Tausendfältig sind die Reize, die unser Tal aufweist in seinem
natürlichen Aufbau, seinen von Sagen umwobenen, von Bergknappen
durchwühlten Höhen, seinen schicksalsreichen Herrensitzen und seinen
viele Jahrhunderte alten Siedlungen. Und doch stellen sie nur die eine
Hälfte des gewaltigen Eindrucks dar, der heute vom Plauenschen Grund
ausgeht. Denn was ihm in unseren Tagen das entscheidende Gepräge gibt,
gipfelt in der Tatsache, daß hier ein Revier von hoher landschaftlicher
Schönheit zugleich erfüllt ist mit unablässiger, Werte schaffender
Arbeit.
Wir treten aus Wald und Busch heraus und blicken ins Tal. Überall Leben
und Tätigkeit! Die Luft zittert vom Stampfen der Maschinen, vom Rattern
der Aufzüge, vom Pfeifen der Lokomotiven und Heulen der Fabriksirenen.
Neben den hochgetürmten Bergkulissen und Halden hebt sich ein Wald
von Schornsteinen zum Himmel. – Allein bei der Gußstahlhütte in
Freital-Döhlen zählen wir über fünfzehn Fabrikessen. (Abb. 2.) – Mit
wenigen Unterbrechungen reiht sich von Hainsberg bis Dresden-Plauen
Fabrik an Fabrik. Dazu zieht sich durch das Tal, durch enge
Felsschluchten und um die Hügel und Hänge nach allen Richtungen hin
ein ausgebautes Netz von Verkehrswegen. In seiner gesamten Ausdehnung
kennt das Gebiet kein gemächliches Ausruhen.
So strahlt von dem Namen des Plauenschen Grundes nicht mehr der
idyllische Klang eines wildromantischen Weltwinkels aus.
Was der Plauensche Grund einst war und was er heute ist, ist der
Gegensatz zweier Welten, der fast keine Brücke kennt. Aus der ehemals
so anmutig-landschaftlich reizvollen Talaue wurde eine Stätte ernster
und harter Industrie-Arbeit, und das in wenigen Jahrzehnten!
[Illustration: Abb. 2. =Das Tal der Arbeit=]
Eingebettet zwischen den weicheren Talformen und umkränzt von Busch
und Feld liegen die größten industriellen Anlagen auf Freitaler
Stadtgebiet. In der hundert Meter breiten, schluchtenreichen Talfurche
des Plauenschen Grundes lehnen sich die Fabriken hart an die Felsen
an oder nagen sich in das Felsgestein hinein. Die ersten Vorposten
der Industrie ergreifen schon Besitz von den sanften Talhängen. Oft
verstecken sich ausgedehnte Werkanlagen hinter die hohen Mietkasernen,
die seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts manches
kleine und stille Arbeiterhäuschen verdrängt haben oder es heute so
unscheinbar machen, daß das flüchtige Auge nichts mehr von ihm gewahr
wird. Wo Industrieburg und kleinfenstriges Fachwerkhäuschen, Bauerngut
und vielstöckige Mietkaserne friedlich nebeneinander stehen geblieben
sind, reden sie zu uns in ihren Kontrasten eine gewaltige Sprache von
dem Arbeitswillen, der im Plauenschen Grunde viele Tausende zu einer
Einheit bindet.
Die neue Zeit forderte ihre Rechte. Das Wachstum des Handels, die
Entwicklung der Technik, die Bevölkerungszunahme und die damit
zusammenhängende Kompliziertheit des wirtschaftlichen Lebens drängten
immer mehr zur Entfaltung und Nutzbarmachung aller wirtschaftlichen
Möglichkeiten. Infolgedessen lösten diese Faktoren die mächtigste, fast
an amerikanische Verhältnisse erinnernde Bewegung der Scholle und die
vollständige Umwälzung aller überkommenen Wirtschaftsverhältnisse aus.
Die sächsische Industrie konnte nicht die Wasserkraft der Weißeritz
brach liegen lassen oder seit Erfindung der Dampfmaschine auf den
Kohlenreichtum des Plauenschen Grundes verzichten. Von Dresden nach
Südwesten zu war der Plauensche Grund das einzige Tor, das sich der
Verkehr zunutze machen mußte. (Abb. 16.) Wegen der überaus beachtlichen
Produktionsbedingungen galt der Plauensche Grund vor hundert Jahren
den Männern der Technik und des Handels bereits als aussichtsvolles
Zukunftsgebiet, das das Emporkommen und Entstehen neuer Industrien
begünstigte. Das kleine, bodenständige Handwerk als früher einzig
hier herrschende Betriebsform war lediglich auf den heimischen
Wirtschaftsmarkt eingestellt. Die Innungen hatten sich nicht zu solcher
Macht emporgearbeitet, wie es in den alten Kulturstädten Sachsens
der Fall war. Das gewaltige Neuaufbauen auf heimatlicher Scholle
gewann besonders dadurch an Umfang und Stärke, daß sich die damaligen
wirtschaftlichen Reformen insonderheit auf die Befreiung von der
Erbuntertänigkeit und die Einführung der Gewerbefreiheit erstreckten.
Angesichts der volkswirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung einer
achtunggebietenden Industrie begünstigte außerdem der sächsische
Staat in besonderem Maße das Emporkommen der Industrie. Z. B. erhielt
Kammerrat Karl Friedrich August, Freiherr Dathe von Burgk, der 1827
den Eisenhammer – die spätere König-Friedrich-August-Hütte – kaufte,
für den erstmaligen Abstich des ersten Kokshochofen Sachsens von der
Regierung eine hohe Prämie ausgezahlt.
Aus der unter dem 3. Februar 1832 erwirkten Konzessionsurkunde geht
hervor, daß Baron von Burgk die damals erst im Entstehen begriffene
Eisenindustrie Sachsens in großzügiger Weise im Plauenschen Grunde
betreiben wollte. Die Ausführung der Pläne ließen trotz der
unverkennbaren Schwierigkeiten nicht lange auf sich warten. In der
König-Friedrich-August-Hütte, die noch heute im Volksmunde »der
Eisenhammer« heißt, erhielt der Plauensche Grund frühzeitig ein
stattliches und angesehenes Werk der sächsischen Eisenindustrie. (Abb.
3.)
[Illustration: Abb. 3. =Blick von der Grünen Hoffnung nach Osten im
Jahre 1827=]
Becker erwähnt in seinem Werke »Der Plauische Grund« bereits den
Eisenhammer und schildert seine Umgebung besonders lebhaft und
begeistert. Leider ist von den Wasserrädern, die in einem Werkgraben
angelegt waren, und den mechanischen Hebelhämmern, die 1792 das
erstemal ihre lauten Klänge im stillen Tale ertönen ließen, nichts
mehr vorhanden. Neben der sogenannten Hüttenschänke, dem ehemaligen
Wohnhaus des Erbauers des Hammers, sollten nur wenige Gebäudeteile
der alten Zeugschmiede, in der einst die Feuer prasselten und die
Blasebälge unheimlich stöhnten, das erste Jahrhundert überdauern.
Die wuchtigen und massigen Wände sind noch vom Rauch geschwärzt;
ungepflastert und nur festgestampft ist der Boden. Durch Einbau eines
hochgewölbten und quadergefügten Bogens, der ein charakteristischer
Zeuge der damaligen Bauweise geworden ist, war es in jener Zeit nur
möglich, den Werkraum so zu weiten, daß in ihm neben der Triebwelle
und den langgestielten Hebelhämmern auch reichlich Platz blieb für
die Arbeit am Schmiedefeuer und Amboß. Das schwerfällige Gebälk und
Sparrenwerk zeigt noch handgeschmiedete Zugbänder und Eisenbolzen mit
handgeschnittenem Gewinde und zwar von einer Stärke, wie wir sie im
Plauenschen Grunde nicht mehr finden. Von den Kunstgüssen, wodurch
sich die Friedrich-August-Hütte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
auszeichnete, legen noch jetzt vorhandene Modelle und zahlreiche
Ausführungen beredtes Zeugnis ab. (Abb. 4 und 5.) Darunter befinden
sich auch einige aus jenen Übergangszeiten der technischen Entwicklung,
in der man es für nötig hielt, Dampfmaschinen in Form von griechischen
Tempeln zu bauen oder gußeiserne Wendeltreppenstufen mit gotischen
Verzierungen zu versehen. Heute weiß man, daß vorbildliche Werke
der Technik sich nicht mit den Requisiten vergangener Kunstepochen
verschönern lassen.
[Illustration: