ANTHROPOSOPHIE
IM UMRISS.
ENTWURF
EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT
AUF
REALISTISCHER GRUNDLAGE
VON
ROBERT ZIMMERMANN.
WIEN, 1882.
WILHELM BRAUMÜLLER
K. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER.
"Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke
"Muss ihn der Mensch gestalten. -- --"
Schiller.
AN HARRIET.
Du warst es, als sich Nacht über mein Auge zu lagern drohte, deren
Seelenstärke mir den Entschluß eingab, die lange unfreiwillige Muße
der Dunkelkammer zum ordnenden Abschluß längst zerstreut gereifter
Gedankenreihen zu benützen, zu deren Niederschrift eine gefällige
Hand willig sich herlieh.
So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten
im Stande sein wird, daß er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei.
Wem anders als Dir dürfte dasselbe zu eigen sein?
Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881.
R.
VORREDE.
Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede
aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten,
was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich
mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber
beide werden wenige Worte genügen.
Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche
denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr
Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr
genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu
sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen
Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen
des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt
ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über
die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt
in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin,
anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von
der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert,
über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.
Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer
idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter
wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik
rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein,
so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf
eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren
herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach
dem ihrigen findet.
Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit
dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische
Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung
verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin,
wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's
und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch
Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist
nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus,
wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern
dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden
ist.
Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den
Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt
erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht
unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass
deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart'schen Fassung nicht
neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der
Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der
Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise
des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an
vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen
1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie"
und "Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift" bezüglich
der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: "Aesthetik als
Formwissenschaft" bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich
an den Tag gelegt.
Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im
Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer
vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste
Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade
vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und
Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen
Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute,
wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein
volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes
Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881"
zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie
zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit
Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder
ablehnend, mögen Kundige urtheilen.
Geschrieben im Säcularjahr der "Kritik der reinen Vernunft".
Wien, den 21. Mai 1881.
Der Verfasser.
INHALT.
Seite
Einleitung 1
I. Buch: Die Ideen.
1. Capitel: Die logischen Ideen 11
2. Capitel: Die ästhetischen Ideen 40
3. Capitel: Die ethischen Ideen 77
II. Buch: Das Wirkliche.
1. Capitel: Das Nicht-Ich 141
2. Capitel: Das Ich 207
3. Capitel: Das Social-Ich 250
III. Buch: Die Kunst.
1. Capitel: Die Bildungskunst 269
2. Capitel: Die Bildekunst 283
3. Capitel: Die bildende Kunst 294
Schluss 307
ANTHROPOSOPHIE.
ZUR EINLEITUNG.
1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die
Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da
man dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste
in die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als
Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als
Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von
Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet;
erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung
gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und Ueberlieferung überkommenen
Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen
d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen,
als der erfahrungsmässigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den
Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei
es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu
einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem
begriffsgemässen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren
sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der
letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden
sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne
nicht von dieser Welt, während Philosophie als Kunst von dieser
Welt ist.
2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur
selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe
herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren
gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe). Jene
bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben;
diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen
sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften
Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster
herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen,
genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe
zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der
Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu
ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit
des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu
studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können.
3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen
muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn
zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das
Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten
zu dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht
beides zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht
wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff
ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt
zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher
jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um
als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden;
jene stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne
Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe
irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar,
die sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die
sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.
4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des
Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den
Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen
gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten
sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen
Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne
Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar,
welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da
nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches
d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder
auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie
die mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein
Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in
der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen
Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst
die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit
Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält
die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es
überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe
der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) können
physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich
gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei
den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmöglich
macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der
Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend
gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmöglich
vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen
Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere
Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit
ausschliesst, können als solche den obengenannten physischen in dem
Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen
Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der Inhalt der einen dieselbe
bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben können daher in
diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen,
welche weder über die Wirklichkeit, noch über die Unwirklichkeit
ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal über
die zukünftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren
Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das
Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, können nichtsdestoweniger
ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder
unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter
Inhalt einen Zusatz im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch
welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm,
nützlich oder schädlich, schön oder hässlich -- im Allgemeinen
entweder beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser
Art können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten
physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage
über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit
desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig
oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt -- ästhetische
heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe
für die physischen Begriffe enthält, ist die philosophische Physik
(oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe für die ästhetischen
umfasst, die philosophische Aesthetik.
5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik
machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der
Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist
deshalb nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche
die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften
Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und
nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens
particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe
umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische
Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die
Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem bekannten
zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen
zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigeführte
systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe,
welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das
Vorhandensein eines ursprünglich durch Erfahrung gegebenen, logisch
noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen
Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische
(Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder
unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.
6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich
musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe
umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft
unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe
für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden,
während die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben,
als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist,
darzustellen. Und zwar enthält die erstere die Musterbegriffe für das
Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt,
durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben
wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen
Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält die Musterbegriffe für jede
beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thätigkeit,
insofern durch dieselbe etwas Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes
(Nützliches oder Schädliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes
oder Hässliches) hervorgebracht wird.
7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken
oder für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit,
werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das Denken,
das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen
für irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen
gerichtete schaffende Thätigkeit, ästhetische Ideen. Erstere machen
daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus.
8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder
Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art,
dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich,
unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre
ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit,
dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über
den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie
oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem
Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern
ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent
erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung
zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik
jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der
Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen,
so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals
Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen
diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen
dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes
Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche
sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem
besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich,
da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth,
das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da
das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen.
9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt
der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft
von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im
philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den
Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft
von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer
Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch
welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie
die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält
wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich
d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie
nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie
zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch
unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die
logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich
dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche
demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch
der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich
nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen
aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben
berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung
der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken
geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und
dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational
(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da
an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.
10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das
Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe,
dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem
Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt"
werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor,
aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre
Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative)
und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie
die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik
und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie
die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik
es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie
auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können,
praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.
11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie
als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder
praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft
(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie
als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder
die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende
Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen
ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst
überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne
Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des
gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere
macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des
zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen
Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst
jenen des dritten Buches aus.
ERSTES BUCH.
DIE IDEEN.
ERSTES CAPITEL.
DIE LOGISCHEN IDEEN.
12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen
(Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fügen hat, wenn es als
wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind
weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens,
vermöge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller-
und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten
logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und
Schlüsse zerfällt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die
Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthümer) ebenso nach Naturgesetzen
erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht,
weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-,
Urtheils- und Schlussform gedacht, gefällt und gefolgert werden,
wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum
Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden.
13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensität
(Stärke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen
Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem
oder in jenem liegen. Läge es in jenem, so würde daraus folgen, dass
jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit
besitzt, um dieser seiner Energie willen für Erkenntniss gelten
müsse, während es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthümer,
wie Hallucinationen Geistesgestörter, eine hohe, ja für diese
unüberwindliche Stärke besitzen können. Liegt es dagegen in diesem,
so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in
dessen Verhältniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen
Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst
gefunden werden.
14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet,
ein gewisses Verhältniss haben soll, um für wahr gelten zu dürfen,
und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann,
ist das Sein. Das Verhältniss, in welchem das Denken zum Sein stehen
muss, um für Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als
das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der
Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit
dem Sein übereinstimmendes Denken.
15. Dasselbe setzt, um möglich zu sein, daher einerseits die
Möglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Möglichkeit der
Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite
des Denkens voraus. Wäre die erstere unmöglich, so wäre damit auch
das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an
sich unmöglich; wäre das letztere unmöglich, so wäre damit das Wissen
um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung für uns unmöglich. Im
ersteren Falle wäre die Wahrheit überhaupt nicht, im letzteren Falle
so gut als nicht vorhanden.
16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden
gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits --
bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein
oder das Sein vom Denken, abhängig gedacht, oder die Verschiedenheit
beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder
nur das eine von beiden ist, während das andere nicht ist, oder dass
beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen
sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische
vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen)
beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass
das Denken nur ein verhülltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das
Sein nur ein verhülltes Denken ist; während im dritten Falle Denken
und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete
unbekannte X eines Dritten darstellen.
17. Gegen die Abhängigkeit eines der beiden qualitativ von einander
unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem
Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten
Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius
ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind für einander
schlechterdings unzugänglich, und da, wenn weder der Geist die Materie,
noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen
den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung
des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermöglichen, nichts übrig,
als die Bürgschaft des gemeinschaftlichen Schöpfers beider, welcher
als höchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann
täuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann
nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von
der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in
der Bürgschaftsleistung eines andern höhern Wesens für die Wahrheit
unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein
blos autoritatives.
18. Weder die mit dem Schleier der göttlichen Allmacht, hinter welchem
auch das Unmögliche möglich wird, sich deckende unbegreifliche
göttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben
durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen
(Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem
erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken
mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt
wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hört dagegen auf, wenn
deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und
seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz
und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt
(spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten,
der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen
die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem
"phänomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu
einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phänomen der Materie,
so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem
Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und
dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) --
aber ist Uebereinstimmung möglich.
19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie
zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalitätsverband denkbar
ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell,
der Geist nichts anderes als ein feinerer Körper ist, liegt nichts
Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben
Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder
körperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die
Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den
gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit
nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend"
gedachten Elementen der Materie (unkörperlichen Atomen, Monaden,
"Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen
sollte, so wäre dies nur unter der Voraussetzung möglich, dass sich
dieselben von dem einen Theile ablösten und von dem andern aufgenommen
würden. Beides aber ist unmöglich, da von einem Immateriellen, also
Theillosen, kein Theil sich abscheiden lässt und an dem Ort eines
anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne
Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, für einen neu hinzutretenden
kein Platz vorräthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte,
die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen
dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums
Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere
von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf
unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwürdige
("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein würdig
ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen
Wege als prästabilirte Harmonie hergestellt werden.
20. Allein gesetzt auch, es bestünde einerseits zwischen Denken
und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein
(Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wäre die dadurch
ermöglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll,
doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken,
also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins
mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene
Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge
das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll.
21. Weder die Unabhängigkeit beider, noch die nur scheinbare
Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken
und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander
möglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit
beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach
unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch,
wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist,
sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen
gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind
Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das
Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet
jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung)
statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden
(Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen
(Einheit ohne Gegensatz) voraus.
22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und
Materialismus), noch Identität (wie im Spinozismus) ist Harmonie;
Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza
auf die Idee der prästabilirten Harmonie geführt worden. Jene ist
blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der
Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des
Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus,
noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der
(pantheistischen oder atheistischen) Identitätslehre brauchbar.
23. Dasselbe ist jedoch auch überhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt,
es fände zwischen Denken und Sein wirklich und thatsächlich
Uebereinstimmung statt, so würde, um sich über dieselbe Gewissheit
zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens
mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu
bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter
Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein müsste, so würde in obiger
Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern
Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst
(als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale
Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein
wäre unerkennbar.
24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch für
uns möglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in
der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden,
so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht
werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken
sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben,
rein als solcher betrachtet, gefällt werden. Dass damit der Bestand
eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was
schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken für das einzige Sein
erklärt werde, ist selbstverständlich.
25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts
in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder
beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der
Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute
Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen,
das thatsächliche mit dem vernünftigen Denken in Eins zusammenfällt,
ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche
und vernünftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen)
erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem
günstigen oder ungünstigen Vorurtheil bezüglich des Denkens als Wissens
ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus.
26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt
nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich
untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern
im Denken unverträglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt
gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist,
folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen,
dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik
bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt,
der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum)
ist, sich unterscheide, aufzustellen.
27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lässt sich zweierlei
unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in
demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden
wir unwillkürliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben
aufgezwungenes) und willkürliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden
entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt
kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener
wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden
wir verwandten und nicht verwandten, aber verträglichen Denkinhalt;
unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und
unverträglichen (sich conträr oder contradictorisch ausschliessenden)
Denkinhalt.
28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkürlich
gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist,
den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch
betrifft, für Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt),
vor dem willkürlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als
nothwendige Bildung (Repräsentation), letzterer darf als Einbildung
(Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser
Denkinhalt unwillkürlich gegeben ist, zwar geschlossen werden dürfe,
die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden
verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden dürfe,
sie sei durch eine von ihm gänzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb
seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene,
also durch eine sogenannte äussere Ursache erzeugt, braucht kaum
erst erwähnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die
Unwillkürlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden
verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern
gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts
ähnlich beschaffen sein müsse, da sich, wie oben bemerkt, ohne
(unmögliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben
gelegenen Seinsinhalt über das wechselseitige qualitative Verhältniss
beider nichts ausmachen lässt.
29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto
begründeter sein, je energischer, je häufiger und in je vollkommenerer
Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter
gleichen Verhältnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft,
der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich
behauptende vor dem augenblicklich und flüchtig gegebenen Denkinhalt --
in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der häufig vor
dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen
gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmässiger Folge
ursprünglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen,
der in gleich regelmässiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner
an sich regelmässigen Reihenfolge unregelmässig wiederkehrenden,
der auch in Andern in der nämlichen Anordnung wiederkehrende vor dem
bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf
den Anspruch, als Wissen gelten zu dürfen, den Vorrang haben.
30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied,
ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem
Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder
durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenöthigt
ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten äusseren,
dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter
die ersteren gehört, dass wir unter bestimmten Umständen keine anderen
als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren,
dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene
Empfindungen unter einander verbinden müssen (Ideenassociation),
sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhältniss unter
einander haben, entweder (wenn sie gleich oder ähnlich sind) zugleich
denken müssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich
denken können (Denkgesetz der Identität und des Widerspruchs). Im
ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten
durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknüpfung
gleichzeitiger oder successiver Vorgänge durch die sogenannte "Enge des
Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken
zu müssen oder nicht zugleich denken zu können, durch deren Inhalt
(logischer oder Denkzwang) ausgeübt. In diesem Sinne sind nicht nur
die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's)
transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und
sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die
(gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und
Denkorganisation (die thatsächlichen Naturgesetze des Bewusstseins,
die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkürlich d. h. unabhängig vom
Willen des Denkenden Gegebenes (Zufälliges), so dass an sich auch
eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein
anders geartetes Erkenntnissvermögen (als gleichfalls transcendentale
Thatsache) sich denken liesse.
31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen
Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen
Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie
Denkinhalt sind, sämmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lässt
sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein
Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der
Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehört nicht mehr
in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt
sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der
des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lässt sich aus dem Verhältniss,
in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
stehen (z. B. aus dem Verhältniss ihrer Congruenz oder Incongruenz)
sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr
oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug
auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen müsse. Die auf letzterem
Wege möglichen Folgerungen müssen aus einer vollständigen Aufzählung
der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse sich
vollständig ergeben.
32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten
aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt
sein können, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen
Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse folgendes Schema:
(ganze oder theilweise) Identität, Gegensatz, Disparatheit.
33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das
Eigenthümliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der
eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist
a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte
Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie einander ausschliessen
d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht
gedacht werden kann (conträrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so,
dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht
werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist
non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie
einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn
der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder
der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose
ist roth -- sie könnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise
identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander
verträglich -- entgegengesetzte dagegen unverträglich. Zwischen ganz
oder theilweise identischen Denkinhalten findet für das Denken eine
vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung statt, vom Denken des einen
zu jenem des andern überzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten
findet für das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung
statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen
überzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte
derselben ausgehende Nöthigung für das Denken von einem zum andern
überzugehen, überhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten
soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes,
also entweder durch eine äussere, vom Willen des Denkenden unabhängige
Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect
unabhängige Ursache (z. B. die Willkür des Denkenden) herbeigeführt
werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte
misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig.
34. Gänzlich identische Denkinhalte können, da es nach dem principium
identitatis indiscernibilium zwei mit einander völlig übereinkommende
Dinge überhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern müssen
nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche
können daher auch kein Verhältniss unter einander haben. Dagegen kann
es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts
nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem
Fall dieselben äquipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise
identische Denkinhalte können entweder in der Weise identisch sein,
dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem
enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich
enthält, der übergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten
ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen,
dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas
Besonderes enthält, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet,
unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im
anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten
Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den
äquipollenten wird der eine dem anderen substituirt.
35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn
der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter
subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst
in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere
Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete
oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder
ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und
Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen
sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem jeder einen
anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen
anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung,
indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter
sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-,
und zwar entweder als analytische (Generalisations-) Methode, welche
von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren --
Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfang nach weiteren
-- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-)
Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfange
nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber
dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden.