_Hannover_, am 10. May 1833.
Seit langer Zeit, verehrter Herr und theuerster Freund, haben Sie
Nichts von mir gehört, -- Ich (wie übrigens gewöhnlich,) noch weniger
von Ihnen. Inzwischen sind meine Bewunderung und meine Liebe für Sie
stets dieselben geblieben, und nie vermag ich an Sie zu denken, ohne
die innigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen und für die dem gesammten
deutschen Volke wichtige Heiterkeit und Fruchtbarkeit Ihres Geistes.
-- Wie ergeht es mir denn mit Raumer, den ich doch stets so sehr
geachtet und gegen alle Angriffe rüstig vertheidiget hatte? -- Ich
bekomme auf keinen Brief mehr Antwort und weiß mir dieses in keiner
Art zu erklären. -- Leider sah ich Raumer in Göttingen kaum eine
Viertelstunde, als er eben nach Cassel abfuhr. -- Dringen Sie ihm doch
ein wenig auf’s Gewissen.
Diese Zeilen haben übrigens einen höchst interessirten Anlaß, --
nämlich Ihnen eine überaus werthe Freundin dringendst zu empfehlen,
die (überhaupt sehr geistreich und liebenswürdig) an Begeisterung
für Tieck’s Muse mit mir wetteifert und viele seiner Meisterwerke,
insonderheit den, trotz aller Versprechungen noch immer nicht
fortgesetzten Aufruhr in den Cevennen, aus meinem Munde gehört hat.
-- Es ist die Bankierswittwe Madam Philipp aus Hannover mit ihren
trefflichen Töchtern. Sie ist die Schwester des um das Königliche Haus
sehr verdienten Münchner Hofbanquiers und Ritters der bayerischen
Krone Baron Eichthal, der sich jetzt wegen der griechischen Anleihe
bald in London, bald in Paris befindet. -- Sie besucht ihre Familie
in Prag, München, Augsburg, St. Blasien auf dem Schwarzwald und kehrt
dann wieder nach Hannover zurück. -- Ludwig Tieck von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, gehört zu den lange gehegten Herzenswünschen dieser
drei hochgebildeten und interessanten Damen. -- Von Ihnen, theuerer
Freund, bin ich der gütigsten Aufnahme dieser meiner intimen Freunde
gewiß, die mir den Anbeginn meiner Mission in Hannover hindurch ein
unentbehrliches und unschätzbares Kleinod gewesen sind. -- Etwas
shakespearisiren müssen Sie mit ihnen. Es ist bei Gott gut angewendet
und ich sehne mich, einmal wieder von Augenzeugen Nachrichten und
~ipsissima~, ~suprema verba~ von Ihnen zu hören.
Ihre neuesten Novellen haben mich wie immer sehr angesprochen. Aber
dennoch ist mein Wunsch nur um so heftiger, Ihre riesige Kraft wieder
einmal an einem grossen und Ihrer würdigen Gegenstande bewährt zu
sehen, vor Allem in der Beendigung des Aufruhrs in den Cevennen! Die
poetischen Gassenjungen und Zwerge dürfen nicht glauben, Tieck habe
die Kraft verlassen, den Zauberknoten zu lösen, den er geschürzt. --
Sehr wünschte ich, meine nun schon 30 Jahre bestehenden, historischen
Taschenbücher und ihre stehenden Rubriken: _Sagen und Legenden_,
-- _Ahnentafeln und Burgen_ wären Ihnen zur Hand und werth, Ihnen
interessante Novellenstoffe zu bieten? -- Fast sollte ich es meinen.
Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck jener aufrichtigen Bewunderung,
treuen Anhänglichkeit und Liebe, mit welchen unaufhörlich beharret
Ganz auf ewig Ihr alter,
treuester Verehrer
_Hormayr_.