Jetzt gab es Arbeit für den Bischof von Würzburg, geistliche und
weltliche! --
Die Wirkungen des Glaubens an das demnächst hereinbrechende Weltende
waren im ganzen Abendland gewaltig. Freilich nicht überall gleich
starke: In Italien, im Süden von Frankreich wurde die Bevölkerung,
an sich von lebhafterer Empfindungsweise und leichter erregbar, in
größeren Mengen und leidenschaftlicher ergriffen, weil so nahe den
Quellen, von denen die Verkündung ausströmte: süditalische Einsiedler,
zuletzt auch Rom. Die kühleren Deutschen nahmen die Sache kühler, mit
häufigerer Bezweifelung und, auch wo sie glaubten, mit festerer Haltung
auf; in manche Landschaften des Nordens und Ostens war das Gerücht kaum
gelangt.
Allein wo, wie im Würzburgischen geschehen war, ein Bote, unmittelbar
von Papst und Kaiser und heiligem Wunderthäter entsendet, ein Bote,
befeuert von schwärmerisch verzücktem, felsenfestem Glauben, selbst
durch ein Wunder erst zu diesem Glauben bekehrt, das schaurige Wort
verkündete, -- da war die Wirkung eine furchtbare, eine fortreißende.
Nicht einer und nicht eine, die den Aufzug des Mönches und seine
Bußmahnung auf jener Festwiese gesehen und gehört, verharrte im
Unglauben, hegte noch Zweifel; sogar der alte Rado raunte Hellmuth zu:
»Ja, zur Sonnwend! Ist richtig! Ich wußt' es längst. Die Welt geht
unter, -- aber +anders+ als die Pfaffen wähnen.«
Supfo hatte wichtiger Geschäfte gewaltet und an jenem Nachmittag den
Keller nicht verlassen.
Noch am selben Tage hatte sich der Zug des Mönches durch die Stadt
hindurch den Fluß hinab weiter gewälzt: der Bischof hatte, mancherlei
Wirren in der Gemeinde besorgend, die baldige Entfernung des starken
Haufens in jeder Weise begünstigt und beschleunigt.
Eines der ersten Geschäfte Herrn Heinrichs, sobald er in seinen Hof
zurückgelangt war, bestand darin, daß er einen Eilboten in die Gegend
von Bamberg sandte, wo er noch die Lagerung der wendischen Söldner
vermutete, mit dem strengen Befehl an Berengar, die Verhandlungen
abzubrechen, das etwa bereits Bezahlte zu opfern und schleunigst
zurückzukehren. Es hatte keinen Sinn mehr, für Sankt Burchhard eine
Grafschaft zu erkämpfen, die in wenigen Wochen in Feuer aufging.
Im übrigen aber hielt der tüchtige, klar-verständige Mann streng
darauf, daß, unerachtet der frommen Vorbereitung durch Gebet und Bußen,
jeder seine obliegenden weltlichen Pflichten streng und genau wie immer
erfülle, gleichwie er selbst mit bestem Beispiel darin voranging: er
sah voraus, was die Erfahrung der nächsten Tage schon bestätigte, daß
die Wirkungen jenes Glaubens keineswegs bloß fromme, wohlthätige,
sittliche sein würden.
Gegenüber der maßlosen Aufregung der Gemüter, der Furcht vor Tod und
Hölle, die zu unthätigem Brüten, zu leidenschaftlichen Ausbrüchen,
zur Lockerung aller hergebrachten Bande, zur Vernachlässigung aller
Gewohnheiten und Geschäfte verführte, war das einzige Heilmittel
die strenge treue Erfüllung jeder Pflicht, auch der weltlichen.
Unermüdlich schärfte er das wie in seinen nun täglichen Predigten, so
im Beichtstuhl und im Verkehr mit Geistlichen und Laien ein.
Und wahrlich: es that not!
Die meisten freilich, die Frauen und Mädchen fast ausnahmslos, und
auch der weitaus größte Teil der Männer wurden durch die Erwartung des
nahenden Endes zur Zerknirschung, Reue und Buße getrieben. Und die
Furcht vor dem Zorne des allwissenden Richters bewog Unzählige, nach
der sehr bedenklichen Sittenlehre nicht der Kirche zwar, wohl aber
der Zeit, die Heiligen zu bestechen, ihre Fürsprache bei dem Herrn
dadurch zu gewinnen, daß sie den Heiligen: das heißt deren Kirchen,
Klöstern und frommen Stiftungen Geschenke zuwendeten soviel sie nur
konnten. Viele, viele Tausende errichteten damals Schenkungen an die
Kirchen von Land und Leuten, von nutzbringenden Hoheitsrechten, von
Häusern und Feldern, von barem Geld, von Gold- und Silbergerät und
Schmuck. Auch dem Bischof von Würzburg wurden jetzt für Sankt Kilian,
Sankt Burchhard und andre Heilige solche Vergabungen in einer kaum zu
bewältigenden Fülle aufgedrängt. Wenig Freude hatte Herr Heinrich an
diesen Äußerungen einer Frömmigkeit, die dem Schenker den Genuß nur auf
drei Wochen noch entzog, dem Heiligen nur auf drei Wochen zuwandte und
durchaus nicht in Selbstverleugnung, sondern in jämmerlicher Furcht vor
den Höllenqualen ihren Beweggrund hatte.
Allein ausschlagen durfte er das Dargebrachte nicht: -- das verboten
die Canones! -- Auch würde die Zurückweisung die Leute erbittert,
zur Verzweiflung, zu wüstem vergeudenden Genuß getrieben haben. In
solchen Mengen aber drängten sich Schenkungsurkunden und geschenkte
Fahrhabe zusammen, daß er außer dem Bischofshaus auch noch andre
verfügbare Räume zur Aufnahme anweisen mußte. Auch das bisher von den
beiden Mädchen bewohnte Haus ward hierzu bestimmt: die Freundinnen
mußten sich trennen. Denn der Bischof bestand darauf, daß der Eintritt
Minnegardens in das Kloster nun doch noch zu geschehen habe. Das
Widerstreben der Weinenden, die geltend machte, nun könne es doch
darauf nicht mehr ankommen, ob sie nächstens als Weltkind oder als
Nonne sterbe, wies er gütig, aber bestimmt zurück. Er würde, gestand er
ihr, wäre der Bescheid des Papstes anders ausgefallen, ihr vielleicht
nachgegeben haben, da er längst erkannt habe, wie wenig das Alpenkind
zum Kloster neige und dafür tauge, wie so ganz auf andre Dinge ihr
Sinn gerichtet sei. Aber nun, da alle solche Hoffnungen und Wünsche
doch ausgeschlossen, nun sei es Pflicht, den letzten Wunsch der Mutter
zu erfüllen: auch teilte er den allgemeinen festen Glauben der Zeit,
es sterbe sich viel seliger im Nonnen- oder Mönchsgewand denn in
weltlicher Tracht; er machte mit dieser Versicherung freilich wenig
Eindruck auf das Mädchen! Schon daß sie sterben müsse, bevor sie in das
Himmelreich eintreten könne, fand sie recht hart; sie hatte gemeint,
nachdem der Herr die Menschen, die er lebend antreffe, lebend richte,
könnte er sie wohl auch gleich lebend mit in den Himmel nehmen. Da
hatte sie denn zu lernen, daß jenes Leben ein andres als das auf Erden
und daß nur wenigen Auserwählten verstattet sei, ohne den Tod zu
schauen, in den Himmel einzugehen.
So ward die Tieftraurige untergebracht in das Haus der »Religiosen«,
das nördlich der Stadt vor dem Holzthor, aber innerhalb des
Pfahlhags auf dem rechten Ufer flußabwärts an der heutigen Straße
nach Veitshöchheim lag: hier ward sie von den frommen Frauen für
die Einkleidung vorbereitet, die -- nach Anordnung des Bischofs --
von diesem selbst in dem Dom in der letzten Stunde vor Mitternacht
vorgenommen werden sollte.
Edel bezog mit Malwine, der alten Pflegerin, ein kleines, dem Bischof
gehöriges Häuslein, das, gerade dem Religiosenhaus entgegengesetzt,
flußaufwärts vor dem Südthor und der Sandvorstadt in der Nähe der
großen Festwiese, aber auch außerhalb des Pfahlhags lag. Sonder
Abschied hatte Fulko die Geliebte müssen ziehen lassen; denn
er wie Hellmuth wurden gleich in den nächsten Tagen nach jenem
verhängnisvollen Schützenfest von Herrn Heinrich sehr häufig außerhalb
der Stadt im Gau verwendet. Der waffenfrohe Bischof fand nämlich
neben der unablässigen geistlichen auch weltliche, kriegerische
Arbeit in diesen Wochen. Denn keineswegs alle Seelen wurden durch
den Gedanken des nahen Endes zerknirscht: es gab doch auch gar viele
rohe, kraftstrotzende Männer, in der Vollkraft der Jahre, in welchen
umgekehrt die Flammen der Genußgier noch einmal wild aufloderten bei
der Vorstellung des baldigen Erlöschens für immerdar. Von wahnsinnigem
Drang nach Erdenlust jeder Art ergriffen, betäubten sie ihre Angst
vor dem Tod und fröhnten zugleich ihrer Sinnengier in wüsten und
verbrecherischen Thaten gegen alle Gebote der Kirche und gegen alle
Gesetze des Reichs.
In der Stadt selbst hielt Herr Heinrich solche Ausbrüche nieder mit
eherner Faust. Es war dem tapfern Manne sehr erwünscht, daß die
Abwesenheit desjenigen, der durch sein Amt berufen war, den Landfrieden
zu wahren, des Grafen, mit fast all seinen Reisigen in Italien, dem
Bischof die Erfüllung dieser Pflicht zwar keineswegs von Rechts wegen
aufzwang, aber doch ermöglichte und nahelegte.
Wie in anderen Teilen Deutschlands hatten sich im Waldsassen-
und Rangau bei Würzburg, zumal aber auch in den armen Gegenden
des Spessart, dann im Maingau, wohin der Mönch Monitor seine
aufregende Verkündung zunächst getragen hatte, bewaffnete Scharen
zusammengerottet. Sie suchten mit Raub und Brand die nächsten
Herrensitze, ja auch Klöster heim, sie erbrachen hier die vollen
Weinkeller, die strotzenden Vorratskammern ihrer Herren -- die oft ihre
Peiniger gewesen waren -- oder ihrer reicheren Nachbarn und nahmen
sich mit der Faust zu einem letzten Rausch, zu einer letzten Völlerei,
was ja doch in wenigen Tagen dem Untergang geweiht war: auch manche
Weiber und Mädchen rissen sie zu wilden, schamlosen Reigen und oft zu
schlimmeren Dingen fort.
Es waren meist Unfreie, die ihren Herren entlaufen waren, entsprungene
Gefangene, Landstreicher, Waldgänger, Räuber, unzufriedene verarmte
Kleinbauern. Schwer aber fiel es Herrn Heinrich aufs Herz, als ihm
gemeldet wurde, auch viele jener Bauleute seien darunter, die er
plötzlich aus Arbeit, Brot und Lohn entlassen hatte.
Daß so er -- er selbst! -- die Scharen jener Mordbrenner verstärkt
habe, -- das legte ihm die rasche, kraftvolle Dämpfung der Unruhen noch
besonders als Pflicht auf das Gewissen.
So gab er sich denn mit heißem Eifer wie mit altbewährter Stärke
und Umsicht dieser kriegerischen, staatlichen Aufgabe hin. In einer
kampffreudigen Predigt in der in diesen Tagen immer bis auf den letzten
Fleck gefüllten Domkirche forderte er alle wehrfähigen Bürger der
Stadt und des Gaues auf, sich zu waffnen: -- er stellte ihnen die
eigne reiche Waffensammlung zur Verfügung -- und zusammen mit seinen
Dienstmannen unter Führung seiner Ritter die Umgegend zu durchstreifen,
die bedrohten offenen Landsitze, Dörfer und Klöster zu schützen, die
Banden aufzusuchen und zu zerstreuen.
Seine flammende Beredsamkeit -- »wie ein Herzog sprach er, nicht wie
ein Pfaff,« meinte Fulko begeistert -- hatte guten Erfolg: wohl ein
paar hundert Bewaffnete sammelten sich alsbald um den Bischofshof:
hatte er doch solches Thun für gottwohlgefälliger und verdienstlicher
noch denn Fasten und Beten erklärt! Und eine Freude und heiß erwünschte
Erholung von den jetzt fast erdrückenden geistlichen Geschäften war es
ihm, gelegentlich selbst, hoch zu Roß, die Sturmhaube auf dem Haupt,
das Schwert in der Faust auszuziehen -- nicht gerade ganz im Geist
der Canones! -- an der Spitze einer solchen gewaffneten Schar und
eine Rotte von Räubern und Landbrennern auseinanderzusprengen, wie
sie Aschaffenburg im Nordwesten, Kissingen im Südosten bedroht und
geschädigt, aber auch im Waldsassengau in der Nähe von Würzburg selbst
Holzkirchen, Helmstädt, Utingen, Römlingen, Fotingen, Birkenfeld,
Himmelstadt, Steinbach, Trifenfeld heimgesucht hatten mit Gewalt und
Plünderung. Da hatten außer dem Bischof selbst seine Junker die Hände
voll kriegerischer Arbeit. »Es ist all nicht genug,« schalt gleichwohl
Hellmuth. »Sie halten nicht Stand, die feigen Schächer. O nur noch Ein
tüchtig Einhauen vor dem Ende!«