~A.~ Rückblick.
Als die Einladung an mich erging, zu einer großen, vielseitigen Arbeit
über den Plauenschen Grund ein Scherflein beizusteuern, habe ich gern
zugesagt, weckte doch die der Lösung harrende Aufgabe in mir manch’
schöne Erinnerung an dieses und jenes ornithologische Erlebnis meiner
Jugendzeit. Meine Eltern wohnten Mitte der siebziger Jahre in der
Ammonstraße, und so wanderte ich oft einmal hinaus, teils um Pflanzen
zu sammeln, teils um am Hohen Stein zu »pickern«; denn Natur- und
Heimatschutz kannte man damals noch nicht; am wenigsten wurde der
Gedanke daran in den Schulen gepflegt.
Besonders sind mir zwei Erlebnisse scharf in der Erinnerung haften
geblieben: Eines schönen Nachmittags kam ich hinterm Hohen Stein
an eine breite, steinerne Brücke, die über einen kleinen Graben
führte[35]. Als ich meine jugendliche Nase unter die Brücke steckte,
saß dort ein stattlicher _Uhu_, der mich mit seinen großen Augen, über
die von Zeit zu Zeit die Nickhaut weghuschte, unverwandt anblickte.
Er blieb auch ruhig sitzen, als ich einen kleinen Annäherungsversuch
machte. Unvergeßlich sind mir die Federbüsche über den Augen und die
Größe des Vogels, der die Lichtung nahezu ganz ausfüllte. Mehrmals
habe ich später dem Uhu einen Nachmittagsbesuch abgestattet. Eines
schönen Tages aber war mein Freund verschwunden. Hatte er sich ein
andres Plätzchen gesucht, war er abgewandert oder gar dem mörderischen
Blei eines Nimrods zum Opfer gefallen? – Ungefähr um dieselbe Zeit
machte ich im Plauenschen Grund die angenehme Bekanntschaft mit »_Frau
Nachtigall_«. In einer kleinen Mulde, die heute dem Ratssteinbruch
zum Opfer gefallen ist, kam ein Wässerchen herab und hier sang sie
– es war in einem der Jahre 1874 bis 1876 – wochenlang zur Freude
aller derer, denen der Sinn für die Natur und das Empfinden für ihre
unendlichen Schönheiten zu eigen war. Dann war auch diese Nachtigall
plötzlich verschwunden. Ob ein Raubvogel sie geholt hatte, oder ob
sie verendet oder einem Vogelsteller zum Opfer gefallen war? Das
blieb ebenfalls für immer in tiefstes Dunkel gehüllt. Fast ist das
letztere zu befürchten. Denn hinter Nachtigallen war das Geschlecht
derer, die _Vogelstellerei_ betrieben und heute noch betreiben, immer
ganz besonders her. Und im Plauenschen Grund müssen die Vogelsteller
seit alters her stets sehr tätig gewesen sein. Noch heute wird z. B.
im Döhlener Wald eine Stelle als »Der Vogelherd« bezeichnet. Der Weg
dorthin heißt der Vogelherdweg[36]. Ein paar andere Stellen führen
den Namen »Zeisigbusch«, während ein paar Höhen in der Nachbarschaft
des Plauenschen Grundes noch heute Stieglitz- und Wachtelberg genannt
werden. Im übrigen boten die mancherlei von den Höhen in kleinen Mulden
herabkommenden Bächlein, die oft von lichterem Gehölz umstanden waren,
willkommene Gelegenheit, der Vogelstellerei obzuliegen. Man fing
besonders Zeisige, Hänflinge, Rotkehlchen und womöglich Nachtigallen.
Aber auch andere Vögel wurden mitgenommen. Meist bediente man sich
bei der Vogelstellerei der Leimruten mit in Käfigen eingesperrten
Lockvögeln. Sehr beliebt waren daneben die Sprenkel. Manche Orte des
Plauenschen Grundes waren als Heimstätten von Vogelfängern allgemein
bekannt, so z. B. Häslich. Aber wohl an allen Orten des Grundes und
seiner Umgebung hat es jederzeit einzelne Vogelsteller gegeben.
Natürlich mußte man zu dieser Tätigkeit die nötige Zeit haben. Das war
aber häufig bei den Bergleuten der Fall, die ja schichtweise arbeiten;
sie verwendeten gern diesen oder jenen freien Morgen oder Vormittag
in der angegebenen Weise. Die Vögel behielt man teils selbst, teils
verkaufte man sie unmittelbar an Vogelliebhaber, oder man schaffte
sie in die nahe Großstadt, wodurch manch schöner Groschen nebenher
verdient wurde. Am meisten stellte man den Vögeln während der Zugzeit
im Frühjahr und besonders im Herbst nach, was ja die sichersten Erfolge
versprach. Auch heute noch wird im Plauenschen Grunde gevogelstellert,
wovon ich mich selbst auf diesem oder jenem meiner oft in abgelegene
Gebiete führenden Streifzüge überzeugt habe[37]. Wundern darf uns das
nicht, wagen doch diese oder jene Vogelsteller selbst den Großen Garten
in Dresden als Feld ihrer Tätigkeit mit Leimruten und Schlagnetzen
auszuwählen. Auf der andern Seite dürfen wir nicht vergessen, daß der
Plauensche Grund das letzte gemeinsame Ende zweier Täler ist, die sich
weit nach dem Erzgebirge hinauf erstrecken, wo ja die Vogelstellerei
noch in unseren Tagen allgemein verbreitet ist. Von dort ist sie bis
in den Plauenschen Grund, der gleichsam ein Anhängsel des Erzgebirges
bildet, herabgestiegen. Wahrscheinlich haben hierbei die von auswärts
in den Plauenschen Grund eingewanderten Bergleute nicht unwesentlich
mitgewirkt.
Daß es anderseits in früheren Zeiten im Plauenschen Grunde viel
_jagdbare_ Vögel gegeben hat, geht aus der häufigen Anführung von
sogenannten _Krähenhütten_ hervor, aus denen heraus man mittels
Uhus auf größere Vogelarten, wie z. B. Krähen, Raubvögel usw. Jagd
machte. An dieser Stelle sei gleich des »_Adlers_« gedacht, der am 17.
November 1739 im Plauenschen Grunde gefangen worden ist. Das Geschehnis
ist durch folgendes Gedicht _Micranders_ der Nachwelt überliefert
worden[38]:
Micranders Poetische Gedanken auf den am 17. November 1739 im
Plauischen Grunde gefangenen Adler[39].
Da unsers Königs Hauß, wie Seine Majestät
Bey hohen Wohlergehn, im schönsten Flohre steht,
Ereignet sich etwas, so lange nicht geschehen.
Ein Vogel, den man nicht wird alle Tage sehen,
Fängt sich im Plauschen Grund an eines Fuchses statt,
Auf den der Förster dort nur aufgestellet hat;
Ein Adler nehmlich wird hier unverhofft gefangen,
Der mit dem Eisen schon viel Schritte fortgegangen.
Die Adler sind im Ruf, bey alt und neuer Zeit,
Daß Hohen Häuptern sie allzeit was guts bedeut;
Drum macht man auch jetzund daraus ein gutes Zeichen.
Und zur Erfüllung darf gar wenig Zeit verstreichen.
Denn hört man gute Post, wie man vom Adler hält,
So hat der Himmel sie hiermit voraus gemeldt;
Und wie vermuthlich ist, wird ehstens hier vernommen,
Daß in Sicilien ein Enkel angekommen[40].
Leider erfahren wir nichts über die Art, welcher der Vogel zugehört
hat. Die Tagesangabe (17. November) weist jedoch darauf hin, daß wir es
wohl mit einem Durchzügler zu tun haben, der ein Schell-, ein Schrei-,
ein Fisch- oder gar ein Seeadler gewesen sein kann.
Nach alledem aber sehen wir, daß uns weder die Vogelstellerei noch die
Jagd betreffs unsrer Kenntnis der Vogelwelt des Plauenschen Grundes
wesentlich fördert. Wollen wir mehr erfahren, so müssen wir zu dem
Büchlein »_Die Weisseritzthäler und ihre Umgebung_« greifen, dem ein
»Verzeichniß der selteneren in den Weisseritzthälern vorkommenden
Thiere und Pflanzen« beigegeben ist. Dieses umfaßt unter anderen 43
Vogelarten; darunter befinden sich mehrere, welche heute wohl nicht
mehr hier angetroffen werden. Es sind die Gabelweihe, der Uhu, die
Wald- und die Zwerg-Ohreule, die Sperber- und die Schleier-Eule, der
Raubwürger, der schwarzstirnige Würger, der Eisvogel, die Mantelkrähe,
der Wiedehopf, die Waldschnepfe (»nistet«), die Bekassine (»auf dem
Zuge«), der Auerhahn und das Birkhuhn, das Blaukehlchen und die
Nachtschwalbe. Das wären ja an sich sehr beachtenswerte Feststellungen.
Aber leider weiß ich nicht recht, wie hoch ich das Verzeichnis bewerten
darf. Als »seltenere« Vögel werden z. B. auch die Amsel, der Buchfink,
der Zaunkönig und die Blau- und die Sumpfmeise genannt.
Ähnliche Unsicherheit in der Bewertung empfinde ich auch betreffs
der Beobachtungen, welche _Johst_ (Gittersee) in den Jahren 1886
bis 1894 gemacht hat und die in den im Laufe der Jahre 1887 bis
1896 von A. B. Meyer und F. Helm herausgegebenen »_Jahresberichten
der ornithologischen Beobachtungsstationen im Königreich Sachsen_«
veröffentlicht worden sind. Das Beobachtungsgebiet von Johst umfaßt
außer der näheren Umgebung von Gittersee und Coschütz und dem
Plauenschen Grund auch den Cunnersdorfer Grund und den Poisenwald,
welche letzteren aber – wie weiter unten näher dargelegt werden wird –
hier nicht in Betracht kommen. Da nun Johst leider recht oft von dieser
und jener Vogelart nur bemerkt: »Kam vor«, ohne daß nähere Ortsangaben
gemacht werden, so sind solche Bemerkungen zu unbestimmt, als daß
sie hier, wo es sich in der Hauptsache nur ums Tal der Weißeritz
handelt, verwertet werden könnten. Dazu sind Johsts Beobachtungen wohl
nicht immer unbedingt sicher. Schließlich kommt hinzu, daß Johsts
Beobachtungen bis annähernd vierzig Jahre zurückliegen. Das ist beim
Plauenschen Grunde, der seither so manchen Wandel erlebt hat, doch
zuviel, als daß die Angaben Johsts ohne weiteres bei einer Übersicht
über die _heutige_ Vogelwelt des genannten Gebietes verwertet werden
könnten.
Aus dem Anfang unsres Jahrhunderts stammen[41] nur noch wenige
Angaben von W. Baer über das Vorkommen einzelner Arten im Plauenschen
Grunde und zwar des Waldkauzes, des dünnschnäbeligen Tannenhähers,
des Wintergoldhähnchens, des Weidenlaubsängers, der Gartengrasmücke,
der Heckenbraunelle, der Kohl- und Blaumeise, des Baumpiepers und
der Rabenkrähe, während Bäßler neuerdings die Gartenammer bei dem
Juchheberg hat feststellen können. – –
Hiernach blieb mir, um zu einem halbwegs umfassenden und sicheren
Ergebnis betreffs der _jetzigen_ Vogelwelt des Plauenschen Grundes zu
gelangen, nichts anderes übrig, als mir selbst durch _eigene Ausflüge
und Beobachtungen_ in diesem Gebiete die tatsächlichen Unterlagen zu
verschaffen, auf Grund deren ich trotz mancherlei Hemmnisse hoffe, im
Nachstehenden ein befriedigendes Bild der Vogelwelt des Plauenschen
Grundes entrollen zu können.
~B.~ Einblick.
Zunächst sei einmal die wichtige Frage beantwortet: _Wo und wie
verlaufen die Grenzen des Beobachtungsgebietes?_ – Ich habe nur das
eigentliche Weißeritztal mit seinen mehr oder weniger steilen Wänden
oder sanfter ansteigenden Lehnen und die oben unmittelbar angrenzenden
Randflächen ins Auge gefaßt und dementsprechend nach längerem Schwanken
schließlich folgende Abgrenzung meines Beobachtungsfeldes gewählt:
Bienertbrücke, Chemnitzer Platz, Coschützer Straße, Dresdner Straße,
Gittersee, Kohlenstraße, die Windbergstraße hinab nach Niederhäslich;
hier beim Rathaus auf der anderen Talseite bergan, einem schmalen
Feldweg folgend; wo dieser sich nach links wendet (kurz vor der Höhe)
dem nahezu rechtwinklig rechts abbiegenden schmalen Fußweg entlang, der
zum oberen Ende des Vorholzes führt. Ein Stück vor demselben an einem
schmalen Wiesenstreifen links abwärts durch ein kleines Bachtälchen
(die sogenannte Lehmgrube) vor zum Vorholzbach; über diesen rechts
hinauf nach Eckersdorf; unterhalb des Gasthofs einen Feldweg links
hinab zum Bahnhof Coßmannsdorf. Von der Straße nach Somsdorf am
Bergabhang rechts hin, hinter dem Gute Heilsberg hinüber zum Opitzer
Weg. Auf der Höhe nach Ober- und Unter-Weißig, Saalhausen, Zauckerode,
Ober-Pesterwitz, Dölzschen und wieder zur Bienertbrücke.
Ich glaube, daß diese Umgrenzung der Forderung nach einer auch
äußerlich zum Ausdruck kommenden Einheitlichkeit des Gebiets am ehesten
gerecht wird, was ja schon durch den ziemlich regelrechten Verlauf
der Grenze bewiesen wird. Ich habe unter diesem Gesichtspunkte den
Poisenwald weggelassen, weil sein Einbeziehen die Einheitlichkeit des
Ganzen mehr oder weniger stört. –
Im Einzelnen stoßen wir allerdings betreffs der landschaftlichen und
ökologischen Vorbedingungen für die mehr oder weniger reiche Entfaltung
des Vogellebens auf mancherlei Unterschiede. In Ermangelung des
genügenden Raums muß ich hier auf die diesbezüglichen Schilderungen
in den voranstehenden Arbeiten der Herren Gewerbeschuloberlehrer
Söhnel und R. Schumann (S. 201 usw.) verweisen. Im allgemeinen ergibt
sich starkes Vorhandensein neuer und für die Vogelwelt zwecks ihrer
Ansiedlung noch wichtigerer alter Gebäude, zahlreicher Gärtchen und
Parkanlagen, das wechselnde Vorkommen von Hecken und Feldgehölzen, von
Wiesen und Feldern, von Wald und Gebüsch, von stärker und schwächer
fließenden Gewässern, von Felswänden usw. Größere Teiche und Seen
fehlen dagegen. Dementsprechend haben wir es im Plauenschen Grunde
nur mit _Landvögeln_ zu tun, die wir – je nach ihrem Hauptaufenthalt
in _Baum-_, _Strauch-_ und _Bodenvögel_ einteilen. Ihnen schließen
sich die _Luftvögel_ an, die – wie z. B. die Mauersegler – ihr Leben
vorwiegend in der Luft fliegend hinbringen. Dazu kommt aber noch _ein_
Gesichtspunkt, nämlich gewisse _Beziehungen der Vögel_ zum _Menschen_.
Es ist bekannt, daß z. B. gerade die Luftvögel trotz ihres freien,
ungebundenen Lebens ihr Heim in Mauerlöchern oder gar innerhalb
menschlicher Behausungen aufschlagen. Andre Arten halten sich mit
Vorliebe in der unmittelbaren Nachbarschaft von Wohngebäuden, in den
anstoßenden Gärten und Gärtchen auf, während wieder andre von den
Menschen und ihrer Kultur nicht das geringste wissen wollen. Bedenken
wir überdies, daß im Winter dieser oder jener Strich- oder Wandervogel
unser Gebiet aufsucht, so dürfte die nachfolgende Gliederung unsres
Stoffs genügend begründet sein.