Der Bischof und die Seinen betrachteten mit Staunen, mit leisem Grauen
die Verwandlung, welche die Gestalt des hünenhaften, breitschultrigen
Jägermeisters verändert hatte. Er war kaum wieder zu erkennen. Zum
Knochengerippe war der einst kraftstrotzende Leib abgemagert, mit Mühe
hielt die hagere Gestalt sich auf den Fahnenschaft gestützt aufrecht,
die Wangen waren völlig eingefallen und von wachsgelber Leichenfarbe,
die Backenknochen ragten spitz hervor, unablässig zuckte es krampfhaft
um die glattgeschornen Lippen und aus den tiefen, von schwarzen
Schatten umränderten Höhlen schossen die unheimlichen Augen Blicke
von fanatischem Wahnsinn. Er zitterte am ganzen Leib: -- es war wohl
das welsche Fieber: -- oft unterbrach das Klappern der Zähne den Fluß
seiner Worte.
Und die gewaltige Fahne mit der Linken an seine Brust drückend hob
er an mit lauter schriller, markdurchgellender Stimme: »Höret mich!
Höre mich, alles Volk der Deutschen! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Denn aus meinem, ihres unwürdigsten Knechtes, Mund redet der heilige
Geist, redet Sankt Petrus, redet dessen Statthalter auf Erden, der
Herr Papst zu Rom, redet der große Wunderthäter Sankt Nil im Land
Italia und redet auch der oberste Herr der Weltlichkeit auf Erden --
solang sie noch bestehen wird! -- der Herr Kaiser Otto. Euch, ihr
Ritter, Geistliche und Dienstmannen des Bischofs von Würzburg, bin
ich allen wohl bekannt. Aber auch die meisten Bürger dieser Stadt und
gar viel Bauern der Dörfer und Höfe kennen mich gut, der ich in der
Weltlichkeit Arn hieß, des Helmbrecht Sohn aus Salzburg. Und wisset
wohl: ich war der Jägermeister des Bischofs und war aller Weltlinge
weltlichster und sündigster. Aus dem Bayerland war ich und allerwegs
gerichtet nicht auf das Geistliche und Himmlische, sondern auf das
Fleischliche und Irdische: kein Felsgrat in meinen Bergen war mir zu
steil vom Wetterstein bis zum hohen Ortler: wohin der schwindelfreie
Gemsbock stieg, da stieg ich nach. Des Weines trank ich mehr als drei
Männer zusammen und mit drei Männern zumal zu raufen hab' ich mich nie
gescheut. Dem Bären ging ich an den Leib, allein, Schwert in Hand.
Beim Reigentanz war ich der erste auf dem Platz und der letzte, aber
auch beim Waffentanz in Pusterthal und Krain mit Wenden, mit Arabern
und Welschen in Calabria. Ach und manche Maid in manchem Land hab' ich
zerstört durch meine wilde Minne! Und viel, viel Blut von Erschlagenen
-- in Krieg und in Frieden! -- klebt an meinen Händen. Viel öfter
lief ich zu Wald mit Rado, dem argen, argen Heiden -- dort steht er
und wendet sich finster von mir! -- als in den Dom, wann der Bischof
die Messe sang. Diese Welt, diese lustige Erde, mit Jagdhornklang und
Becherschwang und Speeredrang und Mädchenfang: -- sie war mein alles.
Und als nun vor vielen Monden zuerst das Wort vom nahenden Gericht
auch in unseren Gau drang, da war keiner unter all den Dienstleuten
des Bischofs, der weniger daran glaubte, der übermütiger, frevelhafter
-- verzeihe mir Sankt Petrus! -- darüber spottete als ich. Und gerade
mich wählte er als seinen Boten nach Rom. Wie lachte mein sündhaft
begehrlich Herz bei dem willkommenen Auftrag! Ich freute mich auf
ein üppig Feld von Sünden und ich trieb's danach von hier bis Rom.
Auch Rom machte mich durchaus nicht besser. Nicht einmal das Grab der
Apostelfürsten! Aber bald darauf -- da kam über mich die erlösende
Zermalmung, die beseligende Zerknirschung, die errettende Verfinsterung
des natürlichen Verstandes durch das Übernatürliche, das Wunder, das
unsrer sündhaft stolzen Vernunft eitel Thorheit ist.«