Fünfzehntes Kapitel

Unvorbereiteter waren sicher noch nicht viele nach der Stätte so großer

Ereignisse gewandert. Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf

immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als ein Sinnbild aller

Grausamkeiten, und nur mit Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin,

aus welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen.

Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser gewesen, sich zu drücken?

Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele Leiden beherbergt. St.

Peter, mit Ausnahme von Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden

sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige Kirche, die mich

rührte, von den Museen beglückten mich nur die Thermen, vor dem Forum

versagte meine Phantasie. Schöner war es, in die Villa Medici zu gehen.

In einer der Alleen stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von späten

Rosen umrankt, über ihn der verglühende Tag. Rom ist eine Stadt des

Abends. Er hob sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann untertan.

Starke Tränke für den Beschauer waren ihre Sonnenuntergänge. Auch mir

benahmen sie die Armut. Doch nur auf Augenblicke.

Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang dieses Buches steht: eine

radikale Sprunghaftigkeit könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten

Einheitlichkeit des Denkens zusammenhängen und es käme auf eine Probe

an.

Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das Leben. Nicht in der

Verkürzung wie der Greis, sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich

vor ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es in Kauf. Die Jugend

ist hierin feiner. Sie ist noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie

es bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt sie das Zaudern und

das Grauen. Erbarmt euch ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum

Verhängnis. Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord näher. Über die

Brücke gelehnt, bedachte ich nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines

Daseins, nur noch die besten Arten, mich ihm zu entziehen. Eine solche

Flucht war freilich eine Niederlage und ein anderes Wort für: nicht

bestehen. Allein es war der letzte Anker, wohl in Sicht zu halten.

Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? Saß es auf seinen sieben

Hügeln, um mir Richtlinien zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich

gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten sich um die Herrschaft in

meinem Inneren. Die Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant in

Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen überhaupt zugrunde. Aber

die letzten Dinge, nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. Die Aula

jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, ohne Anleitung durch Dornen und

Gestrüppe mich reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost,

nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt des Führers, statt des

Rückhalts, statt des Abiturs – den Hokuspokus.

Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war Richard Wagner geworden.

Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor erkoren. Seinem Dienste war

ich eingeschworen, seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand

überantwortet. Seine gewichtigen zehn Bände waren das Bollwerk meines

Château du cœur. Seinen langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner

kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die Wagnerische Mode, doch

schon mehrten sich die Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung

nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er fort, der lästige Chor, dann

blieben nur die Wenigen, die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er

mir. Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, über die ich

nicht mit mir handeln ließ; jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die

Standarte meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse nicht

vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen Scheidungen immer gewillt; zu

Donquichotterien immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin,

die über Wagner im familiären Tone aburteilte, daß ich, über die Köpfe

ihrer Gäste hinweg, lauten Protest erhob und augenblicklich ihren „jour“

verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Ein leichter Wind

umstrich mich linde: derweil die oben Gebliebenen empört über mich zu

Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer war ich denn?

Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird das Recht auf eigene

Meinung, so wir eine haben, am längsten angezweifelt und bekämpft; daher

einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit geboten wird, zur

Menschenkennerin heranzureifen. Diesbezüglich befand ich mich in

vorderster Szene, wo immer ich auftrat. London oder Berlin, es war ganz

gleich. Als ich zum ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, lebte

noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein feiner, überlegener Greis. Auf

irgendeine Empfehlung hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es war ein

Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. Nach einem kleinen,

köstlichen Diner stand ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft.

Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden und gewellten Haar

figurierte in ihrer Schlankheit zu Ehren des noch schönen Paul

Deschanel, das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von Frack, die

seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, seine für weiße Manschetten wie

erdachten Hände, sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies alles,

wenn ich es heute überdenke, war von einer vorkriegszeitlichen Pracht,

ohne störende Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen

Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – als Empfangsräume, als den

Salon.

Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte ich mich nur selten. Es war

auch nicht nötig; im übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und

weniger konnte man nicht sein.

Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth zu sprechen, und zu meinem

Schrecken riß die Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub.

„Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon führte ich wieder Schild

und Speer, schon hielt ich am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon

war ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch führen sollen über

Summen, die er zur allgemeinen Bereicherung entlieh? und wenn wir schon

feilschten, warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, die er

begründete, die Theater, die er dotierte oder ins Leben rief, die

Riesenvermögen der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? „Wenn wir

schon feilschten,“ sagte ich und blickte unbefangen im Kreise umher,

„gab er dem Etat der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, „den

Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite liegt der Undank, wenn wir

schon rechnen?“ fragte ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf

und verachtete, wie er zu einer von Mark und Pfennig gravitätisch

eingedämmten Welt sich so unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie

erfrischend, welche Labung!“ rief ich aus.

Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners den Anwesenden denkbar egal.

Was sollte dies feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen,

Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, dann sagte jemand:

„Comme il fait chaud!“

Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit befiel mich

wieder und schmiedete mich an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen.

Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten Mannes vom anderen Ende

des Zimmers näher, und es erklangen die rettenden und unverhofften

Worte: „Elle a raison“.

Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er hatte dem greisen Wagner bei

Gelegenheit eines Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen

und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, seine einfache und

rücksichtsvolle Art. Dagegen machte er den denkbar schärfsten

Trennungsstrich zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er

leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen gewesen sei. Alle hörten

jetzt mit großer Spannung zu. Wie glücklich aber war ich selbst an

diesem Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner Schritte auf dem

Heimweg an mein Ohr. In Paris, wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als

armer Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte mir mit ergreifender

Deutlichkeit vor.

Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich auf dem Platz des Münchner

Hoftheaters. Allein. Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang,

und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik nicht mehr ertrug. Sie

bekundete mir nichts mehr. Sie quälte mich. Die Vorstellung war

mittelmäßig, es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch – ob

ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu oft vernommen, auf immer

vielleicht erschöpft blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins

Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch ein Stoß! – Zwar

erhielt mein Wagnerkult keine Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies

nicht. Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, der

Weltenatem seines Geistes, dies war es, was ihn unsterblich machte.

„_Schafft Neues_“ war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. Setzte

da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, ihm zu Ehren eines seiner

Bühnenwerke an, so ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister war

er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, mein Idol. Es rührte mich

unbeschreiblich, daß er für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung

erträumt, und den naiven Wunsch gehegt hatte, die Bretter der eigens

dafür zu errichtenden Bühne zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung

an das einmalige Fest verbleiben zu sehen.

Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, die

Feuerzauberratsche, den Opernstaub, das Gerümpel manch geradezu

ochsenhaft einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die Beliebtheit

schlimmer als jeder Boykott?

Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten zu sammeln! Am besten

gefiel mir die einer alten Sängerin, an welcher er im Couloir des

Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: „Ich halte es vor Langerweile nicht

mehr aus,“ in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten in einer

Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt.

„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell.

„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie.

Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten von Fabrice, dessen

Erinnerungen bis in das Jahr 1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er

lebte damals als junger Mann in Dresden, und der Kapellmeister Wagner

war ihm vom Sehen bekannt. An einem Wintermorgen auf der Straße hinter

ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler angehalten, seine Taschen

durchsuchend, ohne etwas hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen

Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend und weitereilen. Ein Brief aus

Zürich an Liszt, in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot klagt,

über die einbrechende Kälte, und daß er keinen Wintermantel habe, ist

zwei Jahre später datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte

(denn Fabrice war tot), welche wußte, warum dies Garderobestück ihm

fehlte.

So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten Bögen

Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches Auffahrt überwand ich unschwer.

Selbst von einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. Die Nähe war

eine Beeinträchtigung auch für ihn, da hier nur die Distanz den

richtigen Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen konnte. Selbst

für ihn. Daher die Bitterkeit, der schmerzliche Unterton bei Nietzsche,

der seine eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner wissen wir als

einzige Äußerung zu dem Bruche nur jene Worte, die er ihm bestellen

ließ: nunmehr sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn auch der „Fall

Wagner“ an allen Ecken und Enden ein „Fall Nietzsche“.

In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – Vierzig Jahre nach Wagners

Tod trat der französische Komponist Paul Ducas in der Revue Musicale mit

einer Charakteristik Wagners hervor, die, ein Meisterstück an Augenmaß –

eben diese Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier den

geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen hat.

Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit ausholende Kurve führt uns

zur Brücke zurück, auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, über

beste Todesarten meditiere.

Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk sie auch sein mochte, gab es

kein Zurück. Es blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, in

diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. Sie war das hohe Meer,

längst allen Ufern entzogen. Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr,

wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, vorhanden seien. Dies

forderte ich. Ich forderte ein Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir

zurechtgelegt hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm nicht entsagen,

ohne mich selbst aufzugeben. Jener Satz, daß der Sprung vom niedrigsten

zum höchsten Menschen größer sei, als der vom höchsten Tier zum

niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf meine Mühle getrieben. Denn

Rangunterschiede waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders sein,

als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, nach besonderen Gesetzen

antrat, ob sie auch, infolge des verhängnisvollsten aller

Mißverständnisse, mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. In diesem

Lichte nur war alles wahr und falsch zugleich, was vom Menschen als dem

Maß aller Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten stand. „Ihr

seid Götter“, hieß es zu den einen, und den andern wird verkündet, daß

sie endlose Male wiederkehren oder sterben werden, was ja dasselbe ist.

Vom Gattungsmenschen und seinem Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief

die Leiter bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele lebten,

deren Anteil an grausamen Geschicken täglich sich vermehrte ... ebenso

sicher dünkte mir dies, als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren

Formel wir nur nicht kennen – über die weniger sterblichen, die

vollendeten Typen. Freie waren’s. – Einen mächtigen Freibrief erkannte

ich ihnen zu: die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur so

zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte.

Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen Seiten: ich

erachtete mich als ein Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges

eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht Folge und Grund zugleich

meiner Verlassenheit sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein

Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über Gute und Böse ging die

Sonne auf, über den Narren aber stand sie still.

Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich hatte ich weiß nicht was

für Hoffnungen auf diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung ihres

Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts Beschwichtigendes, es sei denn

sein Licht. Rom wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche Argumente

hielten stand vor dem teuflischen Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit

dieser Welt, den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, dem Netz

des Leidens ausgeworfen nach der Kreatur, dem weglosen, verwirrenden

Leiden des Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug mir über

dem Kopf zusammen.

„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein Zeichen unter diesem

Abendhimmel Roms. Wieder hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet,

wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, gegen die Hütte

geschleudert, das gestirnte Firmament vor die Schranken rief. Liefen

alle Anstrengungen und alle Opfer leer, dann war auch der Selbstmord

nicht die fausse sortie, die Schopenhauer meinte, lebten aber die

Kräfte, von welchen ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden?

Tat ich dies? Träume waren meine einzige Gewähr gewesen. Träume lagen

mittewegs. Aber Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, mich zu

ihnen aufzumachen. Was also waren Träume?

Aber kehren wir zur Brücke zurück.

Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete mich in Venedig. Sie hatte

endlich ihre erträumte Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag

Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene Kranken, die zur Schwelle eines

Tempels pilgerten, Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach

Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, das Fazit meiner

mondsüchtigen Schritte zu ziehen. Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner

verschütteten, greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen setzend,

die letzten Lose auswerfend, da ich nichts zu verlieren hatte, wenn ich

verlor. So wandte ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der

Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den Korso zurück, zum ersten

Male wieder guten Mutes, ja entrückt.

Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in meinem Koffer, sprang ich um

Mitternacht in die Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich

heimgekehrter Gatte gekommen waren mich zu holen. Die stillen

Wasserstraßen klangen vollstimmig an mein Ohr; und als der Morgen

aufzog, sangen die Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, seine

Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und wie ein Lied entstieg San

Giorgio. Alles, selbst die Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf

Silbergrau gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil und traumlos für

das unreife Gemüt. Venedig ist Musik. Süß durchbohrt es das gequälte

Herz. – Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf den schmalen

Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. Glatte Mauern bis auf ein

Fenster, das offen stand. Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf

rote Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte ich stehen und

schauen, aber so, wie einer horcht.

„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher die folgenden Tage in großer

Scheinruhe verrannen. Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der

meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. Ich dehnte ihn so lange

wie möglich aus. Mein Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten mich

von ihr. Die Nacht kam.

Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die Mitte meines Zimmers

ein. Eleonor war stolz auf die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine

kostbare Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es viel Gezänke und

Gelächter in den Gassen. Heute belebten sie sich nicht. Wie

eingelassenes Wasser stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen

Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, wie die Jungfrau,

welche ihre Öllampe für den Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre

Runde. Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; sie deckte alle

Pfade, alle Wälder, alle Brücken zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar.

Alle Tiere, die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten beruhigt.

Erst mit dem Morgen drohte ihnen wiederum Gefahr. Gesichert schliefen

die süßen Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, nur den Kranken

und unglücklich Liebenden abhold. Auch mich entriß sie ungnädig schnell

dem barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, daß ich erschreckt

das Licht aufdrehte. Dumpfen Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten

Wänden meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. Gefängnismauern

kamen sie gleich, feucht von Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten.

– Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es schlug vier Uhr von den

Kirchen und den Türmen Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine Knie

umklammernd mich besann ... Nichts. Auf dem Flur eines gewöhnlichen

Hauses hatte ich gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen

Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein paar Schritte trennten

mich von einer verschlossenen Tür. Warum verschlossen? und warum wollte

ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. So schwache Furchen hatte das

nichtssagende Bild gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu

überschreiten?

Ich sank zurück.

Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, Hunde nur nahmen,

was sie kriegten, und wühlten noch unter Knochen.

Das Licht verlöschend ward ich eins mit der Finsternis.

Der Riese aber ...

Ein Riese?

Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur Tür versperrte und sich über

mich warf. Der schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem Riesen,

der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, mit Würgerhänden mich von

neuem überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, besiegte ich

den dunklen, nie erlahmenden Riesen, und doch, ob ich ihn auch in die

Tiefe stürzte, seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. Das

Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte so lang, meine Kraft war

ausgegeben. Wie kam es, daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum

Scheine zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche,

wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie brechend stieß ich ihn hinab.

War mir ersterbend eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen?

War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche Schwelle überzog ich da so

tief aufatmend, so erschöpft, daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte?

O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. Und wer war diese

alte Dienerin, so schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich

überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich stützte, mit meinen

Füßen sich zu schaffen gab und mich zu einem niedrigen antiken Bett

geleitete? Statt des Fensters eine breite Öffnung in der Mauer, die auf

eine klassische und rätselhafte Landschaft niedersah: Bergeslinien, die

mit so sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als flössen die

Farben aller Tageszeiten in einem einzigen Glissando.

Aber die Luft um mich her, diese unnennbare Luft, sie vor allem war das

Kompendium des Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. Niemand

kündete sich an. Doch mein Alleinsein war köstlichstes Umgebensein und

aller Fülle teilhaft. Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit

verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo fände sich ein Wort

für solche Vielsamkeit?

Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken und wesenlos das Ringen.

Geworden nur die Süße dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein

Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte der Traum einer

Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein zu erreichen. Ich saß hoch

aufgerichtet, meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben.

Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut.

Mit diesem Worte schließt die Geschichte. Es bedeutete einen Wendepunkt

in meinem Leben. Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, von

denen meine gleichzeitig leichtsinnige und eingeschüchterte Jugend

bisher nichts gewußt hatte. Schließlich mischte sich sogar die

Weltgeschichte ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein

umfangreiches Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ heißen sollte,

blieb darüber Entwurf. Der Weg, der an die Stelle zurückführen würde, wo

die kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig verschüttet. Was

bleibt, ist ein großes Bedauern über die Zeitwende, das vielleicht auch

andere teilen werden – und diese kleine Novelle.

WERKE

VON

ANNETTE KOLB

DAS EXEMPLAR

Roman

8. Auflage

Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist

Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf wie dieses die Zeitseele

enthüllen. Und im übrigen ist das Buch reich an allerlei

entzückenden Dingen. Man wird in ihm sehr heimisch in London und auf

den Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich zwei

selten verträgliche Eigenschaften: geistige Tiefe und Charme. Es ist

nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein liebenswürdiges Buch.

Spitzbögen · 第 19 / 22 题