Endlich that Herr Heinrich, fortgerissen von der Gewalt des Gefühls,
einen raschen Schritt ihr entgegen: er hatte ihr die ausgestreckte Hand
hinreichen wollen. Allein mitten in der Bewegung hielt er inne: er ließ
den rechten Arm schlaff herabfallen. »Frau Gräfin ...!« brachte er nun
leise hervor, kalt, beinahe feindlich. Grimm und Erbitterung malten
sich auf seinen durchgeisteten, von Schmerz durchzuckten Zügen: er
furchte finster die gewaltige Stirne.
Jedoch wie er nun in die sanften Augen der stillen blassen Frau einen
feuchten Schimmer treten sah, der sie noch schöner und noch viel
rührender machte, -- da versagte ihm die Kraft, zu zürnen und in ganz
anderem Tone fuhr er traurig, tief aufseufzend, fort: »Ach wie lang
ist's her, daß wir uns nicht gesehen!« -- »Fünfzehn Jahre.« -- »Das
ist lang.« -- »Ja. Denn es ist das ganze Leben.« Gegen den Ton dieser
Stimme -- Herrn Heinrichs Jugend klang daraus hervor! -- gab es nicht
Trotz, nicht Groll, nicht Widerstreben. Er wies mit der Hand auf den
erhöhten Platz an der Wand unter dem dunkelroten Baldachin. Aber die
Frau blieb an der Thüre stehen; sie sprach nicht. So mußte er aufs
neue beginnen. Und das war so schwer! -- Milder hob er an: »Was ...?
Was führt Euch zu Heinrich von Rothenburg?« Da richtete sie die Augen
fest auf ihn und sprach mit Nachdruck: »Zu dem Bischof sendet mich mein
Gemahl.« Jäh fuhr Herr Heinrich zurück: »Ah so! -- Freilich! Ich hätte
mir es denken können!« schloß er herb.
»Gewiß! Ihr konntet nicht annehmen, ich suche Euch gegen, ohne meines
Gatten Willen.« -- »Es hieß ... man ließ mir sagen ... Ihr wolltet
beichten?« -- »Ich will beichten. +Euch+ will ich, muß ich beichten,
keinem andern. Das sagte ich meinem Mann; und dazu schickt er mich.«
Der Bischof war aufs höchste überrascht: aber er wollte es um keinen
Preis verraten; kühl erwiderte er, leicht die Achsel zuckend: »Seine
Pflicht! -- Christenpflicht!« -- »Mich zu +Euch+ als Beichtiger ziehen
zu lassen, zu +schicken+? -- Nein, das verlangte keine Pflicht von
ihm.« Herr Heinrich entgegnete nicht. Er strich nur einmal langsam
mit der umgewandten linken Hand über die stolze Braue: »So beginnet,«
sprach er tonlos.
»Ich beginne damit, zu gestehen, daß ich mir gerade +Euch+ als
Beichtiger ausgesucht habe nicht nur meinetwillen, auch -- ja mehr
noch! -- um Euretwillen. -- Nein: die ganze Wahrheit muß gesagt sein:
+nur+ um Euretwillen habe ich Euch zum Beichtiger ausgewählt und von
meinem Mann erbeten.«
Jetzt konnte Herr Heinrich sein Erstaunen nicht mehr verbergen: »Und
auch das ... das habt Ihr ihm gesagt?« -- »Gewiß.« -- »Und er hat
...?« -- »Er hat erwidert: ›Ja. Geh zu ihm. Sag' ihm alles. Alles, was
du soeben +mir+ gesagt. Wenn etwas auf Erden ihm wohlthun kann und
seine Seele retten ...‹« »Graf Gerwalt soll für +seine+ Seele sorgen!«
donnerte der Bischof sehr zornig. Aber ruhig schloß sie: »›... so wird
es das sein.‹ Also sprach mein Mann.« -- »Ich will nicht hören, was
mir Graf Gerwalt sagen läßt -- durch Euch.« -- Trotzig schritt er durch
den Saal. Geduldig wandte die Frau das schmale Gesicht so, daß sie ihm
überall hin folgen konnte mit den Augen. --
»Nicht Er,« sprach sie ganz sanft, »meine Seele spricht -- unter
seiner Verstattung -- zu Euch. Bald stehen wir -- wie alle -- vor dem
Richterstuhl des Herrn. Ihr glaubt doch zweifelfrei daran? Sagt mir
das offen, bevor ich weiterrede. Euch glaub' ich unbedingt darin, wie
-- wie in allen Stücken. Nur weil übermorgen +doch+ alles klar und
offen wird zwischen Eurer Seele und der meinen -- nur deshalb« ... hier
überflog die bleichen Wangen ein leiser Hauch von zartem Rot -- »konnte
ich mich soweit überwinden. Stehen wir übermorgen vor Gott? Sprecht:
Ja oder Nein? Wenn Nein, bleibt meine Beichte ungebeichtet.« -- »Ja.
Habt Ihr nicht all meine Vorbereitungen in der Stadt gesehen?« -- »Ich
treffe soeben erst ein. -- O Gott sei Dank für dieses: Ja!« Sie faltete
die Hände und sah nach oben.
»Ein betender Engel!« mußte der Bischof denken. »Aber welche Freude in
diesen Zügen? -- Ihr -- ersehnt, so scheint's, den Tod?« -- »Von ganzer
Seele!« -- »Lange schon?« -- »Seit ... seit vielen Jahren.« -- »Und die
drohenden Schrecken des Weltbrands?« -- »Ich fürchte sie nicht. Ich
segne sie. Sie allein haben mir diese Stunde gebracht. Das Wort der
Erlösung -- ach! nicht nur für mich -- so selbstisch bin ich nicht! --
für +Euch+ -- -- von bittrem Leid.«
Vornehm richtete er sich auf zu seiner ganzen Höhe: »Wer sagt Euch,«
fragte er stolz, »daß ich leide oder litt?« Sie wollte ein rasches
Wort erwidern: aber sie erschrak über ihr eigenes Wort, faßte sich
und verbesserte sanft: »Oder doch von bittrem Groll. Leugnet Ihr auch
den?« »Nein, das wäre gelogen!« lachte er grimmig. »Bin kein Erzengel,
nur ein Mensch, ein Mann. Und bin's geblieben, auch als ich Priester
und Bischof ward.« -- »Nun seht, Herr Bischof, daß Ihr +nicht+ mit der
schweren Todsünde dieses Hasses, dieses unversöhnten Grolles auf der
Seele vor den allwissenden Richter tretet, deshalb, o glaubt es mir,
Herr Bischof Heinrich, -- +nur+ deshalb steh ich hier: hört es: nur
Eure Seele zu retten.«
Er schüttelte finster den Kopf: »Das ist keine Beichte. Habt +Ihr+
keine Schuld auf der Seele?«
Aber ohne auf die Frage zu achten, fuhr die Frau in wachsendem Eifer
fort: »Diese Sorge, diese Angst um Euch hat mich ergriffen von dem Tag
an, da ich das nahende Ende erfuhr: diese Qual um Euer ewig Heil hat
mich rastlos umgetrieben Nacht und Tag. Sie hat mich -- ich bin sonst
scheu, wie Ihr vielleicht noch wißt, Herr Heinrich! -- fortgetragen
über alle Bedenken -- hierher zu Euch getragen -- wie auf Flügeln: die
Sorge, die heiße ... Sorge um +Euch+. Beichten konnte ich, nachdem ich
meinem +Manne+ gebeichtet -- +das+ war nicht leicht! -- jedem Priester.
Aber +diese+ Beichte, die ich +Euch+ anvertraue -- o Gott! -- sie soll
ja nicht, wie Beichte sonst, der Beichtenden Seele retten, -- sondern
die +Eure+! Euch retten und erlösen -- bevor der Richter richtet! --
von dem dumpfen Haß und bitteren Groll gegen meinen Mann und -- ach! --
gegen mich!« Rasch machte sie einige Schritte -- dann sank sie unter
Thränen auf den vorher abgelehnten Sitz.
Auch er war tief, mächtig bewegt: die edle Empfindung dieser reinen
Frauenseele hatte ihn erschüttert. Er trat dicht vor sie hin, schaute
scharf auf sie herab und hielt seine beiden zuckenden Hände fest
ineinander geschlossen: »Graf Gerwalt zu hassen, ihm zu grollen, --
prüf' ich mich -- als Christ -- im Angesicht des nahen Todes -- dazu
hab' ich kein Recht. Wir streiten uns um Zoll und Brückengeld, -- um
Grafenbann und Bischofsrecht: -- wir sind beide aus recht hartem Holz
-- da setzt es denn harte Stöße. Aber deshalb Haß und Groll? Nein!
Er glaubt im Recht zu sein, wie ich. -- Und ... das andre? Das vor
fünfzehn Jahren ...?«
Sie seufzte und zog den Schleier vor die Augen.
»Beim Donnerstrahl, ich kann's +ihm+ nicht verdenken! Nicht Freunde
waren wir: -- nur Waffengenossen, Jagdgefährten, Bechergesellen -- oder
Nebenbuhler um Ruhm und Glanz und Lebensfreude. Daß er die schönste
Jungfrau liebte, die wir -- beide -- jenseit und diesseit der Alpen --
gesehen, daran that er recht. Und daß er ihre Hand nahm, als sie ihn
vorzog, daran that er wahrlich nicht unrecht. Also -- will ich -- nur
als Mann, gar nicht als Priester -- fragen -- also warum Haß und Groll
gegen -- +ihn+?« -- »Aber gegen +mich+, nicht wahr?« Das brach aus
ihrer Brust wie aus dem Felsen der Quell, wie aus dem Vulkan das Feuer
-- weil sie +müssen+.
»Ah!« Und mit herzzerreißendem Klageton schlug sie die Stirn gegen die
Holzwand und bedeckte den Kopf mit den beiden durchsichtigen Händen.