»Dank euch, danke, gute Leute,« erwiderte der freundliche Greis,
mit dem sanften, rosigen Gesicht, vom weißen Haar umwallt. »Bewegt!
Ja, liebe Nachbarn! Welch Gemüt soll da nicht bewegt sein, bei so
wunderbarer Führung durch den Herrn? Den Bruder hab' ich diese Nacht
verloren und die alte Großmutter: und doch hab' ich Gott für reiche
Gnade zu danken.« »Erzählt, erzählt!« drängten alle. »Ja, ja,« begann
er langsam. »Wunderbar sind die Dinge verlaufen in dem kleinen
taubenumflatterten Haus. Es war schon fast dunkel geworden, da sprach
ich zur Großmutter: ›Mutter Ute, gebt mir Urlaub, mir und dem Kind
Fullrun.‹ ›Wohin, mein Sohn?‹ fragte sie. ›Die Stunde des Gerichtes
naht. Wir wollen sie doch miteinander erwarten und erleben.‹ ›Gewiß!‹
tröstete ich. ›Lange vor Mitternacht sind wir zurück. Ich habe noch
eine dringende Arbeit.‹ ›Aber Wartold!‹ mahnte die Gute. ›In ein paar
Stunden ist alle Menschenarbeit zunichte, und ihre Frucht vergeblich.‹
›Nicht die meine, Mutter,‹ erwiderte ich. ›Sieh, unsere Lilien hier
im Garten sind verblüht und versengt vor der Zeit. Es war gar so heiß
in diesen letzten Tagen und so trocken hier oben und staubig neben
der großen Straße. Ich gehe hinunter an den Fluß und hole frische aus
meinem Neugarten dort. Soll ich die Stirnen der Seligen mit welken
Lilien schmücken? Für meine Friedlindis ist nur das Schönste schön
genug.‹ In dem weit abgelegenen Neugarten angelangt mit dem Kinde,
konnt' ich mich lange nicht trennen von meinen Blumen, geraume Zeit,
nachdem ich die schönsten ausgesucht und geschnitten. Auch die ich
stehen ließ, sprengte ich -- zum Abschied! -- noch mit Wasser aus dem
Fluß.
Als ich nun mit meiner Arbeit zu Ende war und allmählich an die
Rückkehr dachte, da loderte in der Ferne südlich von unserem Höflein
eine rote Flamme in den dunkeln Nachthimmel: bald folgte, immer näher
rückend, der Heerstraße entlang, eine zweite, dritte: und während wir
noch zagend berieten, was das zu bedeuten habe, drangen auch schon von
der Stadt her die Waffenrufe der Wächter auf den Walltürmen, ja bald
auch von der Straße her verworrener Lärm, Schreien, Waffenklirren an
unser Ohr. Erschrocken barg ich mich und vor allem mein holdblühendes
Kind in den dichten Gebüschen des Gartens: -- denn daß hier Räuber und
Feinde drohten, war mir bald klar: ich dachte es seien die schlimmen
Bauern! -- Hier lauschten wir, bis der Lärm, der unverkennbare, eines
scharfen Kampfes vertoset war: jetzt erst wagte ich -- immer noch
sehr vorsichtig -- den Rückweg einzuschlagen. Wir trafen unseren
Hof unversehrt: so weit waren die Wenden nur auf ganz kurze Zeit
vorgedrungen, wir fanden bloß die Spuren weniger Rosse im Sandweg des
Gartens, der alten Frau thaten sie nichts zuleid.« »Aber wehe, trafen
sie Fullrun!« rief Gericho. -- »Das nächste Haus, etwa dreihundert
Schritte weiter südlich, stand in hellen Flammen: wie staunten wir,
als wir die blinde Frau auf der Schwelle aufrechtstehend fanden: ihr
weißes Haar flog im Nachtwind: sie wies mit der ausgestreckten Rechten
auf die rote Flammensäule und rief: ›Seid ihr endlich zurück? Ich
erwarte euch schon solange. Sehet ihr, sehet ihr? Alles erfüllt sich
wie mein Konrad gesagt. Der Tag des Gerichts, der Tag des Herrn ist
angebrochen. Hörtet ihr nicht das Gefecht? Und die Drommeten der Engel
des Herrn? Ich hörte sie vorbeirasseln auf ihren Rossen, hörte ihre
Waffen klirren: sie haben gekämpft gegen die Unholde des Abgrunds:
grell schrillte deren Geschrei -- wie einst der Hunnen! -- in mein Ohr:
sie waren schon ganz nah: -- ich meine, ich hörte sie im Garten. Die
Teufel sind geworfen und geflohen. -- Dort aber -- dort -- von wo der
Rauchqualm herweht -- dort -- ich seh' es mit den Augen der Seele! --
da nahet in flammenden Lohen, im weißen Gewande der Seligen mein Kurt,
das Mägdlein trägt er -- wie damals -- auf dem Arm! Er holt mich! Er
winkt! Er ruft mir. Ich komme. Du hast wahr gesprochen: im Sterben
seh' ich dich wieder. Ich komme.‹ Und sie sank, ein selig Lächeln um
die Lippen, zurück in meine Arme und war tot.« Und er weinte bittre
Thränen, der alte Mann.
»Welch schöner Tod!« schluchzte Rosbertha, sich an ihren Schatz
schmiegend und die Augen wischend.
»Die schönsten meiner Lilien wand ich um ihre Stirn. Diese hier bring
ich dem guten Herrn Bischof -- ach! für seinen Dom waren sie bestimmt:
-- nun werden sie wohl seine Totenbahre schmücken.« »Und was ist mit
Eurem Bruder?« fragte Gericho. »Der Knecht erzählte -- ist es wahr? ...
er ist nicht gefunden worden unter der Rabenesche?« »Es ist so,« nickte
Wartold. »Weder er noch Giero, sein Hund! Ihr wißt, der Baum steht nahe
dem Fluß: -- es schien auch eine Blutspur über die Wiese an das Ufer
zu führen. Aber vergeblich suchte ich mit dem Knecht und den Nachbarn
das ganze Ufer ab, vergeblich mit den Mainschiffern -- die kennen
gut die Wirbel und die Löcher im Bette -- auch den Fluß. Ich wollte
doch so gern die Leiche in geweihter Erde bestatten, aber wir fanden
nicht Mann, nicht Hund. Und schon -- gleich nachdem das fruchtlose
Suchen vorüber war« -- -- er erschauerte und bekreuzte sich. »Nun? was
geschah?« forschte Röschen in bangem und doch süßem Gruseln. -- »Nichts
geschah, liebes Kind. Aber die Nachbarn, die Schiffer, alle, die davon
hören, raunen -- -- --«
»Nun was raunen sie denn? Sagt's doch geschwind!« -- »Ihr wisset, der
Rabenbaum ist der Sitz -- ist geweiht dem ... --« »Den man nicht nennen
darf!« warnte das Mädchen und schlug rasch wieder ihr Kreuz. -- »Nun,
eben dem soll -- sagen sie -- mein armer Bruder längst seine Seele
geweiht haben. Und der -- sagen sie -- habe ihn geholt, samt seinem
Hund, ewig mit ihm zu jagen. Ja, ein Schiffer, der sich im Mainschilf
vor den Wenden verborgen hatte, will gesehen haben, wie noch vor vollem
Sonnenaufgang zwei Raben --« »O weh!« schrie das Mädchen. »Das sind
+seine+ Begleiter.« -- »Vom Feuerschein der brennenden Dächer grell
beleuchtet über das tosende Schlachtfeld hin geflogen sind und auf der
Esche aufgebäumt haben. So betet manchmal, liebe Nachbarn, betet für
meines armen Bruders Seele.«