420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem

eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht

passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction

im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export;

Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung

finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen

(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken,

welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im

Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"),

andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb

der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit

der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch

zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph,

Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz,

Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie

gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie

Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn

sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze),

zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung

(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder

organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen

oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je

nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese

mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter

Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an

(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der

zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe,

Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr

eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie

eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie

zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung

von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs

als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge;

Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen

daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes

überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials

(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,

Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,

welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der

Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst)

oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst),

zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product

gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche

sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle

Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits

jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der

allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang,

diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem

Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)

auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung

neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus,

nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich

nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen

(natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den

Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern,

Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder

wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden

(Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in

Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung

schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen

brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-,

Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie

Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben

besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe,

was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche

Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung,

Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch

künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen

von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen

trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die

Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen

eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen,

den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung

(Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach

dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit

ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen)

entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote),

oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung

(Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern

aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss

aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von

Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen

Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd-

und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die

(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und

allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck

beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten

für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.

421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die

Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter

den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der

Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen

Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit

oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt

aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der

Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie

derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als

den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des

Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen,

ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen

Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung

an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen

Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem

Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung

im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch

anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung

beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn

egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen

gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,

auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen

gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch,

wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten

und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos

aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über

die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung

natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur

Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den

natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete

Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt-

und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und

normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und

Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.

422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in

der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt

sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als

"Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus,

die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in

derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten

droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und

thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen

(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und

Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist

oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu

setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur

wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und

der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe;

Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose

oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die

thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt,

die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon

vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint,

wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik)

in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative

(verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des

verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.

423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört

die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff,

z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form

ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches,

lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein,

Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn,

Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann

etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz

und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)

in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes

Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz,

behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder

auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch

künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen

Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu

der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben

dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei,

welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte

Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen

(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche

thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen

(Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu

einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches

letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt

und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade,

Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde

dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.

424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der

ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine

andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in

physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik

und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren

selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors,

Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden,

wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen

Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des

Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem

Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde

Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus,

Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte

(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter

Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche,

öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder

das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden

Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode,

"chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten

Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das

Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung

(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche

auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen

(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst,

welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel,

Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische

oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge

(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof-

und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen

Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es

sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik

z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik:

Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst

gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich

um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als

"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst

u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten,

Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen

und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen,

als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.

425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der

gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der

Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die

Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe

ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben"

("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten

Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die

Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)

überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,

aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des

Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und

Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung

in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder

doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung,

Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht

nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden,

sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer

Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig

abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen

Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie

die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss

derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen

Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes

der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst

eine wahre Gedankenwelt.

426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen,

sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen

Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene

Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf

ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen":

Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen,

weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht

derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit

thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,

wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe,

die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern

auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter

dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen

Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen

der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der

Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben

der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als

auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen,

beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der

besten Natur gerichtet sein könnte.

427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer

Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen

in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der

Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse,

Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten

entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des

Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da

nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die

Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen

d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine

begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf

nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen

denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen

Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen)

Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.

428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern

das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der

Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die

Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als

Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur)

zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur)

ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie

erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger

Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs-

und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der

gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln

des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei

entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder

Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch

Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt,

nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer,

Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher

Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter

an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich

von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je

nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende

Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung

der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet

ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender

Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder

Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus,

Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte

Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen

Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete,

dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen

Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur,

der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).

429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die

zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen

Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen

Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst

Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die

Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst

die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen

und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt,

die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte

derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des

Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein

hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit

dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der

Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.

SCHLUSS.

430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist

die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts

einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie

als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus

geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches

vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei

(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass

das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder

gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:

Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige,

welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass

das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist

(Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und

werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit

thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache,

die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart,

sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den

Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters",

von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des

"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem

"état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte

Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen

durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss

des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form"

offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik

Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie,

welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen

menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt,

um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit,

noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber

unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine

ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche

sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung

ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens

über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.

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Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 31 / 31 段