oder sonst in der
Nähe zu verkaufen. Für den Austausch der Tiere im Kollektivstaat ist
auch nur der Abtrieb nach dem Bestimmungsort erforderlich, während
auf dem Markte das Feilschen und Besichtigen von Tieren den ganzen
Tag kostet. Kann man im Kollektivstaat die in andere Stallungen zu
versetzenden Tiere an die täglich im Bezirk kursierenden Frachtwagen
binden, so erspart man auch die Begleitung, und ist ein Austausch
zwischen sehr entfernten Orten erforderlich, so hat die Verwaltung je
nach der Zweckmäßigkeit die Wahl, die Tiere den ganzen Weg zurücklegen
zu lassen, oder bloß eine Verschiebung von Gemeinde zu Gemeinde
einzuleiten.
Ein Beispiel mag den Aufwand, den die Viehmärkte verursachen, deutlich
machen.
In Ungarn und Kroatien wurden im Jahre 1900 in 72 Ortschaften 313
Viehmärkte abgehalten und
aufgetrieben verkauft %
Hornvieh 1.147,361 452,761 40
Pferde 402,193 131,557 32
Schafe 428,589 208,606 48
Schweine 263,923 115,029 44
------------------------------------
in Summa: 2.242,066 907,953 40
Es wurden also 1.335,000 Stück Vieh auf den Markt aufgetrieben und
unverkauft zurückgebracht. Da im Kollektivstaat nur die wirklich in
andere Ställe zu versetzenden Tiere abgetrieben werden, =so wären alle
diese Tiere in ihren Ställen geblieben, und die= 907,000 =verkauften
Stücke wären nur von Stall zu Stall, nicht aber auf dem Umwege über den
Markt getrieben worden=. Für ganz Österreich-Ungarn kann man die Zahl
der zwecklos auf den Markt gebrachten und unverkauft gebliebenen Tiere
im Jahr mit 3,5 Millionen veranschlagen, wovon die Hälfte Hornvieh ist.
Alle diese Betrachtungen sollen nur dartun, welche ökonomischen
Vorteile der Kollektivismus bietet, man wird aber gut tun, auch in
Betracht zu ziehen, daß ein Staat wie Österreich nicht bloß zwei
Millionen Arbeitstage oder 7000 Arbeitsjahre im Marktfahren verliert,
sondern daß auch die Märkte eine Schule der Unlauterkeit und der
Trunksucht sind.
Nachstehende Betrachtung zeigt auch einen andern Vorteil des
Kollektivismus gerade in Beziehung auf die Milchversorgung der Städte,
also in Beziehung auf den Produktionszweig der Viehzucht. Man könnte
den ganzen Milchbedarf einer Kreisstadt mit einem Bevölkerungsstande
von 4000-5000 Seelen, die Reisenden inbegriffen, durch eine einzige
nächstgelegene Dorfgemeinde decken, wenn man folgendermaßen verführe.
Der durchschnittliche Milchertrag einer Dorfgemeinde ist bei einem
Viehstande von 360 Stück Rindvieh, und darunter 180 Kühen, etwa 1400
Liter. Stellt man nun in einer der Kreisstadt zunächst gelegenen
Gemeinde nur Kühe, also etwa 350 Kühe, und zwar in der Periode der
größten Milchergiebigkeit, also nach dem Absetzen des Kalbes ein, wo
man auf 15 Liter Milch rechnen kann, so ergibt das eine Tagesproduktion
von mindestens 5000 Liter Milch, welche reichlich genügt, um das Dorf
und die Kreisstadt mit Milch zu versorgen. Vier bis fünf Gemeinden
dieser Art könnten eine Provinzstadt mit Milch versorgen, und nur
eine Großstadt würde den Milchbedarf aus größeren Entfernungen
decken müssen. Zum Teil wird allerdings auch heute so verfahren.
In den Vorstädten der großen Städte werden überall Kühe gehalten,
welchen das Futter zugeführt werden muß, und die Natur der Sache
bringt es mit sich, daß die Eigentümer die trocken stehenden oder
schon wenig Milch gebenden Kühe verkaufen und dafür solche, welche
im höchsten Milchertrage stehen, einhandeln. Aber in dem Maße, wie
im Kollektivstaate, kann das nicht durchgeführt werden, weil immer
Kauf und Verkauf notwendig ist und die Spekulation dadurch erschwert
wird, auch wird in Wien z. B. wohl schwerlich der fünfte Teil des
Milchbedarfs in dieser Weise gedeckt.
Der Güterumsatz, welcher in Milch und Milchprodukten und in Fleisch
in einem Staate von 45 Millionen Einwohnern unter den Verhältnissen
der heutigen Gesellschaftsordnung das Jahr hindurch zu bewältigen
ist, ist von sehr beträchtlichem Umfange, und er hängt von dem
Prozentualverhältnisse der städtischen zur ländlichen Bevölkerung
ab. In den Dörfern erfolgt die Versorgung der Bewohner mit Milch auch
heute beinahe ausschließlich naturalwirtschaftlich und ohne Vermittlung
des Handels, was aber die Versorgung der Städte anbelangt, so bedarf
der Umsatz an Milch, Milchprodukten und Fleisch der Vermittlung des
Handels, der einen beträchtlichen Teil des Erlöses in Anspruch nimmt,
beziehungsweise eine erhebliche Belastung der Konsumenten mit sich
bringt. Man kann den täglichen Handelsumsatz an Milch, Milchprodukten
und Fleisch in einem Staate von 45 Millionen Einwohnern mit 30
Prozent städtischer Bevölkerung auf mindestens 4 Millionen Kronen, in
Deutschland aber auf mindestens 5 Millionen Mark im Tage berechnen,
wenn man nämlich den Verbrauch mit nur 30 Heller für den Kopf und Tag
veranschlagt. Der Jahresumsatz beträgt demnach in Österreich über
1400 Millionen Kronen und in Deutschland über 1700 Millionen Mark
im Jahre. Außer den eigentlichen Handelskosten, die man gerade bei
Milch auf reichlich 20 Prozent des Gesamterlöses veranschlagen kann,
ist bei starker Besiedlung der Städte, welche Zufuhren aus ziemlich
fernen Bezirken notwendig macht, auch der Aufwand an Transportkosten
in Rechnung zu ziehen. Es ist ersichtlich, welche enorme Ersparnisse
in diesen Artikeln gemacht würden, wenn die Bevölkerung so, wie hier
vorgeschlagen wird, über das Land verteilt würde.