IV.

Der Bischof und die Seinen betrachteten mit Staunen, mit leisem Grauen

die Verwandlung, welche die Gestalt des hünenhaften, breitschultrigen

Jägermeisters verändert hatte. Er war kaum wieder zu erkennen. Zum

Knochengerippe war der einst kraftstrotzende Leib abgemagert, mit Mühe

hielt die hagere Gestalt sich auf den Fahnenschaft gestützt aufrecht,

die Wangen waren völlig eingefallen und von wachsgelber Leichenfarbe,

die Backenknochen ragten spitz hervor, unablässig zuckte es krampfhaft

um die glattgeschornen Lippen und aus den tiefen, von schwarzen

Schatten umränderten Höhlen schossen die unheimlichen Augen Blicke

von fanatischem Wahnsinn. Er zitterte am ganzen Leib: -- es war wohl

das welsche Fieber: -- oft unterbrach das Klappern der Zähne den Fluß

seiner Worte.

Und die gewaltige Fahne mit der Linken an seine Brust drückend hob

er an mit lauter schriller, markdurchgellender Stimme: »Höret mich!

Höre mich, alles Volk der Deutschen! Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Denn aus meinem, ihres unwürdigsten Knechtes, Mund redet der heilige

Geist, redet Sankt Petrus, redet dessen Statthalter auf Erden, der

Herr Papst zu Rom, redet der große Wunderthäter Sankt Nil im Land

Italia und redet auch der oberste Herr der Weltlichkeit auf Erden --

solang sie noch bestehen wird! -- der Herr Kaiser Otto. Euch, ihr

Ritter, Geistliche und Dienstmannen des Bischofs von Würzburg, bin

ich allen wohl bekannt. Aber auch die meisten Bürger dieser Stadt und

gar viel Bauern der Dörfer und Höfe kennen mich gut, der ich in der

Weltlichkeit Arn hieß, des Helmbrecht Sohn aus Salzburg. Und wisset

wohl: ich war der Jägermeister des Bischofs und war aller Weltlinge

weltlichster und sündigster. Aus dem Bayerland war ich und allerwegs

gerichtet nicht auf das Geistliche und Himmlische, sondern auf das

Fleischliche und Irdische: kein Felsgrat in meinen Bergen war mir zu

steil vom Wetterstein bis zum hohen Ortler: wohin der schwindelfreie

Gemsbock stieg, da stieg ich nach. Des Weines trank ich mehr als drei

Männer zusammen und mit drei Männern zumal zu raufen hab' ich mich nie

gescheut. Dem Bären ging ich an den Leib, allein, Schwert in Hand.

Beim Reigentanz war ich der erste auf dem Platz und der letzte, aber

auch beim Waffentanz in Pusterthal und Krain mit Wenden, mit Arabern

und Welschen in Calabria. Ach und manche Maid in manchem Land hab' ich

zerstört durch meine wilde Minne! Und viel, viel Blut von Erschlagenen

-- in Krieg und in Frieden! -- klebt an meinen Händen. Viel öfter

lief ich zu Wald mit Rado, dem argen, argen Heiden -- dort steht er

und wendet sich finster von mir! -- als in den Dom, wann der Bischof

die Messe sang. Diese Welt, diese lustige Erde, mit Jagdhornklang und

Becherschwang und Speeredrang und Mädchenfang: -- sie war mein alles.

Und als nun vor vielen Monden zuerst das Wort vom nahenden Gericht

auch in unseren Gau drang, da war keiner unter all den Dienstleuten

des Bischofs, der weniger daran glaubte, der übermütiger, frevelhafter

-- verzeihe mir Sankt Petrus! -- darüber spottete als ich. Und gerade

mich wählte er als seinen Boten nach Rom. Wie lachte mein sündhaft

begehrlich Herz bei dem willkommenen Auftrag! Ich freute mich auf

ein üppig Feld von Sünden und ich trieb's danach von hier bis Rom.

Auch Rom machte mich durchaus nicht besser. Nicht einmal das Grab der

Apostelfürsten! Aber bald darauf -- da kam über mich die erlösende

Zermalmung, die beseligende Zerknirschung, die errettende Verfinsterung

des natürlichen Verstandes durch das Übernatürliche, das Wunder, das

unsrer sündhaft stolzen Vernunft eitel Thorheit ist.«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 36 / 70 题