»Ich erforschte, der Papst weilte zur Zeit nicht in der ewigen Stadt.
Er war mit dem Herrn Kaiser und mit großem Gefolge von Geistlichen und
Laien -- und viele Tausende von Römern und Welschen aus der Campagna
hatten sich alsbald dem Zug angeschlossen -- gepilgert nach dem Kloster
des heiligen Michael auf dem Berge Garganus zu Nilus, dem greisen
Einsiedler, der in einer Höhle jenes Berges hauste. Viele, viele Wunder
hatte der Herr durch ihn bereits gethan, der auch zuerst schon seit
Monaten die große Botschaft von dem nahenden Gericht verkündet hatte.
Der Herr Papst hatte sich heftig wider jene Verkündung gesträubt: er
beschloß, mit allen seinen gelehrtesten Priestern und Scholarchen und
mit einem ganzen Lastwagen voll heiliger Schriften -- den Beweismitteln
für seinen Unglauben! -- selbst hinzuziehen zu dem Manne Gottes: denn
der hatte sich geweigert, auf den Ruf des Herrn Papstes nach Rom zu
diesem zu kommen: Sankt Petrus hatte ihm im Traumgesicht verboten, die
enge Felsenhöhle zu verlassen, bevor die Engel des Gerichts ihn selbst
daraus abholen würden. Und wollte der Herr Papst durch seine fast
zauberhafte Gelehrsamkeit den schlichten Einsiedler widerlegen, und
ihm -- bei Strafe der Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft --
verbieten, -- ganz wie vorhin jener Bischof mir! -- solche Schrecknisse
zu verbreiten unter dem Volke. Der Herr Kaiser begleitete ihn: seine
schwärmerisch glühende Jünglingsseele vertraute viel mehr als der
gelehrte Papst dem Worte des großen Büßers: denn der Greis hatte ihm
schon manches geweissagt von Plänen seiner Feinde in Rom, und alles
war eingetroffen Ich aber -- als sie mir das erzählten -- ich Frevler
lachte laut und spottete -- der Heilige hat es mir in der Beichte
vergeben! --: ›ei, hat der alte Schlaukopf so gute Späher in Rom?‹ Und
also, lachenden, höhnenden Mundes all den Weg über, eilte ich tagelang
von Rom gen Süden bis zum Berge Garganus durch das Volk hin, das zu
vielen, vielen Tausenden zu Fuß, oft auf den Knieen rutschend, schwere
Eisenketten schleppend, die nackten Rücken geißelnd bis aufs Blut,
unablässig Psalmen singend und betend alle Wege, die von Nord nach Süd
zu dem Weissager führten, wimmelnd bedeckten wie wandernde Ämsen. Und
als ich endlich an dem Fuße des steilen Berges vom Gaule sprang, rief
ich meinem Roßknecht zu: ›Jetzt paß auf! Denn jedenfalls erlebst du
heut' ein Wunder. Ich steige jetzt da hinauf zu dem Alten. Steige ich
ungläubig herunter -- ist's ein großes Wunder für all' die Tausende,
die da herum kriechen und knieen und klettern. Steig' ich aber gläubig
herunter, mein Sohn, dann ist's ein noch viel größer Wunder -- für
mich.‹
Aber ich stieg gar nicht mehr herunter! Ein Weltling stieg hinauf:
-- einen Mönch trugen sie herab. Denn ... ah meine Freunde! Wie
soll ich's euch schildern! Als ich endlich durch das Gedränge der
Hunderte und Tausende die Höhe erstiegen hatte, da ergriff mich, den
schwindelfreien Gemsenschütz, alsbald ein seltsam kreiselnd Schwirren
im Kopfe. Furchtbar heiß brannte die kalabrische Mittagssonne gerade
senkrecht auf die nackten Schieferfelsen: nirgends ein Baum, ein
Strauch, nirgends ein Streifen Schattens! -- Und stundenlang mußte
ich so harren, an dem Platz, an dem mich, nachdem ich die Hochplatte
erstiegen, ein Priester eingereiht hatte hinter vielen hundert andern
Pilgern, die vor mir eingetroffen waren und nun alle harren mußten, bis
sie nachrücken konnten in die enge Höhle. Viele Stunden stand ich so!
Die Welschen sind's gewöhnt, barhaupt in der ärgsten Sonnenglut
auszuhalten: und ich -- ich -- mußte es nun auch. Denn meinen
breitrandigen Reisehut, den ich allein trotzig auf dem Kopf behalten
hatte, als ich in die Reihe trat, den hatten sie mir flugs abgerissen
und den Felshang hinuntergeworfen: -- raufen konnt' ich nicht: konnt'
ich doch die Arme nicht heben, so eng war ich eingekeilt. Und mir war,
als finge unter der stechenden Mittagssonne mein Gehirn an zu sieden,
nein, zu braten: ich konnte kaum mehr denken: in meinen Ohren sang es
wie das Gesumms von ganzen Heerscharen von Mücken!
Endlich -- traf uns die Reihe.
Kaum trugen mich die Füße noch die paar Schritte bis an den Eingang der
Höhle: meine Schläfe pochten. Da empfing mich in dem Eingang ein solch
furchtbares Geschmetter von Posaunen und Drommeten, daß ich glaubte,
der Kopf platze mir auseinander.
Und ein Weihrauchduft, wie ich ihn so süß, aber auch so betäubend stark
nie geschmeckt, quoll und qualmte mir entgegen: mit Mühe rang ich nach
Luft! Und aus dem Hintergrund der schmalen, aber sehr langen Grotte
strahlte mir in dem ganz dunkeln Eingang entgegen ein Meer von Licht,
von tausend und aber tausend Kerzen: geblendet, schloß ich die Augen:
sie zuckten mir vor Schmerz. Aber gleich that ich sie wieder auf,
erschrocken, erschüttert bis in den Grund der Seele.
Denn eine Mark durchbohrende Stimme, die aus dem Grabe, -- nein doch!
aus der andern Welt! -- zu dringen schien, schlug an mein Ohr: »Bereue!
Büße! Das Gericht ist nah.«
Und ich sah mir gegenüber den Heiligen!
O meine Lieben, das war kein Mensch mehr! Eine hohe hagere Gestalt,
nackt bis zum Gürtel. Das gewaltige Haupt umflattert von wirrem weißem
Haar: aus tiefen Höhlen sprühten die kohlschwarzen verzückten Augen
Feuer: man sah ihnen an, die schauten Himmel und Hölle offen. Und
neben ihm kniete, in einem härenen Gewand, Asche auf dem Haupte -- gar
wohl kannte ich ihn aus unserem letzten Kriegszuge gegen die empörten
Römer, -- der Herr Papst, der gelehrte Sylvester, und er, der Stolz der
Wissenschaft, küßte demütig die halbnackten Füße und umschlang seine
Kniee und rief: ›Ich büße! ich bereue! Ich bereue meinen hochfärtigen
Unglauben! Denn wahrlich, wahrlich ich sage euch: diesem Ungelehrten
hat der Herr sich offenbart. Und das Gericht des Herrn ist nahe.‹
Wohl schlug mir das Herz vor Grauen an die Rippen, daß ich meinte, es
müsse mir zerspringen. Aber es war ein gar trotzig Herz und wollte
nicht nachgeben. ›Ach was,‹ sagte zu mir dies sündhafte Herz: ›Pfaff
ist Pfaff: auch der Herr Papst ist Pfaff: -- leicht glaubt er dem
andern Pfaffen.‹ Aber da -- o meine Geliebten ...!«
Und überwältigt von der Erinnerung knickte die hünenhafte Gestalt
zusammen; der Mönch brach in lautes Schluchzen aus, der Kopf schlug ihm
mit der Stirn auf dem Gerüst auf.
Das wirkte noch mehr als alle seine Worte. Ein Murmeln des Grauens
lief durch die Menge. Die Männer zitterten vor Erregung, viele Weiber
ergriff krampfhaftes Weinen: selbst Herr Heinrich preßte die Linke auf
das tapfere Herz.