_Berlin_, den 28. May 1816.
Es freut mich, daß ich im Stande gewesen bin Ihren Wunsch, so viel
den Waston betrifft, zu erfüllen. Dieß Werk war in der Partheyischen
Bibliothek, und ich konnte es Ihnen daher verschaffen. Von den andren
Schriften aber, die Sie erwähnen, habe ich keine gefunden. Massingers
Werke besaß der Hauptmann von Blankenburg in Leipzig, der die Zusätze
zu Sulzers Theorie geliefert hat, aber ich weiß nicht wohin sie nach
seinem Tode gekommen sind.
Im Meß-Catalogus finde ich unter den künftig zu erwartenden Schriften
ein altdeutsches Theater von Ihnen in sechs Bänden aufgeführt. Sind
dieß eigne dramatische Arbeiten oder Bearbeitungen fremder ältern
Produkte? Ich erinnere mich aus einem Gespräche mit Ihnen, daß Sie
geneigt waren, Stoffe aus der deutschen Geschichte dramatisch zu
behandeln. Nur hätte ich geglaubt, daß diese Dramen nach und nach
einzeln erscheinen würden.
Hier haben kürzlich Wolff und seine Frau aus Weimar Romeo und
Julie nach Göthens Bearbeitung gegeben. In beyden bemerkt man viel
Studium und Göthens Schule, der auf das Plastische, die Ruhe und den
Totaleindruck der Darstellung den vorzüglichen Werth legt. Ein Theil
des hiesigen Publikums kann sich hieran noch nicht gewöhnen, und die
ganz Ungebildeten verlangen jüngere Gesichter für diese beyden Rollen.
Indessen hatten sie unter den Anwesenden die Mehrheit für sich und
wurden herausgerufen.
Meine Frau und Schwägerin sind wohl und lassen Ihnen viel
Freundschaftliches sagen. Bey uns allen ist der Wunsch recht wieder
rege geworden, einmal wieder von Ihnen etwas aus dem Shakesp. zu hören.
Leben Sie recht wohl!
_Körner_.
Koester, Hans.
Geb. in Mecklenburg-Schwerin; seit seiner Verheirathung ganz in
Preußen, zuerst in Breslau, dann auf seinem Landgute, später in
Berlin, jetzt in Weimar lebend. Die Bühnen beider Städte haben
mehrere seiner dramatischen Dichtungen zur Aufführung gebracht.
K.’s poetische Thätigkeit war immer auf große Vorwürfe gerichtet,
wie schon die Titel der Stücke: Conradin -- Maria Stuart -- Lucia
Amadei -- Ulrich von Hutten -- Hermann der Cherusker -- der
große Kurfürst &c. bekunden. In neuerer Zeit scheint er sich der
Erzählung zuwenden zu wollen, wofür er mit dem in Tieck’scher
Novellenform gehaltenen Buche: „Lieben und Leiden“ einen schönen
Beruf entwickelt.
Von seiner Zuschrift an T., welche durch ihre klare und sichere
Weltanschauung bei einem Jüngling, wie er damals gewesen, gewiß
frappiren darf, haben wir uns genöthiget gesehen, beinah die
Hälfte wegzulassen, weil sich in derselben, mit allerdings
recht interessanten litterarischen Notizen, Familiennachrichten
verbanden, zu deren Veröffentlichung wir uns nicht berechtiget
glaubten.
_Paris_, 7. September 1841.
_Hochwohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr Hofrath!_
Sie erlaubten mir bei meinem Abschiede von Baden, Ihnen fernere
Nachrichten von mir geben zu dürfen; es war mir der frohste Trost,
den die trübe Stunde überhaupt bieten konnte. Die Abreise des Königs
nach Schlesien führt Sie gewiß bald nach Dresden zurück; -- so bin
ich denn vorschneller da, als ich vielleicht sollte; wenn es mich
nicht mit ganzer Seele zum Schreibtische zöge, gewiß, ich würde Sie
nicht belästigen! Sie glauben nicht, mit welcher Gewalt gerade mein
Aufenthalt in Paris die Erinnerung vergangener Zeit in mir zurückruft.
Das Gewühl, welches mich umgiebt, greift oft so betäubend in meine
Sinne ein, daß ich fast glauben muß, ich sei erst hier zur Wirklichkeit
erwacht und habe sonst nur in der Stille meiner Träumereien gelebt.
So gehe ich fremd dem Lande, fremd den Menschen, umher und suche
voller Sehnsucht alles auf, was mich auf Augenblicke wenigstens die
Leere und Unbehaglichkeit der Gegenwart vergessen läßt. -- Ich ging
ungerne nach Paris und meine Ahnung hat mich nicht betrogen; mein
hiesiger Aufenthalt ist kaum etwas anderes für mich, als eine lange,
lange Sprachstunde. Das hiesige Leben entbehrt gewiß nicht großartiger
Elemente und es liegt wohl nur in meiner jetzigen Stimmung, daß ich
nicht geschickt bin, sie mit Gerechtigkeit aufzufassen und zu würdigen.
Wie überall, so auch hier ein ruhloses Ringen und Jagen nach einer
mehr oder minder wohlhäbigen Existenz; nur scheint es mir hier mehr
hervorzutreten, als in irgend einem Lande, wo ich bisher war. Die
Franzosen nennen es „Fortschreiten der Civilisation;“ mir scheint
der Ausdruck verfehlt. Wenn Civilisation Geld und Genuß im Gelde und
durch das Geld ist, so schreitet man allerdings in Frankreich fort; --
giebt es aber eine Civilisation ohne jene Vorzüge der Frömmigkeit, der
bürgerlichen Tugenden, der Vaterlandsliebe? muß das alleinige Vorwiegen
des Interesses nicht die Völker in eine Barbarei zurückführen, die wohl
wilder und gefühlloser sein dürfte, als die mittelalterliche, die man
so gerne im Munde führt? Wenn man untersucht, wo denn eigentlich die
Keime der Revolutionen in Frankreich stecken, so kommen wir in neuerer
Zeit gewiß mehr auf selbstsüchtige, als auf politische Gründe; sie
finden sich im Ganzen nur in der Klasse, die mit ihrer gegenwärtigen
Existenz unzufrieden ist; -- von jener Treue der Meinung aber, von
wahrer Gesinnung, die in der Überzeugung wurzelt und ohne egoistische
Rücksicht nur für diese strebt, kann ein für allemal nicht die Rede
sein. Es ist Schade, daß der tüchtige Kern, den das Volk noch immer
in sich trägt, nicht besser genährt und gepflegt wird; es fehlt den
Franzosen nicht an einem gewissen Edelmuthe, an einer Aufopferung,
die zu großen Dingen geschickt macht; Napoleon aber hat diesen
Nationalvorzügen in der ~gloire~ eine für die Ruhe von ganz Europa
gefährliche Richtung gegeben und so die Zeit der Selbsterkenntniß
in eine Ferne gerückt, die allein die harten Lehren der Geschichte
vermindern können, unter deren Gewichte Frankreich jetzt schon lange
seufzt.
Mit der neuern Kunst scheint es hier zu gehen, wie in Italien; man
dient der Mode, weil man zu keinem selbstständigen Geschmack kommen
kann. Die letzten Anlagen reihen sich im buntesten Wechsel des Stils
an einander; der Concordienplatz übertrifft darin selbst noch die
Münchner Mustercharte. Jetzt ist das Griechische an der Tagesordnung,
vor einigen Jahren glaubte man gothisch zu bauen. Von wahrer Liebe
zur Sache, von jener ernsten und innigen Durchführung, die uns bei
mittelalterlichen Bauten so begeisternd hinreißt, findet man keine
Spur. Ich war oft beim ersten Anblick von dem Umfang und von der Pracht
der neuern Anlagen überrascht; wenn man aber anfängt sich in sie
hineinzudenken, so wird man nur zu bald seine Täuschung gewahr; sie
gleichen jenen Menschen, die viel und mancherlei gelernt haben, ohne
etwas zu wissen: -- alles ist leidiger Effect ohne inneres Bewußtsein.
Der Architect hat Riß und Anschlag gemacht, die Entrepreneurs ihre
Pflicht nach dem Buchstaben des Contractes erfüllt; -- wie soll uns das
aber Hingebung abgewinnen, was ohne Hingebung aufgefaßt und ausgeführt
ist? --
Ich besuche ziemlich regelmäßig die Theater, besonders das ~theâtre
français~. Beim Drama kommt mir Ihre Kritik der Georges -- ich
weiß nicht, ob ich den Namen recht schreibe -- nicht aus dem Sinne.
Ich glaube kaum, daß Talma der sogenannten classischen Tragödie
einen sonderlichen Dienst geleistet hat, indem er Puder und Perrücke
verdrängte; der Zopf ist geblieben, ob er nun vorne oder hinten hängt,
ist am Ende einerlei; -- man muß den Fleiß und die Schule bewundern,
das Ganze bleibt am Ende aber doch nur eine Caricature der lieben
Menschheit. -- Das Lustspiel hingegen hat mich wahrhaft erfreut. Man
darf freilich in den neuern Producten keine Poesie suchen, die kalte
Frivolität der Salons aber versteht man in der That vortrefflich
nachzuahmen. Und wie gut sprechen die Leute! trotz meiner mangelhaften
Kenntniß der Sprache, entgeht mir wenig; den Franzosen mag es in
Deutschland nicht so gut werden. -- Dann der Reichthum des Repertoirs
auf dem ~theâtre français~; -- ich sah während meines Hierseins
vieles von Corneille, Racine und Voltaire und fast sämmtliche Stücke
von Molière. Dabei spielte man nicht vor leerem Hause, wie es bei uns
zu sein pflegt, wenn man die Meisterwerke unserer Dichter aufführt;
-- um einen Platz im Parterre zu erhalten, muß man queue machen und
die Ränge sind meistentheils vollständig besetzt. Der Vorwurf der
Veränderlichkeit, den wir den Franzosen so gerne machen, möchte
wenigstens in dieser Beziehung auf uns zurückfallen.
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Ich empfehle mich viel tausendmal der Gräfin Finkenstein und Ihrer
Fräulein Tochter. Ich habe Ihnen ohne Umschweife mein ganzes Herz
ausgeschüttet, verehrter Herr Hofrath; Ihre Güte hat mich verwöhnt und
man glaubt so gerne Rechte zu haben, wo man sein Herz hat! -- Mit den
innigsten Wünschen für Ihr Wohlsein, mit warmer Verehrung