_Julius Dr_.
Kadach.
K. war Prediger in Ziebingen, und während Tieck’s mehrjährigem
Aufenthalte daselbst fanden sich die beiden Männer. Wie würdig
ihr freundschaftliches Verhältniß gewesen und geblieben ist,
und wie selbstständig der „Landprediger“ dem Poeten gegenüber
sich benommen, geht aus dem Tone dieses (leider ganz vereinzelt
vorgefundenen) Schreibens hervor. Späterhin ward er zum Mitglied
der dortigen Regierung als Konsistorialrath nach Frankfurt
a/O. berufen, und vermählte sich daselbst in reiferen Jahren
zum zweitenmale mit der Tochter des Vice-Präsidenten von R.
Diese Ehe führte denn im Verlaufe der Zeit durch mannichfache
Familienverbindungen dahin, daß die Tochter seines Ziebinger
Freundes zur Pflegemutter und liebevollen Erzieherin der von ihm
hinterlassenen Waisen geworden ist. Und so dauert das vor länger
als einem halben Säkulo gestiftete Seelenbündniß, über Tod und Grab
hinaus, lebendig fort.
(ohne Datum.)
An den Königl. Sächsischen Hofrath und 2ten Theaterdirektor
Herrn ~Dr.~ Tieck.
_Mein herzlichgeliebter Freund!_
Die Nachricht von Ihrer Standeserhebung, Ihrem neuen Amte und der
damit verbundenen Dotation hat uns hier als die größte Neuigkeit des
neuen Jahres ganz außerordentlich angenehm überrascht und bey Marie
und mir eine so große und theilnehmende Freude verursacht, daß ich
mirs nicht versagen kann, Ihnen davon ein schriftliches Zeugniß zu
schicken und Ihnen zugleich zu Ihren neuen Titel und Würden, so wie
zu Ihrem Amte und Gehalte von Herzen Glück zu wünschen. Denn das
letzre, denk ich, werden Sie bei all Ihrem Talent, Ihrer Kentniß und
Ihrer Liebe fürs Theater doch wohl gar sehr brauchen und dessen nicht
leicht zu viel oder genug haben können. Möge Ihnen denn bei Bildung des
Theater- und Künstler-Volks und bei Leitung desselben zu einem schönen
und edlen Ziele ~Fortuna~ aufs günstigste seyn und es Ihnen
besser als Göthen und Lessing gelingen, uns ein wahrhaft deutsches
National-Theater zu geben, oder doch näher dazu zu verhelfen, als es
jenen gelungen ist. Jetzt ist für Sie die Zeit gekommen, Ihre deutschen
Tragödien zu schreiben und Ihr Vorbild Shakespeare, nachzunahmen und
wie ihn, so auch Ihren eigenen patriotischen Genius auf die Bühne zu
stellen. Was würde Deutschland auf der Dresdner Bühne hören, was sehen,
wenn es Ihnen gefallen wollte, die Hand an die Feder zu legen, durch
sie Ihre jugendlich und männliche Begeisterung aussprechen zu lassen
und Ihr ganzes amtliches Ansehen vereinigt mit Ihrer Kunstkenntniß, für
gediegene Darstellung desselben einwirkend zu verwenden. Wie will ich
mich freuen über alles Gute, das durch Ihren Einfluß in diesem Gebiete
der Kunst hervorgebracht wird, wenn auch das wünschenswertheste
und beste nicht erreicht werden könnte. Unter Ihnen wird sich doch
wieder eine Schule bilden, wo die Acteurs und Actricen reden, gehen,
stehen und agiren lernen, und wo das eigentliche Talent sich bilden
kann, ohne verbildet zu werden aus eigner Schuld oder fremder! Mögen
Sie nur dazu recht lange die Lust behalten und recht viele angenehme
Erfahrungen machen, die die natürliche Lust und Liebe zum Dinge in
Ihnen verstärken; und möge zu Ihrem Wirken für diese Kunst Ihnen nur
niemals die Gesundheit fehlen. Bei Ihrer alten Vorliebe, bei der freien
Gunst, die Sie bisher schon der Dresdner Bühne geschenkt hatten, bei
dem Ansehen, in dem Sie schon standen und das jetzt durch das amtliche
noch viel mehr zunimmt, bey der schon vorbereiteten Geneigtheit des
Theaterpersonales, des Publikums und der Direktion, Lehre, Rath,
Beispiel gern anzunehmen und aufs beste zu benutzen, darf jedermann
etwas ausgezeichnetes Gutes und Schönes erwarten, und Ihre Freunde und
Freundinnen dürfen sich Ihrer neuen Thätigkeit, Ihres belebenden Eifers
und Ihres -- neuen Ruhmes freuen, den Sie dem schriftstellerischen
beifügen. Freilich ist nicht zu erwarten, daß jener überall ganz rein
glänzen werde; ebenso wenig als dieser ganz fleckenlos erscheint und
überall anerkannt wird. Vielleicht wird jener grade im Vaterlande eben
so angefochten als es diesem seit Ihren letzten Werken, den Novellen,
ergeht, die viele kaum wollen dafür gelten lassen, aus keinem andern
Grunde, als weil sie sich mit denen des Cervantes und andern ältern
gar nicht in Vergleichung stellen ließen. Soll ich Ihnen, damit Sie
ja nicht bei Ihrem neuen Glücke übermüthig werden, eine Probe der
einheimischen Kritik geben, welche Sie wohl demüthigen könnte, wenn
Sie sich davon wollten demüthigen lassen? Aus Frankfurth schreibt man
mir: „Tieks Novelle, das Landleben, haben wir gelesen; aber unter
allen Erzählungen dieses geistreichen Mannes hat sie uns am wenigsten
gefallen. Das Zopfwesen wird doch zuletzt ein abgehetzter Haase, an
dem weder Fell noch Fleisch zu brauchen ist. Eine ächt humoristische
und wahrhaft witzige Situation abgerechnet, ward uns zuletzt der Zopf
nach allen seinen politischen, moral- und martialischen Beziehungen
sehr langweilig. Kein einziger der aufgeführten Charaktere ist uns
recht klar in sich selbst begründet und poetisch und psychologisch
wahr genug vorgekommen. Auch kommen und gehen die Personen wie in
einem Puppenspiele und damit die Geschichte sich fortbewege, bekommt
sie immer durch einen ~deus ex machina~ einen äußern Anstoß.
Man begreift nicht, wie die zum Theil albernen Menschen zu einem so
tiefen, wahrhaften und wunderbaren Gespräch über Friedrich II.,
das preußische Volk, Lessing, Klopstock, Voltaire, den rel. Unglauben
seiner Zeit u. s. w. kommen! -- Welche gehaltvolle, gediegene Worte!
welch ein tiefes, festbegründetes Urtheil, in dem jedes Wort gewichtig
ist, haben wir da gefunden, aber wie kommt und geht es mit den übrigen
Figuren der Novelle zusammen? Sonst ist alles, was von Tieck kommt,
ein wahres Kunstwerk, wo alles zu einem schönen Ganzen in einander
gewebt ist; aber dieß ist kein Kunstwerk, sondern -- (erschrecken Sie
nicht!) -- Aphorismen und Rhapsodie. -- Wir müßen den herrl. Geist,
dem Shakespeare zur Aufgabe seines Lebens geworden ist, beklagen, daß
er seine Kraft in solchen ~details minutieux~ versplittert. Nicht
als wenn wir die Novelle gering achteten. Es hat uns im Gegentheil oft
verdrossen, daß wir Deutsche auf die lyrische Poesie so viel Fleiß
verwandten und die Erzählungen wie von der Bank gefallene Kinder in die
Findelhäuser des Morgenblattes, der Abendzeitung, des Gesellschafters
&c. absetzen, aber Tieck kann sie anders schreiben als die geschrieben
sind. Höchst gespannt sind wir auf das Dichterleben und den Aufruhr in
den Cevennen, von denen Sie uns so viel gesagt haben; bedauern aber um
so mehr, über das Landleben nicht Ihrer Meinung seyn zu können!“ und
so kann ich mich Ihnen denn mit keiner bessern zu freundl. Andenken
empfehlen; verbleibe aber