Ew. Hochwohlgeboren

ganz der Ihrigste

_Hormayr_.

Humboldt, Alexander Freiherr v.

Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai

1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche

Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben

mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich,

weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer

einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen

Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in

welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung

einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann,

wie sich beim Lesen ergiebt.

Was den Inhalt anlangt, so _mußte_ Mancherlei weggestrichen

werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich

Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem

edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war

darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich

schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir

die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche

hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus

seinem _Herzen_ kamen, sondern lediglich einer, allerdings

nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was

ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es

auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit

zugezogen, den er darum doch nicht verdient.

Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe

standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so

verschieden sein konnten. _Wilhelm_, der Diplomat, der

Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde

der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt,

wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein

Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als

ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen

Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.

_Alexander_, den sein selbst erwählter Lebensweg über

Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche

Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes

Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der

bis zum Tode _Freiheit_ und _Wahrheit_ predigte; der

rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen

keinen Anstand nahm; -- Er gilt für falsch, und seinen fast

schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen,

ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter

dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er

auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit

den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!

Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 69 / 358 题