Louis: Nun wollen wir auch gehen. Ich habe Hunger. »Ihr Diener,
Fräulein Anna, Ihr Diener, Fräulein Bella!«
Bella: Sie sind sehr komisch, Louis. Adieu, Adieu, Otto.
Anna: Adieu, Louis! Adieu, Otto!
Otto: Ich empfehle mich Ihnen, meine Damen!
* * * * *
Louis: Guten Tag, Herr Meister! Ich weiß heute, was ein Ritter
ist. Soll ich es sagen?
Herr Meister: Bitte, Louis.
Louis: »Ritter« war in alten Zeiten der Name für einen Nobelmann. Ein
Nobelmann oder Edelmann, das ist dasselbe. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ganz gewiß, Louis.
Louis: Ein Edelmann heißt heute nicht mehr »Ritter,« er heißt:
»Baron,« »Graf« oder »Fürst.« Alle haben das kleine Wort »von« vor
ihrem Namen, wie: von Bismarck, von Moltke. Aber die Väter dieser
Edelleute hießen (ich heiße, ich hieß, ich habe geheißen) vor alten,
alten Zeiten »Ritter.«
Otto: Ich bin erstaunt über dich (= ich wundere mich über dich). Wie
hast du alles dieses gelernt?
Louis: Ich wollte gerne wissen, was ein »Ritter« wäre (= war), und so
nahm ich (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ein Diktionär.
Herr Meister: Sagen Sie lieber (gern, lieber, am liebsten)
»Wörterbuch« für »Diktionär.«
Louis: Sehr wohl. So nahm ich ein Wörterbuch, in dem Englisch und
Deutsch stand (= war), und da fand ich (ich finde, ich fand, ich habe
gefunden) für jedes englische Wort ein deutsches.
Anna: Das müssen Sie nicht thun, Louis. Sie wissen, Herr Meister hat
uns gesagt, kein englisch-deutsches Wörterbuch zu brauchen. Sie können
ja das deutsche Synonyme-Wörterbuch nehmen.
Louis: Aber ich wollte das Wort wissen, und Herr Meister hatte gestern
keine Zeit, es (= das Wort) zu erklären (= klar zu machen). Aber ich
werde es nicht wieder thun.
Herr Meister: Das ist recht, Louis.
* * * * *
Bella: Herr Meister, das ist etwas (= ein Ding), das ich nicht
verstehen kann. Sie sagen, Herr Meister: »Meine Freunde, nehmen Sie
kein Wörterbuch, ich erkläre Ihnen alle Wörter.« Aber, Herr Meister,
Sie können uns nicht alle Wörter in der deutschen Sprache erklären; so
lange können wir nicht bei Ihnen sein. Ist das nicht so?
Herr Meister: Mein Fräulein, Sie sind sehr klug (= weise), und ich
freue mich, daß Sie mich hierüber (= über dieses) fragen. Sie haben
ganz recht, ich kann Ihnen nicht alle Wörter der deutschen Sprache
erklären. Das ist unmöglich (= das kann nicht sein). Und doch lernen
Sie alle Wörter verstehen nach und nach (= mit der Zeit). Sie werden
mich besser verstehen, wenn ich Ihnen erzähle, wie ich Englisch
gelernt habe. Wohl hatte ich schon in Deutschland Englisch gelernt im
Gymnasium. Sie wissen, ein Gymnasium ist in Deutschland eine Schule,
wie hier das Colleg. Das wenige Englisch, das ich gelernt hatte, war
bald (= in kurzer Zeit) vergessen. Ich nahm hier wieder meine
englisch-deutsche Grammatik, studierte sie vom Beginne bis zum Ende,
und dann wollte ich lesen. Ich nahm »Nicholas Nickleby« von Charles
Dickens.
Otto: Das war hart für den Anfang (= Beginn), Herr Meister.
Herr Meister: Sagen Sie nicht »hart,« -- man sagt im Deutschen: »Das
war schwer.« Ja, es war schwer. Aber ich wollte etwas lesen, was
interessant war, und so nahm ich »Nicholas Nickleby,« ein
englisch-deutsches Wörterbuch und begann zu lesen. Aber wissen Sie,
wie lange Zeit ich brauchte (ich brauche, ich brauchte, ich habe
gebraucht), die ersten zwei Seiten zu lesen? Drei Stunden. -- ja, drei
Stunden. Ich hatte keine Geduld mehr und sagte: »Nun will ich lesen --
aber ohne (= nicht mit) Wörterbuch.« Und ich las (ich lese, ich las,
ich habe gelesen) ohne Wörterbuch. Es ist wahr, sehr vieles habe ich
in der ersten Hälfte (halb, die Hälfte) des Buches nicht verstanden,
aber je mehr ich las, desto besser verstand ich das Buch, und als ich
an das Ende kam, hatte ich viel Englisch gelernt. Nach »Nicholas
Nickleby« las ich die »Pickwick Papers« von Charles Dickens und
englische Novellen, -- aber alle ohne Wörterbuch.
Bella: Aber wie haben Sie die Wörter gelernt, Herr Meister?
Herr Meister: Ich weiß es nicht. Die Wörter kamen von selbst. Ich
verstehe heute alles, was ich im Englischen lese; ich verstehe das
Englische so gut, wie das Deutsche. Ich lese Shakespeare und habe nie
ein deutsch-englisches Wörterbuch gebraucht. Wo habe ich die Wörter,
die Shakespeare braucht, gelernt? Habe ich sie aus meinem
deutsch-englischen Wörterbuche? Nein. Habe ich die Wörter von meinem
Lehrer? Nein. Habe ich sie auf der Straße, in der Gesellschaft gehört?
Nein. Wie weiß ich die Wörter? Sie (= die Wörter) kommen von
selbst. Wie? Das weiß ich nicht. Und wie es mir im Englischen ging, so
wird es Ihnen im Deutschen gehen. So wie die Blätter an dem Baume
wachsen (= kommen), so wachsen auch die Wörter in Ihnen. H_ö_r_e_n
Sie! s_p_r_e_c_h_e_n Sie! und l_e_s_e_n Sie!
* * * * *
Bella: Aber wir haben noch sehr wenig gelesen, Herr Meister.
Herr Meister: Geduld, meine Freunde, Geduld. Wir haben ein deutsches
Sprichwort; das heißt: »Rom ist nicht an e_i_n_e_m Tage gebaut
worden.«
Anna: Das haben wir auch im Englischen.
Louis: Was bedeutet »gebaut«?
Otto: Louis, ich will das Sprichwort so sagen: »Rom ist nicht an einem
Tage gemacht worden,« -- so verstehst du es, nicht wahr?
Louis: Ja.
Herr Meister: Aber man sagt nicht: »Man m_a_c_h_t eine Stadt, man
m_a_c_h_t ein Haus,« sondern man sagt: »Man b_a_u_t ein Haus, einen
Palast oder eine Stadt,« und der Mann, der den Plan des Hauses macht
oder den Plan des Palastes oder den Plan der Stadt, das ist der
Baumeister. Ich will Ihnen dieses sagen: Geduld, meine Freunde, wir
werden lesen, und wir lernen, die Sprache vollkommen (= perfekt)
verstehen, sprechen und schreiben.
Louis: Ah, wie ich mich freue, wenn ich einen guten deutschen Brief an
meinen Bruder Albert nach Berlin schreiben kann. Er wird sich
wundern. O, Herr Meister, wann, wann kann ich einen guten deutschen
Brief schreiben?
Herr Meister: Geduld, mein Freund Louis; sehr bald. Noch nicht heute;
nein, auch morgen nicht, wir müssen Zeit haben, Louis, Tage, Wochen,
Monate. Hat der liebe Gott nicht auch sechs Tage genommen (ich nehme,
ich nahm, ich habe genommen), um die Welt zu schaffen? Aber dann sah
er sein Werk, und es war gut, und wenn wir etwas gut thun wollen, so
müssen wir auch Zeit haben, viel Zeit, nicht wahr, Otto?
Otto: Sie haben recht, Herr Meister. »Mit der Zeit bricht man Rosen,«
-- das ist ein gutes Sprichwort.
Anna: »Sprichwort«? Was ist das?
Otto: {"The early bird catches the worm,"} das ist ein englisches
Sprichwort.
Herr Meister: Dieses Sprichwort haben wir auch im Deutschen, aber wir
sagen es so: »Morgenstund hat Gold im Mund.«
Bella: Ich weiß auch ein deutsches Sprichwort. Wollen Sie es hören?
Otto: Bitte, Bella, bitte!