Vierzehntes Kapitel

Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg

ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine

Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein

Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war

besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen

hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab

viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt,

ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im

vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit

zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es

sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist

– wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte

Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von

neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre!

Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die

Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen

Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur

eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht

heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke

Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches

Sterben.

So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) –

den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein

Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an

der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn

überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert.

Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf

meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun

fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem

Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es

rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der

ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten

Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und

wehte mir entgegen.

Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt

und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee

herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster

stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang

dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit,

und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken

der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine

Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle

Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das

Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und

Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das

Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert

ganz für sich allein ...

Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die

Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich

in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das

Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer

Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den

Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen

Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich

über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und

die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so

viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles

mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war

vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen

dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht

vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz

andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder

geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum,

mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens

zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die

auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und

abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die

dumpfe Allgemeinheit überragen. –

War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der

Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe

am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht

vergebens ...

Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein,

funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum,

als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der

Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse

der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell

beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang

in den Wagen.

Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit

wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt

nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in

meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich

dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir

reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte

und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten,

die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals

wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum

Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige

Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich

hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich

damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den

Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an,

zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um

ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie

gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so

brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in

einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging

ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf

Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er

zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.

Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges

darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O

des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm

herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der

Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt

von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen

Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.

„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen

meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett

nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre

Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so

erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus

der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –

Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf

den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so

peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen

Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den

Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu

nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich

verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht

verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung

zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches

Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann?

Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt

herumfahren? Pläsier? fragte ich.

Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen.

Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der

Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde

kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne

Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht.

Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein

tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die

Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode

der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser

Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille

setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging

da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so

rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig

distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es

anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste

pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und

unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es

setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf

Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst –

wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie

sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des

ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder

eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu

überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe,

so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am

Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen,

welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie

alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich

der willkommene Ruf. Man fuhr.

Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit

seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte

er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt.

Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte Linke leicht

herablassend zum Gruße zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften

Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich war von drei Gläsern

Marsala (drei!) unbändig heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo

hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die pane con jambone, die

pasticcerie, noch die frutta secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich

mich länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten Streiches, die aus

dem Stegreif inszenierte Komödie hatte allen Schaden wett gemacht. Ich

war gerächt. – Er würde es heute abend schon gewahr werden, der dicke

Hans Dampf unter seiner Tür, daß an den Zecchini dieses Tages etwas

nicht stimmte, nie aber würde er auf die über jeden Verdacht so

erhabene, dem Alltag so entzogene Miß geraten, die ihr englisches Buch

fest an sich hielt, während sie sich unversehens mit Marsala half, um

ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte der Raum, sonst hätte ich

getanzt, es fehlte ein viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich

selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder mit mir selbst; so

zufrieden verzehrte ich jetzt den ganzen Proviant. Vor allem mein

_Gewissen_ aber hatte die verlorene Ruhe zurück erworben.

So kam ich zum erstenmal nach Rom.

Spitzbögen · 第 18 / 22 题