VIII.

_München_, am 3. Juli 1845.

Ich erlaube Mir, Hochwohlgeborner Herr Geheimerrath, und seit so lange

Hochverehrter Freund, zwei geringe Andenken zu überreichen an unsern

seit vierzig Jahren, seit der großen antibonapartischen Rüstung 1808

in Wien, in so edelm Beisein, wie der Frau von Staël-Necker, der

Nyß, der Frau von Knorring, der beiden Brüder Schlegel, so vieler

jenseits der Alpen, der Apenninen und der Pyrenäen des Fremdlingsjoches

Ungeduldigen, so vieler edeln, rachedurstigen Preußen, wie Rühle,

Grollmann, Pfuel, Marwitz, Kleist, Arnim, Valentini u. v. A.

geschlossenen Freundschaftsbund. -- 1825, zehn Jahre nachdem die Welt

in Frieden und doch nirgend ein rechter Friede war, erneute sich dieser

schöne Bund abermal in Wien, in dem herrlichen Hause Salm. Ich kann

wohl sagen, daß die unvergleichliche Fürstin Salm 1815|1825 meine

Erziehung (freilich etwas spät), gleichwohl aber mächtig vollendet

hat, bloß durch die Lesung und das Durchstudiren Ihrer sämmtlichen

Werke, aus denen insonderheit Genovefa den unauslöschlichsten Eindruck

auf mich gemacht und mehrere Meisterwerke der Historienmalerei durch

Führich, Fendi, Ruß und Petter hervorgerufen hat.

Sie erhalten hieneben die göttlichen Burgen des Tyrolischen Etschthales

und meine, der erwünschten (alle österreichischen, fatalistischen

Mißgeschicke entfernenden) Vermählungsfeier des Kronprinzen Maximilian

geweihte goldne Chronik von Hohenschwangau, der Burg der Welfen, der

Hohenstaufen und der Schyren-Wittelsbacher. -- Nehmen Sie die geringe

Gabe freundlich auf. -- Der Himmel erhalte Sie für späte Zeiten, in

denen Ihr üppig reicher Ruhmeskranz unverwelklich fortblühen wird.

-- Ihr Genius hat auch auf alle werthvollen Schöpfungen meiner mehr

als fünfzigjährigen und auf anderthalbhundert Bände betragenden

Laufbahn den entscheidendsten und wohlthätigsten Einfluß geübt. --

Ich lege hier ein Verzeichniß derselben bei, wovon ich Sie, edelster

Freund, bitte, auch an den wahrhaft großen Alexander Humboldt, auch

an Raumer, -- Waagen, von der Hagen, Abdrücke gelangen zu lassen,

die Ihnen vielleicht nicht unwillkommen und die längst von mehreren

Gelehrten-Lexicis, von den Pariser Schmierern der ~biographies des

contemporains~, der ~gallerie des hommes illustres etc.~

verlangt worden sind: -- eine wahrhafte Satyre auf das Horazische: --

_~multum non multa!~_ -- Indessen, wo es sich um Entdeckung

und Veröffentlichung überreicher Materialien handelt, und um deren

kritische Sichtung, immer noch zu rechtfertigen! -- Die in Berlin

erfahrene, außerordentliche Nachsicht und Güte, (worin freilich

_Sie_ mit dem liebenswürdigsten und unvergeßlichsten Beispiele

vorangingen), hat in mir den festen Entschluß erweckt, jedes Jahr

gegen Ende Mai, -- vier bis sechs Wochen dem Besuche Berlins zu

widmen. -- Meine Frau dankt mit mir Ihnen und der edeln Frau Gräfinn

von Finkenstein mit der innigsten Rührung und an die vielen schönen

Stunden, namentlich an Romeo und Julie, das ihre gespanntesten

Erwartungen noch weit übertraf, immer und ewig gedenkend.

Der Himmel erhalte uns in Ihnen lange noch eine der edelsten Zierden

des deutschen Gesammtvaterlandes und der europäischen Dichterwelt. --

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 67 / 358 题