Die olympischen Spiele der Griechen haben vielleicht das meiste zur
Entwicklung der griechischen Kultur beigetragen, und es würde zu den
Aufgaben des Kollektivstaates gehören, etwas Ähnliches ins Leben
zu rufen, nur viel großartiger, mannigfaltiger und in rascherer
Aufeinanderfolge. Die heutigen Großstaaten umfassen eine viel
zahlreichere Bevölkerung, sie sind viel reicher und der allgemeine
Fortschritt entwickelt sich viel rascher. Es würden auch die
Wettspiele und andere Wettbewerbungen spezialisiert und nicht, wie die
olympischen Spiele, geistige und körperliche Übungen zusammenfassen.
Auch würden sie nicht auf =einen= Ort beschränkt, sondern Bewerber,
Schiedsrichter und Schaulustige in den verschiedensten Städten des
Reiches versammeln. Die meisten Wettspiele würden allen Nationalitäten
des Reiches gemeinsam eröffnet werden, Poesie und Drama aber wohl
national geschieden. Endlich würden diese Wettbewerbungen abgestuft und
zuerst nach Kreisen, und für die Sieger in den einzelnen Kreisen die
Wettbewerbungen im ganzen Reiche veranstaltet.
Der Preis, um den man sich bewerben würde, wäre nicht nur der Ruhm
des Sieges, sondern es könnten auch Prämien der verschiedensten Art
zuerkannt werden, zumeist bestehend im lebenslänglichen Gebrauche
gewisser kostbarer Güter. So die edelsten Pferde zu reiten für den
Sieger in der Reitkunst, die besten und berühmtesten Geigen zu spielen
für den Sieger im Violinspiel u. a. Die Sieger würden wieder auf Kosten
des Staates zu auswärtigen Veranstaltungen gleicher Art entsendet
werden, wie man auch die berühmtesten Ausländer einladen würde, an
unseren Wettbewerbungen teilzunehmen.
Hier wäre noch zu bemerken, inwiefern man das Glücksspiel dulden
könnte, wenn die Spielwut nicht ganz erlöschen würde, obgleich der Sinn
des Kollektivismus ist, dem Zufall keinen Einfluß mehr zu gestatten.
Da der Staat alle Güter verwaltet, kann ohne seine Zustimmung nichts
mehr aufs Spiel gesetzt werden. Doch könnte man der Spielwut immerhin
kleine Zugeständnisse machen. Weshalb sollte man nicht, solange
noch Bier gebraut wird, einen Krug Bier ausspielen, oder gewisse
Reiseberechtigungen dem Sieger im Kartenspiel oder Domino oder Schach
überlassen dürfen? Das Schachspiel könnte sogar in die Reihe jener
Künste aufgenommen werden, die von Staats wegen zu fördern und für
welche Wettbewerbungen im größten Maßstab eröffnet werden sollten. Auch
ist der Sieg im Schachspiel nicht vom Zufall abhängig, daher es auf
staatliche Förderung Anspruch hat.
12. Nachweis der Ökonomie der in diesem Werk vorgeschlagenen
Organisation des Verteilungs-, Sanitäts- und Unterrichtsdienstes.
Um zu beurteilen, ob der Kollektivstaat alles das für die Veredelung
des Volkes, für Sanität, Erziehung und Unterricht leisten könnte, was
in diesem Werke versprochen wird, ist es vor allem notwendig, daß man
prüft, ob es richtig ist, daß die Verteilung im Kollektivstaat mit so
geringem Arbeitsaufwand besorgt werden kann, wie hier behauptet wird.
Ich glaube, daß der Abschnitt VI, 8, über die Statistik, das ziemlich
klar macht. Wenn man nun aus unserer heutigen Statistik ermittelt, wie
viele Menschen heute mit dem Umsatze der Güter zu tun haben, so kann
man die Ersparnis an Arbeitskräften für den Güterumsatz ermitteln und
zeigen, daß dadurch viel mehr Personen für Sanität und Unterricht frei
werden, als der Staat braucht, um die von mir geforderten Leistungen zu
bestreiten.
Es gibt verschiedene Berufe und soziale Schichten, in welchen die
Einführung des Kollektivismus mit Aufhebung des Handels und der
Geldwirtschaft eine Veränderung herbeiführen muß, indem manche Berufe,
so insbesondere der Handelsberuf und der durch den Handel verursachte
Arbeitsaufwand erlöschen, andere Berufe neu organisiert werden und
neue Funktionen übernehmen, daher die dafür gewidmeten Arbeitskräfte
vermehrt werden müssen. Andererseits werden auch neue Kategorien von
Arbeitsbefreiten geschaffen, die der Staat zu erhalten hat, wogegen
die heutige Gesellschaft die Besitzenden ohne Arbeitsgegenleistung
erhalten muß, welche, wenigstens der Mehrzahl nach, in der künftigen
Gesellschaftsordnung in einen der dann bestehenden Berufe eintreten
müssen.
Was die Verschiebungen in den Berufen anbelangt, so handelt es sich
vorzüglich um den Handel, den öffentlichen Dienst, den Unterricht und
den Sanitätsdienst; was die Verschiebungen in den arbeitsbefreiten
(unproduktiven) Gesellschaftsschichten anbelangt, so handelt es sich
vorzüglich um eine menschenwürdige Altersversorgung in der künftigen
Gesellschaftsordnung einerseits und um Ausgedingler, Haus- und
Rentenbesitzer, Pensionäre und Almosenempfänger, Pfründner und andere
unproduktive Personen in der heutigen Gesellschaftsordnung. Von der
Altersversorgung wird in XI, 1, c, die Rede sein.
Die Ermittlung der oben erwähnten Berufe wird nach den Volkszählungen
des Jahres 1900 in Österreich und Ungarn gemacht und es werden die
beiderseitigen Ziffern zusammengezogen, wobei die Ziffern für Ungarn
in manchen Punkten schätzungsweise mit der Hälfte der für Österreich
gültigen Ziffern eingestellt werden, weil die ungarische Statistik
manches, was in Österreich gesondert nachgewiesen wird, zusammenfaßt
und diese Veranschlagung jedenfalls der Wahrheit so nahe kommt, als man
für diese Arbeit braucht.
Der Handel beschäftigte in beiden Reichsteilen, Österreich und Ungarn,
zusammen 665 949 Pers.
der öffentliche Dienst XXVI, 1 u. 2 des 98 260 "
Volkszählungsoperates
der Unterricht XXVI, 3 " 141 681 "
der h. Sanitätsdienst XXVI, 4 " 18 812 "
der n. Sanitätsdienst XXVI, 5 " 26 625 "
Advokaten und Notariat XXVI, 8 " 21 439 "
-------------
in Summa 972 766 Pers.
Es handelt sich hier um einen Bevölkerungsstand von rund 45 Millionen
oder, nach der von mir angenommenen Verteilung der Bevölkerung um 45,000
Gemeinden und Quartiere von durchschnittlich 1000 Bewohnern.
Hierbei sind Post- und Telegraphenbetrieb, obwohl dabei große
Ersparnisse an Arbeit wahrscheinlich sind, dann einige kleine
Nebenberufe des Handels und selbstverständlich der Transport nicht in
Rechnung gestellt.
Da nun in der künftigen Gesellschaftsordnung die Verteilung im
Großbetriebe von den Verwaltungsbeamten besorgt wird, welche den
Handelsstand entbehrlich machen, so beansprucht der Kollektivstaat für
jede Gemeinde und Quartier einen Verwaltungsbeamten, dem eventuell ein
Volksbeamter beigegeben wird, das macht für
45,000 Gemeinden und Quartiere 90 000 Personen
mit einem Zuschlage von 18 000 "
für übergeordnete Beamte und Zentralstellen, es
beansprucht ferner der Unterrichtsdienst je 8
Volksschullehrer für 45,000 Gemeinden und Quartiere 360 000 "
mit einem Zuschlage von 180 000-A- "
für übergeordnete Organe des Unterrichts, der
Zentralstelle, der Hochschulen, Universität und
Akademie, ferner zwei Ärzte, einen männlichen und
einen weiblichen für je eine Gemeinde oder Quartier 90 000 "
mit einem Zuschlage von 18 000 "
für übergeordnete Organe des Sanitätsdienstes,
die Zentralstelle und Spezialärzte
-----------------
in Summa 756 000 Personen
oder rund um 220,000 Personen weniger als oben für das Jahr 1900 in
Österreich-Ungarn ausgewiesen wurde. Das ist wesentlich die Folge
davon, daß durch die Pauschalversorgung der Bevölkerung und den Umsatz
von Gemeinde zu Gemeinde, statt von Individuum zu Individuum, sowie
durch Naturalwirtschaft und durch Vereinheitlichung des Umsatzes in der
Hand des Staates dieselben ökonomischen Vorteile erzielt werden, wie
durch das Clearingsystem.
-A- Hierbei ist auch die Vermehrung der Hochschulstudierenden
in Anschlag gebracht.
Freilich wird das niedere Sanitätspersonal, dann das Erziehungspersonal
und der Unterricht in den vier ersten Volksschulklassen zu Lasten
des Haushaltungspersonals gerechnet, allein auch heute beteiligt sich
die Familie an der Krankenpflege, der Erziehung und dem Unterrichte
und es wird das in Zukunft mit weit größerem Erfolge geschehen,
weil die Bildung der weiblichen Bevölkerung im Kollektivstaate eine
weit größere ist. Außerdem wird erwartet, daß die Zentralisation der
hauswirtschaftlichen Arbeiten eine Ersparnis an Arbeitskräften mit sich
bringen wird, wodurch der Mehraufwand an Erziehungs- und Krankenpflege
wettgemacht werden dürfte.
Eine Vergleichung zeigt also, daß die Verteilung (der Gütertausch),
der Unterricht und das Sanitätswesen zusammengenommen eine geringere
Belastung der Volkswirtschaft beanspruchen wird, als in der heutigen
Gesellschaftsordnung, obgleich der Kollektivismus in allen diesen
Zweigen der Volkswirtschaft mindestens dreimal mehr leistet, als
die heutige Gesellschaft. Das gilt nicht nur vom Unterrichts- und
Sanitätsdienst, sondern auch von der Güter- und Arbeitsverteilung,
welche zugleich -- =ohne Verwaltungskosten= -- die beste Versicherung
für alle ökonomischen Wechselfälle des Lebens bietet. Nicht
nur wird der Sanitätsdienst die Aufgabe haben, den allgemeinen
Gesundheitszustand zu heben, sondern auch auf die Verteilung der
Arbeit, die Berufswahl und die Erteilung der Ehebewilligung und im
weiteren auf die psychische und physische Veredelung des Volkes Einfluß
zu nehmen.
Die heutige Güterteilung wirkt zugleich indirekt als Zwang zur Arbeit.
Diese Art des Zwanges wird aber im Kollektivismus durch direkten Zwang
ersetzt, wie er beim Militärdienst geübt wird.
Mit dem Hinwegfalle der Arbeits=kräfte=, welche heute im Handel
verbraucht werden, welche Ersparung allein als Handelsunkosten
veranschlagt wurden, wird in Zukunft auch ein großer sachlicher
Aufwand in Ersparung gebracht, den der Handel verursacht, ein Aufwand
für Geschäftsräume, für Lagerräume, für Annoncen und Reisen, mit
einem Worte alles, was in den Betriebsrechnungen der Kaufleute außer
dem Salär an Spesen verrechnet wird. Ferner gehört zum Aufwande
für die Verteilung durch Kauf und Verkauf auch mancherlei Arbeit
der selbständigen Unternehmer, nämlich der Bauern und Gewerbsleute
-- in Österreich mehr als 4 Millionen Personen -- welche in der
Berufsstatistik nicht als Handelsarbeit ausgewiesen wird, so das
Marktfahren, die Gänge zu Behörden und Anwälten, das Handeln und
Schachern beim Verkauf von Kälbern und Schweinen, beim Ankauf von
Saatgut, beim Verkauf von Kartoffeln, Ackerfrüchten und Milchprodukten,
von Eiern, beim Ankauf von Werkzeugen und beim Anwerben von
Dienstleuten.
Ferner sind noch viele Gewerbe in unserer heutigen Gesellschaftsordnung
mindestens zur Hälfte als Handelsgewerbe zu rechnen und zwar:
Fleischer, Selcher, Bäcker, Zuckerbäcker, Kaffeesieder, Ausschänker,
Gasthöfe und Wirte. Von den in diesen Gewerben Tätigen wurden 1900 in
Österreich-Ungarn 317 731 gezählt und zwar mit Ausschluß der Arbeiter
in den vier ersten Gewerben, daher reichlich die Hälfte, nämlich 159,000
auf Verteilungsarbeit (in den Gast- und Kaffeehäusern Bedienung) zu
rechnen sind.
Mit dem Handel entfällt auch die Handelsarbeit der Kundschaft, welche
statistisch nicht ausgewiesen werden kann. Da die Kundschaft zum
Kaufmann geht, der sie erwartet,[39] die Kundschaft auch im Laden die
Abfertigung abwarten muß, kann man wohl annehmen, daß der Zeitverlust
und Arbeitsaufwand der Kundschaft im Handel ein und einhalbmal soviel
beträgt, wie der Arbeitsaufwand der im Handelsberufe tätigen Personen
oder die Jahresarbeit von
998 924 Personen
dazu Tätige im Handelsberufe 665 949 "
------------------
Gesamthandelsarbeit 1 664 883 Personen
nahezu 1,7 Millionen Menschen von 45.000,000 Einwohnern.
[39] Das gilt nur nicht vom Hausierhandel, der aber nur den
24. Teil der im Handelsberufe beschäftigten Personen in
Anspruch nimmt.
So wie der Geldhandel eine vielfach vollkommenere Güterumsatzform
ist, als der Tauschhandel, zwischen einzelnen Personen, so ist der
Güterumsatz im Kollektivstaat vielmal vollkommener und ökonomischer
als der Geldhandel. Ebenso ist der Familienhaushalt eine durchaus
rückständige Wirtschaftsform für das Volk. Er ermangelt aller Vorteile
des Großbetriebes, dessen Vorzüge in den vorstehenden Berechnungen zum
Ausdruck kommen. Wenn man die Familie als Einheit für die Wirtschaft
betrachtet, so findet heute der Austausch zwischen 6 bis 8 Millionen
solcher Einheiten in Österreich-Ungarn statt, während diese Einheiten
im Kollektivstaate auf 45,000 vermindert würden. Aber abgesehen von der
Arbeitsverminderung, welche das zur Folge hat, ist ja unser Gütertausch
auch die Quelle so zahlreicher Zufälle, die das menschliche Leben zu
einem tollen Spiel machen.
In Vorstehendem ist der Nachweis erbracht worden, daß die Ersetzung
des Privateigentums durch Kollektiveigentum, die direkte Verteilung
der Güter an Stelle der Verteilung durch Kauf und Verkauf, somit
die absolute Naturalwirtschaft an Stelle der Geldherrschaft, eine so
außerordentliche Vereinfachung des Güterumsatzes zur Folge hat, daß
die dadurch bedingte Arbeitsersparnis hinreicht, Unermeßliches für
die Vervollkommnung der Rasse und die Erziehung und Unterricht, für
Kunst und Wissenschaft zu tun. Außerdem bewirkt der Kollektivismus
eine Totalversicherung jedes einzelnen Individuums, er macht alle
jene Verbrechen unmöglich, deren Triebfeder der Eigennutz ist und
er begründet eine Ära des inneren Friedens und bereitet damit den
internationalen Frieden vor.
Unerledigt bleibt die Frage, ob die Volkswirtschaft die Arbeit von
vier Jahrgängen, vom 14. bis zum 18. Lebensjahre entbehren kann, um
den Unterricht bis zum vollendeten 18. Lebensjahre auszudehnen. Es
ist zwar nicht zu bezweifeln, daß zu frühe körperliche Anstrengung
den Arbeitswert der Menschen für das ganze Leben herabsetzt und daß
eine intensivere geistige Ausbildung den künftigen Arbeitswert der
Individuen erhöht, aber einen ziffernmäßigen Nachweis, daß diese
Einrichtung ohne Schaden für die Gesamtproduktion verwirklicht
werden kann, ist nicht zu erbringen. Man wird darum auch nicht von
allem Anfang die ganze Jugend bis zum vollendeten 18. Lebensjahre in
der Schule halten und von der physischen Arbeit befreien, sondern
nur die intelligentesten Schüler des 8. Schuljahres in die vier
letzten Jahrgänge aufsteigen lassen, die minderbefähigten aber
zur Arbeit einstellen, wobei man aber dafür sorgen wird, ihnen nur
die leichtesten Arbeiten zuzuweisen, welche der Entwicklung nicht
hinderlich sind. In einer gut organisierten zentralisierten Produktion
können übrigens viele Kräfte zur Arbeit verwendet werden, welche
heute brach liegen müssen, und darum wird es möglich sein, auch schon
zweijährige Kinder zu gewissen Arbeiten zu verwenden, welche Kraft
und Geschicklichkeit nur steigern. So gehe ich von der Meinung aus,
daß Erziehung und Unterricht nicht darunter leiden würden, wenn die
Kinder und jungen Leute schon vom dritten Jahr an 2-3 Stunden des
Tages produktiv beschäftigt würden und auch dadurch würde ein Teil
des Arbeitsverlustes hereingebracht werden, der mit der Ausdehnung des
Volksschulunterrichtes auf zwölf Jahre verbunden wäre.