Und nun wäre Herr Heinrich -- bei aller Kraft des Armes und aller
Tapferkeit des Herzens -- doch verloren gewesen. Blandinus, der ihm
beispringen wollte, stürzte, aus nächster Nähe von einem Wurfspeer
mitten auf die Brünne getroffen, aus dem Sattel. Der nächste der
bischöflichen Reiter, der den Schild über seinen Herrn hielt, ward
von Zwentibold über das Gesicht gehauen; und während Herr Heinrich
alle Mühe hatte, sich der raschen Doppelhiebe des Fürsten zu erwehren,
erschaute er die spitzen Speere von vier Fußknechten gegen sich und
sein schon mehrfach verwundetes Roß gezückt. Er sah den Tod vor Augen.
»O Heilfriede!« dachte er noch, »Gott sei mir gnädig!«
Aber da ergellte ein wilder Schrei vieler Feinde von seiner linken
Seite: -- er verstand die Worte nicht: -- jedoch auf einmal sah er von
der Anhöhe des Weinbergs zu seiner Linken in gewaltigem Satz auf die
Straße herabspringen eine Hünengestalt -- und eine furchtbare Waffe
schmetterte nieder auf das Roß Zwentibolds. »Hilf, Woden!« scholl es
nun ganz nah an seiner Seite, und der Ankömmling schlug mit einem
zweiten Streich den nächsten Lanzenknecht nieder. Die drei andern
ließen zwar noch nicht ab: sie packten des Bischofs Roß am Zügel
und zielten auf den Reiter mit den Speeren. Aber dem einen fuhr mit
wütendem Gebell ein grauer Wolfshund an die Kehle und gleichzeitig
fielen die beiden andern vor den hochgeschwungenen Schwertern Hellmuths
und Fulkos, die sich inzwischen unter ihren Gäulen hervorgearbeitet
hatten.
Jedoch auch Zwentibold stand schon wieder, katzenbehend, auf seinen
Füßen und wollte -- zum drittenmal -- Herrn Heinrich anfallen. Allein
er kam nicht dazu.
»Halt, Schwarz-Riese: -- du bist mein. Hilf, Woden!« scholl es ihm
entgegen und Rado hob den furchtbar wuchtigen Schürbaum. -- Der Slave
duckte sich, sprang zurück und kauerte hinter einem toten Gaule nieder
auf den Boden. »Warte, Langer, du kommst später. Dein Bischof hat
den Vortritt.« So zischend nahm er den Säbel zwischen die Zähne, riß
ein kleines, kaum fingerlanges Messer aus dem Wehrgurt, faßte das
Hornheft mit nur den ersten drei Fingern der Rechten und warf die dünne
Klinge gegen Herrn Heinrich. Schwirrend, pfeifend durchschnitt sie
die Luft -- und traf. Gerade, wo zwischen dem Halsrand der Brünne und
dem Sturzrand der Sturmhaube eine schmale Lücke klaffte, oberhalb des
Schlüsselbeins, drang die scharfe Spitze in den Hals. Der Getroffene
glitt langsam nach rückwärts aus dem Roß, das Schwert aber ließ er
nicht aus der Faust.
Hellmuth und Fulko fingen den Sinkenden auf.
Gleichzeitig aber sprangen Rado und Zwentibold widereinander, beide in
tödlichem Haß, nicht sich zu decken, nur zu treffen bedacht. -- Und
beide trafen. Dem Alten hatte die geschweifte Säbelklinge die dicke
Sturmhaube aus dreifachem Wolfsfell durchschnitten und war noch tief in
den Schädel gedrungen: -- dem Slaven aber war die schwarze Pelzmütze
und der schwarze Kopf in Eins zusammengeschlagen.
Das waren fast die letzten Streiche, die geschlagen wurden in diesem
Gefecht. Denn die Söldner auf der Heerstraße entscharte der Schreck,
als sie den Führer fallen sahen, dem sie blind in abgöttischem
Vertrauen zu folgen so lange gewohnt waren. Ohne ihn zu kämpfen, waren
sie nicht fähig.
Zugleich trafen nun von Osten, von den Höhen und Halden herab, jene
Bürger ein, die unter Rados Führung den rechten Flügel der Wenden
zersprengt hatten. Sie fielen den auf den Wiesen westlich von der
Straße noch im Gefecht mit Gerichos Schar ausharrenden Feinden in den
Rücken und nun floh alles, was noch fliehen konnte zu Roß und zu Fuß
eilfertig flußaufwärts, eifrig verfolgt von den Siegern.
Das sah noch Herr Heinrich, den seine Ritter unter einer alten Eiche,
die am Wege stand, gebettet hatten. --
Er sah's mit strahlenden Augen und faltete die Hände um den Kreuzgriff
seines blutigen Schwertes: »Herr Gott,« sprach er, »dich loben wir.
Sieg! Sankt Burchhards Stadt gerettet! Nun will ich gerne sterben. --
Und seht -- seht dorthin, meine Freunde! Dort im Osten flammt es lohend
auf! Das -- das sind die Flammenboten -- das sind die Cherubim des
Herrn, der zum Gericht herniedersteigt.«
»Nein!« jubelte Fulko laut aus voller Brust, mit erhobenem Schwerte
deutend. »Das ist Sonnenaufgang! Mitternacht muß ja längst vorüber
sein! Wir dachten nur nicht dran im Drang des Kampfes! Vorüber ist der
gefürchtete Tag -- und die Welt: -- sie steht noch! -- Es war ein Wahn!
-- Herr Gott, wir danken dir aus tiefster Seele! Nein, du wolltest sie
nicht vernichten, deine alte, liebe, schöne Welt!« Und er warf sich auf
die Kniee und hob dankend, frohlockend, beide Arme gen Himmel.
Da fiel der erste Strahl der Sonne über die Höhen auf sein Antlitz:
trillernd stieg aus den Wiesen eine Heidelerche in den noch grauen
Himmel. --
Und Hellmuth und Blandinus und alle, die nicht die Wunde hemmte, thaten
desgleichen, warfen Schwert, Speer und Schild von sich, und aus vielen
hundert Kehlen in die dämmernde Morgenfrühe hinauf -- deutsch und
lateinisch durcheinander -- klang der alte Lobgesang:
Gnade, du, nicht in Zeit ~Nunquam resolvitur,~
Nein, in Unendlichkeit, ~Nunquam revolvitur~
Immer erneut: ~Credens in te:~
Herr Gott, wir danken dir, ~Gratias agimus,~
Herr Gott, dich loben wir ~Gratias canimus~
Ewig wie heut! ~O domine!~
Sechstes Buch.