ergebenster
_Fr. Jacobs_.
Jagemann, Caroline.
Geb. zu Weimar 1778, gestorben zu Dresden 1847. Erste
Schauspielerin des weimarischen Hoftheaters, durch ihren
fürstlichen Freund zur „Frau von Heygendorf“ erhoben.
Ihr Brief wurde aufgenommen, theils weil sie, sowohl durch ihr
intimes Verhältniß zu Karl August, als auch durch ihre Stellung
zu jener ewig denkwürdigen Bühne eine historische Figur geworden
ist; theils aber auch, weil er Kennern der Schauspielkunst tiefen
Einblick gestattet in die leichtsinnige Zuversicht, womit wir in
Deutschland die Vorstudien dramatischer Darstellung behandeln --
-- dürfen! Eine Künstlerin von anerkanntem Rufe, von _langer_
Praxis und Erfahrung, dressirt eine Anfängerin, welche „nicht gehen
und nicht stehen kann,“ binnen kürzester Frist so vortrefflich,
daß selbige Schiller’s Maria Stuart „auf jeder Bühne darstellen
könnte!“ --
Man glaube nicht, daß dergleichen Wunderwerke Ausnahmen sind. Sie
tragen sich alltäglich zu, werden von enthusiastischem Beifall
belohnt. -- Deshalb stehts auch mit unserm Theater gar so gut!
_Brückenau_, d. 25t. Juli 42.
_Theuerster Herr Hofrath_.
Schon längst wollte ich mir die Freude machen, Ihnen zu schreiben,
indem ich glaubte auf Ihre Verzeyhung rechnen zu dürfen, die Sie sich
mir immer so gütig und freundlich bewießen haben und es sogar meine
Pflicht ist, Ihnen für die menschenfreundliche Aufnahme, welche die
Schwabhaussen von Ihnen erfahren, meinen wärmsten Dank auszusprechen.
Nehmen Sie ihn Liebster Herr Hofrath gütig auf und erlauben mir über
dieselbe meine Ideen und Ansichten Ihnen mitzutheilen. Sie kam neml.
zu mir und indem sie mir ihre traurige Lage schilderte -- (sie hat
eine kränkliche Mutter und die kleine Stadt bietet nur spärliche
Erwerbsmittel), bat sie mich so dringend, ich möchte versuchen, ob sie
nicht vielleicht so viel Talent hätte, um dadurch auf dem Theater ihr
Fortkommen finden zu können; daß ich es für Härte gehalten haben würde,
sie zurückzuweißen und ohne Prüfung ihre Hoffnungen zu vernichten.
Sie laß mir die Leonore in dem Stükk gleichen Namens, und ich fand,
sie laß mit Ausdruck und Verstand. Ob mehr aus ihr hervorzubringen
seyn würde, mußte ich versuchen, indem ich ihr die Iphigenie in meiner
Weiße vorlaß, und sie nun in der gehörigen Deutlichkeit, in steigen und
Fallen der Töne mich imitiren mußte. Es gieng über Erwartung gut für
eine _solche_ Anfängerin. Sie hatte mich neml. verstanden. Hieraus
schöpfte ich die Hoffnung oder vielmehr den Schluß, es fehle ihr nicht
an Auffassungsgabe, und da ich mir vorgenommen hatte, keine Mühe zu
sparen, sie sich auch unverdrossen zeigte hundertmahl Wiederholungen
dießer oder jener Stelle; so zweifelte ich nicht, es werde ein Resultat
herauskommen was meinen Wünschen und meinen Bemühungen entspräche.
_Weimar_, d. 1ten Aug.
So lange mußte ich die Fortsetzung dießer Zeilen verschieben. Die
Aufforderungen, die herrliche frische Luft zu genießen in dem
wunderschönen Brückenau waren zu mächtig. Doch vorgestern hier
angekommen, will ich vollenden, was ich vielleicht zum Besten meiner
bisherigen Schützlingin unternommen, und hoffe Liebster Herr Hofrath
auf Ihre gütige Verzeyhung.
Die Schwabh. konnte nicht stehn, vielweniger gehen. Ihr ganzes
Wesen hat nicht eine Spur von der Leichtigkeit und Elegance die das
Lustspiel erfordert. Ich machte also nur im Tragischen Versuche mit
ihr, Studirte ihr die Tecla ein und mußte ihr zugleich die Füße
setzen zu jedem Schritt und iedem Abgang. Es gelang aber zu meiner
besondern Zufriedenheit, und gab mir den Muth gleich auf Maria Stuart
überzugehen, eine Rolle in welcher sie mich nicht nur nach Verhältniß
zufrieden stellte; sondern in einzelnen Stellungen in Ausdruck des
Gesichts oft überraschte, und ich bin überzeugt, würde sie dieße Rolle
so spielen, wie sie hier bey mir gethan; sie würde auf iedem Theater
Glück damit machen. Eben so mit Griseldis, welches die dritte Rolle
war, die sie bey mir einstudirt: Sie hatte noch die Catharine in
Guttenberg gelernt, indeß dieße Rolle verlangt schon mehr Gewandtheit
als die hochtragischen, und ich war mit ihr einverstanden, daß sie
dießelbe erst besser würde spielen können, wenn sie etwas festen Fuß
auf der Bühne würde gefaßt haben. Die Jungf. v. Orleans kann im Zimmer
gar nicht einstudirt werden, denn immer tritt einem der Mangel an der
Scenerie störend in den Weg, und selbst die größern Reden und Monologe
gelingen vielleicht nur einer geübten Künstlerinn im Zimmer ohne die
gehörigen Umgebungen einzulernen und auf die unbekannten Verhältniße
der Bühne zu übertragen. Die Jeanne d’arc ist die einzige Rolle, in
die auch ich mich niemals habe finden können. Es ist zu wenig darinnen
Künstlerisches zu leisten. Warum aber die Schwabh. niemals hat erlangen
können, sich wenigstens durch kleine Rollen auf der hießigen Bühne
einige Routine zu verschaffen, das hat verschiedne Ursachen, die
ich Ihnen mündlich lieber erzählen möchte. Ich bin billig genug zu
vermuthen, daß H. v. Spiegel gefürchtet hat, sich durch die Protection
theils der meinigen, theils derer des Publicums eine Last aufzuladen,
wenn er die Schwabhaussen auch nur in kleinen Rollen hätte auftreten
lassen, dieß ist gewiß _eins_ der Dinge, die sie des Glücks sich
auf der Bühne bewegen zu können nicht theilhaft werden ließen. Nun
aber geht sie nach Dresden, und anstatt sich in den Rollen zu zeigen,
in denen sie _zum wenigsten_ Aufmerksamkeit erregen mußte; stellt
sie sich dar in denen von denen sie selber weiß sie gelingen ihr für
iezt noch nicht. -- Ich konnte nun weiter nichts für sie thun, als
Ihnen theuerster Herr Hoffrath meine Meynung über ihre Fähigkeiten
mittheilen, im Fall daß dieß ihr von Nutzen seyn könnte. Meine Meynung
aber ist, daß sie nur für das hochtragische sich eignet. Ich würde eine
gute Iphigenie, L. Macbeth, Sappho auch Elisabeth aus ihr zu machen
mich getrauen. -- Noch einmal bitte ich Sie liebster Herr Hoffrath mir
meinen langen langen Brief zu verzeyhen. Sie selbst aber sind so gut,
daß Sie zum besten andrer, wohl auch etwas wagen würden. In dießer
Zuversicht hoffe Sie erhalten mir Ihr Wohlwollen; und nehmen die
Versicherung gütig auf das ich mit größter Hochachtung bin