»Aus dem Fenster halben Leibes
Häng' ich jetzt und hör' die Tropfen
Drunten in der engen Gasse
Auf die Regenschirme klopfen.«
Zuckriegel wußte ganz genau, auf was _er_ am liebsten klopfen würde.
»Und das Auge schläfrig müde,
An dem Hause gegenüber,
Von dem Keller bis zum Dache,
Kriecht's hinauf und senkt sich wieder.«
Zuckriegels Auge kroch auch unheilverkündend an dem Poeten in die Höhe
und senkte sich erst wieder, als jener weiter sprach:
»An des Metzgers Tür dem Hammel,
Ausgeweidet, halbzerfetzt,
Ach, wie gleicht ihm schauderhaftig
Meine arme Seele jetzt!«
Zuckriegel brummte: »Ein schauderhaftiger Vers, sonst aber der einzige,
der bis jetzt meine ganze Billigung hat.« Laut rief er: »Herr
Krautworst, ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihre Kenntnis des
menschlichen Innern. Bitte, tragen Sie die letzten Reime noch einmal
vor; -- wem glich Ihre arme Seele in jenem denkwürdigen Moment und
Seelenzustande?«
»Abteilung drei!« sagte Roderich von der Leine, den Prosektor
verachtend.
»Hinter hohen Spiegelscheiben
In dem blanken Messingbauer
Kreischt ein grüner Papageie
Und erweckt mir neue Schauer.«
»Aber es scheint doch eine gute Schule gewesen zu sein!« akkompagnierte
Zuckriegel.
»Eine Dam in rotem Sammet
Füttert ihn mit Zuckerbrocken.
^Merci!^ kreischt er, klettert, flattert: --
Alle meine Pulse stocken;
Denn ein neues Bild ist er mir
Aus dem wildbewegten Leben;
Denn mit Flattern, Mercisagen
Hab' auch ich mich abgegeben.«
Die Verachtung Zuckriegels stieg zu einem solchen Grade, daß er sie
während der folgenden Verse nur noch durch Gesten, die nahe an
Verrenkungen grenzten, auszudrücken vermochte.
»Und 'ne Dam in rotem Sammet
Reicht' auch mir einst Süßigkeiten;
^Merci! merci!^ rasend werd' ich,
Denk' ich heute jener Zeiten.
O du grüner Papagoye
In dem blanken Silberringe,
Häng dich auf an deiner Kette:
Sauer werden süße Dinge.«
»Sehr!« seufzte Zuckriegel und fügte mit wahrhaft sezierenden Blicken
hinzu: »Ja, wenn er sich nur hängen wollte!«
»Vierte Abteilung!« sagte der Dichter.
»Und von neuem schläfrig gähnend,
Heb' ich jetzt die Augenlider;
Hoch und höher schweift das Auge,
Nah dem Dache haftet's wieder.
Nah dem Dache -- Gott, was seh' ich?
Gott, o Gott, kann's möglich sein?
In des Regens trostlos Plätschern
Schießt ein Sonnenstrahl herein!
Nah dem Dach ein offen Fenster,
Ganz von Bohnenblüt umwoben!
Gott, o Gott, du hast gerettet!
Dank dir, Dichtergott dort oben!«
»Meine Komplimente an ihn,« grunzte Zuckriegel, »aber er hätte etwas
Besseres tun können.«
»Nah dem Dach ein offen Fenster,
Und darin ein Engelsköpfchen,
Blaue Augen, weiße Arme,
Rosig Mündlein, goldne Zöpfchen!
Nah dem Dach der ganze Himmel;
O wie fern dem Erdenschmutz!
Nah dem Dach die ewge Wonne!
Schöne Heilge, deinen Schutz,
Deinen süßen Schutz erfleh' ich, --
Nicht mit Winken -- kaum mit Blicken;
Schöne Heilge, schöne Selge,
Willst du nicht hernieder nicken?«
»Sie wäre doch rein verrückt, wenn sie dem Narren den Gefallen täte!«
grunzte Zuckriegel, sich ganz in die Situation versetzend.
»Ach, sie hebt sich von dem Sitze;
Elfenhaft, im Blütenkranz,
Um den Mund ein Engellächeln
Steht sie hold im Sonnenglanz.
Alle Teufel! Tod und Hölle!
Gott, o Gott, was soll das wieder?
Schönster Engel! Süße Heilige!
Gott, sie läßt den Vorhang nieder.«
»Brava! Brava!« schrie Zuckriegel, grinsend in die Hände klatschend;
doch mit einem triumphierenden Blick auf ihn sprach Roderich von der
Leine:
»Abteilung fünf!« und der Prosektor versank wieder hinter dem deutschen
Gaunertum.
»Unablässig rauscht's herunter,
Und ich seufze klagend drein;
Grau verschleiert sehn die Berge
Auf die fremde Stadt herein.
Und das rote Reisehandbuch
Greif' ich auf und sink' zurück
Schwer und mit gelösten Gliedern
In den Sessel, und der Blick
Sucht die Stelle, wo es lautet:
>Linz ist eine schöne Stadt,
Die schlecht Pflaster, einige Menschen
Und auch ein Theater hat.<
Linz, o Linz am Donaustrande,
Ewig, Linz, gedenk' ich dein;
Deinem Ruhme und Theater
Will ich diese Verse weihn.
Linz, o Linz am Donaustrande,
Linz in Oberösterreich,
Denk' ich deiner, wird das Auge
Feucht, und wird das Herze weich.
Jener weiße, kleine Vorhang
Vor dem Fenster nah dem Dach, --
Denk' ich sein, was wird da alles
In dem dummen Herzen wach!
Alle Götter und Göttinnen
Sind dem Dichter stets zur Seit,
Geben ihm durch Blut und Flammen,
Durch den Regen das Geleit.
Jenen weißen, kleinen Vorhang,
Liebchen, Liebchen, laß ihn zu;
In der holden Götterdämmrung,
Liebchen, lieblicher bist du!«
Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen,
und es begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das
Buch vom deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal
nicht im Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drückte ihm
mit verdächtiger Zärtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem
Flötenton:
»Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich
das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch
heißt?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gänzlich unbekannten
Kneipenblüt -- nein, Lebensblüten sämtlich aus ähnlichem Stoff
zugeschnitten und verarbeitet sind, so bitte ich Sie höflichst, mir ein
Freiexemplar derselben zu schicken. Hier ist meine genauere Adresse --
portofrei, wenn ich so frei sein darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn
später einmal die Rückenmarksdarre --«
»Herr,« schrie Roderich jetzt außer sich vor Zorn, »Herr, ich bin so
frei, Sie zu ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschämtheit
überschreitet allmählich alle Grenzen!«
»Ruhig, ruhig, mein junger Freund,« lächelte Zuckriegel, »Sie haben
freilich ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein
funkensprühendes kleines Meisterwerk! Unser Lob muß Ihnen sehr
schmeichelhaft sein; aber ich bitte, sehen Sie nicht zu verachtend von
der Höhe, auf welche unsere Bewunderung Sie erhebt. Ich weiß, daß dem
^furor poeticus^ etwas zu gut zu halten ist; in unserer Abteilung für
Geistesabwesende hatten wir --«
Professor Steinbüchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, daß es die
höchste Zeit sei, einzuschreiten. Wir überhäuften den Dichter mit
ernstgemeinten und eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich
machte ihn außerdem noch darauf aufmerksam, wie der Poet im schönen
kalten Egoismus die Menschen nur als einen Ton, der für ihn zum Kneten
und Formen geschaffen sei, ansehen müsse. Ich überzeugte ihn, daß der
Prosektor nur als »Stoff«, niemals als »beleidigen könnendes« Wesen für
ihn Bedeutung und Inhalt haben könne; -- Roderich von der Leine maß
seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in erträglicher Harmonie aßen wir
vier für einander geschaffene Charaktere zu Nacht. Aber nach Tisch erhob
sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.
Als wir uns nämlich nach unsern Schlafgemächern erkundigten, verkündigte
der Hospes, daß er uns nur zwei Kammern zur Verfügung stellen könne, und
daß die Herren sich drein finden müßten, zu zwei und zwei in einem
Zimmer zu schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und ließen
nichts zu wünschen übrig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand
voneinander getrennt und hätten beide die Aussicht auf den See.
»Worauf ich huste!« sagte Zuckriegel. »Herr Krautworst, wir beide
schlafen zusammen, -- und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns
noch nicht völlig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die
angenehmste Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewöhnlich erst gegen
Morgen einzuschlummern.«
Roderich sah auf den Prosektor wie die böse Stiefmutter auf das Faß voll
scharfer Nägel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte.
Entsetzen, Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zügen.
»Wir übernachten natürlich zusammen,« flüsterte ich ihm zu. »Sie sollen
gerächt werden, wie Sie es nur wünschen können; Steinbüchse und
Zuckriegel werden zusammengepackt.«
Der Dichter drückte mir gerührt unter dem Tische die Hand und verließ
ihn -- nämlich den Tisch -- so eilig als möglich, um für mich und sich
unter dem Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu
ergreifen.
»Na, Professor, so müssen wir beide doch wohl zusammenkriechen, ich
rieche es,« sagte Zuckriegel, einen hohnlächelnden Blick auf mich
schießend. »Wir wollen aber die süßen Hoffnungen dieser beiden jungen
Männer zuschanden machen; wir wollen den abgeschlossenen
Waffenstillstand nicht brechen; schnarchen wollen wir.«
»Versteht sich,« sprach Steinbüchse, vollkommen von der Festigkeit
seines Willens und Charakters überzeugt. »Ich denke einen guten Schlaf
zu tun,« setzte er mit Wallensteinschem Glauben an die Sterne hinzu, und
ich gestehe, daß ich mit Bedauern anfing, an den Vorsatz der zwei
Gelehrten zu glauben.
Wir wünschten uns gegenseitig eine angenehme Nachtruhe, und als ich mein
Schlafgemach erreichte, fand ich den Verfasser der Lebensblüten bereits
behaglich in seinem Federbett eingekapselt. Nur sein mit einem roten
seidenen Tuch umwickeltes unsterbliches Haupt sah aus dem Kissen hervor.
»Was beginnen sie? Sind sie zu Bett?« fragte er.
»Jeder hat noch ein Glas Punsch bestellt. Ich fürchte, die Nacht wird
ruhiger vergehen, als wir hoffen.«
»Ich glaube an das Gegenteil; -- schlafen Sie wohl, liebster Freund; ich
will Sie wecken, wenn's Zeit ist.«
»Meinen besten Dank im voraus. Gute Nacht!«
Dumpf hörte ich noch im ersten Schlummer den Dichter zitieren:
»^Quam iuvat immites ventos audire cubantem,^
^Et dominam tenero detinuisse sinu;^« --
aber ich ruhte, »vom Geplätscher in den Schlaf gerauscht«, zu sicher, um
die üppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu
verfolgen; der See und der Regen übten denselben beruhigenden Einfluß
auf mich, wie der letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.
Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; aber mir hatte schon
längere Zeit geträumt wie dem Ritter Don Quixote, daß ich mich im Lager
des Agramant befinde und gleich dem König Sobrino berufen sei, die
ausgebrochene Verwirrung zu lösen, als ich plötzlich durch das Geflüster
Roderichs von der Leine geweckt wurde:
»Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den
Haaren! Horchen Sie! Hören Sie! ah!«
Eben noch hörte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines
rasenden Rolands lachen und sah ihn sich den dünnen Bart streichen; nun
lag ich wieder beim Seeauer am Hallstädter See im warmen Bett, eine
Stunde nach Mitternacht, hörte den Regen vor dem Fenster, sah beim
trüben Schimmer des Nachtlichts den hannoveranischen Dichter aufrecht
auf seinem Lager sitzen und vernahm hinter der dünnen Bretterwand der
Kammer ein Kampfgetöse, das nur von dem Aufeinanderfahren der Geister
Steinbüchses und Zuckriegels herrühren konnte.
Wie viele Gläser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten,
mußte die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie
genug und warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise
an die Köpfe, welche den unbefangenen Lauscher ergötzten, aber den
befangenen, wie Roderich von der Leine, aufs höchste entzücken mußte.
Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder
ob der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte,
weiß ich nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht
recht daran glauben; denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig
auf den Rücken legte, ehe er den Gegner darauf hingestreckt hatte, und
Steinbüchse, wenn auch in andern Dingen etwas weicher, milder,
menschlicher, gab dem anatomischen Vorschneider auf dem Felde der
Wissenschaft an hartnäckiger Behauptung seiner Meinungen wenig oder
nichts nach.
Jetzt fühlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten,
sondern vergnügte mich königlich, und das Gesicht des Verfassers der
Lebensblüten in der gedämpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der
Betrachtung wert.
Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande;
die beiden bepunschten Mitglieder der ^universitas litterarum^ sagten
sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivität.
Je schwieriger es für sie wurde, sich gegenseitig zu überbieten, desto
genialer wurden ihre Eräußerungen, und kein Wort des einen war zu hoch,
daß nicht der andere ein noch höheres darauf setzte. Sie spuckten sich
moralisch ins Gesicht, und ich bin überzeugt, daß Zuckriegel mehrmals
nur um die Breite eines Haares von dem Schicksal, auf Jahrmärkten vor
einem moritätlichen Orgelbilde abgesungen zu werden, entfernt war.
»Jetzt beißt er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er
beißt vor Wut in den Bettpfosten!« jauchzte der fromme Dichter in
verhaltener Lust.
»Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig,
lieber Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen,
wenn wir nicht mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.«
»Um alles in der Welt nicht!« bat der Poet. »Stören Sie ihre Kreise
nicht! Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbücher für
Philologie, in ihre medizinischen Zeitschriften. Sie können viel
vertragen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Hören Sie nur, da
geht der Berliner wieder ins Zeug. So ist's recht! Faß ihn, Professor --
drauf! drauf! Hurrah, der Hieb saß! Das nenne ich ausgeschmiert!«
Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des
Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf dröhnender Fall, mit
beiden Füßen fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn
nun schien es doch wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu
sein, das Blutvergießen zu verhindern. Aber eine höhere Macht war
bereits eingeschritten.
Wohl sang Professor Steinbüchse aus Berlin ^Io triumphe^; doch Prosektor
Zuckriegel faßte ihn nicht mit seinem guten Gebiß an der Kehle. Wohl war
Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen;
doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel
Punsch getrunken; er maß den Boden seiner ganzen Länge nach und
schnarchte wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.
Noch fünf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann
entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und
Gaumen-Systems ziehend. Nun hielten die beiden Würdigen doch das sich
selber und mir gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach
dem Kampfe.
Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sägen,
Blasen und Raspeln immer regelmäßiger, wenn auch nicht melodischer
wurde, so überließen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich
entschlief mit einem Ach der unsäglichsten Befriedigung. So war Zeus'
Wille für heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nächsten
Morgen gestalten sollten, das lag ebenfalls auf dem Schoß des
Wolkenversammlers. -- Warum regnete er uns fest am Hallstädter See? --
Ich hatte mir vorgenommen, früh wieder aufzuwachen, um beim ersten
Erscheinen Zuckriegels und Steinbüchses zugegen zu sein und pflichtmäßig
als höflicher und auch jüngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden
Herren zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, daß
auch ich meine moralischen Kräfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig
überschätzt hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich
auch durch den Augenschein zu überzeugen, daß der Regen noch nicht zu
Ende sei, erblickte ich zu meinem höchsten Erstaunen unter zwei
Regenschirmen vier graue Beine, welche einander entgegen vor dem
Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der Wind zu gleicher Zeit aus
den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich mit zweifelnder
Verwunderung, daß sie es waren -- sie -- Zuckriegel und Professor
Steinbüchse.
Der Dichter suchte höchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer
einen Reim auf Mensch; denn er stöhnte fürchterlich und griff ängstlich
mit krampfhaftem Zucken der Hände auf der Bettdecke umher. Ich fühlte
mich nicht berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflügelter Eile
machte ich Toilette, um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten
anzuschließen und zu erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach
solcher stürmischen Nacht in solcher Weise neben- und gegeneinander am
nebelverhangenen Ufer des Hallstädter Sees auf- und abführte.
Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat
dann, ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und
schloß mich mit unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen
das, was ich ihnen freilich nicht geben konnte, zu bieten, nämlich einen
guten Morgen.
Sie sahen verstört, übernächtig und verdrießlich genug aus: aber
bewundern mußte sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich für jedes
geniale Sichfinden in die Stunde und ihre Verhältnisse einen feinen und
freien Blick habe, ich fühlte plötzlich eine Achtung für sie, von
welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte.
Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unversöhnliche
Gereiztheit vor der wahrhaft großartigen Charakterentfaltung dieser
beiden Männer der Wissenschaft auf ihr rechtes Maß herab! Zuckriegel und
Steinbüchse hatten sich auch gegenseitig gereizt, hatten sich schöne
Dinge gesagt; aber was war ihre Persönlichkeit gegenüber den hohen
Zwecken ihres Daseins am Hallstädter See? Die gelehrten Leidenschaften,
welche nächtlicherweise die Seelen der zwei streitbaren Helden so
furchtbar gegeneinander empört hatten, lagen geduckt, so weit es möglich
war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der Kämpfer
füllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst
verzogen; Zuckriegel war zu groß, die Brausche seiner Stirn an dem
Professor zu rächen, und Steinbüchse aus Berlin war zu geistig-klar, um
sich zu erinnern, daß er um Mitternacht ein »blödsinniger Esel« genannt
worden sei. Von den Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen
Nacht waren nur die vertraulichen Mitteilungen der behaglichen
Abendstunden, als der Punsch noch nicht gewirkt hatte, übrig geblieben:
Steinbüchse hatte Zuckriegel ins Ohr geflüstert, daß auch er gekommen
sei, um auf dem Leichenacker des unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich
nach »etwas Brauchbarem umzusehen«, und im Fall man es nicht willig,
billig oder gegen gute Worte ablassen werde, sich »seines gelehrten
Rechtes« zu bedienen. Da nun des Professors Blick mehr auf bronzene
Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und Pfeilspitzen gerichtet war, der
Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen für seine Sammlung
gebrauchen konnte, so kamen die beiden lüsternen Gemüter einander hier
in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also über ihren dampfenden
Gläsern innigst die Hände geschüttelt, und um einander die Jagd nicht zu
verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf ausgehen
zu wollen, und sich in allen Fährlichkeiten des Unternehmens mit
Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgänge
der Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ändern, und so liefen
die gelehrten Verschwörer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf
und ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorüberstreifen mit finstern
Blicken und Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.
Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub
der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte
also vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und
das Erwachen des Poeten zu erwarten.
Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder
in seinem weißen Kostüm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am
Küchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter
Küche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend
bewundert.
Die Begrüßung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte
ihre Reize für den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine
Galle und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgeströmt, daß er am
frühen Morgen verhältnismäßig matt war; seine Stimmung war ungefähr die
einer Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen
Flanellappen vor die Zähne geworfen hat, und welche ihr Gift daran
losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jüngling Hannovers meine
Absicht, die beiden Gelehrten auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen
Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr er, ohne der Zuckriegelschen
Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf, warf ihn und den
Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flüsterte:
»Ich bitte, ich beschwöre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir,
gehen Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir
überlegt, man kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den
Sprattenfall, den Waldbachstrub gesehen und einen entzückten Blick auf
den Dachstein und das Karlseisfeld geworfen zu haben. Man würde uns
auslachen, wenn wir ohne diese Erinnerung heimkehrten; -- ich flehe Sie
an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben, gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen
noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so vortrefflich miteinander.
Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso sehr wie im
Echerntal, o kommen Sie mit mir!«
Wenn mich etwas dazu hätte bringen können, den glänzenden Fußstapfen des
göttlichen Sängers zu folgen, so wäre es die letzte so unbeschreiblich
wahre Bemerkung gewesen. Aber mein Entschluß stand fest; ich wollte mich
lieber auf dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem
Waldbachstrub auswaschen lassen. Ich ziehe überhaupt der schönen Natur
eine schöne Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbüchses
Gesellschaft an diesem Morgen hätte ich alle landschaftlichen
Herrlichkeiten des Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine
mit tausend Freuden fahren lassen, und alle Singvögel und frommen Tiere
des Waldes gratis zugegeben.
Ich entzog mich also mit bedächtigem Hauptschütteln den umschlingenden
Armen des Verfassers der Lebensblüten und sagte:
»Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich
wollte, ich könnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem
Lustspiel wieder vor die Füße laufen?«
Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die
beiden Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre
Reisetaschen packten und Platz für ihre Beute darin ließen; -- einen
Augenblick glaubte ich, sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben;
aber im nächsten Moment sank er wieder in sich zusammen und seufzte:
»Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann _diesen_ Menschen
nicht länger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht
glaubte ich fest, daß es mir möglich sein würde; aber ich habe mich
getäuscht; ich bin der Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit
ihren giftigen Blicken verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr
von hinten ansehen.«
Da ich sah, daß alle weitern Überredungsversuche vergeblich sein würden,
überließ ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und
wandte mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft
antike Ruhe erfüllte mich mit neuer Bewunderung.
Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen
vom Hospes mit Rum füllen lassen, als diese beiden akademischen
Raubgenossen. Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den
Schlund sah, ehe er hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blücher, als er
auf dem Wege von Ligny nach Waterloo sagte: »Es ginge eigentlich nicht,
aber es muß gehen!« mochten ähnlich geblickt haben wie Zuckriegel und
Steinbüchse in diesem feierlichen Moment. Auch ich reichte meine
Reiseflasche dem Wirte, und dann -- dann brachen wir im ahnungsgrauen
Morgennebel und hartnäckigsten Platzregen todesmutig auf, und Roderich
von der Leine sah uns fröstelnd in unwillkürlicher widerwilliger
Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinfälligkeit einen
Augenblick lang sogar neidisch auf den gehaßten, aber stahlherzigen
anatomischen Reisegegner.
Da Zuckriegel und Steinbüchse jetzt die ersten Schritte in die
wunderlichen Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der
Mühe wert gehalten, die Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so
äußerten sie ebenfalls einiges Erstaunen über die Treppen, und
Steinbüchse versicherte, so etwas kenne man gottlob in Berlin nicht. Im
steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten Häusern aus weiter
den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen ebenfalls im
Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fußweg überging. Der Pfad nach dem
Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst für zwei Gelehrte, deren
Gedanken außerhalb ihres Pfades laufen.
Munter, aber stumm stampften Steinbüchse und Zuckriegel zu; unterhaltend
war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hüte so
tief als möglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die
Regenschirme so dicht als möglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide
taten nicht einen einzigen Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht
und schlüpfrig vom Regen war. -- Beide sahen aber auch nichts von dem,
was man durch die Lücken und Einschnitte in der triefenden Waldung
erblicken konnte, nämlich den großartigsten Teil des Seekessels mit
allen kochenden, wallenden Nebeln und Dünsten. Ihre Gedanken waren bei
den Knochen und jeder überdachte bei sich die verschiedenen Strategeme
großer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas »an sich zu nehmen«
oder sich »ihres Rechtes zu bedienen«.
So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein
wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen
zu bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genießen.
Wenn die beiden Regenschirme dann allmählich sich zu mir
emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Plötzlich fiel auf halbem Weg,
nicht des Menschenlebens, sondern des Saumpfades, mein Blick auf eine
sehr nasse Bank, über welche eine, wie es schien, nicht neue Inschrift
zum Lesen und Nachdenken aufforderte; -- die beiden Regenschirme waren
wieder ganz in meiner Nähe, und ich stand und las:
»Hier hat gerast der hochlöbliche römische König Maximilian, als er
gangen ist, die Salzperg zu besehen, den fünften Tag Januarii Anno
Fünfzehnhundertundvier.«
»Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier
gesessen?« schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbüchse aus
Berlin, tigerhaft heranspringend und mich ohne weitere Umstände beiseite
schleudernd, ehe ich antworten konnte:
»Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von
Anastasius Grün in Wien.«
Professor Steinbüchse überzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums,
notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die
nasse Bank, um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen.
Zuckriegel aber schritt verachtungsvoll vorüber, ohne einen Blick auf
die ewig denkwürdige historische Stelle zu werfen.
»Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der König
Maximilianus; wenn ich nur meinen Schädel bekomme,« sagte er.
Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwärts, und
nach einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den
Rudolfsturm und damit den Schauplatz der größten Abenteuer.
An die Rippen pochte das Männerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht
errichteten Gemäuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden
königlich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem
Turm angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertümern, Ammoniten
und sonstigen Merkwürdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid
beaufsichtigte uns dabei, und es interessierten mich vorzüglich in
dieser Sammlung die keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche
mit vielem Geschick und Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet
waren. Hier versuchten wir noch nicht zu stehlen, denn es wäre doch zu
gewagt gewesen; aber Zuckriegel benutzte den Moment, in welchem die
Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz von dem Vergnügen an dem über ein
grün angelaufenes priapisches Scheusal in Entzücken geratenen
Steinbüchse in Anspruch genommen war, um mich am Knopf zu fassen und mir
zuzuzischeln:
»Mein Bester, von Ihnen allein hängt's jetzt ab, ob ich den Zweck meiner
Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der
Gräberstätte führen; -- Sie sind ein hübscher, gewandter Mensch --
merken Sie auf -- Sie sind mein Freund, Sie sind -- die Person guckt
her! -- kurz, führen Sie sie ab -- halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur
einen kurzen Augenblick fest -- ich werde Ihnen ewig dankbar sein; --
das Mädchen ist gar nicht übel; lassen Sie sich einen Kuß, nur einen
einzigen Kuß geben, wenn wir an den Knochen der Vorwelt stehen. Auf
einen Kuß kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn es einen so erhabenen
Zweck wie die Osteologie gilt.«
»Man sieht doch, daß Sie aus Ihrer Reiselektüre etwas gelernt haben;
aber wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem
wissenschaftlichen Drange, Ihren wüsten Begierden opfern?« fragte ich
vorwurfsvoll.
»Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reiße mit meinem
Schädel aus; Steinbüchse mag für sich selber sorgen, und es würde weder
Sie noch mich kränken, wenn man ihn am Kragen nähme. Sie selber, Bester,
kommen als unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, kühl und langsam
nach. Am Seeufer, beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern
den Sieg, und zu allem übrigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner
Heimkehr meine Abhandlung über die Schädelbildung der ältesten, alten,
neuen und neuesten Völkerstämme. Was sagen Sie _dazu_? Können Sie noch
widerstehen?«
»Nein!« sagte ich. »Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll's
nicht liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen
Sie uns denn gehen.«
»Nun, mein reizendes Kind,« sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie
eine Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schönen schlüpfte, »nun, mein
Engel, diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genüge
betrachtet; wie wär's denn nunmehr mit den Gräbern, meine Rose an den
Gräbern?«
Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen
streicheln, doch sie wich böse vor seiner Prosektorhand zurück und
suchte aus ihrer unter der Schürze hängenden Ledertasche einen
verrosteten Schlüssel hervor, indem sie mit einem Trinkgelderblick uns
aufforderte, ihr zu folgen.
»Eine wirklich allerliebste Türhüterin an der Pforte der Unterwelt, Herr
Kollege!« sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber
Steinbüchse flüsterte nur:
»Jetzt gilt es! Versäumen Sie ja den günstigen Augenblick nicht. Können
Sie laufen?«
»Mit meinem Schädel wie eine telegraphische Depesche.«
»Ich auch! Das übrige liegt in der Hand der Götter,« sagte Steinbüchse
selbstbewußt, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und
sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.
Man hat eine eigentümliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten
Gräber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder
wißbegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu können.
Über das vorsichtig aufgegrabene und in seiner Lage unverrückt erhaltene
Skelett ist ein hölzerner Kasten in die Erde gesenkt, ein sargähnlicher
Kasten mit einer Klappe und einem großen Vorlegeschloß. Publikus
versammelt sich um diesen Kasten, die Gebirgsmaid versucht längere Zeit
vergeblich, den rostigen Schlüssel in das Schloß zu zwingen; endlich
springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals, stellt sich auf die
Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen Abscheu und
selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt
natürlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.
Diese armen toten Krieger, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen! Es ist
nicht angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestörten
Schlafes von einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen Geschlecht
wecken und angaffen lassen zu müssen. Wie wäre es, wenn plötzlich solch
ein tausendjähriges zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte,
aufrichtete, den Schlaf aus den hohlen Augenhöhlen riebe und ärgerlich
nach dem Bronzeschwert griffe, um unter die Hämorrhoidarier, die
Krinolinen, Professoren und gähnenden Reisebummler zu fahren?
Das würde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was würde das
neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach
Hallstadt hinunter! Was würde der alte Kelte oder Germane alles
aufraffen können an Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen,
Sonnen- und Regenschirmen, Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was
für eine Reiseerinnerung würde das sein, meine Herren und Damen, wenn
man wieder sicher auf der Eisenbahn oder zu Hause säße und des
vorweltlichen Spukes gedächte!
Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen
und Springen zu erzählen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege
verloren wurde, was der verfolgende Rächer der Toten von Rechts wegen
für gute Beute erklärte. --
Das Mädchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mühte sich mit
steigendem Verdruß an dem widerspenstigen Schloß.
Zuckriegel griff nach der Hand Steinbüchses, drückte sie bedeutsam und
ermutigend, ließ sie fahren und flüsterte:
»Bruder! Kollege! Jetzt gilt's! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er
packen kann -- ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg
sortieren und teilen wir brüderlich!«
Mir rief er laut zu:
»^Memento! cedo tibi puellam!^« zu deutsch: »Achtung, mein Bester!
führen Sie die Jungfrau abseits!« --
Mit einem Krach öffnete sich jetzt das Schloß; die Maid schlug den
Deckel des Kastens zurück, mit gierig funkelnden Blicken schossen die
zwei Gelehrten vor, -- da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten,
ruhig und behaglich auf der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der
Brust eine grüne Spange, die einer plattgesessenen Sofasprungfeder
ungeheuer ähnlich sah. Es war, als spiele ein schlaues Lächeln um das
entblößte Gebiß des Skeletts, ein Ausdruck, wie: Komm und küß mich! und
Zuckriegel hätte letzteres mit Wonne getan.
Nun aber geschah es wieder einmal, daß ein wohlerdachter, fein zurecht
gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks über den
Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen
Leichenräuber litt es nicht, daß ich meinem Versprechen, die
Aufmerksamkeit der Jungfrau durch Liebenswürdigkeit zu fesseln,
nachkommen konnte.
Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, stürzten sich
Zuckriegel und Steinbüchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei
stieß aber auch das Mädchen vom Rudolfsturm aus:
»Hilfe! Räuber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr
Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s' gehet mit's G'ripp
durch!«
Und aus dem Loche sprangen Steinbüchse und Zuckriegel, der erste nach
des Geschickes Willen mit dem Schädel des Kelten in der einen Hand und
mit zwei riesigen Armknochen und einem Rippenstück im andern Arm! der
zweite hatte das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene
sonstige antiquarische Kleinigkeiten gegriffen. Über Moos, Gestein und
Gestrüpp flogen sie, die Regenschirme zurücklassend und die Hüte
verlierend. Ich sank, halb ohnmächtig vor Entzücken, auf den nächsten
Baumstumpf.
Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strömten auf den
Hilferuf der Jungfrau rüstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder
Germanen herzu, einige mit Äxten, andere mit mächtigen Knüppeln. Einige
atemlose Worte der Maid genügten, um sie den Spuren der Räuber, deren
flatternde Rockschöße eben in der Tiefe des Waldes verschwanden,
nachzusenden. Fern verhallte der Lärm der Flucht und Verfolgung, und ich
ließ mich, ohne Widerstand zu leisten, als verdächtigen Spießgesellen
der Knochendiebe durch den Regen vor den erstaunten Salzinspektor
führen.
Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall
zu beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg
transportieren lassen zu wollen; man sprach in immer höherem und
schärferem Ton, doch ich hielt gut, blieb kühl und gelassen und verwies
auf meine Papiere, welche mich als einen anständigen Menschen und
harmlosen Touristen und keineswegs als einen Gelehrten oder
Leichenräuber darstellten. Es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, wenn
sich vor der hohen sittlichen Entrüstung, die auch ich über den
schändlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verständigen
Mannes und Beamten, der mich verhörte, nicht gesänftigt hätten. Auch die
zurückgelassenen Regenschirme und Hüte, sowie das seidene Taschentuch
Steinbüchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten
war, trösteten. »Verehrter Herr,« sagte ich, »Ihr antediluvianischer
Leichenacker scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern
Urgermanen bloßlegen und Ihren Kasten mit Klappe, Schloß und Riegel
darauf setzen. Was liegt Ihnen an dem _einen_ Kelten? Daß Sie durch
ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der Osteologie und Altertumskunde
vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, muß Sie außerdem warm
anmuten.«
»Wir wollen sehen, was die Leute zurückbringen,« sprach der Beamte.
»Eher lasse ich Sie nicht los, Herr ...«
Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach
ihn; -- die Verfolger brachten _alles_ zurück, Schädel und Armknochen,
Rippen, Schwert und Spangen, und außerdem die Perücke Zuckriegels und
die Brille Steinbüchses. Steinbüchse und Zuckriegel selbst hatten sie
laufen lassen.
»S' habet alles hinter sich g'worfen, und d' Atzel und d' Brill habet s'
verloren!« jubelten die Unholde.
»So,« sprach der fröhlich lächelnde, sehr befriedigte Beamte, »jetzt
wollen wir dem Abgeschiedenen das Seinige zurückerstatten, und dann,
mein lieber Herr, bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre
gelehrten Freunde zu bestellen. Die zurückgelassenen Gegenstände
verbleiben natürlich den Leuten für ihre gehabte Mühe. Küß' die Hand und
bitt' mir auf ein andermal die Ehr aus.«
Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder
zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt
hinunter, mußte aber alle fünf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren
Heiterkeit Luft zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich
das demnächstige Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. --
Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und
sah, wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich
nach seinem Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostüm werfen
müssen und erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner
ansichtig wurde, begann er, mit erhobenen Händen winkend, einen Tanz des
Entzückens.
»Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was für eine Geschichte!
Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr!« schrie er mir entgegen.
»Wo sind die beiden andern Herren?« fragte ich mit möglichster
Gefaßtheit, doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht
erstatten zu können; nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, daß der
Professor Steinbüchse aus Berlin bereits, »naß wie ein Kater und in
einer alten Mütze des Wirts«, einen Einspänner gemietet habe und außer
sich vor Wut nach der Gosaumühle abgefahren sei.
»O, wie haben sie sich noch gefaßt! O, was haben sie noch einander
gesagt! O, wie sahen sie aus!« schrie Roderich, und ich schritt, von ihm
gefolgt, in die Gaststube.
Da saß Zuckriegel! Ein Bild äußerster, menschlicher Wut und
ohnmächtigster Empörung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur
um den kahlen Kopf einige bunte Taschentücher gewickelt. Als er mich
erblickte, stieß er ein zischendes Geheul aus und umfaßte besagten Kopf
mit beiden Händen; zähneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen,
die Fragen entgegen:
»Wissen Sie's? Haben Sie's gehört? Wissen Sie, wie's abgelaufen ist?«
»Nur im Umriß, Herr Prosektor.«
»O der Halunke, der Halunke, der niederträchtige Berliner Halunke! Ich
sage Ihnen, wir wären durchgekommen; ich sage Ihnen, wir hätten das
Unsrige davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner
erbärmlichen Angst, als uns das nachsetzende ^pecus^ an einer Stelle
etwas näher rückt? Meinen Schädel wirft er den Verfolgern vor,
höchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten, und damit ich mich mit seinem
rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wütend werfe ich natürlich auch
das alberne Käsemesser mit demselben Recht zum Henker und heiße ihn im
Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen Hornochsen oder
dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen und Rippen
von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum Teufel
gehen! Ich werfe ihm natürlich das andere alte Eisen an den Kopf, und
hinter uns brüllen die Lümmel wie der Satan; denn sie scheinen zu
wissen, daß sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mühe aus
ihrer verdammten Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie ließen uns laufen,
und -- hier -- hier sitze ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel.
Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine ewige Gerechtigkeit gäbe! ^Oleum
et operam perdidi^, das Öl auf dem verruchten Wege nach dem Rudolfsturm
und die Gelegenheit, den Berliner Ignoranten und Hasenfuß
durchzuprügeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich nicht, und wenn ich
tausend Jahre alt würde; -- wenn ein Objekt, auf das ich von Rechts
wegen als tot Ansprüche hätte, mir unter dem Seziermesser, vor dem
ersten Schnitt wieder aufleben würde, könnte ich keine blutigeren Tränen
weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit -- keine Gerechtigkeit in der
Welt!«
Der Prosektor Zuckriegel legte den Kopf auf das Buch vom Gaunertum,
welches er bei seinem Ausmarsch zu den keltischen Grabstätten auf dem
Tische hatte liegen lassen, und war von jetzt an für uns tot. Wir nahmen
ihn wie ein Paket wieder mit nach Ischl, wo wir im schönsten
Sonnenschein anlangten. Roderich von der Leine verfiel hier natürlich
wieder dem schönen Geschlecht, und ich setzte die Fahrt nach Salzburg
allein fort.
Auch Salzburg lag im schönsten Sonnenschein in seinem Kessel und
brätelte; aber man hing soeben die Verlustlisten der ersten
italienischen Gefechte an die Straßenecken, und das warf einen bösen
Schatten über die reizende Stadt.
Ich hatte freilich keinen Verwandten oder Bekannten, für welchen ich zu
sorgen brauchte, in der österreichischen Armee, aber es fiel mir auf die
Seele, als ich die unheilvollen Reihen der Toten und Verwundeten
überblickte, daß ich füglich ein Interesse an dem tapfern Jüngling aus
Hallstadt, Seppel Schönrammer, nehmen könne. Es würde mir sehr leid
getan haben, wenn ihn der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft
hätte; glücklicherweise stand sein Name jedoch nur unter den
Leichtverwundeten. Der junge Held hatte nur eine unbedeutende Kontusion
von einem Schuß durch den Feldkessel in den Tornister bekommen. Er mußte
sich also beim Eintritt dieses nicht allzu bedeutenden Unglücks bereits
auf dem Rückzuge befunden haben.