_Berlin_, d. 4ten Juli 1829.
_Hochgeehrtester Herr!_
Mit der innigsten Freude habe ich die Bemerkungen gelesen und
immer wieder gelesen, die Ew. Wohlgeboren die Güte hatten, meiner
Übersetzung des Macbeth beizufügen. Ihre Theilnahme an meinen
Bestrebungen, die Bemühungen, deren Sie meine Arbeit gewürdigt, so wie
Ihre gütige Beurtheilung derselben, zeigen mir, daß Sie meine Richtung
im Ganzen nicht mißbilligen, und diese freudige Überzeugung ermuthigt
mich zu neuem Eifer. Es war mir daher schmerzlich, Ihnen nicht
sogleich bei Empfang des Manuscripts, den herzlichen Dank, von dem
ich mich durchdrungen fühlte, sagen zu können, aber eine hartnäckige
Krankheit, die mich kaum verlaßen hat, hielt mich Anfangs, und später
der Wunsch, Ihnen durch die That zu zeigen, wie ich Ihre Anweisungen
beherzigt habe, bis jetzt davon ab. Wenn ich gleich nur zu gut fühle,
daß es mir unmöglich wird, jetzt schon die hohen Anforderungen,
die Sie (und gewiß auch ich selbst) an einen Übersetzer des großen
Dichters machen, überall zu befriedigen, so kann ich doch schon jetzt
bemerken, welchen wohlthätigen Einfluß, das immer wiederholte Streben
nach diesem Ziel auf meine Arbeit übt. Aus der beiliegenden Probe
des König Lear, die in den letzten Tagen ganz umgearbeitet wurde,
werden Sie, gewiß mit Freude, bemerken, daß Ihre Saat nicht ganz auf
unfruchtbaren Boden gefallen ist, daß dieselbe im Ganzen, der, wegen
ihrer Worttreue gerühmten Voßischen Übersetzung von 1819, in dieser
Hinsicht nicht nachsteht, und zuweilen noch wörtlicher ist, ohne der
Sprache jene Gewalt anzuthun, die dem Voßischen Shakspeare so sehr
schadet. Ich halte es für die erste Pflicht des Übersetzers, den Sinn,
die Intention im Ganzen, die Totalwirkung einer Stelle, namentlich ihr
eigenthümliches Leben in Sprache und Rhythmus wiederzugeben, und erst
für eine zweite, dies soweit es die Natur unserer Sprache zuläßt, mit
denselben Worten und Stellungen zu thun, wie sie das Original hat;
und bin der Meinung, daß man sogar unermüdet streben müsse, beides zu
erreichen, daß aber im Collisionsfalle die letztere Rücksicht der
ersteren weichen müsse. Es kann, wenn ich hier von Nachahmung des
Rhythmus im Ganzen rede, natürlich nicht meine Ansicht sein, daß man
sclavisch Alles nachahmen müsse; denn es giebt natürlich eine Menge
Stellen, wo auf den bestimmten Rhythmus kein großes Gewicht gelegt
werden kann, wo ein anderer ebendieselbe Wirkung hervorbringt, und der
eben gewählte mehr aus der Beschaffenheit der Sprache, als aus dem
Gegenstand oder einer besondern Intention des Dichters hervorgeht. Noch
weniger aber konnte mich bei der Arbeit die schülerhafte Befolgung
eines hergebrachten Versschemas verleiten, an die Stelle einer genialen
Unregelmäßigkeit des Originals, die oft so höchst wirksam ist, jene
nüchterne Regelmäßigkeit treten zu lassen: Denn bei Shakspeare wie
bei jedem wahren Dichter entschiedet nur der Gegenstand über die
Form, er gibt sich gleichsam von selbst dasjenige Gewand, das ihm am
besten paßt; Gebrauch der Prose und des Verses im Allgemeinen sowohl,
als die Behandlung jeder dieser Formen insbesondere folgt lediglich
jener höheren Rücksicht, dem Character des Sprechenden, dem Inhalt
seiner Rede, der Situation, der Gemüthsstimmung; und grade dieses
innige Verwachsen der Form mit ihrem Gegenstand zeichnet neben so
vielem Andern den großen Dichter vor Allen aus, und muß vorzüglich
vom Übersetzer nachzuahmen gesucht werden. Es hat mich daher sehr
gewundert, daß Schiller die ganze erste Scene des 5ten Actes im
Macbeth, die für das Erwähnte den augenscheinlichsten Beweis giebt,
dadurch ihrer Wahrheit beraubt hat, daß er sie in regelmäßigen Jamben
wiedergab. Dies, wie manches Andere machte mich glauben, daß er wohl
nur der prosaischen Übersetzung gefolgt ist, und dieselbe für den
Gebrauch der Bühne eingerichtet und versifizirt habe, ohne dabei das
Original genau zu vergleichen. Denn sonst hätte er gewiß gefühlt,
wie sehr hier die mannichfaltig wechselnde Form motivirt ist, wie
die leichte Conversationsprose der den Act beginnenden Reden des
Arztes und der Kammerfrau durch den Gegenstand bedingt sind, wie sich
aber auch dieselbe, wenn der Arzt aus den Erforschungen des Zustands
der Nachtwandlerin allgemeine Bemerkungen zieht, hebt, und mehr
rhythmischen Klang erhält, und namentlich, welchen Contrast hierzu die
Reden der Lady Macbeth bilden. In unruhigen, abgebrochenen, heftig
hervorstürzenden Lauten, einzeln rhythmisch, aber zerrissen, wie ihr
Gemüth, und scheinbar ohne Verbindung wie im Traum, malt sich ihre
ganze Seelenqual; dann wieder dazwischen die ruhig beobachtenden
Bemerkungen und Fragen des Arztes, und die theils gewählteren Antworten
der mehr in das wahre Geheimniß eingeweihten Kammerfrau, und endlich
die rein rhythmische Schlußstelle der Lady Macbeth, wo ihre Seele durch
den _einen_ Gegenstand des Königmords ganz in Anspruch genommen
ist, und ihre Rede zusammenhängend wird, und nach ihrem Weggehen die
allgemeinen Betrachtungen des Arztes, wegen des gehobenen Gegenstandes
in Versen und in vollem Reim schließend. Das ist kein Zufall, und
noch weniger, wie vielleicht manche der Hrn. Editoren glauben, „~an
extreme negligence in numbers~.“ Nein das ist die Freiheit des
Genius, der mit dem Kunstwerk zugleich seine Regel schafft. -- Es
bedarf übrigens nicht so auffallender Stellen, um das Gesagte zu
beweisen, die Belege sind im ganzen Shakspeare zerstreut, oder vielmehr
der ganze Shakspeare ist nur _ein_ Beleg dazu. Sie verzeihen mir
gewiß diese Ausführung, da Sie ihr Motiv wohl durchschaut haben. Aus
meinem unfertigen Manuscript konnten Sie zwar sehen, was mir gelungen
war, und was nicht; aber nicht, wonach ich strebte, und selbst viele
der Mängel, die Sie mir in diesem Manuscript anmerkten, waren in meinem
eignen Manuscript, das ich zurückhielt, schon verbessert, und sehr
leid war mirs, diese Besserungen wegen der schnellen Abreise des Hrn.
Professor von Raumer nicht beschreiben zu können. Ihren Rath, mich mit
Shakspeares Zeitgenossen bekannt zu machen, habe ich sogleich befolgt,
während meiner Krankheit den größten Theil der in der „~Continuation
of Dodsley’s old plays VI. vol. L. 1816~“ enthaltenden Stücke von
Marlowe, Lyly, Marston, Decker, Chappmann u. A. gelesen und daraus
manches Schätzbare für den Shakspeare gelernt und mir gesammelt. Jetzt
studire ich Ben Jonson in der trefflichen Gifford’schen Ausgabe, und
werde mit diesen Studien immer fortfahren, da ich sehe, wie nothwendig
sie sind. Ich hätte dies gewiß schon früher gethan, wären mir nicht
in Potsdam alle diese Werke, so wie überhaupt auch für den Shakspeare
aller kritische Apparat abgegangen. Ich konnte dort bei meiner
Übersetzung nur die Fleischersche Ausgabe benutzen, da ich leider
keine andere besaß; was also dieselbe an schlechten Lesearten und
Emendationen in ihrem Text hat, das ging in meine Übersetzung über,
nicht aus eigner Wahl, und weil ich den Editoren zu sehr vertraute,
(denn die ertappt man ja, wie ich mich schon aus früheren Studien
überzeugt hatte, überall auf Verkehrtheiten,) sondern weil mir die
Lesearten der alten Ausgaben fehlten, und mir also nichts übrig blieb,
als meiner Ausgabe zu folgen. Ich hatte mir jedoch die Vergleichung der
alten Ausgaben und die Erforschung des Urtextes, sowie die Abänderung
meiner Übersetzung nach diesem Resultat bis zu meiner Ankunft in Berlin
vorbehalten, und habe mir nun die Varianten der ersten Folio von
1623 von Macbeth und Lear schon gesammelt. Die andern alten Ausgaben
jedoch konnte ich nicht bekommen, und auch in den neuern englischen
Ausgaben, die ich bis jetzt verglichen, fand ich keine vollständige
Angabe der Varianten. Die meisten derselben haben gar keine, und auch
diejenigen, die welche haben, sind mehr bedacht, die gewählte Leseart
zu vertheidigen, als dem Leser zur eignen Wahl und Beurtheilung einen
vollständigen Apparat zu geben. Die Baseler Ausgabe scheint mir noch
die vollständigste, aber auch hier vermisse ich die Angabe der
abweichenden Versabtheilung, und selbst, wo ich sie verglichen habe,
oft die Angabe der Lesearten der Folio. Es würde mir höchst erfreulich
sein, wenn Sie mir hierin Ihren gütigen Rath ertheilen wollten. Ihr
durch Herrn von Raumer mir mitgetheiltes Anerbieten, auch meine übrigen
Übersetzungen Ihrer Durchsicht und Beurtheilung würdigen zu wollen,
war mir die liebste Kunde, die ich seit lange erhielt, und nicht
weniger war ich und mein Verleger darüber erfreut, daß Sie auch zu
meinen Stücken in der Ausgabe Ihre Erläuterungen geben wollen. Mein
sehnlichster Wunsch wäre, Ihnen auf irgend eine Weise bei dieser Arbeit
Dienste leisten zu können; ist dies der Fall, so bitte ich, mich die
Art und Weise wissen zu lassen, und verspreche im Voraus, daß es an
meinem Eifer nicht fehlen soll. Wenn es mir irgend möglich wird, so
bin ich gesonnen, im Laufe dieses Sommers einige Wochen in Dresden
zuzubringen, um aus Ihren mündlichen Mittheilungen einen größeren
Nutzen für die Sache, die mein Heiligstes ist, zu ziehen. Schließlich
bitte ich Sie, mir ferner Ihre Theilnahme zu schenken, und verbleibe
Ihnen zu innigem Dank verpflichtet, hochachtungsvoll