XI.

Endlich that Herr Heinrich, fortgerissen von der Gewalt des Gefühls,

einen raschen Schritt ihr entgegen: er hatte ihr die ausgestreckte Hand

hinreichen wollen. Allein mitten in der Bewegung hielt er inne: er ließ

den rechten Arm schlaff herabfallen. »Frau Gräfin ...!« brachte er nun

leise hervor, kalt, beinahe feindlich. Grimm und Erbitterung malten

sich auf seinen durchgeisteten, von Schmerz durchzuckten Zügen: er

furchte finster die gewaltige Stirne.

Jedoch wie er nun in die sanften Augen der stillen blassen Frau einen

feuchten Schimmer treten sah, der sie noch schöner und noch viel

rührender machte, -- da versagte ihm die Kraft, zu zürnen und in ganz

anderem Tone fuhr er traurig, tief aufseufzend, fort: »Ach wie lang

ist's her, daß wir uns nicht gesehen!« -- »Fünfzehn Jahre.« -- »Das

ist lang.« -- »Ja. Denn es ist das ganze Leben.« Gegen den Ton dieser

Stimme -- Herrn Heinrichs Jugend klang daraus hervor! -- gab es nicht

Trotz, nicht Groll, nicht Widerstreben. Er wies mit der Hand auf den

erhöhten Platz an der Wand unter dem dunkelroten Baldachin. Aber die

Frau blieb an der Thüre stehen; sie sprach nicht. So mußte er aufs

neue beginnen. Und das war so schwer! -- Milder hob er an: »Was ...?

Was führt Euch zu Heinrich von Rothenburg?« Da richtete sie die Augen

fest auf ihn und sprach mit Nachdruck: »Zu dem Bischof sendet mich mein

Gemahl.« Jäh fuhr Herr Heinrich zurück: »Ah so! -- Freilich! Ich hätte

mir es denken können!« schloß er herb.

»Gewiß! Ihr konntet nicht annehmen, ich suche Euch gegen, ohne meines

Gatten Willen.« -- »Es hieß ... man ließ mir sagen ... Ihr wolltet

beichten?« -- »Ich will beichten. +Euch+ will ich, muß ich beichten,

keinem andern. Das sagte ich meinem Mann; und dazu schickt er mich.«

Der Bischof war aufs höchste überrascht: aber er wollte es um keinen

Preis verraten; kühl erwiderte er, leicht die Achsel zuckend: »Seine

Pflicht! -- Christenpflicht!« -- »Mich zu +Euch+ als Beichtiger ziehen

zu lassen, zu +schicken+? -- Nein, das verlangte keine Pflicht von

ihm.« Herr Heinrich entgegnete nicht. Er strich nur einmal langsam

mit der umgewandten linken Hand über die stolze Braue: »So beginnet,«

sprach er tonlos.

»Ich beginne damit, zu gestehen, daß ich mir gerade +Euch+ als

Beichtiger ausgesucht habe nicht nur meinetwillen, auch -- ja mehr

noch! -- um Euretwillen. -- Nein: die ganze Wahrheit muß gesagt sein:

+nur+ um Euretwillen habe ich Euch zum Beichtiger ausgewählt und von

meinem Mann erbeten.«

Jetzt konnte Herr Heinrich sein Erstaunen nicht mehr verbergen: »Und

auch das ... das habt Ihr ihm gesagt?« -- »Gewiß.« -- »Und er hat

...?« -- »Er hat erwidert: ›Ja. Geh zu ihm. Sag' ihm alles. Alles, was

du soeben +mir+ gesagt. Wenn etwas auf Erden ihm wohlthun kann und

seine Seele retten ...‹« »Graf Gerwalt soll für +seine+ Seele sorgen!«

donnerte der Bischof sehr zornig. Aber ruhig schloß sie: »›... so wird

es das sein.‹ Also sprach mein Mann.« -- »Ich will nicht hören, was

mir Graf Gerwalt sagen läßt -- durch Euch.« -- Trotzig schritt er durch

den Saal. Geduldig wandte die Frau das schmale Gesicht so, daß sie ihm

überall hin folgen konnte mit den Augen. --

»Nicht Er,« sprach sie ganz sanft, »meine Seele spricht -- unter

seiner Verstattung -- zu Euch. Bald stehen wir -- wie alle -- vor dem

Richterstuhl des Herrn. Ihr glaubt doch zweifelfrei daran? Sagt mir

das offen, bevor ich weiterrede. Euch glaub' ich unbedingt darin, wie

-- wie in allen Stücken. Nur weil übermorgen +doch+ alles klar und

offen wird zwischen Eurer Seele und der meinen -- nur deshalb« ... hier

überflog die bleichen Wangen ein leiser Hauch von zartem Rot -- »konnte

ich mich soweit überwinden. Stehen wir übermorgen vor Gott? Sprecht:

Ja oder Nein? Wenn Nein, bleibt meine Beichte ungebeichtet.« -- »Ja.

Habt Ihr nicht all meine Vorbereitungen in der Stadt gesehen?« -- »Ich

treffe soeben erst ein. -- O Gott sei Dank für dieses: Ja!« Sie faltete

die Hände und sah nach oben.

»Ein betender Engel!« mußte der Bischof denken. »Aber welche Freude in

diesen Zügen? -- Ihr -- ersehnt, so scheint's, den Tod?« -- »Von ganzer

Seele!« -- »Lange schon?« -- »Seit ... seit vielen Jahren.« -- »Und die

drohenden Schrecken des Weltbrands?« -- »Ich fürchte sie nicht. Ich

segne sie. Sie allein haben mir diese Stunde gebracht. Das Wort der

Erlösung -- ach! nicht nur für mich -- so selbstisch bin ich nicht! --

für +Euch+ -- -- von bittrem Leid.«

Vornehm richtete er sich auf zu seiner ganzen Höhe: »Wer sagt Euch,«

fragte er stolz, »daß ich leide oder litt?« Sie wollte ein rasches

Wort erwidern: aber sie erschrak über ihr eigenes Wort, faßte sich

und verbesserte sanft: »Oder doch von bittrem Groll. Leugnet Ihr auch

den?« »Nein, das wäre gelogen!« lachte er grimmig. »Bin kein Erzengel,

nur ein Mensch, ein Mann. Und bin's geblieben, auch als ich Priester

und Bischof ward.« -- »Nun seht, Herr Bischof, daß Ihr +nicht+ mit der

schweren Todsünde dieses Hasses, dieses unversöhnten Grolles auf der

Seele vor den allwissenden Richter tretet, deshalb, o glaubt es mir,

Herr Bischof Heinrich, -- +nur+ deshalb steh ich hier: hört es: nur

Eure Seele zu retten.«

Er schüttelte finster den Kopf: »Das ist keine Beichte. Habt +Ihr+

keine Schuld auf der Seele?«

Aber ohne auf die Frage zu achten, fuhr die Frau in wachsendem Eifer

fort: »Diese Sorge, diese Angst um Euch hat mich ergriffen von dem Tag

an, da ich das nahende Ende erfuhr: diese Qual um Euer ewig Heil hat

mich rastlos umgetrieben Nacht und Tag. Sie hat mich -- ich bin sonst

scheu, wie Ihr vielleicht noch wißt, Herr Heinrich! -- fortgetragen

über alle Bedenken -- hierher zu Euch getragen -- wie auf Flügeln: die

Sorge, die heiße ... Sorge um +Euch+. Beichten konnte ich, nachdem ich

meinem +Manne+ gebeichtet -- +das+ war nicht leicht! -- jedem Priester.

Aber +diese+ Beichte, die ich +Euch+ anvertraue -- o Gott! -- sie soll

ja nicht, wie Beichte sonst, der Beichtenden Seele retten, -- sondern

die +Eure+! Euch retten und erlösen -- bevor der Richter richtet! --

von dem dumpfen Haß und bitteren Groll gegen meinen Mann und -- ach! --

gegen mich!« Rasch machte sie einige Schritte -- dann sank sie unter

Thränen auf den vorher abgelehnten Sitz.

Auch er war tief, mächtig bewegt: die edle Empfindung dieser reinen

Frauenseele hatte ihn erschüttert. Er trat dicht vor sie hin, schaute

scharf auf sie herab und hielt seine beiden zuckenden Hände fest

ineinander geschlossen: »Graf Gerwalt zu hassen, ihm zu grollen, --

prüf' ich mich -- als Christ -- im Angesicht des nahen Todes -- dazu

hab' ich kein Recht. Wir streiten uns um Zoll und Brückengeld, -- um

Grafenbann und Bischofsrecht: -- wir sind beide aus recht hartem Holz

-- da setzt es denn harte Stöße. Aber deshalb Haß und Groll? Nein!

Er glaubt im Recht zu sein, wie ich. -- Und ... das andre? Das vor

fünfzehn Jahren ...?«

Sie seufzte und zog den Schleier vor die Augen.

»Beim Donnerstrahl, ich kann's +ihm+ nicht verdenken! Nicht Freunde

waren wir: -- nur Waffengenossen, Jagdgefährten, Bechergesellen -- oder

Nebenbuhler um Ruhm und Glanz und Lebensfreude. Daß er die schönste

Jungfrau liebte, die wir -- beide -- jenseit und diesseit der Alpen --

gesehen, daran that er recht. Und daß er ihre Hand nahm, als sie ihn

vorzog, daran that er wahrlich nicht unrecht. Also -- will ich -- nur

als Mann, gar nicht als Priester -- fragen -- also warum Haß und Groll

gegen -- +ihn+?« -- »Aber gegen +mich+, nicht wahr?« Das brach aus

ihrer Brust wie aus dem Felsen der Quell, wie aus dem Vulkan das Feuer

-- weil sie +müssen+.

»Ah!« Und mit herzzerreißendem Klageton schlug sie die Stirn gegen die

Holzwand und bedeckte den Kopf mit den beiden durchsichtigen Händen.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 50 / 70 题