II.

Aber neben allen geistlichen und weltlichen Aufregungen dieser Wochen

irdischen Daseins gingen doch die Dinge des täglichen Lebens, dessen

Erfordernisse und Bedingungen -- in seltsamem Gegensatz zu jenen

außerordentlichen Geschehnissen -- ihren hergebrachten Gang: die Leute

sahen dem Ende entgegen: aber einstweilen wollten sie doch schlafen und

trinken und -- wenn sie nicht gerade das Fasten sich vorgesteckt hatten

-- auch essen.

Herr Heinrich hörte einmal, wie er die Eingangshalle des Erdgeschosses

durchschritt, seines treuen Supfo Stimme gewaltig schelten: laut drang

aus der Tiefe des Kellergewölbes seine schallende Rede an die Oberwelt,

verbrämt mit manchem nicht gerade bischöflich gedachten Kernfluch.

Das bewog den Seelenhirten, zu verweilen und an seinem Kellermeister

im Vorüberwandeln ein wenig Seelsorge zu treiben. Er blieb stehen,

beugte sich über das Geländer der steinernen Kellerstufen und rief

hinab: »Aber Supfo! Schämst du dich nicht? Es wird wohl dein Werk,

was immer es sei, auch ungeflucht von statten gehen. Aber nichts als:

›Donner!‹ und ›Donnerstrahl!‹ Was bringt dich denn so auf?« »Nun, Herr

Hezilo!« antwortete der Runde, der langsam ein paar Stufen entgegen

humpelte. »Wenn +das+ einen Christenmenschen nicht aufbringen soll! Was

haben sie gethan, diese Eselfüllen von Kellerjungen? Den köstlichen

Trank vom Stein schon aufgespundet. Jetzt hält er sich kaum mehr zwei

Jahre!« -- »Aber Supfo! In zwei Wochen ist ja alles aus!« -- »Ja -- ja!

-- Jawohl! -- Aber nichtsdestoweniger! -- Wie habt Ihr erst gestern

wieder so schön gepredigt in der Vesper (-- wie jetzt schon so oft, daß

ich's auswendig weiß!)? ›Geliebte in dem Herrn! Vor allem fahret fort,

eure Pflicht zu thun in allen Stücken, im kleinen wie im großen‹ (der

Steinwein ist aber nichts Kleines!) ›als ginge es noch immer so fort

wie von je.‹«

»›Ohne doch (fügte ich bei) durch solche Geschäfte euere Gedanken

ablenken zu lassen von dem nahen Ende.‹ -- Du aber scheinst ein

sehr gutes Gewissen oder -- noch immer! -- einen herzhaften Vorrat

Leichtsinn zu besitzen.« »Beides, lieber Herr,« beteuerte der Kellerer

treuherzig, die Hand auf sein Schurzfell legend in die Grenzgebiete

zwischen Herz und Bauch. »Was hast du denn aber da?« forschte der

Bischof sich tiefer bückend. »In der großen Kiste, die du dort in den

Nebenkeller schaffen lässest?« -- »Das? Das ...? Das kleine Kästlein,

meint Ihr? O ... das ... das ist nichts ... von Bedeutung.« -- »Was ist

darin? Kirchengerät?« -- »O nein, im Gegenteil -- sozusagen! Es sind

Schläuche -- von ... von dem Griechenwein, den weiland Frau Theophano,

-- Gott hab' sie selig! (werdet sie ja auch nun bald wiederschauen: ob

sie wohl noch so schön ist?) -- Euch oder vielmehr, wie es in ihrem

Schreiben hieß, Sankt Burchhard (der aber schon lange -- zu Lichtmeß

waren es zweihundertsechsundvierzig Jahre! -- seinen letzten Trunk

gethan), also doch wohl Euch verehrt hat. Der Griechenwein steht hier

der Kellerarbeit im Wege und ...« »Lauter überflüssig Thun!« schalt der

Bischof und schritt zum Thor hinaus, im nahen Dom wieder Beichte zu

hören. »Ganz unnütz!« »Wer weiß?« meinte Supfo und sah ihm verschmitzt

lächelnd nach.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 40 / 70 题