eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht
passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction
im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export;
Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung
finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen
(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken,
welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im
Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"),
andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb
der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit
der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch
zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph,
Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz,
Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie
gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie
Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn
sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze),
zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung
(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder
organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen
oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je
nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese
mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter
Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an
(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der
zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe,
Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr
eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie
eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie
zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung
von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs
als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge;
Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen
daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes
überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials
(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,
Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,
welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der
Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst)
oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst),
zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product
gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche
sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle
Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits
jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der
allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang,
diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem
Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)
auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung
neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus,
nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich
nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen
(natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den
Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern,
Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder
wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden
(Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in
Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung
schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen
brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-,
Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie
Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben
besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe,
was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche
Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung,
Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch
künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen
von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen
trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die
Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen
eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen,
den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung
(Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach
dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit
ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen)
entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote),
oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung
(Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern
aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss
aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von
Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen
Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd-
und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die
(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und
allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck
beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten
für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.
421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die
Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter
den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der
Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen
Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit
oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt
aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der
Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie
derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als
den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des
Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen,
ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen
Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung
an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen
Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem
Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung
im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch
anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung
beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn
egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen
gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,
auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen
gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch,
wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten
und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos
aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über
die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung
natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur
Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den
natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete
Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt-
und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und
normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und
Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.
422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in
der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt
sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als
"Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus,
die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in
derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten
droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und
thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen
(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und
Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist
oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu
setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur
wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und
der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe;
Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose
oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die
thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt,
die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon
vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint,
wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik)
in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative
(verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des
verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.
423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört
die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff,
z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form
ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches,
lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein,
Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn,
Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann
etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz
und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)
in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes
Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz,
behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder
auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch
künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen
Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu
der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben
dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei,
welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte
Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen
(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche
thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen
(Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu
einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches
letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt
und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade,
Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde
dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.
424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der
ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine
andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in
physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik
und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren
selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors,
Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden,
wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen
Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des
Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem
Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde
Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus,
Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte
(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter
Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche,
öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder
das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden
Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode,
"chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten
Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das
Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung
(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche
auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen
(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst,
welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel,
Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische
oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge
(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof-
und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen
Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es
sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik
z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik:
Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst
gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich
um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als
"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst
u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten,
Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen
und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen,
als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.
425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der
gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der
Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die
Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe
ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben"
("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten
Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die
Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)
überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,
aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des
Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und
Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung
in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder
doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung,
Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht
nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden,
sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer
Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig
abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen
Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie
die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss
derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen
Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes
der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst
eine wahre Gedankenwelt.
426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen,
sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen
Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene
Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf
ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen":
Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen,
weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht
derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit
thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,
wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe,
die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern
auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter
dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen
Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen
der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der
Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben
der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als
auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen,
beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der
besten Natur gerichtet sein könnte.
427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer
Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen
in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der
Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse,
Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten
entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des
Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da
nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die
Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen
d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine
begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf
nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen
denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen
Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen)
Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.
428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern
das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der
Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die
Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als
Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur)
zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur)
ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie
erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger
Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs-
und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der
gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln
des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei
entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder
Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch
Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt,
nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer,
Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher
Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter
an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich
von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je
nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende
Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung
der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet
ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender
Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder
Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus,
Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte
Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen
Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete,
dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen
Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur,
der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).
429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die
zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen
Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen
Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst
Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die
Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst
die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen
und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt,
die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte
derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des
Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein
hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit
dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der
Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.
SCHLUSS.
430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist
die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts
einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie
als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus
geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches
vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei
(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass
das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder
gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:
Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige,
welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass
das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist
(Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und
werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit
thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache,
die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart,
sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den
Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters",
von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des
"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem
"état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte
Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen
durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss
des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form"
offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik
Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie,
welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen
menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt,
um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit,
noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber
unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine
ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche
sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung
ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens
über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.
End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann