_Düsseldorf_, den 27. April 1841.
Wie oft und seit wie langer Zeit habe ich Ihnen in Gedanken
geschrieben, mein theuerer, innig verehrter Freund! Ihr schöner Brief,
Ihre liebevoll gütige Aufforderung, und mein eigenes Herz trieben mich
zu Ihnen, und doch fehlte mir der Ausdruck, der Ihnen gesagt hätte, was
ich empfand, die Kraft von dem Nächstliegenden zu reden, und der Muth
bei andern Dingen anzuknüpfen. Es giebt Stimmungen, die sich in Worte
nicht fassen lassen, wenn auch das Herz zu brechen droht an der stummen
Last, mit der sie es erfüllen, denen man geduldig still halten muß, bis
die himmlische Gnade uns mit leiser Hand auch über die wegführt. Es
waren die meinigen in der verflossenen Winterzeit und sie ließen mich
lange nicht zu Ihnen kommen. -- Vor einiger Zeit war ich nun wirklich
im Begriff Ihnen zu schreiben, da vernahm ich Ihr Geschick und wollte
nicht mit Worten an Ihren Kummer rühren. Ich weiß zu wohl an meinem
eigenen Herzen, wie die treuste Meinung in ihrer Äußerung oft Mißklänge
in den Saiten des bewegten Inneren hervorbringt, weil unser Gefühl
augenblicklich nicht mit des Andern Stimmung harmonirt, und wollte um
Alles in der Welt Ihre Betrübniss nicht schärfen. Drum sag’ ich auch
heute nichts weiter. Sie wissen, welches schöne reine Bild Ihre Tochter
in meiner Seele gelassen, wissen, wie meine innige Liebe und Verehrung
Ihren Tagen das Schönste und Heiterste gewünscht hätte, und fühlen,
daß der Schmerz, an dem ich trage, mich jedes andere Leid tiefer
mitempfinden läßt, als es ein vom Kummer unberührtes Herz vermöchte.
Möge des Himmels gnädigster Beistand über Ihnen und über Ihrem Hause
seyn! --
Und nun lassen Sie mich Ihnen danken, mein verehrter Freund, recht
innig und von ganzem Herzen danken für die Güte, mit der Sie meine
Zeilen aufgenommen und erwiedert haben, mit der Sie meinen Wünschen
entgegengekommen sind. Sie haben mir eine große Liebe erwiesen,
die ich immer gleich lebhaft anerkennen werde, selbst wenn die nun
eingetretenen Umstände Ihnen die Erfüllung Ihres gütigen Versprechens
unmöglich machten, wie mich mein Gefühl fast fürchten läßt. -- Ich
komme mir recht unbescheiden vor, wenn ich heute Sie wieder an dasselbe
erinnere, und ständen die Sachen nicht so, daß ich Andern Unrecht
thäte, wenn ich meine Scheu nicht überwände, so würde ich den Muth zu
meiner heutigen Bitte und Anfrage nicht finden. Als Sie mir im November
schrieben, gaben Sie die Hoffnung, daß das Werk mit Ihren Zusätzen zu
Ostern erscheinen könnte. Der Verleger, der Immermann bereits einen
Theil des Honorars bezahlt hatte, trieb zur Herausgabe, und der Druck,
der um Weihnachten begonnen, ist so weit vollendet, daß ich heute
den letzten Gesang „Branyane“ nach Leipzig geschickt habe und die
nächste Woche bis auf Ihre Beigaben alles zum Erscheinen bereit seyn
wird. Von allen Seiten fragt man darnach, der Buchhändler erinnert
unaufhörlich, so daß ich gar zu gern von Ihnen baldmöglichst wüßte, ob
Ihr Versprechen Ihnen überhaupt nicht leid ist, und ob es vielleicht
möglich wäre, mir vor Ihren Sommerreisen aus der Verlegenheit zu
helfen? Es thäte mir und Allen, die sich mit mir über Ihren Vorsatz
freuten, unendlich leid, wenn wir das Buch ohne Ihre Ausstattung in’s
Publikum geben müßten, und es wäre gar schön, wenn Sie den Gedanken,
etwas über I.’s Talent und Bestreben hinzuzusetzen, ausführten, doch
will ich gewiß nicht unbescheiden dazu drängen, und werde begreiflich
finden, wenn Ihnen die Arbeit jetzt unmöglich seyn sollte, so betrübt
es mir auch wäre. Denn freilich geht einerseits dem Gedichte viel
verloren und dann wäre die Meinung eines Freundes wie Sie über I.
ein wahrer Schatz neben manchem Verkehrten und Unerschöpfenden, was
über ihn laut geworden. Doch lassen Sie mich davon aufhören, mein
Wunsch möchte mich immer unbescheidner machen, und es ist doch meine
ernste Absicht, Sie nicht zu quälen, sondern nur Sie zu bitten, Ihren
Entschluß mich irgend wie in einer Zeile wissen zu lassen, damit wir
uns darnach richten können. Darf ich darauf wohl hoffen und darf ich
vor allen Dingen hoffen, daß Sie mir nicht böse sind?
Wenn ich Ihnen nun noch Einiges über unsern hiesigen Zustand, über den
Kreis sagen soll, der Ihnen zum Theil bekannt, so haben Sie leider
nicht viel Frohes zu hören. Ich glaube zwar wohl, daß mir der Blick
für Manches geschwächt ist, seit ich nicht mehr mit befriedigtem
Herzen an den Dingen Theil nehme, indessen, daß es anders geworden
ist, als es war, empfinden auch wohl meine Freunde. Das Leben geht
seinen stillen Weg, Jeder nimmt Theil an _dem_ Schönen, das es
bietet; aber es fehlt oft die Kraft, die es uns schuf oder wenigstens
belebend nahe brachte, und weil man verwöhnt war, fühlt man den Mangel
desto drückender. Mir wenigstens tritt er immer näher, und je mehr ich
wieder Kraft gewinne, mit dem äußern Leben anzuknüpfen, desto tiefer
empfinde ich die Mißstellung, in die mich mein Geschick versetzt hat.
Das macht mich gewiß nicht undankbar gegen den Himmel, ach nein, je
ärmer mir Anderer Leben um mich erscheint, gegen das was ich genossen,
desto jubelnder freue ich mich meiner heiligen Erinnerungen und desto
muthiger fühle ich mich, in ihnen die Gegenwart zu ertragen; aber
eiskalt überläuft es mich dazwischen, wenn ich über heute und morgen
wegsehe, und immer das Unvermögen in mir finde, durch mich selbst
anzueignen, was, eine Himmelsgabe, mir die Liebe bescheerte. Was im
Glück uns Frauen der höchste Segen ist, das eigene Daseyn nur in einem
Zweiten zu empfinden, das macht uns so tief unglücklich, wenn uns das
Geschick allein in das Leben schickt, und wir Alles nur um unsrer
selbst willen thun können. Warum ich Ihnen das Alles schreibe? Weil
ich ein unbeschreibliches Vertrauen habe, von Ihnen auch in _dem_
verstanden zu werden, was Andere leicht für Hochmuth oder Prätension
halten könnten, und weil _das_ Vertrauen so wohl thut. Ich weiß
gewiß, daß mir noch Vieles Gute tagtäglich zu Theil wird; aber ich
kann den Schmerz nicht hindern, mit dem ich nach dem Schönen sehe,
was vielleicht nur ein so hohes Dichtergemüth, wie mir nahe war, in
unendlicher Fülle uns zu reichen vermag. Weinen und klagen kann der
Schmerz selten; aber er macht, daß alle Gegenwart sich nur durch die
Erinnerung beleben kann. --
In voriger Woche war Ihr Freund Loebell bei Schnaases. Das gab manchen
Verkehr unter den Freunden, und daß Ihr Name oft genannt ward, können
Sie denken. Besonders haben wir uns noch gemeinsam mit Ihrer Vittoria
beschäftigt, denn das schöne Gedicht hatte uns Alle hoch erfreut, und
je mehr wir uns damit in Gedanken beschäftigten, desto tiefer empfanden
wir den Reichthum und die unendliche Fülle der Poesie, von der Alles
in dem Buche durchweht ist. Sie haben den Deutschen ein herrliches
Geschenk gemacht, und die schnelle zweite Auflage zeigt Gott sei Dank
einmal, daß auch das größere Publikum es so begriffen. -- Mir hat es
außer der allgemeinen Erhebung, die Poesie uns giebt, in mancher bangen
Stunde Kraft gegeben, denn oft, wenn Alles um mich her zu verschwinden
schien, habe ich mir einige gar zu schöne Stellen wiederholt, in denen
Sie Vittorias Schmerz und ihre Haltung schildern und daran mich selbst
zu stärken gesucht. --
Vielen Dank habe ich Ihnen außerdem im Stillen gesagt. Ich habe den
ganzen Winter sehr häufig Novalis Schriften, durch Sie uns zugänglich,
gelesen; und mich zu keinem Anderen immer aufs Neue so innig hingezogen
gefühlt. Alles habe ich freilich nicht verstanden; aber Vieles ist mir
unendlich nahe getreten. Da fand ich oft in Worten wieder was mich
durchzog, und mit dem schmerzerfüllten Dichter konnte ich auch von den
Klängen der Wehmuth mich zu heitereren Gebieten wenden und mich darin
erquicken. --
Hier beschäftigt man sich bereits mit Festgedanken für den erwarteten
Besuch unseres Königs. Schadow wird in Bildern die Geschichte der
deutschen Poesie darstellen. Mir ist das Ganze noch nicht recht klar,
nur das habe ich als etwas Bestimmtes gehört, daß den Beschluß die
Aufführung Ihres Gartens der Poesie machen soll. Uechtritz hatte an
Bilder aus der deutschen Geschichte gedacht, jetzt aber den Plan für
hier aufgegeben und beabsichtigt ein ausgeführtes Festspiel daraus zu
machen, was etwa in Berlin gegeben werden könnte, gelegentlich. Der
Plan hat uns Alle sehr angesprochen. Den 3ten Theil seines Buches über
Düßeldorf scheint er vorläufig aufgegeben zu haben; wenigstens wünscht
er einen Aufsatz über Schiller und dessen Nachfolger unter dem Titel,
Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters, in Raumers historisches
Taschenbuch zu geben, und läßt einen kleinen Aufsatz über Immermann,
der für jenen bestimmt war, in den Blättern für literarische
Unterhaltung drucken. Letzterer hat mir bis auf einige Einzelheiten
sehr wohl gefallen.
Wenn Sie es noch nicht wissen, freut es Sie vielleicht, daß vom
Münchhausen nächstens die 2te Auflage erscheint. Es wäre ein wahres
Glück gewesen, wenn es I. erlebt hätte, denn es würde ihm Muth und
Zutrauen zu sich und der Welt gegeben haben, was ihm noch bis zuletzt
oft fehlte; nun ist es für mich auch immer eine große Freude.
Mein Töchterchen ist, so klein es ist, schon ein treues Abbild des
Vaters und giebt mir unzählige Freuden, und neben allem Trüben was auch
Ihre Verlassenheit in mir weckt, die einzige Aussicht in der Zukunft,
an der ich mich halten kann. Möge der Himmel sie mir erhalten!
Was werden Sie zu meinem langen Briefe sagen? Böse dürfen Sie nicht
über das viele Schwatzen seyn, denn Sie haben mir erlaubt, mit vollem
Vertrauen zu Ihnen zu reden, und deßhalb schrieb ich weiter, als mir
unter dem Schreiben wohl wurde. -- Nun bitte ich nur noch, mich der
Frau Gräfin und Ihrer lieben Tochter zu empfehlen, wünsche Ihnen von
Herzen ein Lebewohl und bitte mir die Gesinnungen zu bewahren, die mich
so sehr erfreuen.