_Dresden_, den 4ten November 1841.
_Hochgeehrtester Herr Hofrath!_
Umstrahlt von dem Glanz einer Weltstadt, sollten Sie noch an einen
einsamen, armen Freund der hellenischen Muse denken, so würde ich
mich höchst glücklich schätzen. Der Herr Graf v. Baudissin, welchen
ich ersucht habe, diese Zeilen einzuschließen, erzählte mir etwas
Näheres über die Aufführung der Antigone, welche das Interesse so
Vieler, auch meines um so mehr erregt hat, als binnen kurzer Zeit der
Sophokles vollständig von mir übersetzt die Presse verlassen wird. Es
wird Ihnen vermuthlich entfallen sein, daß bereits vor sechs Jahren
meine Antigone zu Stuttgart erschienen. Daher haben Sie, wenigstens
melden die Zeitungen dergleichen, die Donner’sche oder Solger’sche
Übersetzung zu Grunde gelegt. Ich will mich nun nicht zum Lobredner
meiner eignen Arbeit aufwerfen, aber deutlicher und sinnrichtiger,
vielleicht auch poetischer achte ich sie, als jene beiden, was freilich
gegen das göttliche griechische Original nicht viel sagen will. Sollte
Ihnen daher, Herr Hofrath, vorausgesetzt, daß Sie weitere Stücke, nach
langem Todesschlaf, wieder die Bühne beschreiten lassen, an einer
bessern Übertragung gelegen sein, die auch in metrischer Hinsicht dem
großen Componisten die Arbeit erleichtere, so erbiete ich mich, Ihnen
ein deutliches Manuskript der Elektra durch Herrn Grafen v. Baudissin
zu übersenden[9]. Oder sollten Sie lieber ein Stück des Euripides
wünschen, da von den drei bisher durch mich ausgearbeiteten Stücken
blos das eine, Ihrem Freund Baudissin gewidmete, die Iphigenie auf
Tauris, einige Theilnahme sich versprechen dürfte, so wäre ich bereit,
für diesen Zweck eine von Ihnen zu bestimmende Tragödie dieses Dichters
zu übertragen.
Indessen scheint es mir, als ob die Elektra des Sophokles unter allen
uns erhaltenen Stücken des attischen Dichtergestirns bei weitem das
wirksamste sei, was, für unsere Zeit wenigstens, den tragischen Effekt
betrifft. Im Übrigen gleichwohl steht sie der Antigone nicht nach.
Gerade für dieses Stück beschloß ich denn schon im vorigen Sommer die
Aufmerksamkeit des Publikums auch dadurch zu suchen, daß ich demselben
Ihren Namen vorsetzte, wozu Sie mir für eines der sophokleischen Dramen
die Erlaubniß zu geben so gütig waren.
Es wäre mir persönlich um so wichtiger, als Sie, der Wiedererwecker
so vieles Schönen, vielleicht Gelegenheit nähmen, ein empfehlendes
Wort an Se. Majestät den König zu meinen Gunsten zu richten. Ich
trachte schon seit mehreren Jahren nach einer kleinen Lehrerstelle in
preußischen Landen, doch hat das Cultusministerium meine Bitte seither
unberücksichtigt gelassen. Nun bin ich zwar Sr. Majestät bereits schon
als Kronprinzen bekannt geworden, indem mir Höchstderselbe meine
Übersendung der Aeschyleischen Stücke sehr huldvoll erwiederte. Wie
gern aber wollte ich Ihnen mein Lebensglück verdanken; das Glück, nicht
mehr von dem großentheils leben zu müssen, was ich schreibe! Denn sehr
vortheilhaft würde mir eine anderweitige philologische Beschäftigung
sein.
Verzeihen Sie diese Wünsche, verehrungswürdiger Greis, deren
Berücksichtigung ich zwar nicht verdiene, aber bedürftig bin, und
der Himmel schütze Sie im hohen Norden, daß Sie noch lange über die
deutschen Gauen Segen verbreiten.