_Berlin_, den 22. Novbr. 1800.
_Hochgeehrter Herr!_
Die Thorheiten und Laster, welche durch gelungene Darstellungen auf
der Bühne lächerlich und abscheulich gemacht werden, sind überall zu
Hause. Einzelne Züge eines treffend geschilderten Charakters, müßen bei
einzelnen Menschen zutreffen, wenn gleich diese Menschen dem Dichter
und dem Künstler unbekannt waren, welche beide nicht individualisiren,
sondern besonders ihre komischen Personen als Representanten einer
Gattung Narren angesehen wißen wollen. Unerhört ist es daher, einen
Geitzigen, einen Verläumder, einen Intriganten auftreten zu sehen,
der dem Dichter und Künstler zuruft: haltet ein mit der Darstellung
des Geitzes, der Verläumdung, der Intrigue: sie paßt auf mich! Nur
Molierens Tartüffe soll eine ähnliche Wirkung hervorgebracht haben.
Urtheilen Sie folglich was ich empfinden mußte, als ein Mann Ihrer
Art zu mir kam, und mir klagte, der elende Schulberg werde auf ihn
gedeutet. Ich konnte Sie in diesem Augenblicke nur für krank halten
und wünschen, man hätte Sie lieber an einen Arzt als an mich gewiesen.
Indeßen behandelte ich Sie wie einen achtungswürdigen Kranken, deßen
man schont, wenn man ihn nicht zu heilen versteht. Ich fürchtete Sie
durch Widerspruch ohne Noth zu reizen, ich gab Ihrer wiederhohlten
Zudringlichkeit so viel nach, daß, wenn man etwas gewaltsam zu deuten
entschloßen sei, gewiße übertriebne Ausdrücke Schulbergs die Sprache
Friedrich Schlegels nachahmen zu wollen scheinen könnten; ich überließ
es sogar Ihrem Ermeßen, ein Stück von der hiesigen Bühne auf einige
Zeit zu entfernen, das freilich nur dann auf Sie angewendet werden
kann, wenn man es nicht kennt. Ich sezte natürlicher Weise dabei zum
voraus, daß Ihre beßere Besinnung zurückkehren, und Ihnen selbst in
Kurzem sagen würde, was eigne Vernunft wohlthätiger als fremde geltend
zu machen weiß.
Sie haben mich mißverstanden und Ihr lezter Brief beweiset mir, daß Sie
mehr als jemals von der Stimmung entfernt sind, auf welche Nachsicht
und Mäßigung heilsam wirken. Aber was ich Ihnen vielleicht nicht mehr
schuldig bin, kann ich doch meiner selbstwegen nicht aus den Augen
setzen.
Nein mein Herr! Sie sind nicht Schulberg und keiner Ihrer Freunde
ist es. Keiner von Ihnen schmeichelt Sich für adlich zu gelten, ohne
geadelt zu sein; keiner von Ihnen kriecht, schmarozt und borgt von
kleinen Großen; keiner macht einem thörichten alten Weibe den Hof, um
sich vor Pfändungen der Juden zu sichern, keiner von Ihnen verlebt
seine Nächte in leeren Schilderhäusern und Portechaisen. Gott verhüte,
daß es unmöglich werden sollte, einen pöbelhaften Schmierer und seine
Rotte aufzustellen, ohne das Ideal dazu von Ihnen und Ihren Freunden zu
entlehnen!
Die Bibliothek der hiesigen Schaubühne würde in einen leeren Raum
verwandelt werden, wenn jeder mißtrauische Mensch das Recht hätte, alle
Schauspiele daraus zu entlehnen, in welchen etwa ein einzelner Zug
vorkommt, wovon er einige entfernte Ähnlichkeit mit sich zu entdecken
glaubt und die theatralischen Vorstellungen würden zulezt aufhören,
wenn lauter solche Gebrechen dargestellt werden sollten, die im ganzen
Lande nicht zu Hause sind.
Ihre litterarische und physische Existenz vielleicht sogar Ihr Name,
ist dem Verfaßer des Kameleons gänzlich unbekannt.
Ich wohne iezt mit Ihnen an einem Orte und habe nichts von Ihnen
gelesen, als Ihren Sternbald und Ihre beiden Briefe an mich. Die lezten
hätte ich Ihnen gern erlaßen.
Gehen Sie mit Ihrer beßeren Seele zu Rathe. Sehen Sie zu, ob Sie es für
Sich verantworten könnten, den Schulberg auf sich und Ihre Freunde zu
deuten.
Ich werde es für mich nie verantworten noch veranlaßen.
_Iffland_.
Immermann, Karl.
Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als
Landesgerichtsrath in Düsseldorf.
Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur
Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine
eigensten Wege eingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht.
Die Prinzen von Syrakus (1821) -- Das Thal von Ronceval -- Edwin
-- Petrarca (1822) -- König Periander (1823) -- Das Auge der
Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) -- Das Trauerspiel in
Tyrol (1827) -- Ein Morgenscherz -- Die schelmische Gräfin --
Kaiser Friedrich II. (1828) -- Alexis (1832) - Merlin --
Die Opfer des Schweigens -- Die Verkleidungen -- Die Schule der
Frommen - Gedichte (1830) -- Tulifäntchen -- Die Epigonen (1836) --
Münchhausen (1838) -- u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den
Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe,
des Romanes, der Lyrik!
Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie
alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für
den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben
wir alle _unverändert_ aufgenommen; auch diejenigen worin
er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner
aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten.
Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht
man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir
haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen
möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?)
Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in
dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s
Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.
Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer
Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie
desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu
bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.