_Düßeldorf_, 18. Julius 1831.
_Wohlgeborner
Hochverehrter Herr Hofrath!_
Ich erlaube mir, Euer Wohlgeboren beifolgend ganz ergebenst ein
dramatisches Gedicht mitzutheilen, von dem ich wohl wünschte, daß es
vor dem Erscheinen im Druck dargestellt werden möchte. Insofern Sie
glauben, daß es für die Bühne sich eigne, würde ich daher diesen Wunsch
auch in Beziehung auf die dortige hiemit ausgesprochen haben. Nach dem,
was mir durch öffentliche Nachrichten über Ew. Wohlgeboren Verhältniß
zum Dresdner Theater bekannt ist, hoffe ich durch die unmittelbare
Überreichung meiner Arbeit an Sie, mich nicht zu weit von der Ordnung
des Geschäfts entfernt zu haben; jedenfalls wird man wohl den Verstoß
entschuldigen, wenn ich hierin irrte. Es war natürlich, daß ich mein
Gedicht am liebsten in die Hände des Dichters legen mochte.
Lassen Sie mich indessen, mein Hochverehrter Herr! diesen Worten
sogleich hinzufügen, daß mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor Ihrer höchst
würdigen Stellung in der Literatur der Gegenwart mehr angetrieben hat,
Ihnen mein Werk vorzulegen, als ein leidenschaftliches Verlangen,
dasselbe auf den Brettern zu sehn. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre
müssen uns soweit belehrt haben, daß wir uns, selbst im glücklichsten
Falle eines sogenannten Erfolges, einer ungetrübten Freude kaum
überlassen dürfen, die doch nur gerechtfertigt wäre, wenn die scenische
Wirkung uns den dramatischen Werth des Dargestellten noch verbürgen
könnte.
Mein Wunsch bezieht sich ohnehin eigentlich nur auf die ersten beiden
Theile. Obgleich ich auch den dritten dramatisch zu bilden, wenigstens
beabsichtigt habe, so würden doch die Schauspieler, wie sie nun einmal
jetzt sind, schon in der feierlichen Form und in den künstlichern
Maaßen desselben unübersteigliche Schwierigkeiten finden. Mir ergab
sich die Form aus der Natur des Stoffs.
Wenn in den ersten Theilen der Gegenstand mehr von der Seite der
Abnormität gegriffen wurde, so war es die Sache des letzten, diese
Anomalien unter die allgemeinen Gesetze des Daseins auch sichtlich
zu ordnen, und das früherhin vorherrschende Charakteristische in die
Schönheit aufzulösen. Die innere Öconomie sowohl, als die äußere
Gestaltung mußte sich daher in gewissem Sinne der Antike annähern, in
welcher diese Art der Behandlung hervorsticht. Von der Geschichte
bin ich verschiedentlich abgewichen. Die sogenannte Verschwörung
von Susdal, welche den ersten Theil bildet, gedieh nicht zu der
abgeschloßenen Gestalt, wie sie bei mir bekommt; bei der Katastrophe
des Alexis traten die Gegensätze wenigstens sichtbar nicht so schroff
und seltsam auf, wie in meinem zweiten Stücke, und die Fabel des
dritten Theils liegt, den Treubruch der Katharina und die Verzweiflung
der letzten Lebenstage Peters abgerechnet, ganz im Gebiete des nur
Mythischmöglichen.
Sie haben sich zuweilen gegen die Willkühr bei der Behandlung der
Geschichte erklärt, auch der verewigte Solger äußerte sich, wenn ich
nicht irre, gelegentlich auf dieselbe Weise. Ich muß gestehn, daß ich
dem Dichter gern die höchste Freiheit bei der Behandlung des historisch
Gegebenen bewahren möchte. Zeigt sich freilich in seinem Werke statt
der lebenskräftigen Idee, ein hohles verblasenes Wesen, oder ist in
Erzeugnissen höherer Art doch hie und da eine Schwäche fühlbar, dann
muß es erlaubt sein, aus dem Gedichte hinaus in die Geschichte zu
blicken, und die Befangenheit zu rügen, der vielleicht die größten und
gründlichsten Motive nicht erkennbar würden. Immer aber wird, wie ich
glaube, der Tadel von der Poesie auszugehn haben. Und so habe ich Sie
auch nur verstanden, da Ihr Urtheil, wo es auf das Historische Bezug
nahm, in der That immer sich an die Auffindung dichterischer Mängel
knüpfte.
Macht man aber aus dem, was nur im einzelnen Falle Geltung hat, ein
allgemeines Prinzip, tritt man, wie es jetzt wohl zu geschehen pflegt,
von außen mit dem historischen Maaßstabe an das poetische Werk hinan,
so scheinen noch die ersten Erfordernisse einer ästhetischen Erkenntniß
zu fehlen. Wozu es der Poesie noch bedürfe, wenn die Geschichte schon
Alles enthält, läßt sich nicht wohl absehen.
Der Stoff, welchen der Historiker darzureichen meint, möchte auch
wohl für den Dichter erst dann zu existiren beginnen, wenn ihn die
Phantasie nach ihren ganz eigenthümlichen Gesetzen bereits ergriffen,
verknüpft und umgestaltet hat. In diesem neuen vornehmen Kleide zeigt
sich dann nur wieder der alte antikünstlerische Geist der gemeinen
Naturbetrachtung, der im 18. Jahrhundert sich als psychologische
Anforderung, Verlangen nach Wahrscheinlichkeit u. s. w. gebärdete.
Was meinen Stoff betrifft, so wurde ich in meinem Innern davon nur
berührt und erschüttert, insofern er mir das Schauspiel eines großen
und ungeheuren Irrthums darbot.
Vielleicht hat nie ein Mensch tiefer das Unendliche, welches im
Menschen liegt, gefühlt, als Peter der Große, und vielleicht war nie
Einer durch die Schranken seines Wesens und durch eine feindliche
Umgebung unglückseliger gefesselt. Aus Slaven, denen von jeher das
geistig Zeugende fehlte, will er ein weltbestimmendes Volk machen; er
bleibt selbst ein Slave, dem die Aufgabe auf Nachahmung und Aneignung
hinausläuft -- die Muster aber muß er aus seiner Zeit nehmen, der
schlechtesten, die es geben konnte, weil sie allen organischen
Zusammenhang in Kirche, Staat und Lebensgestaltung verloren hatte.
So schafft das gewaltigste Wirken ein äußres Gehäuse von Macht und
Größe, dem die Seele fehlt, und welches den Schöpfer selbst am Abend
seines Lebens mit Widerwillen und Grausen erfüllt.
In diesen Gefühlen und Anschauungen ging mir der Gegenstand auf, und
danach hat sich freilich alles Einzelne bei mir umgebildet. In den
_Bojaren_ zeigte sich mir der Held, unwiderstehlich siegreich, so
lange er es mit dem Elemente und der auch schon in sich zerfallenen
Alt-Russischen Magnatenwelt zu thun hat, Kraft gegen Kraft zerstörend
geht; wo es aber, wie im _Gericht von St. Petersburg_, einen
lebendigen, sittlichen Act galt, da sank er mir immer tiefer in die
lächerlich-fürchterlichen Widersprüche seines eigenen Machwerks. Der
Sohn wird geopfert um etwas, dessen Nichtigkeit der Vater selbst zu
ahnen beginnt, und die schlechteste Gestalt gängelt diesen am Faden
eines armseligen dürren Begriffs, den er denn aber doch nicht entbehren
kann, will er bleiben, was er ist. Die Harmonie dieser Dissonanzen fand
ich endlich in dem völligen Zerfallen dessen, was zu einem Scheindasein
zusammengefügt worden war, wie es der dritte Theil hinstellt.
Ich muß sehr um Verzeihung bitten, daß ich, ohne das Glück Ihrer nähern
Bekanntschaft[4] zu genießen, gewagt habe, so weitläuftig zu sein.
Indessen entsprang aus dem Muthe, Ihnen das Gedicht zu senden, auch
nothwendig der, über den Gegenstand zu reden, der mich eine lange Zeit
hindurch gefesselt hat. Ich hoffe, Sie werden mir die Ausführlichkeit
meiner Bemerkungen vergeben, welche freilich gegen das Conventionelle
streitet. Vor Allem wünsche ich, daß Sie in dem Gesagten keine eitle
Meinung über meine Arbeit erblicken mögen. Daß ich mich lange und
ernsthaft damit beschäftigt habe, weiß ich; wie aber das Resultat zu
stehn gekommen ist, darüber bin ich ganz im Dunkeln. Ich benutze diese
Gelegenheit, um Ihnen meinen aufrichtigsten Dank für den Genuß zu
sagen, den mir der zweite Theil Ihres Dichterlebens gewährt hat. In
den beiden Shakespeare-Novellen ist mir das geheimnißvolle Schaffen
Ihrer wunderthätigen Phantasie am klarsten geworden, und ich kann den
Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, nicht anders bezeichnen,
als indem ich sage, daß wenn es nicht so zugegangen ist, es doch
nothwendig so hätte zugehen müssen. Mögen die Zeitereignisse und die
dortigen Verwickelungen Ihnen Heiterkeit und Freiheit lassen, uns
ferner zu erfreuen und zu belehren.
Ich werde vermuthlich im October Dresden auf einer Reise berühren, wo
es mir dann eine höchst angenehme Pflicht sein wird, persönlich meine
Verehrung zu bezeugen.