Anna: Ja, geduldig. Das ist es! Das ist es!
Herr Meister: Ja, meine lieben Freunde, ein Lehrer .....
Louis: »Ein Lehrer«? Bitte, Herr Meister, sagen Sie mir, was bedeutet
dieses Wort?
Herr Meister: Sie lernen, Louis, nicht wahr? Sie lernen die deutsche
Sprache bei mir; ich bin[VI-2] heute Ihr Lehrer. Als ich unwohl war
und nicht kommen konnte, war Otto Ihr Lehrer.
Louis: Herr Meister, ich danke Ihnen.
Herr Meister: Ja, ich will sagen: Ein Lehrer muß geduldig sein, und
ein guter Lehrer hat viel, viel Geduld, wie der große Sokrates.
Bella: Hatte Sokrates viel Geduld?
Herr Meister: So sagt man. Sokrates hatte eine böse Frau, sie hieß (=
ihr Name war) Xantippe.
Bella: Ach, das Wort X_a_n_t_i_p_p_e habe ich oft gehört.
Herr Meister: Sie zankte immer, das ist: Sie sprach immer laut und
böse mit ihrem Manne, dem Philosophen. Einmal zankte sie wieder. Der
Philosoph sagte kein Wort. Sie zankte immer mehr, -- der Philosoph
blieb (ich bleibe, ich blieb, ich bin geblieben) still. Das Zanken
wurde schlimmer (böse, schlimmer, schlimmst). Da stand der Philosoph
auf und ging aus dem Hause. Dieses machte Xantippe sehr böse. Sie nahm
eine Kanne mit Wasser und schüttete es auf ihren Mann. »Das ist
recht,« sprach der Philosoph, »das ist recht; nach einem Donnerwetter
muß ein Regen kommen,« und ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen)
seinen Weg.
* * * * *
Herr Meister: Mit Geduld, meine Freunde, und mit guten Worten kann man
oft alles thun. Mit Ungeduld (= nicht Geduld) und mit heftigen (=
bösen) Worten erreicht (= thut) man nichts. »Ein gutes Wort findet
einen guten Ort.« Das gute Wort ist wie der milde Sonnenschein im
Frühling.
Bella: Aber nicht alle Menschen denken so wie Sie, Herr Meister.
Herr Meister: Nein, weil der eine Mensch mit dem andern keine Geduld
hat, weil der eine Mensch in dem andern das Gute nicht sieht (ich
sehe, er sieht), weil der eine Mensch den andern nicht versteht. So
ist es mit einzelnen (= 1, 2, 3) Menschen und so ist es mit ganzen
Nationen. Da sind in Europa zwei Nationen so groß, so nobel. Sie
sollten die besten Freunde sein und sind -- Feinde, weil sie sich
nicht verstehen, -- die Deutschen und die Franzosen. O, wie gut wäre
es, wie gut für die Menschheit (= alle Menschen), wenn Deutsche und
Franzosen wären wie Brüder! Aber Deutschland mißtraut Frankreich, und
Frankreich mißtraut Deutschland. So war es in alten Zeiten, schon vor
Julius Cäsar, und so ist es noch heute. Darum hat Frankreich die
großen Armeeen, und darum hat Deutschland seine vielen Soldaten.
* * * * *
Louis: Mein Onkel war vor zwei Jahren in Deutschland, und er spricht
(ich spreche, er spricht) noch oft von Deutschland und von
Berlin. »Auf allen Straßen Berlins,« sagt er, »sieht man Soldaten und
Offiziere; jeden Morgen sieht man die Soldaten marschieren, hört man
die Trommeln und die schönste Militärmusik. Berlin ist eine Stadt der
Soldaten und Kasernen (die Kaserne = das Soldatenhaus).«[VI-3]
Bella: Meine Freundin Fanny Bryant in Dresden schreibt mir dasselbe,
und sie meint (= denkt, ich meine, sie meint), die deutschen Offiziere
sind sehr schön und galant.
Herr Meister: So? Denkt Ihre Freundin so? Ja, Deutschland ist das Land
der Armeeen. Es hat eine halbe Million Soldaten.
Otto: Eine halbe Million? Das ist viel, sehr viel.
Herr Meister: Nicht wahr?
Bella: Wie kommt es, daß Deutschland so viele Soldaten hat?
Herr Meister: In Deutschland müssen alle Männer Soldaten werden mit
dem zwanzigsten Jahre.
Louis: Alle Männer?
Herr Meister: Alle Männer. So sagt die Verfassung (=
Konstitution). Nun ja, der Lahme, der Blinde, der Kranke (= der nicht
wohl ist) kann nicht Soldat sein, aber alle Gesunden (= nicht Kranken)
müssen: der Reiche und der Arme (= nicht Reiche), der Baron und der
Bürger (= nicht Baron), alle, alle. In der Armee ist Deutschland
republikanisch. Ein jeder muß drei Jahre in der Armee sein.
Otto: Drei Jahre! Das ist eine lange Zeit.
Herr Meister: Ich habe einen Neffen (= der Sohn meines Bruders), der
ist nur e_i_n Jahr in der Armee. Aber er mußte zuvor ein Examen
machen in der lateinischen [VI-4] Sprache, in der griechischen, in der
französischen und in der englischen, in der Mathematik und in vielen
anderen Dingen; und alle jungen Männer haben dasselbe Vorrecht (=
Privilegium), wie mein Neffe, welche in der Sekunda eines Gymnasiums
sind. Sekunda ist die zweite Klasse eines deutschen Collegs. Diese
Soldaten haben den Namen: »Einjährig-Freiwillige.« Diese
»Einjährig-Freiwilligen« wohnen nicht in Kasernen, und sie müssen
alles selbst geben: Helm und Mantel, Bajonett und Gewehr und Säbel.
Louis: Was ist Gewehr, Herr Meister?
Otto: Ich will es dir sagen, Louis. Das Bajonett ist oben an dem
Gewehr. Mit dem Gewehr schießt (ich schieße, man schießt) man. Es ist
kleiner, als die Kanone und größer, als die Pistole. Der Soldat trägt
(ich trage, ich trug, ich habe getragen) das Gewehr auf der Schulter,
wenn der Lieutenant kommandiert: »Schultert das Gewehr!«
Herr Meister: Das ist recht. Sie sehen, nur der Mann kann
Einjährig-Freiwilliger sein, der reich ist und intelligent und eine
gute Schule hatte. Die Einjährig-Freiwilligen sind sehr geachtet (=
respektiert).
* * * * *
Bella: Herr Meister, haben Sie auch den Großen Moltke gesehen, den
großen General?
Herr Meister: O, sehr oft; unter den Linden in Berlin.
Otto: Wie sieht er aus?
Herr Meister: Feldmarschall Graf Moltke ist groß und mager (= nicht
dick). Er ist sehr ernst, aber freundlich und gut mit allen
Menschen. Er spricht wenig, ist schweigsam (= still).
Louis: So ist auch General Grant.
Otto: Ja, das ist wahr.
Herr Meister: Wenn die Leute den Grafen Moltke auf der Straße sehen,
so sagen sie mit der größten Achtung (= Respekt): »Da geht der große
Schweiger« (schweigen, still).
Anna: Ich dachte, ein General, wie Moltke, sei (= ist) nie freundlich
und mit keinem Menschen gut.
Herr Meister: Nein, man sagt, Graf von Moltke sei ein sehr guter,
freundlicher Mensch.
Louis: O, ich möchte ihn gerne sehen!
Bella: Ich will ihn um sein »Autograph« bitten.
Herr Meister: Haben Sie schon von Berthold Schwarz gehört, meine
Freunde? Nicht? Nun, ich werde ein wenig über ihn sprechen. Berthold
Schwarz war ein Mönch.
Louis: Ich verstehe das Wort »Mönch« nicht. Kannst du es mir erklären,
Otto?
Otto: Ein Mönch ist ein Priester, der im Kloster lebt. Du hast das
Wort »Nonne« schon gehört. Nonnen leben auch im Kloster. Nonnen sind
Frauen.
Louis: Ist »Kloster« dasselbe, wie das englische {"cloister"}?
Otto: Ja. Viele sagen auch das Wort {"convent."} Ein Kloster ist ein
Haus für Mönche und Nonnen, wie eine Kaserne ein Haus ist für
Soldaten.
Herr Meister: Sie wundern sich, daß ich von einem Priester spreche,
nachdem ich von Soldaten gesprochen habe? Ein Priester war es, ein
Mönch, es war dieser Mönch Berthold Schwarz, der den Soldaten das
Schießpulver gegeben hat.
Otto: »Das Schießpulver«? Dieses Wort verstehe ich auch nicht.
Herr Meister: Haben Sie schon eine Kanone gesehen?
Otto: O, ja.
Herr Meister: Was thut man in die Kanone?
Otto: Einen Ball.
Herr Meister: Einen Ball? Nein, mein Freund, man thut keinen Ball in
die Kanone. Sie, Ihr Bruder Louis und Ihre Freunde spielen Samstag im
Park mit einem Balle. Aber in die Kanone thut der Soldat keinen Ball,
sondern eine Kugel. Spielen Sie mit einem Balle von Metall, Louis?
Louis: O, nein, Herr Meister.
Herr Meister: Nun, die Kugel in der Kanone, in dem Gewehr, in der
Pistole ist von Metall.
Anna: Aber die Kugel ist rund, wie ein Ball, nicht wahr?
Herr Meister: Das wohl. Was treibt (= bringt) die Kugel aus der
Kanone, aus der Flinte, aus der Pistole?
Otto: O, nun weiß ich es. Das P..... P..... Ich kann das Wort nicht
finden.
Herr Meister: Das Pulver. Ich meine nicht das Pulver, das der
Apotheker giebt. Wenn Sie Fieber haben, so verschreibt der Doktor ein
Pulver und sagt: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Ich meine
das Schießpulver.
* * * * *
Otto: Herr Meister, sagten Sie: Berthold Schwarz habe das Schießpulver
zuerst gemacht?
Herr Meister: Ja, ich sagte: Berthold Schwarz hat das Pulver erfunden
(ich erfinde, ich erfand, ich habe erfunden--er-finden = erst finden).
Anna: Berthold Schwarz war klug (= weise).
Herr Meister: Ja, er war klug. Noch heute sagen wir von einem
Menschen, der nicht sehr klug ist: »Der hat das Pulver nicht
erfunden.«
Otto: Das habe ich auch schon gehört. Aber, Herr Meister, ich habe in
einem Buche gelesen: Die Chinesen hatten Pulver, und die Griechen vor
langer, langer Zeit.
Herr Meister: Sehr wohl. Chinesen und Griechen hatten eine andere
Sorte von Pulver. Ihr Pulver war fein, wie das Pulver in der
Apotheke. Mit dem feinen Pulver konnte man aber nicht schießen. Sie
wissen (ich weiß, sie wissen), unser Schießpulver ist rund,
kugelförmig (= wie die Form einer Kugel).
Bella: Wie erfand Berthold Schwarz das Pulver, wollen Sie es uns nicht
sagen?
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Berthold Schwarz war eines Tages
in der Zelle (= das kleine Zimmer) seines Klosters und mischte
Salpeter, Kohle und Schwefel.
Louis: Schwefel? Den Stoff kenne ich nicht.
Herr Meister: O ja, Sie alle kennen Schwefel. Sehen Sie hier: Ich
nehme aus meiner Tasche ein dünnes Holz; damit mache ich Feuer für
meine Cigarre oder am Abend für das Gas. Dieses Holz ist ein
Schwefelholz. Hier an dem einen Ende ist Phosphor und unter dem
Phosphor ist ein gelber Stoff; das ist Schwefel. Wissen Sie nun, was
Schwefel ist?
Louis: Ja wohl, Herr Meister. »Und Berthold Schwarz,« sagten Sie,
»mischte Saltpeter, Kohle und Schwefel.«
Herr Meister: Ja, und die Mischung (ich mische, die Mischung) wurde
warm und explodierte mit einem großen Knall (= Ton). Die anderen
Mönche alle kamen in die Zelle und sahen ihren Bruder Berthold auf der
Erde liegen. Da meinten Sie, der Teufel (= Satan) wäre (= war) in
Bertholds Zelle gewesen.
Bella: Und so war es auch.
Louis: O, Fräulein Bella! Ha, ha!
Bella: Ja, Louis, ist der Teufel nicht im Pulver? Kommt von dem
Pulver nicht so viel Böses?
Otto: Wann ist das Schießpulver erfunden worden?
Herr Meister: Man sagt, im Jahre 1259 in Freiburg.
Anna: Ist Freiburg auch in Deutschland?
Herr Meister: Ja wohl, Fräulein Anna, und wenn Sie nach Deutschland
kommen, dann gehen Sie auch nach Freiburg und sehen die Statue von
Berthold Schwarz, dem Erfinder des Schießpulvers.
* * * * *
Anna: Herr Meister!
Herr Meister: Fräulein Anna, was wünschen Sie?
Anna: Waren die Menschen in alten Zeiten nicht besser, als sie heute
sind?
Herr Meister: Warum fragen Sie das, mein Fräulein?
Anna: Ich höre so oft alte Leute sagen: »Ja, ja, als w_i_r noch jung
waren, war alles anders, alles besser.«
Herr Meister: Ich glaube sehr gern, daß alles anders war; aber daß
alles besser war, das, mein Fräulein, kann ich nicht glauben. Ja, ich
glaube, daß vieles heute besser ist, als es früher war.
Bella: Aber die Leute hatten in alten Zeiten kein Schießpulver, keine
Kanonen, keine Gewehre und keine Pistolen, und gestern Abend habe ich
gelesen, daß in den Jahren 1870 und 1871 mehr als 100,000 Deutsche und
Franzosen, im Jahre 1865 mehr als 100,000 Amerikaner, im Jahre 1877
mehr als 100,000 Russen und Türken sterben mußten.
Anna: So? Was war in den Jahren 1870 und 1871, 1865 und 1877, war eine
Pest in Europa?
Louis: Nein, Anna. Keine Pest. Im Jahre 1865 zankten sich die Leute im
Norden der Vereinigten Staaten mit den Leuten im Süden.
Herr Meister: Man sagt nicht von Nationen: »Sie zankten sich.«[VI-5]
Sie können das wohl sagen von einzelnen (= 1, 2, 3) Personen. Xantippe
zankte oft mit ihrem Manne, dem Philosophen Sokrates. Aber wenn die
Soldaten von der einen Nation auf die Soldaten (von) der andern Nation
schießen, dann sagt man: »Die eine Nation hat mit der andern Nation
K_r_i_e_g.« Im Jahre 1865 waren die nördlichen Staaten von Amerika im
Kriege mit den südlichen Staaten; in den Jahren 1870 und 1871 war
Frankreich im Kriege mit Deutschland und im Jahre 1877 Rußland mit der
Türkei. Die Türken schossen (ich schieße, ich schoß, ich habe
geschossen) auf die Russen, und die Russen auf die Türken. Dafür
können Sie auch sagen: »Die Russen kämpften mit den Türken.« Louis,
wissen Sie auch, wer stärker war (stark, stärker, stärkst)?
Louis: O ja, das weiß ich, die Russen waren stärker. Die Russen haben
den Türken viel Land abgenommen (ich nehme ab, ich nahm ab, ich habe
abgenommen).
Herr Meister: Das ist recht, Louis. Die Russen haben gesiegt über die
Türken.
Otto: Herr Meister, kann ich nicht auch sagen: »Die Türken wurden
b_e_s_i_e_g_t von den Russen?«
Herr Meister: Gewiß, Otto, das ist auch recht. Sie können auch
sagen: »Die Russen waren die S_i_e_g_e_r und die Türken die
B_e_s_i_e_g_t_e_n.«
* * * * *
Bella: O, nun verstehe ich auch die Worte, die ich vor wenigen Tagen
gelesen habe: »Ich kam, sah, siegte.«
Otto: Von Julius Cäsar sind diese drei Worte, und Lateinisch ist es:
{Veni, vidi, vici.}
Herr Meister: {Veni, vidi, vici,} diese drei Worte schrieb Cäsar an
den Senat in Rom nach einem großen Siege.