Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg
ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine
Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein
Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war
besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen
hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab
viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt,
ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im
vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit
zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es
sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist
– wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte
Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von
neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre!
Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die
Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen
Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur
eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht
heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke
Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches
Sterben.
So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) –
den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein
Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an
der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn
überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert.
Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf
meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun
fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem
Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es
rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der
ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten
Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und
wehte mir entgegen.
Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt
und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee
herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster
stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang
dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit,
und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken
der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine
Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle
Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das
Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und
Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das
Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert
ganz für sich allein ...
Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die
Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich
in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das
Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer
Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den
Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen
Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich
über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und
die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so
viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles
mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war
vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen
dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht
vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz
andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder
geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum,
mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens
zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die
auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und
abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die
dumpfe Allgemeinheit überragen. –
War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der
Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe
am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht
vergebens ...
Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein,
funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum,
als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der
Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse
der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell
beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang
in den Wagen.
Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit
wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt
nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in
meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich
dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir
reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte
und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten,
die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals
wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum
Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige
Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich
hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich
damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den
Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an,
zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um
ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie
gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so
brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in
einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging
ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf
Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er
zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.
Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges
darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O
des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm
herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der
Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt
von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen
Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.
„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen
meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett
nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre
Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so
erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus
der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –
Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf
den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so
peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen
Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den
Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu
nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich
verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht
verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung
zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches
Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann?
Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt
herumfahren? Pläsier? fragte ich.
Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen.
Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der
Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde
kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne
Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht.
Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein
tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die
Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode
der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser
Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille
setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging
da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so
rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig
distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es
anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste
pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und
unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es
setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf
Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst –
wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie
sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des
ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder
eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu
überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe,
so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am
Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen,
welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie
alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich
der willkommene Ruf. Man fuhr.
Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit
seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte
er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt.
Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte Linke leicht
herablassend zum Gruße zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften
Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich war von drei Gläsern
Marsala (drei!) unbändig heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo
hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die pane con jambone, die
pasticcerie, noch die frutta secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich
mich länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten Streiches, die aus
dem Stegreif inszenierte Komödie hatte allen Schaden wett gemacht. Ich
war gerächt. – Er würde es heute abend schon gewahr werden, der dicke
Hans Dampf unter seiner Tür, daß an den Zecchini dieses Tages etwas
nicht stimmte, nie aber würde er auf die über jeden Verdacht so
erhabene, dem Alltag so entzogene Miß geraten, die ihr englisches Buch
fest an sich hielt, während sie sich unversehens mit Marsala half, um
ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte der Raum, sonst hätte ich
getanzt, es fehlte ein viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich
selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder mit mir selbst; so
zufrieden verzehrte ich jetzt den ganzen Proviant. Vor allem mein
_Gewissen_ aber hatte die verlorene Ruhe zurück erworben.
So kam ich zum erstenmal nach Rom.