Von Gewerbeoberlehrer _Karl Söhnel_, Freital

Tausendfältig sind die Reize, die unser Tal aufweist in seinem

natürlichen Aufbau, seinen von Sagen umwobenen, von Bergknappen

durchwühlten Höhen, seinen schicksalsreichen Herrensitzen und seinen

viele Jahrhunderte alten Siedlungen. Und doch stellen sie nur die eine

Hälfte des gewaltigen Eindrucks dar, der heute vom Plauenschen Grund

ausgeht. Denn was ihm in unseren Tagen das entscheidende Gepräge gibt,

gipfelt in der Tatsache, daß hier ein Revier von hoher landschaftlicher

Schönheit zugleich erfüllt ist mit unablässiger, Werte schaffender

Arbeit.

Wir treten aus Wald und Busch heraus und blicken ins Tal. Überall Leben

und Tätigkeit! Die Luft zittert vom Stampfen der Maschinen, vom Rattern

der Aufzüge, vom Pfeifen der Lokomotiven und Heulen der Fabriksirenen.

Neben den hochgetürmten Bergkulissen und Halden hebt sich ein Wald

von Schornsteinen zum Himmel. – Allein bei der Gußstahlhütte in

Freital-Döhlen zählen wir über fünfzehn Fabrikessen. (Abb. 2.) – Mit

wenigen Unterbrechungen reiht sich von Hainsberg bis Dresden-Plauen

Fabrik an Fabrik. Dazu zieht sich durch das Tal, durch enge

Felsschluchten und um die Hügel und Hänge nach allen Richtungen hin

ein ausgebautes Netz von Verkehrswegen. In seiner gesamten Ausdehnung

kennt das Gebiet kein gemächliches Ausruhen.

So strahlt von dem Namen des Plauenschen Grundes nicht mehr der

idyllische Klang eines wildromantischen Weltwinkels aus.

Was der Plauensche Grund einst war und was er heute ist, ist der

Gegensatz zweier Welten, der fast keine Brücke kennt. Aus der ehemals

so anmutig-landschaftlich reizvollen Talaue wurde eine Stätte ernster

und harter Industrie-Arbeit, und das in wenigen Jahrzehnten!

[Illustration: Abb. 2. =Das Tal der Arbeit=]

Eingebettet zwischen den weicheren Talformen und umkränzt von Busch

und Feld liegen die größten industriellen Anlagen auf Freitaler

Stadtgebiet. In der hundert Meter breiten, schluchtenreichen Talfurche

des Plauenschen Grundes lehnen sich die Fabriken hart an die Felsen

an oder nagen sich in das Felsgestein hinein. Die ersten Vorposten

der Industrie ergreifen schon Besitz von den sanften Talhängen. Oft

verstecken sich ausgedehnte Werkanlagen hinter die hohen Mietkasernen,

die seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts manches

kleine und stille Arbeiterhäuschen verdrängt haben oder es heute so

unscheinbar machen, daß das flüchtige Auge nichts mehr von ihm gewahr

wird. Wo Industrieburg und kleinfenstriges Fachwerkhäuschen, Bauerngut

und vielstöckige Mietkaserne friedlich nebeneinander stehen geblieben

sind, reden sie zu uns in ihren Kontrasten eine gewaltige Sprache von

dem Arbeitswillen, der im Plauenschen Grunde viele Tausende zu einer

Einheit bindet.

Die neue Zeit forderte ihre Rechte. Das Wachstum des Handels, die

Entwicklung der Technik, die Bevölkerungszunahme und die damit

zusammenhängende Kompliziertheit des wirtschaftlichen Lebens drängten

immer mehr zur Entfaltung und Nutzbarmachung aller wirtschaftlichen

Möglichkeiten. Infolgedessen lösten diese Faktoren die mächtigste, fast

an amerikanische Verhältnisse erinnernde Bewegung der Scholle und die

vollständige Umwälzung aller überkommenen Wirtschaftsverhältnisse aus.

Die sächsische Industrie konnte nicht die Wasserkraft der Weißeritz

brach liegen lassen oder seit Erfindung der Dampfmaschine auf den

Kohlenreichtum des Plauenschen Grundes verzichten. Von Dresden nach

Südwesten zu war der Plauensche Grund das einzige Tor, das sich der

Verkehr zunutze machen mußte. (Abb. 16.) Wegen der überaus beachtlichen

Produktionsbedingungen galt der Plauensche Grund vor hundert Jahren

den Männern der Technik und des Handels bereits als aussichtsvolles

Zukunftsgebiet, das das Emporkommen und Entstehen neuer Industrien

begünstigte. Das kleine, bodenständige Handwerk als früher einzig

hier herrschende Betriebsform war lediglich auf den heimischen

Wirtschaftsmarkt eingestellt. Die Innungen hatten sich nicht zu solcher

Macht emporgearbeitet, wie es in den alten Kulturstädten Sachsens

der Fall war. Das gewaltige Neuaufbauen auf heimatlicher Scholle

gewann besonders dadurch an Umfang und Stärke, daß sich die damaligen

wirtschaftlichen Reformen insonderheit auf die Befreiung von der

Erbuntertänigkeit und die Einführung der Gewerbefreiheit erstreckten.

Angesichts der volkswirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung einer

achtunggebietenden Industrie begünstigte außerdem der sächsische

Staat in besonderem Maße das Emporkommen der Industrie. Z. B. erhielt

Kammerrat Karl Friedrich August, Freiherr Dathe von Burgk, der 1827

den Eisenhammer – die spätere König-Friedrich-August-Hütte – kaufte,

für den erstmaligen Abstich des ersten Kokshochofen Sachsens von der

Regierung eine hohe Prämie ausgezahlt.

Aus der unter dem 3. Februar 1832 erwirkten Konzessionsurkunde geht

hervor, daß Baron von Burgk die damals erst im Entstehen begriffene

Eisenindustrie Sachsens in großzügiger Weise im Plauenschen Grunde

betreiben wollte. Die Ausführung der Pläne ließen trotz der

unverkennbaren Schwierigkeiten nicht lange auf sich warten. In der

König-Friedrich-August-Hütte, die noch heute im Volksmunde »der

Eisenhammer« heißt, erhielt der Plauensche Grund frühzeitig ein

stattliches und angesehenes Werk der sächsischen Eisenindustrie. (Abb.

3.)

[Illustration: Abb. 3. =Blick von der Grünen Hoffnung nach Osten im

Jahre 1827=]

Becker erwähnt in seinem Werke »Der Plauische Grund« bereits den

Eisenhammer und schildert seine Umgebung besonders lebhaft und

begeistert. Leider ist von den Wasserrädern, die in einem Werkgraben

angelegt waren, und den mechanischen Hebelhämmern, die 1792 das

erstemal ihre lauten Klänge im stillen Tale ertönen ließen, nichts

mehr vorhanden. Neben der sogenannten Hüttenschänke, dem ehemaligen

Wohnhaus des Erbauers des Hammers, sollten nur wenige Gebäudeteile

der alten Zeugschmiede, in der einst die Feuer prasselten und die

Blasebälge unheimlich stöhnten, das erste Jahrhundert überdauern.

Die wuchtigen und massigen Wände sind noch vom Rauch geschwärzt;

ungepflastert und nur festgestampft ist der Boden. Durch Einbau eines

hochgewölbten und quadergefügten Bogens, der ein charakteristischer

Zeuge der damaligen Bauweise geworden ist, war es in jener Zeit nur

möglich, den Werkraum so zu weiten, daß in ihm neben der Triebwelle

und den langgestielten Hebelhämmern auch reichlich Platz blieb für

die Arbeit am Schmiedefeuer und Amboß. Das schwerfällige Gebälk und

Sparrenwerk zeigt noch handgeschmiedete Zugbänder und Eisenbolzen mit

handgeschnittenem Gewinde und zwar von einer Stärke, wie wir sie im

Plauenschen Grunde nicht mehr finden. Von den Kunstgüssen, wodurch

sich die Friedrich-August-Hütte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts

auszeichnete, legen noch jetzt vorhandene Modelle und zahlreiche

Ausführungen beredtes Zeugnis ab. (Abb. 4 und 5.) Darunter befinden

sich auch einige aus jenen Übergangszeiten der technischen Entwicklung,

in der man es für nötig hielt, Dampfmaschinen in Form von griechischen

Tempeln zu bauen oder gußeiserne Wendeltreppenstufen mit gotischen

Verzierungen zu versehen. Heute weiß man, daß vorbildliche Werke

der Technik sich nicht mit den Requisiten vergangener Kunstepochen

verschönern lassen.

[Illustration:

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6 · 第 44 / 99 题