I.

_Eschenberg_, 2. August 1820.

Mein Herz wird doch wohl nicht ruhig seyn, lieber theurer Freund, bis

es Ihnen einmal geschrieben hat. Hoffentlich wissen Sie schon durch

die Fama, wie schwer es mir hier überhaupt wird zu schreiben, denn ich

mag es Ihnen nicht wiederhohlen; das kann ich Sie aber versichern,

daß die Umstände meiner natürlichen Faulheit auf eine Weise zu Hülfe

kommen, die sich kaum ausdrücken läßt, und selbst in diesem Augenblick

habe ich eine halbstündige Voranstalt treffen müssen, ehe ich dazu

kommen konnte, dem Drang meines Herzens Luft zu machen. Dies rührt

daher, daß wir gestern von Cassel kamen, wo wir zehn bis zwölf Tage

verweilt und ich mir die bewußte Fristerstreckung von vier Wochen

gehohlt habe, so daß ich Sie nun erst im nächsten Monat umarmen werde.

Sie glauben nicht, wie viel Treppen ich habe auf und ab laufen, wie

viel kleine und große Schlösser auf- und zuschließen müssen, bevor ich

weiter nichts als Dinte, Papier und Feder zusammen gebracht, und nun

ist doch die Dinte dick, das Papier dünn und die Feder mittelmäßig.

Überhaupt stelle ich jetzt recht oft wehmüthige Reflexionen über die

Unzulänglichkeit alles Schreibens an, wie die Liebe sich davor fürchtet

und wenn sie daran ist, doch nie fertig werden kann, und wie gewiß kein

Mensch mehr schreiben würde, wenn die Aussicht auf eine eigene oder

fremde Freude am Geschriebenen aufhörte. Was für Dinge habe ich Ihnen

und so viel Andern nicht oft schriftlich verkünden wollen, wie oft

habe ich die Briefe im Geist zusammengesetzt, wo Gedanken, Munterkeit

und Rührendes abwechselten, ganze Stellen waren schon mit Wohlgefallen

ausgearbeitet, und nun ich daran komme, ist dies und jenes weggeflogen,

oder wird ganz anders, und ganz neue Dinge drängen sich hervor, so daß

zuletzt vielleicht das Beste vergessen wird. Eine andere Betrachtung

ist die, daß ich was meine gewöhnliche Beschäftigung betrifft, nirgends

weniger zu Hause bin, als in meiner Heimath, und eine dritte, daß ich

mich recht unordentlich angeordnet habe, indem ich die Faulheit mit dem

Fleiß gar nicht in Verbindung zu bringen, keinen Tag einzutheilen und

keine Stunde zu halten weiß, die edelmüthigsten und solidesten Vorsätze

gehen immer in meiner eigenen Schwäche unter, mein Leichtsinn ist so

gewaltig, daß mir die Zerstreuungen zuweilen ganz gelegen sind, und

ich würde mich über mich selbst todtärgern, wenn ich nicht eben diesen

Ärger und diese Schmerzen empfände, die mir die Gewähr einer bessern

Natur und einer möglichen Besserung sind. So thut es mir meist wahrhaft

weh, wenn ich vorauszusehen glaube, daß ich einmal gar nichts mehr thun

werde, wenn ich, wie wahrscheinlich, mich zum Beschließen meiner Tage

hier niederlasse und mir die bestimmte Sorgfalt für einen Grund und

Boden, für vielerley Menschen auch Thiere meine schönsten und feinsten

Gedanken fortnimmt. Inzwischen sey diesem wie ihm wolle, ich freue mich

doch, wieder einmal geradezu mit Ihnen zu plaudern, wenn ich gleich das

Wesentliche dabey vermisse, daß ich Sie nicht wieder sprechen höre,

was mir immer einer der reitzendsten Genüsse war. Die Begebenheiten

meiner Reise, tausend kleine Vorfälle, die possierlich genug sind,

muß ich mir für die mündliche Erzählung zurückbehalten, damit ich Sie

und die lieben Damen lachen sehe; nur das vorläufig, daß Christian

einmal auf dem ~rucio~ des Sancho Pansa angesprengt kam. Die ersten

zehn Tage in Cassel waren wahrhaftig austrocknend, wenn ich irgendwo

noch Hörner gehabt habe, müssen sie sämmtlich abgelaufen, wenigstens

an die Füße verpflanzt worden seyn. Die ersten zehn Tage hier waren

um so schöner und vergiengen in gegenseitiger Freude am Wiederbesitz,

Rührung, und Aberzählen des gegenseitig Erlebten; die zweyten zehn Tage

fingen mit meinem Geburtstag an, Freundinnen, Verwandte und Nachbarn

trafen ein mit schönen Geschenken, sogar ein Sonett, das Herrn von

Sydow zum Verfasser hatte, Kanonen und Tanz wechselten anmuthig ab,

eine Erleuchtung aber litt der Regen nicht. Die dritte Decade brachte

uns den Kurprinzen und mit ihm die Erleuchtung, bey welcher ich Sie

unter andern einmal wieder recht lebhaft hierher wünschte. Die vierte

Decade verging wieder in der Residenz und zu Hofgeismar und die

fünfte, welche jetzt da ist (denn diesen am 2ten angefangenen Brief

setze ich erst heut am 12ten August fort) wird übermorgen durch den

Geburtstag des guten Onkels verherrlicht, für welchen die schöne Tasse

_Aus kindlicher Liebe_ mit einem ebenso schönen Sonett schon bereit

steht. Ohne dieses Sonett hätte ich von der Fähigkeit einige Verse

zusammenzusetzen auch keine Ahndung mehr gehabt, denn daß muß ich

Ihnen leider mit herzlicher Betrübniß gestehen, daß ich von all den

vorgesetzten Herrlichkeiten auch nicht Eine gefördert habe. Kein Sonett

von Shakspeare, keine Recension des Soden, kein Alcalde, keine ~blancas

manos~ -- alles, alles liegt da, und starrt mich gespensterartig an,

-- doch nichts mehr davon, ich komme sonst in ein großes wehmüthiges

Klagen und damit will ich Sie wenigstens schriftlich verschonen, Sie

möchten mich sonst nicht mündlich ausschmälen, was ich doch sehr nöthig

für mich erachte. Vielleicht kann ich Sie im Voraus einigermaßen durch

die Nachricht versöhnen, daß wir aus der Waldeckschen Auction sammt

und sonders für 3 Thlr. 5 ggr. Bücher erhalten haben und Sie mit Ihrem

gewöhnlichen Glück davon wieder die meisten und wohlfeilsten, z. B.

~Bükerstaff~ 4 ~Voll.~ 4 Gr., ~Etherege~ 4 Gr., ~Histoire du Théatre~

2 ~Voll.~ 4 Gr., ~Le Grand Théatre~ 3 ~Voll.~ 4 Gr., ~the british

stage~ 5 ~Voll.~ 22 Gr. Wir wollen doch sehen, ob Sie mir ähnliche

gute Geschäfte in der Ramsgasse gemacht haben. Zum Vertauschen mögte

ich wohl gern manches mitbringen, aber ich fürchte, daß mein Wäglein

sich widersetzt. Dieses werde ich in etwa zehn Tagen besteigen, um nach

Cassel zu fahren, da vielleicht wieder zehn Tage bleiben und mich dann

nach Dresden einschiffen, wo ich, wenn ich alle Zwischenprojekte, wie

Jena &c. betrachte, nach nicht viel weniger als zehn Tagen anlangen

kann. Empfangen Sie mich dann nur recht herzlich und liebevoll, um mir

die verlassene Heimath etwas zu überfärben. Haben Sie einstweilen den

innigsten Dank für das liebe Wort ~Salve~, das mich von Kalkreuths

Brief gleich so traut und lieblich ansah und mir mit den wohlbekannten

Zügen so viel sagte, daß ich mir einen ganzen Brief daraus bilden

konnte. Empfehlen Sie mich Ihrer holden weiblichen Whistpartie aufs

Innigste und Angelegenste und danken Sie besonders der lieblichen

~Reyna Micomicona~ für die Güte, mit welcher sie meinem armen Mohrchen,

über das Sie vielleicht ein mit Lachen vermischtes Mitleiden mit mir

empfunden haben, das Gastrecht angeboten. Doch war mir vor solcher

Pflege zu bang, er wäre mir dann immer und immer wieder weggelaufen.

-- Vielleicht merken Sie es diesem Briefchen ein wenig an, daß ich im

Lesen des Don Quixote eben noch einmal begriffen bin, es ist doch ein

herrliches Buch und gewiß für einen Landjunker, davon jedes Exemplar

mehr oder weniger etwas Don Quixotenmäßiges an sich hat, eine sehr

passende Lectüre. --

Seyn Sie mir noch einmal aus ganzer Seele gegrüßt und umarmt,

Sie lieber theurer Freund, und glauben Sie mir, so viel ich hier

verlasse, so ist doch Freude und Verlangen im Gedanken an das, was ich

wiederfinden werde, sehr groß. Ewig

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 299 / 358 题