·Marie· (hinaushorchend, ruft)
Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt
herein, wie vorhin) Lenchen!
·Die Stimme Lenchens· (jubelnd)
Tante Mariechen!
·Marie·
Komm ans Fenster! Komm!
·Zarncke·
Tante nennt sie dich?
·Marie·
Soll sie nicht, Vaterchen?
·Zarncke·
Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.
·Marie·
Na, kletter hoch!
·Lenchens·
(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)
Tag, Tante Mariechen.
·Marie·
Klettre, Katz! Klettre!
·Lenchen·
Mußt helfen.
·Zarncke·
(da Marie eine Bewegung macht, rasch)
Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt
es auf den Boden)
·Lenchen·
(die Arme um Mariens Knie schlingend)
Tante Mariechen! Tante Mariechen!
·Marie· (sie herzend)
Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?
·Lenchen·
Butterstulle.
·Marie·
(gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)
·Lenchen·
(setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt
unbekümmert)
·Marie·
Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind!
·Zarncke·
Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?
·Marie· (inbrünstig)
Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!
·Zarncke·
Tja! Vielleicht gibt sie's dir!
·Marie·
So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und
spricht leise zu ihr)
·Zarncke·
Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach
Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)
·Marie·
(sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu
schaffen)
·Zarncke· (murmelnd)
Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt
die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher)
Was kann man da machen? Was --
·Marie· (bittend)
Vater!
·Zarncke·
Was denn?
·Marie·
Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch
auch dem Kinde!
·Zarncke·
Ja, leicht gesagt! ... Wie?
·Marie·
Rede mit Göttlingk wegen Lore.
·Zarncke·
Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.
·Marie·
Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg
gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.
·Zarncke·
Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann
mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den
schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.
·Marie·
Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit
dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.
·Zarncke·
Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor.
·Marie·
Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.
·Zarncke·
Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und
dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm.
·Marie· (erschrocken)
Ich? ... Nein, nein, nein.
·Zarncke·
Warum nicht?
·Marie·
Vaterchen -- das -- kann ich nicht.
·Zarncke·
Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.