III.

Es waren noch etwa zwei Stunden vor Mitternacht.

Im Dome standen der Bischof und seine Geistlichen und so viele

Gläubige, als der Raum zu fassen vermochte, Kopf an Kopf gedrängt,

versammelt: auch in allen andern Kirchen und Kapellen hatte, nach

Anordnung des Bischofs, nächtlicher Gottesdienst stattgefunden, ein

paar Stunden nachdem die Vesperfeier vorüber war: auch sie waren

sämtlich überfüllt.

Zu Hause blieben fast nur die Kranken, die Bett oder Haus nicht

verlassen konnten und oft, aber nicht immer, ein Pfleger -- oder meist

eine Pflegerin! -- welche die Pflicht, bei den Siechen auszuharren,

höher anschlugen als den Trost, das Ende in der Kirche, in der

schützenden Nähe der Heiligtümer zu erleben.

Nur Eine Ausnahme kam vor: -- der Bischof selbst hatte sie befohlen.

Die Führer der Thor- und Wallwachen, die er -- in Abwesenheit des

Grafen -- ordnete, waren am Morgen vor ihn getreten und hatten ihn

gefragt, ob sie nicht mit ihren Leuten heut, am letzten Tag der Welt,

ihr kriegerisch Werk einstellen und in den Kirchen der Andacht aller

andern sich anschließen dürften?

Bei Herrn Heinrich hatten auf diese Bitte hin der Bischof und der

Kriegsmann einen scharfen Kampf geführt; aber der Kriegsmann hatte

gesiegt. Er hatte die Stirne gefurcht und gesprochen: »Nein! Die

Landbrenner sind nah! Jeder auf seinem Posten. Der Bischof vor dem

Altar, der Turmwärter auf dem Turm. Findet uns der Herr dort, so findet

er uns da, wohin wir gehören. Bis zum letzten Augenblick -- die Pflicht

des Dienstes, des weltlichen wie des geistlichen.«

Mit stillem Kopfnicken hatte er, lange bevor er die Messe begann -- die

letzte, die er zu lesen hatte! -- von dem Ankleidezimmer aus die Gräfin

mit ihren Frauen die Steinstufen des Doms hinaufschreiten sehen. »Sie

hält Wort,« sprach er gerührt; den Grafen Gerwalt sah er noch nicht,

er vermißte auch noch Minnegard und Edel: aber er zweifelte nicht, sie

würden rechtzeitig, wie er geboten, erscheinen.

Die Messe war gelesen, auch die Predigt zu Ende, in welcher der Bischof

ernst, aber ohne weich zu werden, in mannhaften tapfern Worten zu

seinen Hörern sprach, dem Feldherrn vergleichbar, der seine Sturmschar

ermahnt, dem sichern Tode kühn entgegenzuschauen. --

Der Dom hallte wider von dem lateinischen Gesang der Priester und der

Chorknaben, in welchen hin und wieder die Latein- und Sanges-Kundigen

aus der Gemeinde einfielen. --

Wallend und wogend zogen dichte Wolken des Weihrauchs durch den von

Öllampen und Kienspänen nur schwach beleuchteten einschiffigen Holzbau:

-- bloß der Hauptaltar, wo der Bischof nun segnend stand, strahlte in

der Helle zahlloser Wachskerzen. --

Da plötzlich schmetterte durch die offene Thür -- denn die Menge der

Andächtigen drängte vom Chore durch die ganze Kirche und auch durch

die Thüre hinaus bis auf die Stufen und auf den Platz vor dem Dom --

derselbe eherne Trompetenschall, welcher das wonneberauschte Liebespaar

aufgeschreckt hatte.

Auch hier würde wohl die Vorstellung des Posaunentons des Weltgerichts

-- heute allen die nächstliegende -- die Menge ergriffen und in dem

dichten Gedränge Schrecken und Entsetzen verbreitet haben. --

Aber Herr Heinrich kam dem zuvor.

Sofort erkannte sein an solchen Ruf gewohntes Ohr die Eigenart dieses

Grußes. Er ermaß auch blitzschnell die Gefahr, welche ein falscher

Schreck über die vielen Hunderte, in engem Raum zusammengepferchten,

höchst erregten Menschen bringen mußte.

So rief er denn mit seiner lauten Stimme, die gewohnt gewesen, mit dem

Ruf des Befehls das Toben der Reiterschlacht zu überdröhnen: »Bleibt

ruhig, ihr Gläubigen! Das ist nicht der Beginn des Gerichts! Ich habe

befohlen, mit der Turmtrompete ... Hört ihr? Es ist die Trompete vom

Sandturm -- jetzt auch vom Brückenturm! -- zu melden, wann sich das

Raubgesindel gegen die Stadt heranzieht. Es sind Brandräuber!«

Da brach sich durch die Menge vor den Stufen ein ganz Gewaffneter Bahn

-- er schob die Bürger, die Frauen, links und rechts kräftig zur Seite

-- schon hatte er den Altar erreicht. »Auf, Herr Bischof! Hier Euer

Schwert. Nehmt! Eure Sturmhaube! Euer Roß steht draußen gesattelt.

Feinde vor der Stadt! Es brennen schon mehrere Höfe mainaufwärts.

Kommt und helft!« Es war Blandinus, voll glühenden Eifers: Nie war

sein schön Gesicht so schön gewesen, wie es jetzt unter der Sturmhaube

hervorglänzte. »Helft! Rettet! Herr Bischof!« riefen die Bürger. »Was

sollen wir thun?« »Hierbleiben! Beten!« schrieen die Weiber.

Aber Herr Heinrich richtete sich auf zu seiner vollen Höhe, riß das

Schwert aus der ihm dargereichten Scheide, warf diese weg, und, hoch

die Klinge schwingend, rief er: »Fechten sollt ihr! Nicht beten! Eure

Stadt, Sankt Burchhards Weihtum, schirmen! Fallt ihr so, so fallt

ihr schön und büßet manche Sünde. Wie können wir besser unsre letzte

Stunde verleben, als im Kampfe für Sankt Kilians Heiligtum? Folgt, ihr

Bürger Würzburgs, folgt euerm Bischof! Hinaus vors Thor und wehe den

Kirchenräubern! Sankt Kilian und Sankt Burchhard ziehn euch voran!«

Und er stürmte die Stufen des Altars hinab der Domthüre zu.

»Sankt Kilian und Sankt Burchhard! Steht uns bei!« riefen die Krieger

und folgten ihm.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 56 / 70 题