Abb. 13. =Der Müllerbursche auf dem Siloturm=]

Mit dem stärkeren Hervortreten der Industrie prägte sich auch im

Plauenschen Grunde jener eigentümliche Rhythmus der Entwicklung

allmählich deutlicher aus, der bezeichnend ist für die jetzigen

Industriegegenden: gewaltige Arbeitermassen, die zu bestimmten Zeiten

zur Fabrik eilen, soziale Schichtung der Bevölkerung, schlechte und

ungesunde Wohnviertel inmitten der Fabriken und ihrer rauchenden

Essen. Aus den einst so friedlichen und kleinen Bauerndörfern

wurden ausgesprochene Arbeiterwohnsitzgemeinden mit stattlichen

Einwohnerzahlen. Die Häuserzeilen der größten Grundgemeinden rückten

so nahe aneinander, daß schon deshalb deren Verschmelzung zur Stadt

Freital notwendig wurde. – Denjenigen, die sich für die Vergangenheit

und das Wachstum der einzelnen Gemeinden näher interessieren, kann

nicht warm genug der Besuch des Heimatmuseums der Stadt Freital

empfohlen werden. –

[Illustration:

(Aufnahme von Albert Wiese, Studienrat, Dresden-Leubnitz)

Abb. 14. =Handgeschmiedeter Glockenzug

im Rittergut Freital=]

Die industrielle Erschließung des Plauenschen Grundes nahm auch im

zwanzigsten Jahrhundert mit Riesenschritten ihren Fortgang. Als

richtungsgebenden Eckpfeiler der neuen Zeit setzte sich die moderne

Technik und Baukunst gleichsam ein Denkmal in dem allbekannten,

wuchtigen Siloturm der König-Friedrich-August-Mühlenwerke A.-G.,

der überall Anerkennung findet. (Abb. 13.) Nicht bodenfremd und

traditionslos hebt sich dieses gewaltige Lagerhaus über das von

den Vätern Ererbte hinweg, sondern man ist überrascht von seiner

eigenartigen Schönheit, aus der eine im Boden der Scholle wurzelnden

Heimatkunst spricht. Der wuchtige Siloturm erbringt den Beweis,

daß sich technische Gebilde sehr wohl ohne Mißklang in eine schöne

Landschaft eingliedern und einfügen lassen und deren Gesamteindruck

erheblich zu steigern vermögen.

[Illustration: Abb. 15. =Elisabethhütte=]

Die Menschheitsgeschichte lehrt zu deutlich, daß sich nur an einer

einheitlich großen Baukunst ein einheitlich großer Kulturstil zu wahrer

Höhe emporranken kann. Auch im kleinsten, unscheinbarsten Erzeugnis

muß unter Einwirkung echter Kunst das Höchste geleistet werden! (Abb.

14.) Das Verständnis für gewerbliche Wertarbeit führt uns wiederum zur

erstrebten Qualitätsarbeit und hebt uns über den grauen Alltag hinaus.

Es wäre tief bedauerlich, wenn infolge der modernen Maschinenarbeit

alter, gut handwerklicher Kern vollkommen verloren gehen sollte. Die

städtischen Körperschaften von Freital unter der Führung des Herrn

Oberbürgermeister Dr. Wedderkopf legten darum auch immer Wert darauf,

daß die rein handwerkliche Kunst, z. B. Kunstschlosserarbeiten in

Neubauten – siehe die städtische Gewerbeschule –, wieder zu Ehren

kommt. Auch Privatleute und einzelne Industriezweige bringen mehr

und mehr dem heimischen Kunstgewerbe Interesse entgegen. So scheint

in der Gegenwart an dem über hundert Jahre alten Stamm heimischen

Gewerbefleißes ein bedeutungsvolles Reis emporzublühen.

[Illustration: Abb. 16. =Das Engtal als Verkehrstor=]

Wir haben damit dem letzten Jahrzehnt schon etwas vorgegriffen.

Die Kriegsindustrie der Jahre 1914 bis 1918 hatte die Entfaltung

der wirtschaftlichen Kräfte in unserer Gegend verdoppelt und

Industrieanlagen entstehen lassen, die immer weiteren Raum einnahmen

und vor allem ein Heer von Arbeitern und Angestellten zur Siedlung

anlockten. Erstaunlich schnell vollzog sich die völlige Umstellung

auf die Friedensarbeit, nachdem die heimische Industrie während des

Krieges als ein Teil der großen sächsischen Kriegswaffenschmiede

vollkommen ihre Schuldigkeit getan hatte. Trotz der wirtschaftlichen

Wellenbewegung der Nachkriegszeit hielt sie Schritt und ließ sich nicht

entmutigen im Glauben an die eigene Kraft, ohne den eine Festigung

des Willens zum Aufstieg nicht möglich ist. So keimten, wuchsen

und erblühten neue Industrie- und Gewerbezweige auf heimatlicher

Scholle, früher vorhandene wurden weiter ausgebildet. Unmöglich ist

eine vollständige Aufzählung der Unternehmungen, die die jüngste

Vergangenheit ins Leben rief. Erwähnt seien nur noch die Elisabethhütte

(Abb. 15), die Maschinenfabriken Max & Ernst Hartmann, Fritz Enke,

Vogel & Schlegel, Grafe, Fischer & Co., Gebr. Bindler, Otto Hänsel,

Hainsberger Fahrradwerke, Saxonia-Stuhlfabrik, Rumboseifen- und

Voltolwerke, mehrere Kamerawerke und Möbelfabriken. Die Produkte der

zahlreichen Fabriken des Plauenschen Grundes sind dem Einheimischen oft

weniger bekannt als den Männern des Welthandels und der ausländischen

Industrie, obwohl, wie aus den bisherigen Darlegungen hervorgeht, viele

heimische Werke mit zu den ältesten unserer vaterländischen Industrie

gehören.

Wohl ist das Erbe, das wir von dem durch fleißige und ernste Arbeit

Geleisteten angetreten haben, überaus reich ausgefallen, wohl hat

es nie an hohen Auszeichnungen und Anerkennungen gefehlt. Doch

heute heißt es wie überall in deutschen Landen, den gefährlichen

wirtschaftlichen Vorsprung der vom Krieg unberührt gebliebenen Länder

wieder wettzumachen. Als ein Zeichen zuversichtlichen Aufschwungs sah

der Einwohner des Plauenschen Grundes den neuesten und bedeutsamsten

Erfolg einer seiner Spezial-Industrien an: Z. R. III benützte zu seiner

die ganze Welt in Spannung haltenden Amerikafahrt für seine Motore

das in den Voltolwerken, Freital-Potschappel, elektrisch veredelte

Flugmotorenöl (Abb. S. 209).

Vor uns steht als Schicksal die Arbeit.

Im Strudel des wilden Gegenwartslebens muß uns die Zeit bleiben, zu

den tiefsten Wurzeln wahrer Schaffensfreude hinabzusteigen, darüber

nachzudenken und darnach zu handeln.

»Auf daß die alte Zeit und alte Treue,

dem _Heute_ angemessen, sich erneue!«

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6 · 第 54 / 99 题