7. Höflichkeit und Nachgiebigkeit.

Höflichkeit gehört zu den wichtigsten Tugenden der Jugend im

Kollektivstaat.[33] Sie muß allgemein gegen jedermann geübt werden,

etwas entgegenkommender gegen Vorgesetzte, Ältere, und gegen das

weibliche Geschlecht. Sie umfaßt Dienstbereitwilligkeit, Gruß,

Ersuchen, Dank, aufmerksames Entgegennehmen von Aufträgen, Ersuchen

oder Mitteilungen, freimütiges aber höfliches Ablehnen unerfüllbarer

oder ungerechtfertigter Zumutungen, Vermeidung der Unterbrechung der

Rede anderer und Bereitwilligkeit, andere zum Worte kommen zu lassen.

Die Höflichkeit macht sich in Reden, Mienen, Gebärden, in Zeichen der

Zustimmung und des Beifalls, in der Anerkennung anderer, in Blicken, im

Ausweichen bei der Begegnung, in der Sorgfalt um andere geltend.

[33] Schon vor 2500 Jahren war die Volksschule in China

allgemein eingeführt und sehr vollkommen. Kein Dorf war

ohne Volksschule, und der Unterricht der mit dem achten

Jahre in selbe eintretenden Kinder umfaßte folgende

Übungen: Das Begießen von Blumen, das Auskehren der

Wohnräume, die Gebräuche der Welt, Zeremonien, Musik,

Pfeilwerfen, Wagenlenken, Schreiben und Rechnen. Aber

auch Höflichkeit wurde gelehrt, die Kinder sollten rasch

und bescheiden antworten, mit Anstand eintreten und

hinausgehen, Gäste höflich empfangen und hinausgeleiten.

Diesen Unterricht empfing der Sohn des Kaisers wie der

des Bauern, und so ist der Chinese heute noch höflich.

Der seit mehreren hundert Jahren eingetretene Stillstand

in der Kulturentwicklung Chinas ist der Herrschaft der

barbarischen Mandschu zur Last zu schreiben, und die

Volksschule ist verfallen.

Mit der Höflichkeit ist auch gegeben, daß man niemand beleidigt,

niemand verdächtigt oder anderen Nebenabsichten unterschiebt, daß

man zartfühlend allem ausweicht, was andere beschämen oder kränken

könnte, oder an Herzeleid, vergangenes Verschulden erinnert oder

lächerlich erscheinen läßt. Gegen die Beleidigungen und Verdächtigungen

dritter soll man nur maßvolle Abwehr für genügend erachten und

sich überhaupt nie in Wortwechsel einlassen oder nach Feststellung

einer Meinungsverschiedenheit schreiend, verletzend oder hartnäckig

behaupten, was, solange man eine Meinung nicht zurückzieht, ohnehin

als festgehalten zu betrachten ist. Irrtümer soll man sich beeilen

einzugestehen und aus einem Meinungsstreit immer mit Gleichmut und ohne

Unfreundlichkeit hervorgehen. Kränkungen muß man sich beeilen gut zu

machen, sie anderen leicht und von Herzen vergeben und niemand auch nur

eine Stunde lang etwas nachtragen. Das soll man auch jederzeit deutlich

zu erkennen geben.

Der Kollektivismus und die soziale Monarchie · 第 113 / 152 题