Von ihm selbst oder einem ihm nahestehenden Manne ist auch das
anmutige Gedicht, das im Jahre 1756 die Dresdner gelehrten Anzeigen
veröffentlichten »Gedanken über eine schöne Gegend im Plauischen
Gebirge«, in dem die »Karlsburg« folgendermaßen gepriesen wird:
Du Paradies im Sachsenlande,
Du weitberühmter Plauer-Grund,
Du machst den Sinnen, dem Verstande
Die Herrlichkeit des Schöpfers kund.
Wohin ich meine Blicke richte,
In Berg und Tal, in Wald und Flur,
Im Gras, im Schatten und im Lichte,
Find ich der Weisheit hellste Spur.
Hier merk ich unter meinen Füßen
Den schlänglich krummen Weißritzfluß
Mit murmelndem Geräusche fließen;
Mich dünkt, er seufzet aus Verdruß,
Daß ihn ein Wehr im Laufe hemmet
Und in so viele Mühlen schickt
Und sein geschwächtes Wasser dämmet,
Das sonst die Last des Holzes drückt.
Der Mühlen klapperndes Getöse
Benimmt die Furcht der Hungersnot;
Der Saaten Reife, Schwer’ und Größe
Verspricht dem Landmann reichlich Brot.
Was seh’ ich dort? Lyäens Höhen;
Der Weinstock schlingt sich um den Pfahl.
Die Bäume, die daneben stehen,
Die zeigen Früchte ohne Zahl.
Was kommt denn hier für Volk gegangen?
Der Arbeitsmann kommt aus der Stadt
Und eilt, die Heimat zu erlangen,
Weil Woch’ und Fleiß ein Ende hat.
Mühseligkeit, hör’ auf zu pochen!
Mich tröstet der zufriedne Reim:
Am Samstag meiner Lebenswochen
Geh’ ich zur Ruhe freudig ein.
Schon vor dem 14. August 1742 hatte ein Sturm das Häuschen vernichtet
(31. Juli 1742), aber Nimptsch hat es 1743 durch einen teilweise
steinernen Aufbau »zur Ergötzung des Auges und Erfrischung des
Leibes« ersetzt. Wir wissen das durch eine jetzt verlorene steinerne
Inschriftentafel, deren Wortlaut uns der genannte Sammelband
»Pesterwitz« bewahrt hat. Aber auch der zweite Bau hatte keinen
Bestand. Denn eine zweite Inschrift meldet, daß auch der steinerne
Altan (~scena~) gegen Ende Dezember 1745 (nach der Kesselsdorfer
Schlacht) der Gewalttätigkeit preußischer Soldaten zum Opfer fiel,
die das Holzwerk verbrannten, die behauenen Steine aber verstümmelten
und in die Tiefe stürzten. So ließ Nimptsch 1747 als Geheimer Rat das
Bauwerk zum dritten Male errichten und »durch diese Inschrift eine
Tat, die für einen so großen Namen (Preußen) nicht löblich ist, der
späteren Nachwelt überliefern«. Im Siebenjährigen Kriege verschwand der
Altan abermals (1759). Nun ließ der unermüdliche Gutsherr wenigstens
steinerne Tische und Bänke anbringen, umkränzte den Platz mit Linden
und nannte ihn »Belvedere«. So war er beschaffen, als ihn Weingart 1781
beschrieb. Aber auch diese sind verschwunden, doch lebte die Anlage
unter dem Namen das »Canapé« (Abb. 20) im Gedächtnis der Menschen
weiter, bis endlich im Jahre 1852 ein Gutsbesitzer Beger die noch jetzt
kühn auf dem Felsen thronende »Begerburg« an Stelle der Karlsburg
erbaute.
[Illustration: Abb. 20. =Einblick in den vorderen Plauenschen Grund vom
Canapé aus= (jetzt verschwundener Standpunkt bei der Begerburg). Vom
Kupferstecher Wizani]
Auf der gegenüberliegenden, sogenannten Coschützer Talseite war
der bekannteste Vertreter der Freude an einer bedeutenden Natur
der Sohn Augusts des Starken und der schönen Gräfin Cosel, der
Reichsgraf Friedrich August von Cosel, also derselbe Mann, dem
wir die Wiederherstellung und Ergänzung des schönen Knöffelschen
Hauses hinter der Dresdner Frauenkirche, des nach ihm genannten
Coselpalais, verdanken. Er kaufte 1767 die aus dem Weißeritztal nach
Coschütz hinaufführende Schlucht, und als der hier zunächst geplante
Kupferbergbau keinen Gewinn ergab, baute er in der Mittelachse der
Schlucht das aus vielen Abbildungen bekannte Coselschlößchen mit
seinem reizvollen Vorbau unter dem gewalmten Ziegeldach (Abb. S.
105). Was der Graf Cosel hier suchte und fand, sagt uns v. Weingart
Seite 18: »Daß dabey befindliche Gebüsche, welches durch eine Menge
singender Vögel belebt wird, ist weit anmuthiger als der schönste
und gezierteste Lustgarten. Dieses läßt sich überhaupt von der
ganzen Gegend des Thals sagen, wo man selbst in den heißesten Tagen
des Augusts eine erfrischende und erquickende Luft genießt.« Aber
zu dieser hellgestimmten Daseinsfreude tritt noch etwas anderes,
was Weingart an anderer Stelle (Seite 17) berührt: das Geräusch der
Weißeritz erregt »eine melancholische Empfindung, welche in gewissen
Lagen der Seele nicht unangenehm ist. Die weiteren Spaziergänge in
diesem Thale zeigen ländliche und unschuldige Gegenstände, welche
einer die Natur liebenden Seele weit angenehmer sind, als alle durch
Kunst hervorgebrachte Sachen.« Diese Sätze beweisen uns, daß wir mit
dem Grafen Cosel und seinem Interpreten aus dem Zeitalter der reinen
Freude am ländlichen Idyll durch Rousseaus Weckruf: »~Retournons à
la nature~« hindurch ins Zeitalter der »Empfindsamkeit« eingetreten
sind. Wie den Zeitgenossen die Landschaft und die ländlichen Siedlungen
gerade des Plauenschen Grundes als ein Ausdruck dieser Stimmung gelten
konnten – ähnlich wie das von der Röder durchströmte und von Stätten
der Freundschaft und Erinnerungsstätten an große Geister der Menschheit
belebte Seifersdorfer Tal –, das ersehen wir am deutlichsten aus dem
1780 erschienenen Roman »Herrmann und Ulrike« von Johann Carl Wezel.
Eine Probe daraus muß uns genügen. Der Dichter läßt seinen Helden »an
einem heiteren sonnigten Nachmittage« zum ersten Male den Plauenschen
Grund durchwandern: »ringsum betäubte ihn das Konzert rauschender
Wasserstürze, klappernder Mühlen und des herabschießenden Flößholzes,
das in den schäumenden Strudel mit hohlem Getöse hineinstürzte,
verschwand, weit jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft
dahinschwamm … Er trat auf die zweite Brücke, und vor ihm stand ein
Amphitheater, das in der Schöpfung nur einmal wurde. Auf der linken
Seite dunkelbraune glattgeschnittne Felsenwände, schief, wie Kulissen
einer Schaubühne, hintereinander gestellt, aus dem Flusse, der sich
an ihrem Fuße in wirbelnden Wallungen bricht, zu den Wolken gerade
emporsteigend; rechts am Flusse der phantastisch geschlungene Weg mit
strauchichten rauhen Bergen, die mit den Felswänden sich zu vereinigen
scheinen, um die Szene zu schließen; in der Mitte das ausgespannte
Wasser; im Rücken und vorwärts Brausen und Getöse … er staunte, mit
melancholischem Schauer verweilte er bei dem herrlichen Anblicke, in
tiefer Empfindung verloren, und nur mit Mühe riß er sich los … izt
stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween waldichte Berge empor,
boten sich freundschaftlich die Arme und ließen unter ihnen eine breite
aufsteigende Kluft – er sah in ihr hinauf und erblickte Gebäude: bald
lehnte zur Rechten ein öder unfruchtbarer zerrissener Bergrücken mit
fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von
welchem Häuser, Leimwände (Lehmwände) und Strohdächer einzeln und in
Gruppen über die Bergkrümmungen herabschielten … längs am Wasser hin
(stunden) versilberte Weiden, in künstlichen Reihen gepflanzt, hinter
ihnen im aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der
Natur: dort lehnte am Fuß einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger
Obstbäume, in weiße blinkende Stäbe eingezäunt, dort hing eins, vom
zerrißnen Dornzaune umgeben, mitten an einem schroffichten dürren
Berge, und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein arbeitsames
Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der Natur zum Trotz,
ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel«. Doch wir
kehren nach dieser Abschweifung zum Coselschlößchen zurück. Es hat
vielfältige Schicksale erlebt und ist noch vorhanden. Aber in welchem
Zustande! Um 1900, also noch ehe der Heimatschutz seine schützende Hand
darüber halten konnte, wurde es in ein Mietshaus verwandelt, indem
das zierliche Dachgeschoß zu einer plumpen Etage ausgebaut und das
feingegliederte Dach des Vorbaus durch eine Plattform ersetzt wurde.
Immerhin erinnert das Oberzimmer dieses Vorbaus noch ein wenig an die
ehemalige Schönheit.
Der Geist Rousseaus, der jedes Sondereigen als Diebstahl an der
Menschheit bezeichnete, begnügte sich schließlich nicht damit, in
weicher Empfindsamkeit und Naturschwärmerei gegen die Verderbtheit
der Regierenden Einspruch zu erheben, er weckte vielmehr die Hyäne
der großen französischen Revolution, und diese gebar das Kaiserreich
Napoleons I. und die Versklavung des ehemaligen deutschen Reiches an
Frankreich. Aber ehe es so weit kam, entstand noch vor dem Abschluß
des achtzehnten Jahrhunderts auch in Deutschland und zwar gerade in
den östlichen, erst durch Kolonisation deutsch gewordenen Landschaften
Sachsen, Brandenburg, Schlesien ein neuer Geist, der geeignet war, den
Kampf mit den wälschen Unterdrückern aufzunehmen. Das war der Geist
der Romantik, der, nachdem das deutsche Volk so lange in weichlichen
Empfindungen und kosmopolitischen Unmöglichkeiten geschwelgt
hatte, darauf ausging, dieses Volk wieder zur Selbstbesinnung auf
seine deutsche Eigenart zurückzuführen. Gerade unter dem Druck der
französischen Fremdherrschaft begann der neue Geist zu erstarken und
sich zu betätigen in der Schaffung der neuen Naturphilosophie, eines
vertieften religiösen Lebens, eines neuen Kunstgeschmacks, einer neuen
volkstümlichen deutschen Dichtung und in dem politischen Ideal einer
großzügigen nationalen Sonderexistenz des deutschen Volkes. Männer
dieser Richtung traten auch in Dresden hervor und fanden im Plauenschen
Grunde, dessen Begriff sich jetzt noch weiter westwärts über Hainsberg
bis Tharandt erstreckte, eine Landschaft ihres Geschmacks. Damals
– 1796 und 1797 – wurde »durch öffentliche Wohltätigkeit« ein mit
Denkmälern geschmückter »Spaziergang«, damals die »Heiligen Hallen«,
die Holztempel, Strohhütten in den schönsten Waldstücken um Tharandt
fertiggestellt. Ein lebendiges Echo der Wirkung tönt uns aus den
Reisebriefen des großen Romantikers Heinrich von Kleist entgegen. Am
3. September 1800 schreibt er an seine Braut Wilhelmine von Zenge:
»Der Weg nach Tharandt geht durch den schönen plauenschen Grund. Man
fährt an der Weißeritz entlang, die dem Reisenden entgegenrauscht.
Mehr Abwechselung wird man selten in einem Thale finden. Die Schlucht
ist bald eng, bald breit, bald flach, bald felsig, bald grün, bald
ganz roh, bald auf das Fruchtbarste bebaut. So hat man das Ende der
Fahrt erreicht, ehe man es wünscht,« und am 4. September: »In der
Mitte des plauenschen Grundes krümmt sich das Thal und bildet da einen
tiefen Einschnitt. Die Weißeritz stürzt sich gegen die Wand eines
vorspringenden Felsens und will ihn gleichsam durchbohren. Aber der
Felsen ist stärker, wankt nicht und beugt ihren stürmischen Lauf.
Da hangt an dem Einschnitt des Thales, zwischen Felsen und Strom,
ein Haus, eng und einfältig gebaut, wie für einen Weisen. Der
hintere Felsen gibt dem Örtchen Sicherheit, Schatten winken ihm die
überhangenden Zweige zu, Kühlung führt ihm die Welle der Weißeritz
entgegen. Höher hinauf in das Thal ist die Aussicht schauerlich, tiefer
hinab in die Ebene von Dresden heiter. Die Weißeritz trennt die Welt
von diesem Örtchen, und nur ein schmaler Steg führt in seinen Eingang.
– Eng, sagte ich, wäre das Häuschen? Ja freilich, für Assembleen
und Redouten. Aber für zwei Menschen und die Liebe weit genug, weit
hinlänglich genug[32].«
Der hier so ganz im Idyllischen schwelgende Kleist ist derselbe, der
neun Jahre später (1809) bei der Erhebung Österreichs gegen Napoleon in
seinem glühenden Aufruf »Germania an ihre Kinder« diesen zurufen läßt:
Deutsche, meiner Kinder Reigen,
Die, mit Schmerz und Lust geküßt,
In den Schoß mir kletternd steigen,
Die mein Mutterarm umschließt,
Meines Busens Schutz und Schirmer,
Unbesiegtes Marsenblut,
Enkel der Cohortenstürmer,
Römerüberwinderbrut!
Chor:
Zu den Waffen, zu den Waffen!
Was die Hände blindlings raffen!
Mit der Keule, mit dem Stab,
Schlacht, in dein Gefild hinab!
Diese »Schlacht«, die Kleist leider nicht mehr erlebte, aber vorgeahnt
hat, ich meine die letzte Phase des in der Leipziger Schlacht
gipfelnden Freiheitskrieges, hat sich vor den Toren Dresdens angebahnt
(25. bis 27. August 1813). Ihr hat die vielgerühmte stille Schönheit
und Beschaulichkeit des Plauenschen Grundes nicht standgehalten.
Diesmal bekam er sein reichliches Teil von den Stürmen und Verwüstungen
des Krieges zu sehen und zu spüren, Stürme und Verwüstungen, die alles
Schlimme, was diese Landschaft etwa im Dreißigjährigen, Nordischen
oder Siebenjährigen Kriege erlebt hatte, gründlich in den Schatten
stellten. Seitdem am 24. August die Kolonnen der Russen, Österreicher
und Preußen von Dippoldiswalde und Freiberg her auf den grundlosen, vom
Regen erweichten Wegen auf der von Räcknitz nach Plauen zu abfallenden
Lehne und jenseits des Grundes auf dem Felsplateau von Dölzschen und
Pesterwitz sich sammelten, war in allen Dörfern des Plauenschen Grundes
des Fouragierens und der Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner kein
Ende. Aber erst am 25. August abends sieben Uhr kamen die leichten
Reiter Klenaus bis in die Mitte des Dorfes Plauen und ruhten dort von
den furchtbaren Strapazen des Anritts aus, nur durch die Dorfstraße
von den Franzosen getrennt. Am 26. August zog sich das Gefecht, da die
Franzosen Plauen geräumt hatten, mehr nach der Stadt zu, nachmittags
vier Uhr erfolgte von allen Seiten ein allgemeiner Angriff auf die
Stadt, aber nach langem unentschiedenen Ringen warf Napoleons Gegenstoß
etwa um sechs Uhr nachmittags die Verbündeten fast auf allen Punkten
des Halbkreises, in dem sie Dresden umklammert hatten, zurück. Der 27.
August verschlimmerte ihre Lage, da sich die geschlagenen Verbündeten
noch nicht hatten zum Rückzuge entschließen können. Napoleon sagte
schon am Morgen des Tages zum sächsischen General von Gersdorf: »Ich
glaube, daß die Verbündeten eine Dummheit begingen, hier zu bleiben.
Der König von Neapel läßt mir melden, daß er noch Österreicher am
Kragen hat. Das kann ihnen teuer zu stehen kommen. Der König wird ihnen
an den Steilhängen von Plauen den Hals brechen.« Und so geschah es.
Schon am Vormittag zog Murat alle verfügbare Reiterei der Franzosen
zusammen und begann mit ihr von dem Schusterhaus bei Briesnitz aus
auf verschiedenen Wegen zu dem Plateau emporzusteigen, auf dem die
Österreicher die Dörfer Dölzschen, Naußlitz, Wölfnitz, Burgstädtel,
Omsewitz, mit den Reserven auch Altfranken und Pesterwitz besetzt
hielten, und drängte die Österreicher, die wegen des strömenden Regens
nicht feuern konnten, immer mehr nach den Steilrändern des Plauenschen
Grundes zurück. Tausende wurden erschlagen, Tausende gefangen, der
Rest suchte auf steilen Pfaden oder an den Felsen hinabkletternd die
Sohle des Grundes zu erreichen, wobei viele in die Tiefe stürzten.
Gleichzeitig wurde das Dorf Plauen in Brand geschossen, und aus den
Mühlen unterhielten die österreichischen Schützen ein ununterbrochenes
Gewehrfeuer gegen die von beiden Talrändern herandrängenden
französischen Tirailleure. Noch am Nachmittage des 27. August begann
der leidensvolle Rückzug der Verbündeten auf den Straßen über Dohna und
Dippoldiswalde nach Böhmen. Das Dorf Plauen, in dem die Österreicher
die Brücke beim Wasserpalais und den Reisewitzer Garten bis zuletzt
besetzt hielten, war am 28. August früh fünf Uhr wieder in den Händen
der Franzosen. Es war menschenleer und völlig verwüstet, ebenso wie
Döhlen und Zauckerode. Allein im Reisewitzer Garten lagen gegen dreißig
Leichen. Auch nach der Schlacht dauerten die Plünderungen fort. Noch
Ende September lagen fünfhundert Mann französische Garde im Reisewitzer
Garten im Bivac und zogen jeden Morgen mit Wagen, Sensen und Beilen aus
»und raubten von Feldern und aus Scheunen, was noch zu rauben war.«
Noch nach dem endlichen Siege der Verbündeten bei Leipzig war das Elend
in Plauen so groß, daß es zu den Gemeinden gehörte, die mit englischen
Hilfsgeldern unterstützt wurden. Aber Verlust und Ersatz standen
natürlich bei dem kleinen Ausmaß der vorhandenen Mittel in einem
unnatürlichen Verhältnis. Der Dreihufengutsbesitzer Kobisch, der sechs
Pferde, siebzehn Kühe, sein Getreide, Schiff und Geschirr verloren und
zur Wiederherstellung der ruinierten Gebäude achthundertzweiundfünfzig
Taler brauchte, erhielt eine Kuh und später auf erneutes Bitten zehn
Taler. So mußte entsagensvoller Fleiß und äußerste Sparsamkeit beim
Wiederaufbau der Wirtschaft das meiste leisten. Und es war vielleicht
gut so. Denn ein Jahrzehnt später war der Plauensche Grund wieder
eine blühende und wegen ihrer Schönheit vielbesuchte und gefeierte
Landschaft. Ihre schönste dichterische Verherrlichung stammt aus
dieser Zeit und ist an die beiden Namen Wilhelm Müller, den Dichter
der »Müllerlieder« und Joseph Grassi geknüpft. Joseph Grassi, geboren
zu Wien (1757), gestorben zu Dresden (7. Januar 1838), seit 1799
Professor der Malerei an der Dresdner Akademie[33], 1816 bis 1821
Studiendirektor der Königlich Sächsischen Pensionäre in Rom, hatte vom
Oberlandbaumeister Hauptmann ein 1768 als Huthaus errichtetes, später
aber als Wohnhaus benutztes Gebäude gemietet. Das Haus lag im Schutze
eines hohen Felsens ungefähr an der Stelle, wo jetzt das Gasthaus der
Felsenkellerbrauerei steht. Es war von mäßiger Größe, hatte aber einen
sehr schönen Garten, der sich zu beiden Seiten einer Freitreppe in
Terrassen zum Wehr der Weißeritz niedersenkte. Ihm gegenüber auf der
linken Talseite lag die Königsmühle (Abb. 21). Grassi hatte im oberen
Teile der Schlucht einen Aussichtstempel erbaut, und nachdem in der
Schlucht eine Mineralquelle entdeckt worden war, auch ein Badehaus.
Aber beide Anlagen und die ganze Schönheit des Gartens waren unter den
Folgen der Dresdner Schlacht verschwunden; Grassi selbst war 1816 nach
Italien gegangen. Darnach hatte das Landhaus in dem Grafen Friedrich
von Kalckreuth einen neuen Besitzer oder Mieter gefunden, der dem
Hause und dem Garten die frühere Schönheit wiedergab. Kalckreuth aber
war durch gemeinsame Kriegserlebnisse, Wanderungen in Italien und
dichterische Arbeiten mit Wilhelm Müller eng verbunden; dieser hatte
ihm »zum Denkmal der glücklichen Begegnung in Rom« den ersten Band des
Werkes »Rom, Römer und Römerinnen« gewidmet. Als dann Müller in Dessau
als Gymnasiallehrer sich einen eigenen Herd gegründet hatte, folgte er
dreimal dem Rufe des Freundes zum Besuche in Dresden, wo er, wie auch
Kalckreuth, zu Ludwig Tieck, Karl Maria von Weber, dem Intendanten von
Könneritz, der Dichterin Wilhelmine von Chezzy u. a. in genußreiche
Verbindung trat. Den längsten Aufenthalt aber, vom 29. Mai bis 13.
Juli 1824, verbrachte er in Kalckreuths Villa Grassi, und dieser
Aufenthalt begeisterte ihn so, daß er uns als echter Dichter in seinem
»Frühlingskranz aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden« nicht nur ein
getreues Bild seiner selbst, sondern auch die anmutigste Schilderung
des Plauenschen Grundes, wie er einst war, hinterlassen hat.
[Illustration: Abb. 21. =~Vue de la maison de Mr. le Prof. Jo. Grassi
dans la vallée de Plauen près de Dresde.~= (C. G. Hammer 1827)]
Die graziösen Schlußverse »Xenion« widmet seine Muse dem Gastfreunde:
In dem grünen Felsenthale
Hinter dem Forellenbach,
Saß sie jüngst an deinem Mahle
Unter deinem treuen Dach.
Und der Frühling streute nieder
Seine Gaben in das Gras;
Meine Muse suchte Lieder,
Wenn sie Maienblumen las.
Sieh, der Kranz, den sie gewunden
Von den liebsten, die sie fand,
Dankbar ist er angebunden
An des Wirtes Giebelwand.
Alles andere aber in dem Liederkranze ist ein hohes Lied auf die
»Frühlingsschönheit« des Tales, jedes einzelne aus einem kleinen
Erlebnis geschöpft und eben deshalb von einem Echo in der menschlichen
Brust, das nie ersterben wird.
Er tritt bei sinkender Nacht ins Zimmer. Es ist lange nicht bewohnt
gewesen. Er öffnet die Fenster. Da entströmt seiner Seele das Lied:
Die Fenster auf! die Herzen auf!
Geschwinde, geschwinde!
Zum Angriff schlägt die Nachtigall,
Und horch’, und horch’, ein Widerhall,
Ein Widerhall aus meiner Brust!
Herein, herein du Frühlingslust,
Geschwinde, geschwinde!
Am Morgen wandelt er im Garten zur Laube, noch liegen einige dürre
Blätter auf der Bank. Da singt er:
Nun feget aus den alten Staub
Und macht die Laube blank,
Laßt ja kein schwarzes Winterlaub
Mir liegen auf der Bank!
Die erste weiße Blüte flog
Mir heut ins Angesicht.
Willkommen, Lenz! Ich lebe noch
Und weiß von Leide nicht,
Und schaue hell wie du hinein
In Gottes schöne Welt,
Und möcht ein kleiner Bube sein
Und kollern durch das Feld.
Und nach einer Gewitternacht, die die rotschimmernde Apfelblüte
aufschloß:
O Wunder, wer hat das vollbracht?
Der Knospen spröde Hülle,
Wer brach sie auf in einer Nacht
Zu solcher Liebesfülle?
O still, o still, und merket doch
Der Blüten scheues Bangen;
Ein roter Schauer zittert noch
Um ihre frischen Wangen.
O still, und fragt den Bräutigam,
Den Lenz, den kühnen Freier,
Der diese Nacht zur Erde kam,
Nach ihrer Hochzeitsfeier!
Am 31. Mai schreibt er an seine Frau: »Du kennst die reizende Villa, in
der ich wohne. Jeder, der auf der Landstraße nach Tharandt vorübergeht
oder fährt, schauet, wenn er kein Klotz ist, herüber und denkt: ›Wer
da wohnen könnte!‹ Und ich wohne da. – Meine Stube liegt an der
Felsenseite im zweiten Stock, auf der einen Seite lehnt sich das Haus
aber an den Berg, so daß ein Fenster meiner Stube eine Glastüre ist,
aus der man gleich auf die schöne Felsenterrasse tritt, auf der wir
frühstücken. Auf den Bergen rechts und links bin ich schon gestern und
heute viel herumgeklettert, und es ist mir ein großer Genuß, mir selbst
die schönsten Punkte auszusuchen. Könnt’ ich dich nur auf einen Moment
hierher versetzen; wie die Zweige an meine Fenster schlagen und die
Weißeritz in beständigem Rauschen über die Steine und die Mühlendämme
läuft und die Vögel draußen und drinnen, denn auch meine Stube
hängt voll Vögel in Käfigen.« Aus dieser Stimmung ist das herrliche
Morgenlied entsprossen:
Wer schlägt so rasch an die Fenster mir
Mit schwanken grünen Zweigen?
Der junge Morgenwind ist hier
Und will sich lustig zeigen.
Wenn er zur Weißeritz niederstieg, die den Rand des Gartens säumte,
konnte ihm die Forelle nicht entgehen, die dort um die glatten Steine
spielte:
In der hellen Felsenwelle
Schwimmt die muntere Forelle,
Und in wildem Übermut
Guckt sie aus der kühlen Flut,
Sucht, gelockt von lichten Scheinen,
Nach den weißen Kieselsteinen,
Die das seichte Bächlein kaum
Überspritzt mit Staub und Schaum.
Alle die lieblichen und erfrischenden Eindrücke, die Müllers
dichterische Seele aus seiner idyllischen Umgebung sog, flossen in ihm
zu einer einzigen starken Empfindungswelle des Dankes gegen Gott und
der Ehrfurcht vor der Natur zusammen, als das liebliche Pfingsten in
die Täler des Grundes niederstieg:
O heilige Frühlingswonne,
Du sinkest nieder
Strahlend und flimmernd
In himmlischen Schauern
Auf alle Berge,
In alle Thäler,
In jede Menschenbrust!
Ja, du bist es,
Geist Gottes,
Du gießest dich aus
Über die Welt!
Soll ich auf die sonnige Höhe steigen
Und beten?
Soll ich in dem dunkeln Thale liegen
Und sinnen?
O tritt sanft, mein Fuß,
Daß du den Wurm nicht tretest,
Der unter dir
Sich freuet des sonnigen Lebens!
Und du, hochschlagende Brust,
Halt’ an den Atem,
Daß du die Mücke
Nicht in dich ziehest,
Die sich wieget im Strahle
Vor deinem Munde!
Um dieselbe Zeit übten die Schönheiten des unteren Weißeritztales eine
sehr starke Anziehungskraft auf die Dresdner Landschaftsmaler aus: zu
seinen Stimmungslandschaften hat sich Kaspar David Friedrich, zu ihren
großen Kupferstichen haben sich Wizani, Johann Gottfried Jentzsch, Carl
Gottfried Hammer und andere, zu ihren Radierungen und Zeichnungen Carl
August Richter und sein Sohn Ludwig Richter vielfach die Stoffe aus dem
Plauenschen Grunde geholt.
Achtzehn Jahre später, im Jahre 1842, trat die Weiterentwicklung des
Plauenschen Grundes in die schon länger vorbereitete Krisis ein, die
darüber entscheiden mußte, ob er seine natürliche Schönheit behaupten
oder in ein dienendes Glied der mächtig aufblühenden Industrie
verwandelt werden sollte. Zwei Schriften, beide in demselben Jahre
1842 erschienen, zeigen klar und deutlich, daß unser Talgrund an
einer Scheidelinie angekommen war. Die Schrift von Julius Petzoldt,
dem Bibliothekar des Königs Johann, »Der Plauensche Grund« zollt
den Bodenschätzen des Tales, namentlich der Steinkohle und den
Bruchsteinen, aber auch den ersten ansehnlichen industriellen
Anlagen, wie der Freiherrlich von Burgkschen Eisengießerei und
der König-Friedrich-August-Hütte, der Friedrichshütte (Glas), der
Reichardschen Fabrik pharmazeutischer und technisch-chemischer
Präparate und anderen industriellen Werken volle Beachtung, aber im
ganzen steht doch die schöne Natur des Grundes und seine Geschichte
durchaus im Vordergrunde der Teilnahme. Dagegen atmet man in dem
»Spaziergang durch den Plauenschen Grund«, einer Vorlesung, die
Gottfried Reichard am Stiftungsfeste des Dresdner Gewerb-Vereines (19.
Februar 1842) gehalten hat, eine ganz andere, durchaus neuzeitliche
Luft, in der die großen technischen Aufgaben der Zukunft schon mehr
oder weniger fest umrissen vor unser geistiges Auge treten. Hören wir
zur Probe nur einige Sätze: »Aus der Steinkohle, diesem finsterem
Grabe früher blühenden Lebens, keimte der Wohlstand der Jetztwelt.
Wir wissen, jenes Grab zu sprengen, und rüstig, vielleicht nur gar
zu rüstig, beuten wir es aus. So will es der Geist der Zeit, der
unablässig mahnt: »Heraus mit dem Todten, auf daß es das Leben
gewinne!« … Wodurch ist aber die bergmännische Thätigkeit so feurig
ermuntert und entwickelt? Theils durch die Einsicht und Anerkennung
des Guten, theils und besonders durch das Gebot der Nothwendigkeit
schwanden die Vorurtheile gegen Verwendung der Kohle als häuslichen
Feuerungsmateriales dahin. Die in- und ausländische Industrie hat
ungeheuere, von Jahr zu Jahr vergrößerte Kohlenmassen in Anspruch
genommen, und da dem Kohlenbaue doch nicht gar zu schnell die
nöthige Ausdehnung gegeben werden konnte, so trat nicht gerade eine
Zeit des Mangels, doch aber ein Gesuchtsein der Kohle ein. Nichts
konnte geeigneter sein, zu lebhafter Konkurrenz anzuspornen. Die
Bauberechtigten betraten den industriellen Kampfplatz, und die
Ergebnisse liegen vor.« Das Programm des Professors Reichard hat im
Laufe des letzten Jahrhunderts einen vollen Sieg erfochten. Das Opfer,
durch das dieser Sieg erkauft wurde, war die Zerstörung eines großen
Teils der Schönheit der herrlichen Landschaft. Mit Wehmut sieht der
Heimatfreund, wie sich an vielen Stellen das reinliche, stille und
harmonische Nebeneinander von Wasser und Wiese, von Wald und Feld, von
felsigen Hängen und lauschigen Gründen, von Blumenflor und wogendem
Ährenfeld, von Vogelruf und Menschenstimme in ein rastloses, staub-
und rußerfülltes, von zeternden Geräuschen gefoltertes Durcheinander
von eng gepreßten Wohnhäusern und Fabriken, rauchenden Schloten und
häßlichen Schachtanlagen, dürren Halden und nagenden Steinbrüchen
verwandelt hat. Aber der Heimatfreund weiß ebensogut wie die anderen,
daß der vermehrte Abbau der Kohle und ihre Umwandlung in industrielle
Energien eine Notwendigkeit ist, gegen die niemand Einspruch erheben
kann. Aber deswegen legt er nicht die Hände in den Schoß, sondern
sucht zu retten, was noch zu retten ist. Und glücklicherweise ist
ja, zumal an den Rändern unseres Gebietes, aber auch mitten in dem
Getriebe der neuzeitlichen Industriestadt Freital manches Schöne
erhalten geblieben, das nur die vorsichtig bessernde und pflegende
Hand verlangt, um wieder als ein Ganzes zu wirken, als ein Vermächtnis
aus schöner, alter Zeit. Wer in der Mitte des vom Dölzschener Gasthof
zur Begerburg herabführenden Weges an der niedrigen Steinmauer stehen
bleibt, der genießt auch heute noch ein Bild, das des Anschauens und
Bewunderns würdig ist. Hinter ihm liegt das altväterische Dorf, vor ihm
in schwindelnder Tiefe schlängelt sich der Fluß durch die Felsengasse,
von links drüben starrt die gewaltige Plattform der Coschützer
Heidenschanze herüber und zur Rechten erheben sich aus der Tiefe in
malerischen Sprüngen glatte oder grünübersponnene Felsterrassen, aus
der Mitte des Tals aber strebt der Silo der Braunschen Mühle wie ein
starker Bergfried empor und bringt in das ganze Bild einen Zug, der an
die Umgebung von Rothenburg ob der Tauber erinnert.
[Illustration: Abb. 22. =Gartentor aus dem sechzehnten Jahrhundert in
Coschütz=]
Das Wichtigste bleibt, daß alle Bewohner des Plauenschen Grundes durch
Wort und Schrift einen Begriff davon erhalten, welche Schönheitswerte
einst ihre Wohn- und Arbeitsstätten besaßen und zum Teil noch
besitzen. Denn erst, wenn das alle wissen, können alle von dem
Wunsche beseelt werden, uns bei unseren Rettungsarbeiten zu helfen.
Da gilt es z. B. den halbverfallenen »Schluchtweg« oberhalb der Villa
Cosel, den vom Schluchtweg abzweigenden Pfad zur »Heidenschanze« und
vor allem den »wunderbaren Schlehenweg« von der Heidenschanze nach
Potschappel wieder herzustellen. Dann muß dafür gesorgt werden, daß
das uralte Dorf Coschütz (Abb. 22), das uns noch heute in seiner
Anlage das ganze Wesen der Kolonisationszeit offenbart, samt dem
alten, an einem Gehöft eingemauerten Grabstein (?) des gelehrten
Bauern Johann Georg Palitzsch,ferner das für die Kulturgeschichte
unentbehrliche Kleinod der »Roten Mühle« (S. 155 f.) mit jedem Balken
und Brettstück der inneren Einrichtung, ebenso jedes alte Steinbild
und jede alte Inschrift, wie z. B. die an der Hofmühle und an der
König-Friedrich-August-Mühle, das Weinbergshaus am Berghange über
Döhlen (Abb. 23), die ritterlichen Grabsteine in der Halle neben
der Döhlener Kirche, der reizvolle Rundtempel über dem Grabe des
Alexander Christoph von Schönberg, das alte Pfarrhaus in Döhlen mit
seiner stimmungsvollen Umgebung, die Reste des Coselschlößchens, die
alte Pulvermühle neben dem Getreidesilo der Braunschen Mühle und
manches andere sorgfältigst geschont und erhalten werden. Die rührige
und einsichtige Verwaltung der Stadt Freital, die ihre innerliche
Teilnahme an der Vergangenheit des Plauenschen Grundes schon bei der
Ausstattung des Stadtbuches »Freital« und bei der Schaffung und dem
Ausbau des Heimatmuseums bewiesen hat, wird gewiß dabei behilflich
sein, ein mit Sachverständigen vereinbartes Verzeichnis der zu
schonenden und zu erhaltenden alten Kulturgüter aufzustellen. Kirche
und Schule werden dabei behilflich sein, denn ein solches Rettungswerk
liegt durchaus innerhalb des Kreises ihrer Aufgaben. In diesem
Zusammenhange möchte ich noch einmal die Gestalt Wilhelm Müllers,
des Dichters des Plauenschen Grundes, vor die Augen aller derer
stellen, die es angeht. Das sind aber alle Einwohner des Tales. Alle
müssen diesen einzigartigen »Frühlingskranz« von Liedern, der ihre
Geburts- und Wohnstätte in ihren wesentlichen Zügen so anschaulich
und herzbewegend schildert, in Händen halten und müssen ihn tief
und immer tiefer in ihrem Gemütsleben Wurzel fassen lassen. Deshalb
schließe ich meine Darlegungen mit dem herzlichen Wunsche: es möge ein
großzügig und edeldenkender Mitbürger des Plauenschen Grundes oder eine
Genossenschaft von solchen die Mittel stiften, diesen »Frühlingskranz«
in einer würdigen und haltbaren Ausstattung in mehreren Tausenden
von Stücken herzustellen, so daß jeder Sohn und jede Tochter des
Plauenschen Grundes bei der Schulentlassung dieses Schönheitsbuch der
Heimat kostenlos als Mitgabe für den Lebensweg in die Hand bekommt.
[Illustration: Abb. 23. =Altes Winzerhaus in Döhlen, dahinter der
ehemalige Weinberg=]
Fußnoten:
[30] Vgl. hierüber und überhaupt über die Beziehungen zwischen
den Deutschen und den Sorben-Wenden in unserer Landschaft
von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart mein Buch »_Die
Wenden_« (Dresden, 1926, Verlag der Buchdruckerei der
Baensch-Stiftung).
[31] S. mein Buch »Die Wenden«, S. 27.
[32] Die Ortsbeschreibung Kleists macht es wahrscheinlich,
daß das von ihm gemeinte »eng und einfältig« gebaute Haus
die sogenannte _Villa Grassi_ war, s. S. 170. Aus dieser
Übereinstimmung hat sich hie und da in Plauen die Legende
gebildet, Kleist sei Grassis Gast in der Villa gewesen.
Doch habe ich dafür in der literarischen Überlieferung auch
nicht die leiseste Andeutung finden können. – Um die Zeit,
in der Kleist vom Plauenschen Grunde schwärmte, erhielt
dieser einen neuen Anziehungspunkt in dem Einkehrhause
»Zum Steiger«, das südlich von Potschappel auf dem linken
Weißeritzufer an einer waldigen Anhöhe gelegen ist. Der
Obersteiger Halm hatte das Grundstück im Jahre 1801 von
Karl Albrecht von Nimptsch auf Pesterwitz und Roßthal
gekauft und darauf einen vielbesuchten Erholungsort
eingerichtet, dessen Gäste namentlich gern zu dem 1794
vom Herrn von Nimptsch erbauten »Juchhehschlößchen« auf
der aussichtsreichen »Jochhöhe« emporstiegen. Am 9. Mai
1849 kam _Richard Wagner_, wegen seiner Teilnahme an
der Revolution vor den in Dresden eingerückten Preußen
flüchtend, in das Gasthaus »Zum Steiger« und wurde vor den
Verfolgern durch den dreizehnjährigen Sohn der Wirtin auf
Waldwegen über Kesselsdorf nach Freiberg gerettet.
[33] Grassi war um 1806 besonders als Porträtmaler gefeiert.
In einem Briefe des Geheimen Finanzrats Hans Georg von
Carlowitz an seinen Bruder Carl Adolf von Carlowitz vom
16. März 1806 wird die damalige Dresdner Kunstausstellung
gerühmt und dabei wird Grassi neben Anton Graff gestellt:
»Über Dir hängt der alte Graff, von sich selbst gemahlt. Er
sieht aus, wie ein alter Gewürzkrämer … und der Cammerherr
Lubinintzky, letzterer von Grassi. ~D.~ Gall von Grassi ist
ein herrliches Blatt und – Schiller von Tischbein!« Auch
das Bild der Gräfin Kielmannsegg in der Sammlung des Grafen
zu Lynar-Lübeck ist von Grassi. Die Dresdner Gemäldegalerie
besitzt von ihm zwei Apostelbilder.
[Illustration: Abb. 1. =Blick vom Windberg auf Freital und seine Höhen=]